Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Luis de Gongora y Argote (1561-1627)

(In der Übersetzung von Friedrich Wilhelm Hoffmann,
Emanuel Geibel und Johann Gottfried Herder)



Sonett

Den süssen Mund, Dir winkend, Dich zu laben
Am Thau, erzeuget zwischen Perlenschnüren,
Und nicht nach jenem Nectarsaft zu gieren,
Dem Zeus credenzet vom Jdäerknaben:

Flieh ihn, Du Liebender, wenn Leben haben
Du willst! Denn wo die Lippen sich berühren,
Der Schlange gleich, in Blumen nicht zu spüren,
Da lauert Amor mit den gift'gen Gaben.

Lass ja Dich täuschen von den Rosen nimmer,
Die, thaubeglänzt und duftig, wie Dich dünket,
Aurora's Purpurschoosse sind entfallen!

Nicht Rosen - Tantal's Aepfel sind es, immer
Den fliehend, welchem eben sie gewinket,
Und Amor's Gift nur bleibt zurück von allen.

Übersetzt von Friedrich Wilhelm Hoffmann (1785-1869)

Aus: Blüthen spanischer Poesie
Metrisch übertragen von Friedrich Wilhelm Hoffmann
Dritte, stark vermehrte Auflage
Magdeburg und Leipzig
Verlag der Gebrüder Baensch 1857 (S. 377)
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Sonett

Das Schiff, verletzt vom rauhen Felsgesteine,
Berührt nicht reuiger den sichern Strand,
Nicht schwirret aus dem Netz, das aufgespannt,
Der Vogel ängstlicher zum dichten Haine:

Die schöne Nymphe zieht hinweg das kleine
Bedrohte Füsschen, schreckenübermannt,
Nicht rascher von der Au, sobald erkannt
Im hohen Grase sie der Nattern eine:

Als, Amor! vor der Zorneslaune Toben,
Dem schönen Angesicht, den blonden Haaren
Der Feindinn, die vergebens ich erhoben,

Ich, fliehend, mich dem leichten Fuss vertraue.
Leb, Spröde, wohl! und wohl mögt ihr auch fahren
Du rauher Felsstein, Goldnetz, Blütenaue!

Übersetzt von Friedrich Wilhelm Hoffmann (1785-1869)

Aus: Blüthen spanischer Poesie
Metrisch übertragen von Friedrich Wilhelm Hoffmann
Dritte, stark vermehrte Auflage
Magdeburg und Leipzig
Verlag der Gebrüder Baensch 1857 (S. 378)
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Sonett

Aurora'n kam, der Schönen, nachgegangen
Der goldne Phöbus aus des Ostens Thoren;
Bekränzt war ihre Rosenstirn von Flore'n,
Und um die seine Glutenstrahlen prangen.

In blauer Luft, auf grüner Aue sangen
Die zarten Vöglein, als der Tag geboren,
Wie Lust sie eingab oder Gram erkoren,
In frohen Tönen hier und dort in bangen.

Doch als dahergeschritten Leonora,
Die Steinen Seele, Körper gäbe Winden,
Und ihrer Zauberstimme Klang erwachte:

Hört' ich nicht Vogel mehr, sah nicht Aurora;
Entweder, weil ihr Annahn Alles schwinden,
Oder mich taub und blind - was sichrer - machte.

Übersetzt von Friedrich Wilhelm Hoffmann (1785-1869)

Aus: Blüthen spanischer Poesie
Metrisch übertragen von Friedrich Wilhelm Hoffmann
Dritte, stark vermehrte Auflage
Magdeburg und Leipzig
Verlag der Gebrüder Baensch 1857 (S. 379)
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Ode

Das Reh, das bange, kleine,
Vernimmt es, wie der rauhe
Nordwind mit wildem Ungestüme heulet
Im grünbelaubten Haine;
Oder wie durch die Aue
Das Bächlein rauscht, - in solcher Hast enteilet,
Als biete Kampf dem Winde
Sein Füsschen, leicht gebauet:
So flieht, wenn sie mich schauet,
Auch meine Nymphe vor mir so geschwinde,
Dass in den Lüften wallet
Ihr Goldhaar und mein Rufen leer verhallet.

Der Zephyr ringelt leise
Von Jenes üpp'ger Fülle
Auf ihrer weissen Schulter tausend Löckchen;
Und gab er solcherweise
Ihr eine reiche Hülle,
Beginnet er zu tändeln mit dem Röckchen,
Es schelmisch aufzustreifen,
Und zeigt, doch immer züchtig,
Den weissen Schnee mir flüchtig
Dort oberhalb des Goldcothurnes Schleifen.
Und so, bei solchen Leiden,
Müht sich der Fuss, darf sich das Auge weiden.

