Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Victor Hugo (1802-1885)

(In Übersetzungen von Emanuel Geibel, Heinrich Leuthold,
Ferdinand Freiligrath und Sigmar Mehring)


Sultan Achmet

Zu Juana sprach, der Schönen,
Die da lacht in Silbertönen,
Sultan Achmet halb im Scherz:
Meine Krone, süßes Leben,
Würd' ich für Medina geben,
Und Medina für dein Herz.

"Hoher Sultan, laß dich taufen!
Um geringern Preis erkaufen
Wirst du nimmer meine Gunst.
Einen blinden Heiden stündlich
Zu liebkosen wäre sündlich,
Und mich schreckt der Hölle Brunst!"

Wohl, so schwör' ich's bei den reinen
Perlen, die verdunkelt scheinen
Neben solcher Schultern Glanz,
Daß ich dein Gebot vollführe,
Wenn ich deines Nackens Schnüre
Nehmen darf zum Rosenkranz.
(S. 43)

Übersetzt von Heinrich Leuthold (1827-1879)
Aus: Fünf Bücher französischer Lyrik
vom Zeitalter der Revolution bis auf unsere Tage
in Übersetzungen von Emanuel Geibel und Heinrich Leuthold
Stuttgart Cotta'sche Verlag 1862

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Die Favorite

Genug, o Jüdin, deinetwegen
Entvölkert' ich mein Frau'ngemach;
Nun laß zum Mitleid dich bewegen,
Es folge deines Fächers Schlägen
Nicht stets ein Schlag des Beiles nach.

Laß endlich ab, Geliebte, schone
Der Schaar, die dich nicht ärmer macht!
Zum Schleier gab ich dir die Krone;
Was flehst du nun mit Schmeicheltone
Um ihren Tod noch jede Nacht?

Wenn du liebkosend mein Verlangen
Mit deiner Lippen Balsam stillst,
Verräth die Glut auf deinen Wangen,
Dein trunkner Blick, dein heiß Umfangen
Nur, daß du neue Opfer willst.

Ha, eifersüchtigste der Frauen!
Du Herz von Stahl und doch so schön!
Halt ein! Wann hat man auf den Auen
Der Rose wegen je die blauen
Harmlosen Blumen sterben sehn?

Dein bin ich. Kannst du mehr begehren?
Wenn sanft dein Haupt an meinem ruht,
Was gilt dir's, daß nach gleichen Ehren
Umsonst sich hundert Frau'n verzehren
In Seufzern ungestillter Glut?

Laß immer in verwaister Zelle
Sie dich beneiden, Sultanin!
Sieh sie vorbeiziehn, wie die Welle,
Und nimm die Welt, die sonnenhelle,
Mein Leben, meinen Thron dahin.

Nimm hin mein Volk, mach's zu dem deinen,
Nimm Stambul, das am Meer sich sonnt!
Mit Kuppeln prangt's und Palmenhainen
Und seine tausend Spitzen scheinen
Ein Mastenwald am Horizont.

Die Spahis nimm! Das Blachfeld fliegen
Im Scharlachturban sie entlang.
Schau, wie sie mit behendem Wiegen
Im Sattel sich vorüberbiegen,
Wie Ruderer auf ihrer Bank!

Balsora, Trapezunt, das hehre,
Nimm hin und Cyperns alten Ruhm,
Nimm Mosul mit dem Weltverkehre
Und Fez, das Goldstaub schickt zum Meere,
Und das bethürmte Erzerum.

Nimm Smyrna's Markt, wo an die neuen
Paläste blau der Hafen stößt,
Den Ganges, den die Wittwen scheuen,
Die Donau, deren Wogendräuen
Sich friedlich in fünf Ströme löst.

Was schaust du auf Circassiens Schönen,
Damanhurs Lilien neidisch hin?
Was auf die Mohrin, die mit Stöhnen
Nach Liebe lechzt in fremden Tönen,
Wie eine junge Tigerin?

Nie lockt ein Schwanenhals mich wieder,
Ein Busen nie von Ebenholz.
Nicht weiß, nicht braun sind deine Glieder,
Doch scheint's, es schmolz auf dich hernieder
Ein Tropfe flüss'gen Sonnengolds.

Besprich denn, grimmste der Sirenen,
Den Gluthhauch, der mein Beet entlaubt!
Erstick' im Glanz dein blutig Sehnen,
Daß nicht mit jeder deiner Thränen
Zu Boden fall' ein Frauenhaupt.

Beschau' den Golf von deinen Zinnen,
Und bade dich in Ambraflut;
Doch laß dies eifersücht'ge Sinnen! -
Dem Sultan stehen Sultaninen,
Dem Dolche stehen Perlen gut.
(S. 44-46)

Übersetzt von Heinrich Leuthold (1827-1879)
Aus: Fünf Bücher französischer Lyrik
vom Zeitalter der Revolution bis auf unsere Tage
in Übersetzungen von Emanuel Geibel und Heinrich Leuthold
Stuttgart Cotta'sche Verlag 1862

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Komm junge Zauberin

Komm junge Zauberin, die meine Seele bannte!
Als Göttin priese dich Virgil, als Engel Dante,
So hoch ist deine Stirn, so schwebend leicht dein Fuß,
Und vom halboffnen Mund so lieblich klingt dein Gruß.
Wie müßte wundervoll zu deinen stolzen Brauen
Der blaue Panzer stehn der alten Schildjungfrauen!
Und mehr als Ein Serail beneidete vielleicht
Dich um der Lippen Roth, das der Koralle gleicht.
Cellini würd', entzückt von deiner Anmuth, gülden
Auf einem Trinkgefäß dein holdes Gleichniß bilden,
Wie du, das Haupt empor, mit sanftgebog'nem Leib
Aus einer Lilie stiegst, die ausläuft in ein Weib,
Aus einem Lotuskelch, von Laubgerank umkleidet,
Um dessen fremden Reiz Natur die Kunst beneidet.

