Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Fernando de Herrera (1534-1597)

(In der Übersetzung von Friedrich Wilhelm Hoffmann,
Johannes Fastenrath und Sebastian Mutzl)

 

Sonett

Weil Finsterniss des Schleiers dunkle Hülle
Hin auf die Erde breitet und die Sterne,
Die schönen, irren Wandler, aus der Ferne
Hernieder blicken auf die öde, stille:

Vernimm, der meine Trauer ich enthülle,
Und die du trüben Seufzern lauschest gerne,
Mein Leid, o Nacht, und meine Klage lerne!
Den weiten Himmel du allein erfülle!

Nicht sei das Licht ein Zeuge des Geweines
Der armen Augen! denn nicht mag dem Tage
Ich so Bedrängter meine Schmerzen zeigen.

Lausch du - dein Mantel hat die Farbe meines
Unseligen Geschickes - meiner Klage,
O heitre Nacht, in deinem kalten Schweigen!

Übersetzt von Friedrich Wilhelm Hoffmann (1785-1869)

Aus: Blüthen spanischer Poesie
Metrisch übertragen von Friedrich Wilhelm Hoffmann
Dritte, stark vermehrte Auflage
Magdeburg und Leipzig
Verlag der Gebrüder Baensch 1857
(S. 291)

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Sonett

Der Bäume schönen, grünen Schmuck entführet
Des stürmischen Octobers Nebelbrauen,
Und streng, da freies Spiel gewährt den rauhen
Und kalten Winden, jetzt der Ost regieret.

Den Pflanzen, die sein Todeshauch berühret,
Erneu'n sich Farb' und Glanz, sobald die lauen
Zephyre wehen und Gedüft den Auen
Entsteigt, die schön mit Blumenschmelz gezieret.

Doch meine Hoffnung, wehe mir! darf weiden,
Seit ihre Blüthe vor dem Frost erlegen,
Sich nimmermehr an dem verlornen Glücke.

Grausames Loos der Liebe! mir zum Leiden
So unerschüttert fest, dass siegreich gegen
Des Himmels Wechsel bleibet seine Tücke.

Übersetzt von Friedrich Wilhelm Hoffmann (1785-1869)

Aus: Blüthen spanischer Poesie
Metrisch übertragen von Friedrich Wilhelm Hoffmann
Dritte, stark vermehrte Auflage
Magdeburg und Leipzig
Verlag der Gebrüder Baensch 1857
(S. 292)

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Jägeregloge

O Jägerin, o schöne, die mir raubte
Mein tiefverwundet Herz in Waldesfrische,
Mit goldenem Gelock, das sich im Winde
Gewiegt, mit blüh'nden Rosen auf dem Haupte;
Bist Nymphe dieses Thals Du Zauberische,
Die leichten Fußes schwebt, daß sie geschwinde
Den durst'gen Eber finde,
Der überflügelt selbst des Hirsches Jagen?
In Deiner Schönheit, Deiner Stimme Laute
Hoheit der Göttin schaute
Melanio, deß Herz Du fortgetragen:
So schreitet Cintia im Gewand, dem hehren,
In Liebesgluth muß Silvan sich verzehren.

O Clearista, wer der Götter schickte
Dich meinen Augen, als auf Wildes Fährte
Ich lief und dachte nicht an Lieb' und Minnen?
Wer war's, der schon im Schau'n Dich mir entrückte
Und mich in ew'ger Flamme sterben lehrte?
In Deinem Blick mußt' Amor Gluth gewinnen
Zum Schaden meinen Sinnen!
Doch wohnst in Wiesen Du, wo Rosen blühen,
Wohnst Du am Strom in tiefen Waldesgründen,
Aus meinem Busen schwinden
Wird nimmer meiner Liebe heißes Glühen,
Und Wald und Wiese, Zeugen meiner Flammen,
Sie werden lieben Dich mit mir zusammen!

Könnt' wohnen ich mit Dir, Du Götterwesen,
In diesem Wald, ich schmückte Dir mit Blüthen,
Mit Rosen Deine Locken, Deine feinen,
Die schönsten Früchte würd' ich Dir erlesen,
Vom schmucken Hals des Reihers würd' ich bieten
Die Federn Dir, die hell wie Silber scheinen;
Zu Füßen Dir vereinen
Würd' ich die Beute meiner Jagdtrophäen;
Im Schatten Dich besäng' ich, Göttergleiche,
Die Rinde selbst der Eiche,
Der rauhen, würde meine Lieb' verstehen,
Und lesen würd'st mein Lied Du in der Rinde,
Du streutest Blumen dann auf mich gelinde!

