Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Henrik Ibsen (1828-1906)

(In der Übersetzung von Christian Morgenstern,
Ludwig Fulda, Max Bamberger und Emma Klingenfeld)



Eine Vogelweise

Wir wandelten im Lenz einst
Im Park für uns so fort;
Lockend wie ein Geheimnis
War der verbotene Ort.

Die lauen Weste fächelten,
Der Himmel war so blau;
Hoch in der Linde saß und sang
Des Sperlings junge Frau.

Ich malte Dichterbilder,
Wie Regenbogen bunt;
Zwei braune Augen hingen
Leuchtend an meinem Mund.

Mit Wispern und mit Lachen
Flog's ob uns hin und her; -
Doch wir, wir sagten: Schatz, fahrwohl!
Und sahn uns nimmermehr. -

Und wandr' ich jetzo einsam
Den Lindengang im Park,
So macht's das kleine Federvolk
Mir manchmal schier zu arg.

Frau Sperling hat behorcht uns,
Dieweil wir blind geschwätzt,
Und hat auf uns ein Lied gemacht
Und in Musik gesetzt.

Und alle singen's nach nun;
Es ist kein Zweig im Hag,
Da nicht ein Nasweis trällerte
Von jenem lichten Tag.
(S. 6-7)

Übersetzt von Christian Morgenstern (1871-1914)
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Mit der Wasserlilie

Sieh die Blume, die ich bringe,
Teure, mit der weißen Schwinge.
Auf des Waldsees Flut geboren,
Schwamm sie lenz- und traumverloren.

Soll ihr Herz nicht heim verlangen,
Laß an deiner Brust sie prangen;
Unter ihren Blättern wollen
Tiefe, stille Wogen rollen.

Hüte dich, an Seen zu säumen!
Hüte dich, dort lang' zu träumen!
Lauernd wacht der Neck im Dunkeln; -
Lilien im Lichte funkeln.

So an Busen dir zu säumen! -
Doch wer dürfte lang' dort träumen! -
Lilien im Lichte funkeln; -
Lauernd wacht der Neck im Dunkeln.
(S. 12)

Übersetzt von Christian Morgenstern (1871-1914)
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Mein junger Wein

Du fühltest dich, als jungen Wein,
In mir, als Tonne, pochen.
Du duftetest süß, du perltest fein,
Du gärtest heiß, und du warst mein; -
Da ward der Prozeß unterbrochen.

Es stahl mir meinen Wein ein Wicht;
Der Rest gärt wie höllische Flammen.
Doch knall' ich dir nicht ins Gesicht;
Ich explodiere, Liebchen, nicht, -
Ich falle bloß zusammen.
(S. 17)

Übersetzt von Christian Morgenstern (1871-1914)
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Gepriesen sei das Weib!
(Zu einem Sängerfest)

Sommer im Sinn, so fuhren wir hin durch Fjord und Sund;
Lebensmut hob unsre Herzen von Grund.
Im blütenweißen Hag,
Im hellen Finkenschlag
Dieselbe verlangende Leidenschaft, -
Sehnsucht zum Licht voll Jubel und Kraft!

Ja, des Sängers Gemüt ist der Birke im Frühling gleich;
Gärenden Saftes in jeglicher Ader reich;
Bis endlich dann den Ast
Sein Laubkranz hält umfaßt;
Sieh, da schlug aus im Lied seiner Fülle Not; -
Sehnsucht zum Licht ist des Lebens Gebot.

Doch dort in dem leuchtenden Land ist des Weibes Heim;
Wem wohl denn ihr verdankt er des Liedes Keim!
Zu ihr drum klinge voll Glück
Das reife Lied zurück!
Preis dem Weib, wo da wallt des Gesanges Flut;
Preis unsrer Sonne voll Glanz und Glut!
(S. 29)

Übersetzt von Christian Morgenstern (1871-1914)
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Agnes
(Aus "Brand")

Agnes, mein reizender Schmetterling
Bald hab' dich Flüchtling ich wieder!
Ein Fangnetz knüpf' ich, mit Maschen dicht,
Und die Maschen, das sind meine Lieder!