O komm' und hör' mich an, du, deren Blick ein Stral! -
Der Tag, an dem ich dir genaht zum erstenmal,
Das war ein goldner Tag. O, blieb in deinem Innern,
So wie in meiner Brust von ihm ein licht Erinnern?
Du lächelst. Gieb mir denn die Hand so weiß und weich,
Und komm! Der Frühling blüht, der Pfad ist schattenreich,
Die Luft ist lau, und dort am Hang im Eichengrunde
Vernimmt kein lauschend Ohr das Wort aus unserm Munde.
(S. 47)

Übersetzt von Emanuel Geibel (1815-1884)
Aus: Fünf Bücher französischer Lyrik
vom Zeitalter der Revolution bis auf unsere Tage
in Übersetzungen von Emanuel Geibel und Heinrich Leuthold
Stuttgart Cotta'sche Verlag 1862


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Lied

Weil jede Brust ihr Leben,
Ihr bestes Gut
Sich sehnt dahinzugeben,
Klang, Duft und Glut:

So geb' ich dir zur Stunde
An dich geschmiegt
Was Edles mir im Grunde
Der Seele liegt.

Mein Denken nimm, mein Sehnen,
Das ernst und still
Nur, wie der Thau, in Thränen
Dir nahen will;

Nimm aller Wünsche Segen,
Und was zur Frist
Lichtglanz auf meinen Wegen
Und Schatten ist;

Den Geist, der ohne Steuer
Im Strudel sinkt,
Wenn nicht als leitend Feuer
Dein Aug' ihm winkt;

Mein Lied, das dich nur meinet
Mit jedem Gruß,
Und weil mit dir es weinet,
Oft weinen muß;

Nimm ganz mein Herz, verklär' es
Du Stern des Lichts!
Ach, ohne Liebe wär' es
Ein trostlos Nichts.
(S. 51-52)

Übersetzt von Heinrich Leuthold (1827-1879)
Aus: Fünf Bücher französischer Lyrik
vom Zeitalter der Revolution bis auf unsere Tage
in Übersetzungen von Emanuel Geibel und Heinrich Leuthold
Stuttgart Cotta'sche Verlag 1862

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An die Geliebte

Weil mir dein voller Kelch die heißen Lippen kühlte,
Weil meine bleiche Stirn in deiner Hand geruht,
Weil ich den süßen Hauch von deiner Seele fühlte,
Der wie ein Weihrauch ist in dunkler Lüfte Flut;

Weil mir's gegeben ward, von dir die süßen Laute
Zu hören, drin das Herz sich aufschließt bis zum Grund,
Weil deine Thräne sanft auf meine Wimper thaute,
Weil ich mein Lächeln sah erblühn auf deinem Mund;

Weil auf mein Haupt ein Stral in wundervollem Glanze
Von deinem Sterne fiel, der sein Gewölk durchbrach,
Weil ich ein Rosenblatt, aus deiner Tage Kranze
Entrissen, sinken sah in meines Lebens Bach:

So sprech' ich unverzagt zu den entflieh'nden Lenzen:
Zieht hin, zieht immer hin! Nicht altert dies Gemüth.
Wie Schatten schwindet fort mit euern welken Kränzen!
In mir ist eine Kraft, die unvergänglich blüht.

Die Schale, die mich labt, ist stets zum Rand gefüllet,
Und nie zertrümmert sie der Flügelschlag der Zeit.
Mehr Feuer hat mein Geist, als ihr in Aschen hüllet,
Mehr Liebe hat mein Herz, als ihr Vergessenheit.
(S. 55)

Übersetzt von Heinrich Leuthold (1827-1879)
Aus: Fünf Bücher französischer Lyrik
vom Zeitalter der Revolution bis auf unsere Tage
in Übersetzungen von Emanuel Geibel und Heinrich Leuthold
Stuttgart Cotta'sche Verlag 1862

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Lied

Hast du nichts mir zu vertrauen,
Warum kommst du Zauberin?
Würde dich ein König schauen,
Wär' auch seine Ruh' dahin.
Hast du nichts mir zu vertrauen,
Warum kommst du Zauberin?

Hast du nichts mir zu gestehen,
Warum diesen Druck der Hand?
Von den fremden, süßen Wehen,
Die dein Busen jüngst empfand,
Hast du nichts mir zu gestehen,
Warum diesen Druck der Hand?

