Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Hermann Gorter (1864-1927)

(In der Übersetzung von Otto Hauser)



Lenz

Der Lenz kam von fern, ich hör' ihn kommen
Und alle die Bäume haben's vernommen,
Die hohen, die zitternden,
Und die hohen Lüfte, die Himmelslüfte.
Die Funkellichtlüfte, die Blau-und-weiß-Lüfte,
Die flitternden.

O, ich hör' ihn kommen,
O, ich fühl' ihn kommen,
Und da soll ich nicht bangen?
Das bebende Verlangen
Fühl' ich nun brechen . . .
O der Lenz kommt, ich hör' ihn kommen,
Hör' die Lichtwogen sich brechen
Rings, rings um mein Haupt.
Ich hab' es wohl immer geglaubt,
Doch nun ist er kommen.

Golden ist die Luft wie von goldenen Heiligen,
Die nun in Wallelichtgewanden,
Gleich Schiffen, flutdurchziehenden, eiligen,
Hinsegeln über den Landen,
Über den Luftmeeren
Hingleiten in ihren duftschweren,
Weichglatten Gewanden,
Rastend und eilend,
Hastend und weilend;
Umwallt von den weichen, hohen Lichtgewanden,
Segeln sie hin und wieder
Und blicken nieder,
Wo sie sich zarter und blasser
Spiegeln im blauen durchwärmten Wasser.

O hört ihr ihn kommen
Mit den Fingern, den warmen, weichen,
Hoch zitternd in den blumenduftreichen
Lüften, die tönend rings erglommen,
Mit den flutenden Haaren,
Mit den leuchtenden, klaren,
Blau verfließenden Augensternen
In den hochhohen Fernen,
Das hochheilige, luftige, goldduftige Licht?
Hört ihr ihn kommen, zart, still und licht?

Laßt, o laßt uns nun lachen,
Lachen, lachen, lachen
In sein Gesicht, das erwachen,
Das tagen läßt den Tag!
Laßt uns nun Thränen weinen,
Weinen, weinen, weinen,
Auch er besprüht uns mit seinen
An jedem Schneefunkentag.

Lenzlicht ist nun gekommen.
Endlich ist es gekommen, -
O laßt uns, laßt uns lachen,
So licht wie der Tag erwachen,
Denn er ist, er ist!
Und du, unser Gram, unsre Frohnde,
Wie bleiche, fallende Monde,
In funkelnden Lichtthränen fall
Still in das lichtvolle All!

Wie zwei lenzrote Blumen, in einem Lichtmeer
Auf hohen Stengeln erglommen,
Fühlen wir hehr:
Der Lenz ist gekommen!
(S. 115-117)
_____



Tot war mein Lieb

Tot war mein Lieb,
Durch alle Welten trieb
Dahin mich mein Loos,
Ich fand: die Welt ist groß,
Doch tot war mein Lieb.

Ich fand wohl, die Welt ist groß,
Und viele saßen in der Nacht,
Winkend mit weißen Fingern; die Macht
Meiner Toten war ganz groß.

Auf einen Acker kam ich hierauf.
O meine Liebste, wach auf!
Du lagst da so dunkel - o Schmerz! -
Traumasche, verbrannt dein Herz.
Zu lange warst du dem Feuer nah,
Jede Tag-, jede Nachtstunde da
Sahst du es kleiner werden, mein Lieb,
Als raubte dir's ein Dieb.
Und als das Feuer, das rote, so bald
Zu sterben drohte, - so kalt
War's, - da hast du's genährt
Mit eigener Seele und sahst sie verzehrt.
Sahst knisternd die Funken springen
Und glinsternd den Rauch durchdringen.
Das Feuer küßte, wie kleine Mädchen küssen,
Schmatzend das Holz und hat doch erlöschen müssen.
Wach auf, o mein Lieb, wach auf zur Stund!
Deine Asche ist so schwarz im Grund.

In meinem Bangen
Bin ich hingegangen
Ein ganzes Stück über Ackergründe,
Dann fandt' ich die roten Liedermünde,
Um zu rufen die matten,
Tagscheuen, nachtsiechen Schatten, -
Ihre Seele, die bei den Feuern der Wacht
Die Stunden verwachte, die teuern, der Nacht,
(Als fühle sie noch das rasche
Schwinden der Zeit in der Gruft),
Um zu schüren in der Asche,
Um zu locken aus der Luft,
Wo sie oft zerfloß in Duft,
Daß sie käme trostesreich,
Zu mir spräche und wieder weich
Ihre Lippen an meinen Wangen warm bewegte,
Um mich die Arme legte,
Mein Haupt mit den Fingern streichelte,
Mit Gurren mein Ohr umschmeichelte
Und flüsternd mir sagte, daß sie immerdar
Lieb mir war.

Und die Münde gingen,
Wie Glocken hört' ich sie singen:
"Von roter Seide, roten Stoffen
Steht ein großer Weg dir offen,
Leuchtendlicht, o komm, o komm,
Lieb, fein Lieb, wir bitten fromm!
Roten Atlas für die roten Glieder,
Rote Blumen für die Locken dein,
Rote Blätter, wie am Fenster nieder
Wilder Wein.
Strahlend bestreuten wir alles weit,
Haben die Welt für dich befreit
Von allem nicht brennenden, allem nicht roten:
Kehr, arm und bloß, nun zurück von den Toten!