Blind, in der Unruh Drange,
Gewahrend, wie durcheile
Sie rascher noch die Au auf leichten Füssen,
Als von des Bogens Strange
Vermöchte seine Pfeile
Des wilden Parthers kräf'ge Hand zu schiessen;
Wie sie im Vortheil stehe,
Weil neue Kraft sie findet,
Indess die meine schwindet:
Vom Fuss ich an die Zung' um Hilfe gehe,
Und laut ruf ich: entfliehe,
O Nymphe, nicht, weil ich Dir nach nicht ziehe!

Den Schritt, o Chloris, kürze!
Du siehst, der strahlenreiche
Apollo sinkt nach heissem Lauf jetzt nieder.
Nicht selbst in Leid Dich stürze!
Das sitt'ge Roth, es weiche
Ein wenig von der hellen Stirne wieder!
Wohl darf ich, wie ich meine,
Dich spröd' und flüchtig nennen;
Im Sand, beim hast'gen Rennen,
Liess ja Dein schöner Fuss der Spuren keine,
Wie Dir im harten Herzen
Auch keine blieb von meinen grossen Schmerzen.

Beispiele könnt' in Menge
(Wenn Sagen ist zu trauen)
Ich klar vor Augen Dir von Nymphen legen,
Von denen rauher Strenge
Als Zeugen noch zu schauen
Stein' im Gebirg' und Bäum' in Waldgehegen.
Doch warnend will ich nennen
Dir Fliehenden nur Jene
Von mindrer Härt' und Schöne,
Die der amphryser Hirt* - Du wirst ihn kennen? -
In trägerm Lauf als leichte
Flussnymphe jagt' und sie als Stamm erreichte.

* D. i. Apollo, der, aus dem Olymp verbannt,
dem thessalischen Könige Admetus neun Jahre lang
am Flusse Amphrysus die Heerden hütete.
Die von ihm verfolgte Nymphe war Daphne,
Tochter des Flussgottes Peneus.
(S. Ovid's Metamorphosen, Lib. I., v. 452-567)

Übersetzt von Friedrich Wilhelm Hoffmann (1785-1869)


Aus: Blüthen spanischer Poesie
Metrisch übertragen von Friedrich Wilhelm Hoffmann
Dritte, stark vermehrte Auflage
Magdeburg und Leipzig
Verlag der Gebrüder Baensch 1857 (S. 380-382)
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Es weinte das Mädchen,
Gerecht war ihr Schmerz,
Weil treulos der Liebste
Gegangen von ihr.
So jung schon verließ er
Das liebliche Kind,
Daß kaum sie mehr wußte,
Wie lang er schon fort.
In Thränen um ihres
Geliebten Verrath,
So ließ sie die Sonne,
So fand sie der Mond;
Und Kummer auf Kummer
Erfüllt ihr die Brust,
Gedank' auf Gedanke,
Und Leiden auf Leid.

O weine nur, Herz,
Gerecht ist dein Schmerz.
Wohl sprach dann die Mutter:
"Um Gott, du mein Kind,
Brich ab mit den Klagen,
Sonst bricht mir das Herz."
Doch gab sie zur Antwort:
"O nimmer! O nie!
So viel sind der Leiden,
Der Augen nur zwei,
Die sollen nun, Mutter,
Genügen der Pein,
Die sollen nun weinen
Der Thränen so viel,
So viel, als aus ihnen
In schönerer Zeit
Entzündende Pfeile
Die Liebe verschoß.

O weine nur, Herz,
Gerecht ist dein Schmerz.
Auch sing' ich nicht, Mutter,
Und scheint es dir so,
Sind Thränen und Sehnen
Mein ganzer Gesang;
Denn als er davon zog
Mit all' seinem Raub,
Da ließ er mir Schweigen,
Nur Schweigen zurück,
Und mit sich entführt er
Die Stimme des Lieds."
O weine nur, Herz,
Gerecht ist dein Schmerz.

Übersetzt von Emanuel Geibel (1815-1884)

Aus: Die spanische National-Literatur in ihrer geschichtlichen Entwickelung
Nebst den Lebens- und Charakterbildern ihrer classischen Schriftsteller
und ausgewählten Proben aus den Werken derselben in deutscher Übertragung
Herausgegeben von H. [Hedwig] Dohm
Berlin 1867 Verlag von Gustav Hempel (S. 391)
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Der klagende Fischer

Auf einem hohen Felsen,
Der trotz den wilden Wellen,
Dasteht Tag und Nächte
Und seine Seiten darbeut;

Da saß ein armer Fischer,
Sein Netz lag auf dem Sande;
Ihn hatte Glück und Freude
Mit seiner Braut verlassen -
O wie er traurig klagte!

Daß unter ihm die Wellen,
Und hinter ihm die Felsen,
Und rings um ihn die Winde
In seine Lieder ächzten:

"Wie lange, süße Feindin,
Wie lange willst du fliehen?
Willst härter als der Fels sein,
Und leichter als die Winde!" -
O wie er traurig klagte!