Wenn du möchtest, daß ich gehe,
Sprich, o sprich, was treibt dich her?
Zittr' ich doch, wenn ich dich sehe,
Und mein Herz wird leicht und schwer.
Wenn du möchtest, daß ich gehe,
Sprich, o sprich, was treibt dich her?
(S. 63)

Übersetzt von Heinrich Leuthold (1827-1879)
Aus: Fünf Bücher französischer Lyrik
vom Zeitalter der Revolution bis auf unsere Tage
in Übersetzungen von Emanuel Geibel und Heinrich Leuthold
Stuttgart Cotta'sche Verlag 1862

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Ständchen

Es tagt, und nur dein Haus umnachten
Die Läden noch! Warum noch ruh'n?
Die Rosen alle schon erwachten, -
Willst du denn nicht ein Gleiches thun?
O hör', du Süße,
Den Liebsten hier!
Er jubelt Grüße
Und fleht zu dir!

Aufmunt'rer nah'n in schönem Gliede. -
Das Frührot ruft: Der Tag ist nah!
Das Vöglein ruft: Dein harrt der Friede!
Laut ruft mein Herz: Die Lieb' ist da!
O hör', du Süße,
Den Liebsten hier!
Er jubelt Grüße
Und fleht zu dir!

Dir, Göttin, sei mein Heil verschrieben!
Dich kür' ich, Lieblichste der Frau'n! -
Gott schuf mein Herz nur, dich zu lieben,
Mein Auge, deinen Reiz zu schau'n.
O hör', du Süße,
Den Liebsten hier!
Er jubelt Grüße
Und fleht zu dir!
(S. 73-74)

Übersetzt von Sigmar Mehring (1856-1915)
Aus: Die französische Lyrik im 19. Jahrhundert
Mit eigenen Übertragungen von Sigmar Mehring
Grossenhain und Leipzig Verlag von Baumert & Bonge 1900

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Erwartung

Klimm auf, Eichhörnchen! Klett're, steige
Bis zu der Krone dünnstem Zweige,
Der wie ein Rohr schwankt ab und auf!
Ihr Störche, des Gemäuers Gäste,
Schwingt euch, gestützt vom schnellen Weste,
Vom Kirchlein hoch zum Wall der Veste, -
Vom Dachfirst auf des Burgturms Knauf.

Gewalt'ger Aar, von deinem Sitze
Steig auf zur schnee'gen Felsenspitze,
Des Berges altersbleichem Haupt.
Und du, - die lust'ge Liebesproben
Schalmeit, eh' sich der Tag erhoben,
Frohlaun'ge Lerche, schweb' nach oben
Zu Höh'n, wo man den Himmel glaubt.

Und dann, und dann, vom Eichen-Wipfel,
Vom Knopf des Turms, vom Bergesgipfel,
Vom Himmel, wo die Sonne blinkt,
Könnt ihr durch Nebelfernen spähen?
Bemerkt ihr einer Feder Wehen,
Und ist ein keuchend' Roß zu sehen,
Das meinen Liebsten wiederbringt?
(S. 74-75)

Übersetzt von Sigmar Mehring (1856-1915)
Aus: Die französische Lyrik im 19. Jahrhundert
Mit eigenen Übertragungen von Sigmar Mehring
Grossenhain und Leipzig Verlag von Baumert & Bonge 1900

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Laß uns flieh'n ...

Laß uns fliehn in's Reich der Träume.
Wie du lockst, entführ' ich dich!
Hier zwei Zelter, die ich zäume.
Vöglein grüßen dich und mich.

Ich - dein Herr und deine Beute!
Komm, bald bricht die Nacht herein.
"Frohsinn" soll mein Renner heute,
Deiner soll "die Liebe" sein.

Eine Reise voll Genüsse!
Seit' an Seite trabt das Paar,
Statt des Hafers biet' ich Küsse
Unsern beiden Rößlein dar.

Wie sie stampfend vorwärts drängen!
Und schon seh' ich beide weit:
Meins das Thor der Sehnsucht sprengen,
Deins das Thor der Seeligkeit.

Etwas muß man mit sich tragen, -
Lieb war uns des Bündels Druck:
Recht viel Wünsche, einige Klagen
Und all' deiner Reize Schmuck.

Wie die frechen Spatzen höhnen!
Denn sie hören ganz genau
Meines Herzens Ketten tönen,
Die du wandest still und schlau.

Braune Nacht umarmt die Eichen.
Und aus Buschwerk und Gesträuch
Tuschelt's mit geheimen Zeichen
Uns entgegen: Liebet euch!

Tief im Wald, im nächtlich feuchten,
Komm! Sei lieb! Mich faßt ein Rausch.
Folg' dem Trieb, dem aufgescheuchten,
Komm zu süßem Wonnetausch.

Und es hält mit Klageliedern
Nachtigall vor Staunen ein.
Nixchen mit den weißen Gliedern
Tauchen auf und kichern fein.

Und sie wispern zu einander:
"Wir sind närrisch! Während dort
Hero lehnet an Leander,
Rinnt uns unser Bächlein fort."

Doch dem Sonnenland entgegen
Lustig weiter ziehen wir,
Und die Liebe bringt uns Segen:
Mir den Ruhm, den Reichtum dir.

Uns're Zauberrosse tragen
Uns empor zum Wolkenzelt,
Ins Gebiet uralter Sagen,
In die weite Flimmerwelt.

Gönnt ein Gasthaus wo uns Muße,
Zahlen wir für's kurze Glück:
Ich mit meinem Schülergruße,
Du mit deinem Mädchenblick.