"Von rotem Mohn und roten Tulpen flammt's
Über die breite Flut des roten Sammts,
Blüten auf Blüten fallen hernieder;
Leuchtend dringen rote Lieder
Aus roter Vögel Kehlen; Wein,
Ein Teich, überpurpurt den Marmelstein, -
Und Er sitzt einsam und allein,
Sitzt in Karmin mit heißen Lippen;
Rote Jungfraun halten die Schlippen
Des Mantels ihm - komm, für die er wacht!
Ringsum düstert die purpurne Nacht.

Ringsum düstert die purpurne Nacht, -
Komm wieder, für die er wartet und wacht!
Ich bin sein treuer roter Trompeter,
Ziehe weit für ihn umher; ein steter
Gedanke weht mich fort und lacht
Aus meinem roten Mund,
Lacht nur von Widerpein, -
Die brennt seine Flamme ein
In meinen armen roten Mund.
Wo bist du, sprich! O würde mir's kund!
Komm wieder, fein Lieb, er wartet und wacht
In purpurroter glühender Nacht."

Die rote Kerze glühte und sank,
Vergeblich strömte der rote Trank,
Die List war umsonst in der öden Nacht,
Hat mir den Vogel nicht wiedergebracht.
(S. 118-121)
_____



Nun atmet der Abend . . .

Nun atmet der Abend ein goldgrünes Licht -
Wo ist dein Gesicht? wo ist dein Gesicht? -
Auf Erden ragt ein Altar, rot und licht
Brennen die Zweige so grün und dicht -
Wo ist dein Gesicht? wo ist dein Gesicht?

Nun atmet der Abend um goldgrüne Bäume -
O wirst du nun kommen? Wer sagt dir noch: Säume?!
Hell brennt das Kupfermoos und Wasserschäume
Strömen auf grüne Trensen und Zäume -
O wirst du nicht kommen? Wer sagt dir noch: Säume!?

Grüne Reiter ziehn im Trab,
Huf- an Hufschlag, Höhen ab,
Abendhöhen.

Grüne Trosse reiten vor,
Schwerbestämmte Höhn empor,
Dunkle Höhen.

Sie blasen da laut ihre Kupferklaronen,
Grüne Fähnchen flattern voraus den Baronen,
Im Abendlicht stehn sie und blasen ihr Lied,
Das weit in den Westen zieht -
Die Welt noch im Tode labend
Sinken Sonne und Abend,
Tot, o tot - und wo ist dein Gesicht?
Es wird schon so dunkel unter den Bäumen,
Wirst du nun kommen, wirst du noch säumen?
Wo ist dein Gesicht?

Hinzogen die Reiter unter den Bäumen,
Jeder nach seines Schlosses Räumen,
Schon hat in den Schlössern die Nacht sie bedeckt,
Und Sie hat der Abend nicht geweckt.
(S. 122-123)
_____



Winter

Die Thorwächter bliesen auf goldenen Hörnern,
Auf das Eis draußen perlte das Licht im Frost,
Es blitzte an Bäumen, an Hecken und Dörnern,
Blinkend die Sense schlug der Ost.

Deine Füße schoben den weißen Schnee beiseite,
Dein Haar war ein Goldgewebe sonnig und weich,
Deine Augen brannten die blaue Himmelsweite,
Deine Hände irrten umher, einem Raubvogel gleich,

Und deine Augen, sie funkelten jugendgolden,
Dein Blut flog raublüstern durch die Adern hin,
Die Augen der Luft antworteten dir so golden,
Oben trieben Eisschaumwolken hin.

Eiskalt war es - lagen die Wasser, die weiten,
Spiegelnd nicht unter der Sonne, klingend von Eis,
Knirschte das Licht nicht, das heiße, beim Übergleiten, -
Um den Frost zu vertreiben, war das schnelle so heiß.

Hell blies die Luft mit voller, blauer Wange
Ins goldne, mit der Faust umspannte Horn,
Und barst und brach bei dem weiten Widerklange,
Und blauer Schnee flog nieder Korn an Korn.

Ein blauweißer Saal, sah das All auf uns nieder,
Da stand ein Schneebett Funkelschnee mittenin;
Dein Goldhaupt sank auf das weiche Schwanengefieder,
Lachend lagst auf dem Feld du,
schwanweiche, zahnweiße, minnige Königin.
(S. 127)
_____



Siehst du, ich hab' dich lieb . . .

Siehst du, ich hab' dich lieb,
Ich finde so lieb dich und licht,
Deine Augen sind so voll Licht,
Ich hab' dich lieb, ich hab' dich lieb!

Deine Nase, dein Mund und o!
Deine Augen und dein Hals, wo
Das Bändchen sitzt und dein Ohr
Mit dem Haar davor!

Siehst du, ich wär' gern du,
Aber wie ginge das zu?
Licht ist um dich und du bist
Nun doch, was du einmal bist.

O ja, ich hab' dich lieb,
Ich hab' dich so furchtbar lieb,
Allemal wollt' ich es sagen, -
Kann's aber doch nicht sagen.
(S. 128)
_____


übersetzt von Otto Hauser (1876-1944)

Aus: Die niederländische Lyrik von 1875-1900
Eine Studie und Übersetzungen von Otto Hauser
Verlegt bei Baumert & Bonge in Großenhain 1901


 

 


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