Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Michel Bernard Frans Heuts (1827-nach 1885)

(In der Übersetzung von Ida von Düringsfeld)



Clara

Die Clara war ein Wundermädchen,
Sah lieblich wie der Lenz sich an,
Doch bleich, ja bleicher als das Nachjahr,*
Und traurig wie die Erde dann.
Denn von dem Morgen bis zum Abend,
Vom Abend bis zum Morgenschein,
Saß sie entmuthigt da und weinte,
Entmuthigt, trostlos und allein.

Was so an ihrem Herzen nagte,
So bleich gemacht ihr Angesicht,
Ob eine Sehnsucht, ob ein Trauern,
Das wußt' auf Erden Niemand nicht,
Umsonst, daß Freunde und Verwandte
Voll Mitgefühl mit ihrem Schmerz
Sie mit bewegter Stimme baten:
"Ach, Clara, öffne uns dein Herz!"

's ist Frühling; seht, die bleiche Clara
Am Fenster wieder weinend sitzt,
Und schaut so traurig wie nur jemals
Hinaus, wo Grün und Blühen blitzt.
Die Maiensonne schlüpft in's Fenster,
Mit ihrem schönen, warmen Licht,
Sagt: "guten Morgen, liebe Clara,"
Und küßt ihr marmorn Angesicht.

's ist Frühling! seht, der schalksche Westwind
Fliegt lieblich flüsternd hin und her,
Er küßt der Bäume junge Blätter,
Den frischen Blumen schmeichelt er.
Die blonde Clara sieht er weinen,
Und flatternd durch ihr blondes Haar,
Hat er ihr süß in's Ohr geflüstert:
"Ach, blonde Clara, sechszehn Jahr!"

Doch träumend blicket sie nach oben;
Da steigt die Lerche froh und schnell,
Beschwingt mit Liebeseil' entgegen
Den Lenzesstrahlen wunderhell.
Und: "Liebe Clara," singt die Lerche,
"Hast du denn keine Grüße mir
Für jenen Himmel aufzutragen,
Der wieder schickt den Frühling dir?"

Doch höher auf das Auge schlägt sie,
Bis es auf jenen Himmel fällt,
Der immer liebreich seine Kinder
Umschließt mit einem Liebeszelt
Und: "Clara," frägt der blaue Himmel,
"Was grüßest du mich heute nicht?
Bin ich nicht länger schön und geb' ich
Nicht länger deinen Augen Licht?"

Doch ob die Sonne gleich sie grüßen,
Der Westwind mit ihr flüstern kam,
Es schien, daß keine von den Stimmen
Ihr trauervolles Herz vernahm.
Die Lerche stieg allein nach oben,
Der blaue Himmel sprach nicht mehr,
Ein allgemeines Schweigen legte
Sich um die bleiche Clara her.

"Ich weiß es," sagte nun ein Kluger,
"Warum das Mädchen sich betrübt,
Es hat ein Traum, ein grauenhafter
An ihr einst seine Macht geübt.
Ist's nicht ein Traum gewesen, Clara,
Der einst bei Nacht und Lampenschein
Ein schaurig Loos dich ließ erblicken?" -
Das Mädchen sagte traurig: "nein!"

"O weine nicht, du liebe Clara,"
So sang ein Minstrel hold sie an,
"Es giebt kein Leid auf Erden, welches
Ich durch mein Lied nicht heilen kann.
Ich tröste wie der Erde Liebe,
Ich tröste wie des Himmels Licht,
Es haben's Viele schon erfahren -"
"Ich nicht," sprach Clara trüb, "ich nicht."

Und so schloß Clara, kranke Blume,
Ihr Ohr der Hoffnung und dem Trost,
Und ließ ihr schmachtend Köpfchen hängen,
So hold ihr auch der Lenz gekos't.
Es floh'n die frohen Frühlingstage,
Und wieder war der Winter da,
Und wieder, traurig, bleich und leiden
Saß Clara ihrem Fenster nah.

Doch als des Frühlings muntrer Sänger
Auf's Neue an zu schmettern fing,
Im Sonnenlicht der Thauestropfen
Auf's Neue an den Blumen hing,
Da frug ein jedes Aug's das Fenster:
"Wo bleibt die Clara denn so lang?"
Und das verlass'ne Fenster blickte
Hinunter nach dem Lindengang.

Denn in des Ganges kühlem Schatten
Da hüpfte Clara leicht und froh,
Und freudig klang das Zauberliedchen,
Das ihren Lippen hell entfloh.
Und blühend waren ihre Wangen,
Und lächelnd war ihr Rosenmund,
Und durch die klaren Augen sah man
Auf ihrer klaren Seele Grund.

O Wunder! rief wer sie erblickte,
O Wunder! klang's im Windesweh'n,
O Wunder! schallt' es in den Bäumen,
Und Alles blieb betroffen steh'n.
Allein das wunderbare Mädchen
Blieb in der Freude ungestört
Und durch die grünen Schatten wurde
Ihr fröhlich Liedchen fort gehört:

"Es ist ein Engel mir erschienen,
Wie Keiner schöner aufwärts flog,
Der fern von seiner Himmelswohnung
Durch diese Gegend einsam zog.
Sobald ich ihn gewahrte, jauchzte
Mein tiefergriffnes Herz: er ist's,
Und mit bewegter Seele hört' ich
Wie seine Seele rief: Du bist's!

Seit diesem Tage ward das Leben
Zu einem goldnen Traume mir,
Aus einem Thränenthal zum Lustort
Und meines Engels harr' ich hier.
Denn kehret er zurück, dann trägt er
In seinen Himmel mich hinein,
Und dort, so spricht er, sollen ewig
Vereinigt wir und selig sein."

* Nachjahr: Najaer, der Herbst

übersetzt von Ida von Düringsfeld (1815-1876)

Aus: Von der Schelde bis zur Maas
Das geistige Leben der Vlamingen
seit dem Wiederaufblühen der Literatur
Biographien, Bibliographien und Proben
von Ida von Düringsfeld (Zweiter Band)
Leipzig Ad. Lehmann Brüssel Fr. Claassen 1861 (S. 74-78)

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