Also sind wir zwei ein Pärchen:
Ich der Graf, die Herrin du!
Komm! wir raunen unser Märchen
Heute noch den Sternen zu.
(S. 76-78)

Übersetzt von Sigmar Mehring (1856-1915)
Aus: Die französische Lyrik im 19. Jahrhundert
Mit eigenen Übertragungen von Sigmar Mehring
Grossenhain und Leipzig Verlag von Baumert & Bonge 1900

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"Puisque ici bas ..."

Wie jedes Seelenleben
Im Schöpfungsdrang
Strebt andern hinzugeben
Duft, Farbe, Klang -

Und wie in Zorn und Güte
Nach jedes Art
Der Dorn hier, dort die Blüte
Sich offenbart -

Wie Wind am Frühlingsmorgen
Durch Eichen streicht -
Und wie die Nacht den Sorgen
Den Schlaftrunk reicht -

Und wie der Vogel Lieder
Den Zweigen schenkt -
Wie auf die Saaten nieder
Der Tau sich senkt -

Wie selbst die kühle Welle
Das Ufer küßt,
Da es zur Ruhestelle
Ihr worden ist:

So geb' ich dir zur Stunde
Als Eigengut
Was mir im tiefsten Grunde
Der Seele ruht.

Empfang' die Liebesgrüße,
Die trüb' sind, schau'!
Und dich benetzen, Süße,
Mit Thränentau.

All' meines Strebens Wonne
Sei dir geweiht,
All' meines Lebens Sonne
Und Düsterheit -

Der heiße Rausch im Ringen
Um deine Gunst -
Das Klingen und das Singen
All' meiner Kunst -

Mein Herz, das frei und offen
Nach Edlem drängt,
Das zwischen Tod und Hoffen
An deinem hängt -

Mein Lied, das dein Erscheinen
Zu träumen meint,
Das, wenn du weinst, muß weinen
Und häufig weint!

Nimm, die in Lebensfluten
Mir strahlt als Stern,
All meiner Liebesgluten
Urtiefsten Kern!
(S. 79-81)

Übersetzt von Sigmar Mehring (1856-1915)
Aus: Die französische Lyrik im 19. Jahrhundert
Mit eigenen Übertragungen von Sigmar Mehring
Grossenhain und Leipzig Verlag von Baumert & Bonge 1900

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Das Mädchen von Otaheiti

Was macht er denn, um den sie sich betrübt?
Er liebt wohl nicht, den sie so sehr doch liebt?
Alfred de Vigny Dolorida

"So willst du fliehn? so trägt dich bald von dannen
Das unbeständ'ge Segel schon?
Ihr Zelt abbrechen und das Tauwerk spannen
Hört' ich die Schiffer diese Nacht; - wie rannen
Die Thränen mir bei ihrer Lieder Ton!

Fliehn unser Eiland? - sage, schmückt das deine
Ein schön'rer Himmel? kennt den Schmerz es nicht?
Und, wenn du stirbst, bedecken die Gebeine
Dir deine Brüder weinend mit dem Raine,
Des heil'ge Blumen Keiner bricht?

Denkst du des Tags, wo günst'ger Winde Wehen
Zuerst dich trug in diesen stillen Port?
Du riefest mir, zum Hain mit dir zu gehen;
Nie hatt' ich dich bis jenen Tag gesehen,
Und dennoch kam ich auf dein Wort.

Schön war ich damals, doch mich knickten Thränen.
Zieh' nicht, o Fremdling! bleibe hier, bleib' mein!
Von deiner lieben Mutter sprich! - die schönen
Gesänge deiner Heimath laß ertönen,
Die, wie dein Beten, mir das Herz erfreun!

Du nur sollst füllen alle meine Tage!
Hab' ich, daß du entfliehn willst, dich betrübt?
O, laß dich halten! stillen deine Klage
Und gut sein will ich; nennen dich - o, sage
Ihn mir! - bei'm Namen, den dein Land mir giebt!

O, daß ich bei dir nur als Sklavin bliebe!
Säh'st du zuweilen nur herab auf mich!
Gewiß, nicht länger wär' ich bleich und trübe!
Doch, wie die Schwalb', ist flüchtig deine Liebe!
Ich - all' mein Leben lieb' ich dich!

Ach, wo sich drüben deine Berge heben,
Pocht dir entgegen einer Fremden Brust!
O, mein Gebieter, nimm mich mit! - ergeben
Will ich ihr sein, sie lieben wie mein Leben,
Wenn ihre Liebe deine Lust!

Fern meinen Eltern, die ein zärtlich Glühen
Für mich berauscht, fern diesen Wäldern hier,
Fern diesen Palmen - werd' ich nicht verblühen?
Hier sterb' ich einsam; - laß mich mit dir ziehen!
O, laß mich sterben wenigstens bei dir!

Wenn säuselnd die Bananen dich empfingen,
Wenn du mich je geliebt, verstoß mich nicht!
Woll' ohne mich nicht deine Fahrt vollbringen,
Aus Furcht, mein Geist auf seiner Sehnsucht Schwingen
Folge dir nach in einer Wolkenschicht!" -

Als in die flücht'gen Segel früh am Tage
Die Sonne schien, stand ihre Hütte leer;
Nicht am Gestad und nicht im Palmenhage
Sah man die Jungfrau mit der sanften Klage -
Doch auch bei Ihm nicht war sie auf dem Meer.
(S. 23-25)

Übersetzt von Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Aus: Lyrische Gedichte von Victor Hugo
Deutsch von Ferdinand Freiligrath
Frankfurt am Main Druck und Verlag von Johann David Sauerländer 1845
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Dir

Beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel
Psalm 17

Wach auf, o Lyra, lange müssig! - siehe,
Der Tag erhebt sich, den Ihr Name schmückt!
Sie steigt empor, die gottgesandte Frühe,
Die ewig uns begeistert und entzückt!