"Bin ich ein Schmetterling zierlich und hell,
So laß mich vom Heidekraut naschen;
Und bist du ein Bursch, dem Spielen gefällt,
So darfst mich nur jagen, nicht haschen!"

Agnes, mein reizender Schmetterling,
Da sind die Maschen gesponnen!
Nun hilft dir wohl nimmer dein flatternder Flug, -
Nun hab' ich dich balde gewonnen!

"Bin ich ein Schmetterling jung und fein,
So wieg' ich mich wonnig im Winde;
Doch fängst du mich in dein Fangnetz ein,
So mach' mir die Flügel nicht blinde!"

Nein, auf die Hand will ich setzen dich zart
Und in mein Herz einschließen;
Dort magst du flattern dein Leben lang
Und ewiger Sonne genießen!
(S. 47)

Übersetzt von Christian Morgenstern (1871-1914)
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Stammbuchreim

Vom Glück ein Grüßen nannt' ich dich,
Den schönsten meiner Sterne.
Du wardst denn auch ein Gruß für mich
Vom Glück, der nahte wie entwich,
Ein Stern, - ein Meteor, das sich
Verlor in Nacht und Ferne.
(S. 48)

Übersetzt von Christian Morgenstern (1871-1914)
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Auf den Höhen

I.
Nun flugs den Rucksack umgehängt,
Den Stutzen von der Wand,
Und Thür und Laden zugezwängt
Mit Pflock und Weidenband.
Dann noch zur Mutter drüben schnell,
Wir sind ja Nachbarn schier,
Ein Handschlag zum Lebwohl, ein hell:
"Bald bin ich wieder heim vom Fjäll!
Solange - Gott mit dir!"

Vom Dorf ab biegt der Bergweg schmal,
In Hochwald geht's hinein;
Doch hinter mir ruhn Fjord und Thal
Im Mondendämmerschein.
Des Nachbars Hof lag wie im Traum,
Als ich vorüberstrich;
Doch weiter, unterm Lindenbaum,
Hielt Linnentuch und Landessaum
Zwiesprache, wonniglich.

Da lehnt' in ihrem weißen Lein
Mein Lieb am dunklen Stamm.
Sie war so zart, so frisch, so fein,
Wie Farren hoch vom Kamm.
Halb lacht' ihr liebes Auge mir,
Halb sah's voll Schalkgeleucht; -
Ich lachte mit. "Ich werde dir -!"
Ein Satz: - und stand auch schon bei ihr!
Doch da war 's Aug' ihr feucht.

Ich schlang den Arm um ihren Leib;
Da ward sie bleich und rot;
Ich nannte sie mein liebes Weib;
Ihr Busen flog voll Not.
"Jetzt bist du mein, du Liebste, du!
Mit Leib und Seele mein!"
Sie blickt', ich glaub', auf ihren Schuh;
Leis flüsterte das Laub dazu:
So bebt' ihr Linnen, fein.

Sie bat so schön; ich ließ sie los;
Wir scherzten wie vorher;
Allein was war mir solch Gekos!
Mein Sinn verlangte mehr.
Ich bat so schön; ihr Herze schwoll, -
Sie war nur halb mehr taub;
Mir schien der Wald wie Singens voll
Von Elbenvolk und Neck und Troll
Und Lachens unterm Laub.

So ging's hinauf den Bergweg schmal,
So ging's ins Holz hinein;
Tief unter uns lag Fjord und Thal
Im Mondendämmerschein.
Ich saß so heiß, sie saß so müd
Des Abgrunds Rande nah;
Es wob um uns wie schwüler Süd; -
Ich weiß nur noch, wie ich geglüht,
Nicht mehr, wie es geschah.

Ich schlang den Arm um ihren Leib,
Die an der Brust mir lag; -
So freite ich mein junges Weib
Zum Lied des Neck im Hag.
Ob Draugvolk lachte, da sie mein,
Das schuf mir wenig Weh;
Mich irrte keines Gnoms Gegrein, -
Ich sah nur sie, so zag und fein,
Und zitternd wie ein Reh.


