Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Henrik Hertz (1798-1870)

(In der Übersetzung von Edmund Lobedanz)



Die Wege der Liebe

Es geht ein Geist unsichtbar uns zur Seite,
Er lächelt mit uns, wenn das Herz uns froh,
Ein holder Geist, er tröstet uns im Streite,
Versöhnt uns, wenn im Haß die Ruhe floh.
Wie auch der Hoffnung Blicke schaun in's Weite,
Nur er giebt Antwort auf das "Was" und "Wo".
Er ist das Herz im großen Weltenringe,
Das mild pulsirt auch in dem kleinsten Dinge.

Du bist es Liebe! Still sind Deine Wege,
Und im Geheimen wirkst Du allermeist,
Du schleichst mitunter auf verbot'nem Stege
Und unverständlich ist uns oft Dein Geist!
Doch unermüdlich bist Du, säumst nicht träge,
Wenn jeden Ort Du stets zu finden weißt.
Im Sturm des Aufruhrs spürt man Deine Stimmen,
Im schelm'schen Spiel Dein sanft erwärmend Glimmen.
In harte Brust geußt süß Du Deine Wonnen
Und wirst nicht abgeschreckt durch Widerstand;
Die Vorurtheile schmelzen Deine Sonnen
Und neu verknüpfst Du das zerriss'ne Band.
Vor Deinem Hauch ist jedes Eis zerronnen
Und mild zollt Dir Tribut das größte Land.
Du flüsterst uns in's Ohr mit holder Güte,
Evangelistengleich mit Bild und Mythe.

Die Werke der Natur laut von Dir zeugen,
Die kleinste Pflanze ist wie ein Prophet,
Vor Dir bewundernd sich die Menschen beugen,
Vor Dir verstummt der glücklichste Poet.
Ja, jeder Glaube muß vor Dir sich neigen,
Denn ohne Dich verwelkt er und vergeht.
Du strahlst uns aus des Heilands Dornenkrone
Und Trost und Segen träuft von Deinem Throne.

Es regt sich schaffend wie von Zauberkräften,
Zum schönen Leben in des Dichters Hirn,
An Erd und Himmel wird sein Blick sich heften,
Mit Mephistopheles zur Hölle irr'n.
Doch ohne Dich ihn Gaukelbilder äfften,
Groß ist er nur - strahlst Du von seiner Stirn.
Und jedes Lied, in dem Dein Herz pulsiret,
Der Andern Herz voll Macht zur Schönheit führet.

Gleich Liebenden, die unverwandt betrachten
Der Seele Lust mit zärtlicher Kritik,
Die Mängel selbst für süße Tugend achten,
Wodurch sich nur vermehrt der Liebe Glück,
Wird er, ein Seher, schwärmerisch betrachten
Die ganze Welt mit eines Gottes Blick.
Ihm wird zum Lied die Ranke, die sich schlinget
Und der Natur hingebend Liebe bringet.


übersetzt von Edmund Lobedanz (1820-1882)

Aus: Album Nordgermanischer Dichtung
von Edmund Lobedanz
Erster Band: Album Dänisch-Norwegischer Dichtung
Leipzig 1868 Verlag von Albert Fritsch (S. 136-137)

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