Geoffenbaret meiner Kindheit, Hehre
Und Reine, hat ein Gott dich feierlich!
Gleich einem Stern in trüber Wolken Sphäre
Sah ich schon früh in meinen Himmeln dich.

Da sprach ich: "Komm, laß theilen uns, Geliebte,
Ein Glück, das Nichts auf Erden unterbricht!"
Denn ich war jung und wissenlos; noch trübte
Mir die Vergangenheit die Zukunft nicht.

Die süße Neigung, weh' mir, ward ein blindes
Und wildes Feu'r, das keinem Zwang sich fügt;
Nicht gleicht mein Leben mehr dem Traum des Kindes,
Das eine unbestimmte Liebe wiegt.

Heut, das entschlafne Opfer plötzlich weckend,
Anstatt des Glückes, drum so heiß ich bat,
Mit finsterm Lächeln meine Seele schreckend,
Warf sich das Unglück schwarz in meinen Pfad.

Wenn einsam man den Kelch des Lebens leeren,
Den bittern, muß, der Galle nur enthält:
Was ohne der Geliebten Zähren
Bleibt dem Verwais'ten übrig auf der Welt?

Er flieht in Asche, wenn um's Haupt der Zecher
Bei'm lauten Mahl die Blumenkrone weht;
Ihm gleicht der Feste Freudenbecher
Der Urne, die auf Gräbern steht.

Die Welt verstößt ihn; - ach, vor ihrem Glücke,
Ein sterbend Licht, in Trauer wandelt er;
Zum Himmel nur hebt furchtlos er die Blicke,
Von Thränen, die nicht fließen können, schwer.

Doch du, o Jungfrau, komm, mir Trost zu geben!
Die Wunden heile, so die Welt mir schlug!
Du - lebe mir! und lasse dir mich leben!
Geliebt zu werden, ach, litt ich genug!

Beglücke mich mit deines Lächelns Schimmer!
Von dir geführt, laß mich durch's Leben gehn!
Nicht ward das Licht genommen mir auf immer;
Komm! zwar in Nacht, kann doch den Tag ich sehn!

Nach Glanz und Ruhm nicht streben meine Lieder;
Und - träfe dennoch mich dies Märtyrthum,
Sei ohne Furcht! nicht halle wieder
In seinem Glücke deines Gatten Ruhm!

In einer keuschen Ehe süßem Bunde
Lass' unser Glück verbergen uns der Welt;
Die Schlange, die sich schlängelt auf dem Grunde,
Ist fremd zwei Vögeln, die der Himmel hält.

Doch füllt mein Leben, schwankend, sturmgetrieben,
O Jungfrau, mit gerechtem Schrecken dich,
Dann fliehe mich, du, die du warst mein Lieben! -
Die du mir Mutter warst, erwarte mich!

Bald werd' ich schlummern auf dem letzten Pfühle,
Beglückt in meiner langen Dunkelheit,
Wenn meinem bald vergeßnen Saitenspiele
Des Wandrers Aug' gleichgült'ge Thränen weiht.

Du - möge nie des Unglücks Hand dich schlagen!
O, sei dein Leben nie von Schmerz getrübt
Um Einen, der gestorben ohne Klagen,
Und der mit so viel Liebe dich geliebt!
(S. 65-68)

Übersetzt von Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Aus: Lyrische Gedichte von Victor Hugo
Deutsch von Ferdinand Freiligrath
Frankfurt am Main Druck und Verlag von Johann David Sauerländer 1845
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Die Wolke

Ueber Thäler und Höhn,
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Durch Flammen und Seen
Wandl' ich, schlüpf' ich überall,
Schneller, als des Mondes Ball.
Shakespeare [Üb. Schlegel]

Die Wolke, Jungfrau, die so still dort ruht,
Sie gleicht den Menschen: - donnernd bald erheben
Wird sie den Sturm, wird sie der Sonne geben
Zurück in Blitzen ihre milde Gluth.

O, daß noch lange eines Engels Odem
Sie schön, wie jetzo, durch den Himmel führt!
Des Himmels Wolke wird ein Nebelbrodem
Der Erde, wenn die Erde sie berührt!

Die Früh' gebiert sie, weil sie schmücken muß
Den Abend, - dann, gebändigt, glühn am Throne
Der Sonne neid'sche Wolken: eine Krone
Von Neidern erst macht groß den Genius.

Losbricht der Sturm, wenn sich das Wetter bricht.
Fast alle sind der Seele Tage trübe;
Allein des Lebens irrende Wolke licht
Vergolden kann die ew'ge Sonn' der Liebe.