O wie so oft in meiner Lieb' umschlänge
Ich feurig Deinen Hals, den schwanenweißen,
In Deinem Aug' würd' meines sich entzünden,
Und eh' Du noch es ahntest, wie gelänge
Mir's, Deinem Mund den Geist dann zu entreißen,
Dein Geist wär' meiner, würd' in meinen münden,
Und süßen Tod ich finden!
Das lohnt sich mehr, als Falken hoch im Fluge
Zu schaun, mehr als den Eber zu erlegen
In einem Stoß verwegen,
Mehr als am Quell in pfeilgeschwindem Zuge
Den athemlosen Hirsch selbst zu erreichen,
Dem sich der schnelle Wind nicht mag vergleichen!

So komm denn mit mir, meine Nymphe! Merke:
Nicht häßlich bin ich, ob die Stirn, die stolze,
Sich auch mit Deiner nicht vermag zu messen,
Doch ich hab' Lieb' und Muth und Trotz und Stärke
Und bin geschnitzt als wie von Eichenholze,
Just wie's dem strammen Waidmann angemessen,
Daß er auch Stolz besessen!
So laß zum Quell uns gehn in Waldeskühle,
Laß uns kein Murmeln süß in Schlummer wiegen,
Mög'st, meine Lieb', Du liegen
Holdschlummernd dort auf meiner Arme Pfühle,
Und ich in Deinen, die so schön: welch Staunen,
Und welchen Neid erregte ich den Faunen!

Übersetzt von Johannes Fastenrath (1839-1908)

Aus: Hesperische Blüthen
Lieder, Sprüche und Romanzen
Leipzig Verlag von Eduard Heinrich Mayer 1869
(S. 22-25)
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Sextinen

Entzündet hat am Strahle Deiner Augen
Die Liebe meine Brust in süßer Flamme
Und aufgelöst die Härte kühlen Eises,
Das mir betäubt das Feuer meiner Seele,
Und in den engen Schlingen goldner Bande
Sah ich dem Joche beugen sich den Nacken!

Verloren hat den stolzen Trotz mein Nacken,
Und ihr Verderben schauten meine Augen
In Dir, seit mich umschlangen Deine Bande,
Seit ich entbrenne in der Liebe Flamme,
Doch froh in ihrem Weh lebt meine Seele
Und nicht mehr fürchtet sie die Macht des Eises!

Ich glühe, Du starrst noch im Frost des Eises
Und noch von Liebe frei hebst Du den Nacken
Voll Undank gen die Qualen meiner Seele,
Selbst lindern läßt mein Weh Du nicht die Augen,
Entflammst mein Herz nur mit lebend'ger Flamme,
Der Seele Flügel fesseln Deine Bande!

Von meinen Thränen säh' ich diese Bande
Gebadet, wenn die Hülle Deines Eises
Nur Raum vergönnen möchte meiner Flamme,
Denn Deinen starren, ungebeugten Nacken
Würd' sänftigen der Regen meiner Augen,
Und in zwei Körpern wohnte eine Seele!

Die himmlischhehre Schönheit Deiner Seele
Hält meine Seele fest in ew'gen Banden,
Und es durchdringt das Licht gluthvoller Augen
Mit göttlicher Gewalt den Frost des Eises
Und hebt zum Himmel froh empor den Nacken,
Denn reine Gluth entzündet ew'ge Flamme!

O Liebe, die mich trägt in ihrer Flamme,
Gib Kraft dem schnellen Fluge meiner Seele;
Ird'schem Gewicht entrückend meinen Nacken,
Wirst Du entflammen die geweihten Bande,
Und schon nicht fürchtend mehr die Macht des Eises,
Schau' Deine Klarheit ich mit hellen Augen!

Durch Dich erglühet meiner Augen Flamme,
O Licht der Seele, Du! Die goldnen Bande
Brechen das Eis und geben Ruhm dem Nacken!

Übersetzt von Johannes Fastenrath (1839-1908)

Aus: Hesperische Blüthen
Lieder, Sprüche und Romanzen
Leipzig Verlag von Eduard Heinrich Mayer 1869
(S. 35-37)
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"Wohin? wohin? Grausame, hemm', o hemme
Den flücht'gen Schritt! enteile nicht, so lange
Du schaust, wie heißer Schmerz die bleiche Wange
Mit raschen Thränenfluthen überschwemme!"

"O daß Dein Ohr der Seufzer Laut vernähme,
Und, ach, mein Klagelied, leidvoll und bange!
Wohl weiß ich, daß mit meines Schmerzens Drange
Mitleid noch selbst in Dich, du Stolze, käme."

"Laß sonnen mich in Deiner Augen Scheine,
Nicht mehr in Nacht, von Deinem Licht umfunkelt!"
So rief ich träumend und in eitlem Wähnen: -

Da fand ich unter Klippen mich, alleine,
Im Lichte nicht, von grauser Nacht umdunkelt,
Und, ach, verwandelt ganz in heiße Thränen.

Übersetzt von Sebastian Mutzl (1797-1863)

Aus: Blumenlese aus spanischen Dichtern
von Sebastian Mutzl
Landshut 1830
Druck und Verlag von Joseph Thomann
(S. 119)
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