Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Albert Giraud (1860-1929)

(In der Übersetzung von Otto Hauser)



Rondelle

I.
Enthauptung

Der Mond, ein Säbel scharf und blank
Auf einem dunklen Seidenkissen,
Krümmt sich in stolzen Finsternissen
Des Himmels, so grotesk und krank.

Ein Pierrot, sehr lang und schlank,
Bestarrt, den Mund weit aufgerissen,
Den Mond, den Säbel scharf und blank
Auf einem dunklen Seidenkissen.

Er stürzt aufs Knie, sein Frohmut sank,
Ihm ist, im schwarzen Ungewissen
Gemartert von Gewissensbissen,
Als köpfe ihn - der letzte Schwank! -
Der Mond, ein Säbel scharf und blank.


II.
Heiliges Weiß

O weiße Lilien, weiße Schwäne,
O weißer Mondschein, weißer Schnee!
Insignien waret ihr seit je
Des Pierrot im Licht der Scene.

Und manches Lächeln, manche Thräne
Weihte er euch in Lust und Weh,
O weiße Lilien, weiße Schwäne,
O weißer Mondschein, weißer Schnee!

Schwächliche Herzen, niedre Pläne
Widern mich an, wenn ich euch seh,
So daß ich, nun ich euch versteh,
Weiße Triumphe nur ersehne,
O weiße Lilien, weiße Schwäne!


III.
Pierrots Heimkehr

Das Ruder ist ein Mondenstrahl,
Das Boot die weiße Wasserrose;
So fährt aus seiner Welt Getose
Der Bergamask ins Heimatthal.

Die blasse Flut, gekräuselt lose,
Singt feuchte Lieder ohne Zahl.
Das Ruder ist ein Mondenstrahl,
Das Boot die weiße Wasserrose.

Da reckt sich auf aus seiner Qual
Voll Stolz der weiße Fürst der Pose;
Der Horizont, erst grün wie Moose,
Erglüht wie Punsch mit einemmal,
Das Ruder ist ein Mondenstrahl.
(S. 75-77)
_____



Ihre Augen

O grüne Augen ihr, vergleichbar Frühlingswogen,
Wie sie, vom Wind gestreift, in Lächeln wohl erblühn,
Als wie von Fahnen seh' ich wechselnd euch durchzogen
Von Träumen, - neues Gold und Morgenrot im Grün.

Doch manchmal wieder seh' ich euer hell Gefunkel
Von der Erkenntnis ganz mit Einsamkeit erfüllt
Und Schmerzen schrecken mich aus ihrem weiten Dunkel,
Koheletschmerzen, groß, in starre Nacht gehüllt.

O leuchtendlichter Lenz! O Winter trüb und schaurig!
Mit Qual, die stetig wächst! Ihr Augen froh und traurig!
O nie vergess' ich euch in Liebe und in Pein.

O Blick, so jung zugleich und alt, voll Jugendfeuer
Und Altersgram zugleich! O Augen, mir so teuer!
Und o des Leides, jung zugleich und alt zu sein!
(S. 81)
_____

übersetzt von Otto Hauser (1876-1944)

Aus: Die belgische Lyrik von 1880-1900
Eine Studie und Übersetzungen von Otto Hauser
Verlegt bei Baumert & Ronge in Großenhain 1902



 

 


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