"Ein Jahr ist's, Undankbare,
Seit du dies Ufer flohest,
Das, seit du flohest, wild ist,
Und stürmt wie meine Seele!

Mein Netz entsinkt den Händen,
Wie mir das Leben hinsinkt,
Mein Herz zerbricht am Felsen,
Wie diese Welle spaltet."
O wie er traurig klagte!

"Der über Land und Wogen
Den schnellsten Raub ereilet,
Und jeden Flüchtling haschet,
O Liebe, leichter Vogel!

Was helfen dir die Flügel?
Was helfen dir die Pfeile?
Wenn die dir immer fliehet,
Die mir mein Alles raubet!"
O wie er traurig klagte!

Daß unter ihm die Wellen,
Und hinter ihm die Felsen,
Und rings um ihn die Winde
In seine Lieder ächzten.

Übersetzt von Johann Gottfried Herder (1744-1803)

Aus: Die spanische National-Literatur in ihrer geschichtlichen Entwickelung
Nebst den Lebens- und Charakterbildern ihrer classischen Schriftsteller
und ausgewählten Proben aus den Werken derselben in deutscher Übertragung
Herausgegeben von H. [Hedwig] Dohm
Berlin 1867 Verlag von Gustav Hempel (S. 392)
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Das schiffende Brautpaar

Hoch in weißem Schaume flogen
Vier barbarische Galeeren,
Machten schnelle Jagd auf eine
Kleine spanische Gallione,

In der ein beglücktes Brautpaar
Freudig durch die Wellen schiffte;
Er ein Edler von Mallorca,
Sie die Schönste Valenciana.

Hoch begünstigt von der Liebe,
Sehnen sie sich nach Mallorca,
Da ihr Freudenfest zu feiern,
Da zu sehn der Liebe Heimath.

Und je mehr bei stillem Ruder
Sanfter sich die Wellen neigen,
Immer schmeichelnder die Winde
Rauschten in der Liebe Segel;

Sehen schnell sie sich umgeben
In der tiefsten Meeresenge;
Schnell von allen Seiten kommen
Auf sie stolze Feindesmasten,

Die die Raubessucht beflügelt,
Wie sie flügelt kaltes Schrecken.
Zarte Silberperlen weinend,
Flehet so die arme Dame:

"Holdes, liebes, frisches Lüftchen,
Warest du der Flora Liebling,
Denk' an deine ersten Küsse
Und errette unsre Liebe.

Du, der mit der Götter Allmacht,
Wenn du auf ein Schiff ergrimmest,
Schleuderst es auf Sand des Meeres,
Als ob's hundert Felsen wären;

Und der mit der Götter Linde,
Wenn dir gute Menschen flehen,
Eine arme Meerestrümmer
Kannst aus Königsflotten retten;

Rette unser liebend Segel
Aus den Händen jener Räuber,
Wie du aus der Geier Klauen
Rettest eine weiße Taube."

Und je mehr bei stillem Ruder
Sanfter sich die Wellen neigen,
Desto rascher weh'n die Winde
Sie in ihrer Liebe Heimath.

Übersetzt von Johann Gottfried Herder (1744-1803)

Aus: Die spanische National-Literatur in ihrer geschichtlichen Entwickelung
Nebst den Lebens- und Charakterbildern ihrer classischen Schriftsteller
und ausgewählten Proben aus den Werken derselben in deutscher Übertragung
Herausgegeben von H. [Hedwig] Dohm
Berlin 1867 Verlag von Gustav Hempel (S. 393)
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Frühling währt nicht immer, Mädchen,
Frühling währt nicht immer.
Laßt euch nicht die Zeit betrügen,
Laßt euch nicht die Jugend täuschen:
Zeit und Jugend flechten Kränze
Aus gar zarten Blumen.

Frühling währt nicht immer, Mädchen,
Frühling währt nicht immer.
Leicht entfliegen unsre Jahre,
Und mit räuberischem Flügel
Kommen, unser Mahl zu stören,
Die Harpyen wieder.

Frühling währt nicht immer, Mädchen,
Frühling währt nicht immer.
Wenn ihr glaubt, daß Lebensglocke
Euch den Morgen noch verkündet,
Ist es schon die Abendglocke,
Die die Freud' euch endet.

Frühling währt nicht immer, Mädchen,
Frühling währt nicht immer.
Freut euch, weil ihr freun euch könnet,
Liebet, weil man euch noch liebet,
Eh' das Alter eure goldnen
Haare schnell versilbert.

Übersetzt von Johann Gottfried Herder (1744-1803)

Aus: Die spanische National-Literatur in ihrer geschichtlichen Entwickelung
Nebst den Lebens- und Charakterbildern ihrer classischen Schriftsteller
und ausgewählten Proben aus den Werken derselben in deutscher Übertragung
Herausgegeben von H. [Hedwig] Dohm
Berlin 1867 Verlag von Gustav Hempel (S. 393)
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