Ach, deine Wolke, die so still dort ruht,
Sie gleicht den Menschen: - donnernd bald erheben
Wird sie den Sturm, wird sie der Sonne geben
Zurück in Blitzen ihre milde Gluth.
(S. 72-73)

Übersetzt von Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Aus: Lyrische Gedichte von Victor Hugo
Deutsch von Ferdinand Freiligrath
Frankfurt am Main Druck und Verlag von Johann David Sauerländer 1845
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Wieder Dir

Ahora y siempre
Devise der Pomfret

Dir! immer dir! was sänge sonst die Leier?
Dir Lied der Liebe! Lied der Ehe dir!
Welch andrer Name fachte an mein Feuer?
Von wannen kämen andre Lieder mir?

Dein Aug' erhellt das Dunkel meiner Nächte;
Dein süßes Bild ist meiner Träume Glück;
Im Schatten gehend, hält mich deine Rechte,
Strahlen des Himmels sendet mir dein Blick.

Du flehst für mich mit schützendem Gebete;
Und, schläft mein Engel, so bewacht es mich;
Hör' deine süße Stimm' ich, kühn dann trete,
Das Leben fordernd, in die Schranken ich.

Bist unsern Au'n du keine fremde Blume?
Ruft dir kein Engel: "Komme wieder!" zu?
Tochter des Himmels! seiner Heiligthume
Abglanz, und Echo seiner Lieder du!

Des Tempels Vorhang zu berühren wähn' ich,
Wenn mir dein schwarzes sanftes Auge lacht,
Und, wie Tobias, ruf' mit brünst'ger Thrän' ich:
"O Herr, ein Engel ist in meiner Nacht!"

Als meine Schmerzen sich durch dich entwirrten,
Da fühlt' ich schon, daß mein du würdest; - da,
Dich schauend, stand ich, gleich dem heil'gen Hirten,
Als er zum Born die Jungfrau treten sah.

Ich liebe dich, wie über meinem Leben;
Wie eine Aeltermutter, reich an Rath;
Wie eine Schwester, sorgend mir ergeben;
Ach, wie ein Kind, das man im Alter hat!

So sehr, ach, lieb' ich dich: bei deinem Namen
Schon muß ich weinen! Reich die Erd' an Weh!
Doch Muth! der Baum, zu dessen Fuß wir kamen,
Erhebt die Zweig' in unbekannter Höh'!

O Gott, laß Fried' und Freude bei ihr wohnen!
Trüb' ihre Tage nicht! Herr, sie sind dein!
Du mußt sie segnen! laß die stillen Kronen
Des Glücks die Tugend ihr verlehn!
(S. 89-91)

Übersetzt von Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Aus: Lyrische Gedichte von Victor Hugo
Deutsch von Ferdinand Freiligrath
Frankfurt am Main Druck und Verlag von Johann David Sauerländer 1845
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Ihr Name

Nomen, aut numen!

Der Glanz des Scheins, der Heil'ger Haupt umglühet;
Der Lilie Duft, die Weste lind umwehn;
Des Freundes Klage, der um uns sich mühet;
Das Lebewohl der Stunde, die entfliehet,
Und eines Kusses süß Getön;

Die sieben Farben, welche, wie Trophäen,
Der Sturm zurückläßt auf der Wolke Saum;
Geliebter Züge plötzlich Wiedersehen;
Argloser Jungfraun rein und innig Flehen,
Und eines Kindes erster Traum;

Des fabelhaften Memnon süß Erklingen,
Wenn ihn die Morgenröthe reden hieß;
Entfernter Chöre leis verhallend Singen -
Was es auch geben mag von süßen Dingen,
Ist minder, als ihr Name, süß!

O, sprich ihn aus, wie ein Gebet, ganz leise!
Doch hall' er stets in unserm Lied! - Das Licht,
Das am Altar brennt zu des Ew'gen Preise,
Das Wort sei er, das im geweihten Kreise
Des Heiligthums stets Eine Stimme spricht!

O meine Freunde! eh' mit Flammenlauten,
Zugleich mit Namen, die der Stolz nur kennt,
Verirrten Fluges, diesen Einen trauten
Und keuschen Namen, welchen mir vertrauten
Engel der Liebe, meine Muse nennt:

Muß sich mein Hymnus wie ein Lied erheben
Von denen, welchen auf den Knien man lauscht;
Von seinem Tönen muß die Luft erbeben,
Wie wenn ein Engel im Vorüberschweben
Mit unsichtbaren Schwingen uns umrauscht!
(S. 92-93)

Übersetzt von Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Aus: Lyrische Gedichte von Victor Hugo
Deutsch von Ferdinand Freiligrath
Frankfurt am Main Druck und Verlag von Johann David Sauerländer 1845
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Spaziergang

Sieh' da die Orte, theuer meinem Träumen,
Sieh' da die Wiesen, deren Schmelz ich sang.
Amable-Tastu, die verirrte Leier

Komm! von dem Schleier sei dein Haupt umweht,
Den deine Nadel künstlich hat besä't
Mit Blumen! komm, tritt unter die Platanen!
O komm! wirf über Kaschmir's reichen Shawl,
Der einst verborgen eines Emirs Stahl,
Vielleicht den Busen selber der Sultanen!

Im Abendlichte sieh' der Weiler Rauch!
Er steigt empor und schwindet; - also auch
Seh'n Ehr' und Ruhm wir uns vorübergehen!
Ein thöricht Hoffen läßt uns glänzen hier,
Bald diesen und bald jenen, so wie wir
Dies letzte Licht den Rauch vergolden sehen.

Nah' einem Herzen, welches für mich schlägt,
Wie süß ist es, durch das Gefild bewegt
Zu wandeln, wenn der müde Tag erlischet!
Wie süß, an deiner Hand durch's Thal zu gehn,
Wenn mit des Abendwindes frischem Wehn
Sich deines Odems süßer Duft vermischet!

Für solch ein Glück schwärmt' ich von Kindheit an!
Es zu erringen, was hab' ich gethan!
Und was gelitten! - ohne dich, wo hätte
Ich Frieden, jetzt, wo Alles hadert schier?
Ich wünsche nichts mehr! zu bevölkern mir
Weißt du die Wüsten, und sogar die Städte!

O sieh', ein Stern zeigt nach dem andern sich!
So, wenn des Rauchwerks Düfte feierlich
Ein Schloß durchwehn bei einem großen Feste -
Die Kerze lodert, und die Fackel flammt! -
Sieht vor der Zeit oft auf den reichen Sammt
Man setzen sich die eiligsten der Gäste.

Ein Meteor! - es glüht, und es erblaßt!
So, von geheimen Uebeln rauh gefaßt,
Stürzt jählings oft ein Großer und ein Wackrer!
Die Menge sieht es kalt, und folgt dem Strom: -
Was ist ein Stern, der von des Himmels Dom
Herniederfällt, auf dem Gefild dem Ackrer?

O, du bist nicht so, du, die jedem Leid
Erhabner Seelen eine Thräne weiht!
Du, die da seufzet über den Poeten!
Die für die Opfer leise fleht, und um
Die Henker klagt, und (schweigend, doch nicht stumm!)
An eines Helden ernste Gruft mag treten!

Wenn deinem Blick mit schwarzen Thürmen durch
Den schwarzen Wald sich zeiget eine Burg,
Fern von der Stadt verwirrendem Getreibe:
Dann stehst du still, und zwischen den Creneaux
Des alten Thurms, bewachsen dicht mit Moos,
Sucht und verliert dein Aug' des Mondes Scheibe.

Ich bin es, Liebe, welcher dich gelehrt,
Zu lieben diese Trümmer, wo, bewehrt
Von ihrer Pathin, junge Ritter flehten;
Ich lehrte dich, zu lieben diesen Grund,
Wo einer Fürstin Küsse schon den Mund
Berührten des entschlummerten Poeten.

Doch laß uns gehn! die Dunkelheit bricht an!
O sieh', die Wellen wiegen schon den Kahn,
Der uns nach Hause tragen soll, den schwachen!
Er ist des unbeständ'gen Lebens Bild:
Der Strom der Zeiten schaukelt es, verhüllt
Von tiefer Nacht - der Abgrund trägt den Nachen!

Das Leben flieht mit jedem Augenblick
Zur Ewigkeit; - der Körper bleibt zurück,
Wenn sich der Geist emporschwang in die Lüfte.
So, bei der dunkelrothen Rose Tod,
Sinkt hin ihr Blatt, umsonst vom Morgenroth
Geküßt, und himmelwärts fliehn ihre Düfte!
(S. 113-116)

Übersetzt von Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Aus: Lyrische Gedichte von Victor Hugo
Deutsch von Ferdinand Freiligrath
Frankfurt am Main Druck und Verlag von Johann David Sauerländer 1845
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Gestern die Sommernacht

Gestern die Sommernacht, die freundlich ihre Schleier
Uns lieh - sie war dein werth, so brannten ihre Feuer!
So lieblich war ihr Hauch, ihr Wehn so feierlich!
So plötzlich ließ den Tag, den lauten, sie vertönen!
So mild besprengte sie mit ihres Thaues Thränen
Die Blumen, dich und mich!

Voll Lust, daß meinem Geist der deine sich vermähle,
Saß ich; - du sahst mich an mit deiner ganzen Seele!
Schönheit umwob dein Haupt mit Strahlen lichten Scheins.
Und, ohne daß ein Wort verrieth, was du gesonnen,
Senkte der süße Traum, den erst dein Herz begonnen,
Zu end'gen, sich in meins!

Und ich erhob den Herrn, daß er mich so beglückte;
Daß er die Nacht und dich mit so viel Reizen schmückte;
Daß er, den nimmer noch mein Mund genugsam pries,
Daß er euch schuf, die Nacht und dich, zu meiner Freude,
So voll von Licht und Duft und Murmeln - alle beide
So lieblich und so süß!

O, preis' ihn! Wolle fleh'nd dem Staube dich entraffen!
Er ist's, der dich erschuf, und der die Welt erschaffen.
Er, der mein Herz entzückt, und segnet mein Gesicht!
Er, den in jeglichem Myster man wiederfindet!
Der deiner Augen Licht auf Erden angezündet,
Wie dort der Sterne Licht!

Gott ist es, der die Lieb' in alle Dinge legte;
Sie, die von Anbeginn, was war und ist, bewegte!
Gott auch, durch den die Nacht von Wonnen überfließt!
Und er zuletzt auch, der, daß seine Huld dich kröne,
Auf deinen Leib ausgoß, wie einen Kelch, die Schöne;
Der Lieb' in's Herz mir gießt!

O, laß dich lieben drum! - Die Liebe ist das Leben!
Ihr Fliehn nur überrascht und schmerzt uns, wenn mit beben
Wir unsre Jugend sehn zu Ende neigen sich.
Nichts, was, wo sie nicht ist, besel'ge, strahle, lohne!
Die Schönheit ist die Stirn, die Liebe ist die Krone:
O, lasse krönen dich!

Was eine Seele füllt, ist wahrlich nicht, o glaub' es!
Ein wenig Gold und Ruhm, die nicht'ge Hand voll Staubes,
Die schweißbedeckt der Stolz im Kampfe sich erjagt!
Der Ehrgeiz ist es nicht, der da verscheucht den Frieden;
Der da den bittren Bast der Dinge, die hienieden,
Mit trüber Gier benagt;

Nein, siehst du, es bedarf, zu füllen unsre Seele,
Daß einer andern sie sich inniglich vermähle!
Des glüh'nden Kusses, der auf Lipp' und Busen brennt,
Der Worte, die ein Blick in eines andern Feuer
Kann lesen - jedes Lieds bedarf's der süßen Leier,
Die man das Herze nennt!

Nichts unter'm Himmel giebt's, was sein Gesetz nicht hätte
(Wenn ein geheimes auch,) und seine Ruhestätte,
Die unsrer Triebe Macht uns ewig suchen heißt;
Der Fischer hat den Kahn, daß ihn die Hoffnung fahre;
Der Schwan hat seinen See, die Felswand ward dem Aare -
Die Liebe ward dem Geist!
(S. 316-319)

Übersetzt von Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Aus: Lyrische Gedichte von Victor Hugo
Deutsch von Ferdinand Freiligrath
Frankfurt am Main Druck und Verlag von Johann David Sauerländer 1845
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Weil lechzend meine Lipp' an deinem Kelch gesogen

Weil lechzend meine Lipp' an deinem Kelch gesogen,
Weil meine bleiche Stirn in deinen Händen lag;
Weil deines Odems Duft mein Odem eingesogen,
Weil ich an meiner Brust gefühlt der deinen Schlag;

Weil mir's gegeben ward, daß ich dich sagen hörte
Die Worte, die das Herz ausspricht mit heil'gem Flehn;
Weil, heiß in meines glüh'nd, dein Auge mir gewährte,
Froh lächeln dich zu sehn, und weinen dich zu sehn:

Weil auf mein lockig Haupt, das, ach! nur selten helle,
Ein Strahl schien deines Sterns mit wunderbarem Glanz,
Und weil ich fallen sah in meines Lebens Welle
Ein prangend Rosenblatt aus deiner Tage Kranz;

So kann ich sagen jetzt: - Vorüber, flücht'ge Jahre!
All' eure Blumen schon sind welk! ich bin ein Mann,
Der nimmer älter wird, der eine wunderbare
Blum' in der Seele trägt, die keiner brechen kann!

Streift euer Flügel auch, doch bricht er nicht, der rasche,
Die Schale, deren Born mir ew'ge Labe beut;
Mehr Gluth hat meine Seel', als ihr besitzet Asche;
Mehr Liebe hat mein Herz, als ihr Vergessenheit!
(S. 326-327)

Übersetzt von Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Aus: Lyrische Gedichte von Victor Hugo
Deutsch von Ferdinand Freiligrath
Frankfurt am Main Druck und Verlag von Johann David Sauerländer 1845
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Die arme Blume

Die arme Blume sprach zum Schmetterlinge:
Flieh' nicht! uns fiel
Ein zweifach Loos; du ziehst auf flücht'ger Schwinge,
Ich haft' am Stiel!

Und dennoch lieben, fern der Menschen Neide,
Einander wir!
Wir gleichen uns; man sagt uns: alle beide
Seid Blumen ihr!

Doch, ach! du folgst der Lüfte mildem Wehen;
Mich hält der Strauch!
Wie gerne schickt' ich in die blauen Höhen
Dir meinen Hauch!

Umsonst! du flatterst rastlos auf den Matten,
Gibst Kuß auf Kuß;
Indeß ich, trauernd, einsam meinen Schatten
Betrachten muß!

Du fliehst, kommst wieder, zeigst auf jedem Beete
Des Fittigs Glanz,
Und findest mich bei jeder Morgenröthe
In Thränen ganz!

O du, mein König, soll die Lieb' uns bringen
Glück, Wonne, Rast:
Gleich mir dann wurzle, oder gib mir Schwingen,
Wie du sie hast!

Zuschrift an . . . . . . .

Rosen und Falter, alle sie einst einen
Im Grabe sich.
Warum erst dann? Im Leben, sollt' ich meinen! . . . . .
Wir beide? - sprich!

Sei's hoch im Licht, wenn lieber dessen Spuren
Dein Flug begrüßt;
Sei's auf der Flur, wenn gern sich auf den Fluren
Dein Kelch ergießt!

Wo dir's gefällt! Im Thal und auf dem Hügel
Und in der Luft!
Gleichviel, ob du Korolle bist, ob Flügel,
Glanz oder Duft!

Doch Eins thut Noth: Beisammensein! - O werde,
Die mich beglückt!
Dann kann man wählen, Himmel oder Erde,
Wie es sich schickt!
(S. 336-338)

Übersetzt von Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Aus: Lyrische Gedichte von Victor Hugo
Deutsch von Ferdinand Freiligrath
Frankfurt am Main Druck und Verlag von Johann David Sauerländer 1845
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