II.
Ich lag auf nacktem Fels und sah
Den jungen Tag erblühn
Und all die Gipfel fern und nah
In lautrem Purpur glühn.
Von unten grüßt mit Scheiben, blank,
Der Hof der Mutter her;
Dort litt und stritt sie sonder Wank,
Dort ward mein Sinn so frisch und frank, -
Gott weiß, was sonst noch mehr.

Sie ist schon auf; zum Blauen, rein,
Erhebt der Rauch die Bahn;
Sie geht wohl jetzt, den bleichen Lein
Zu gießen, auf den Plan.
Ja, treib' du nur dein Tagwerk hell,
Drauf Gott voll Liebe schaut!
Vom Renntier auf dem wilden Fjäll
Erbeut' ich dir ein wacker Fell,
Und zwei, drei meiner Braut.

Ja, wo ist sie? Sie liegt gewiß
In bunter Träume Bann.
Was dir die Nacht gebracht, vergiß; -
Im Traum nur denk' daran!
Doch bist du wach, so bann' es weit;
So macht es uns nicht bang.
Bald kehrt zurück, der dich gefreit;
Web' Lein und näh' dein Hochzeitskleid;
Der Kirchweg ist nicht lang!

Wie fällt von dem zu scheiden schwer,
Den man von Herzen liebt! -
Doch Sehnsucht ist ein läuternd Meer,
Das neue Kraft mir giebt.
Die eine Nacht hat mich geheilt,
Mein böser Geist entwich;
Ein Leben, schuld- und reugeteilt,
Solch Leben, drauf kein Segen weilt, -
Ich werf' es hinter mich.

Was Dunkel in mir mächtig sah,
Im Lichte ward's zu Spott;
Ich bin so frisch, ich steh' so nah'
Mir selbst und meinem Gott!
Ein Blick auf Berg und Fjordnatur
Noch übern Hochwald schnell, -
Und dann bergan die Renntierspur!
Weib! Mutter! Auf ein Kleines nur!
Und jetzt empor aufs Fjäll!


III.
In düstern Feuern lag entbrannt
Der Gipfel Abendwelt;
Doch überm Thalrest stand gespannt
Ein dichtes Wolkenzelt.
Mein Fuß war müde, trüb mein Mut,
Mein Auge matt und blind;
Doch überm Abgrund, dran ich ruht',
Hing Heide, roten Scheins wie Blut,
Und bebt' im Abendwind.

Ich pflückt' ein Büschel Heidekraut
Und band's am Hut mir fest;
Dicht bei mir stand ein Strauch, da baut'
Ich mir die Nacht mein Nest.
In meinem Hirn war ein Gesumm,
Als ob's ein Kirchweg sei;
Das trat zusammen, sah sich um,
Das hielt Gericht, das nickte stumm
Und schritt dann still vorbei.

Wär' ich dir nah zu dieser Stund',
Du Blume, die ich brach, -
Ich legte, wie ein treuer Hund,
Mich vor dein Schlafgemach.
Ich taucht' in deiner Augen Born
Und wüsche dort mich rein:
Dem Troll, der mir den Sinn verworrn
Bei deines Vaters Hof, voll Zorn
Schlüg' ich das Haupt ihm ein!

Aufspräng' ich siegesglühend dann
Und säng' zu Gottes Ohr
Um ew'gen Sonnenschein fortan
Für dich, mein Lieb, empor!
Doch nein, so spricht, wer sich vergißt,
Wo bliebe da mein Part?
Ich weiß und will, was besser ist,
Und darum, Gott, wenn gut du bist:
So mach' ihr's schwer und hart!

Den Bach laß schwellen, wo sie naht,
Mach' schmal und glatt den Steg,
Gieb, daß Geröll ihr droh' vom Grat,
Mach' steil den Säterweg;
Ich trag' sie hoch auf meinem Arm,
Wie toll's die Flut auch treibt;
Ich bett' sie mir am Herzen warm, -
Versuch's, und stürz' sie dort in Harm!
Woll'n sehn, wer Sieger bleibt!


IV.
Weit von Süden ist er kommen,
Kommen über Meer und Firne;
Wie von Nordlichtschein umglommen
Leuchtet ihm die schwere Stirne.

Wenn er lacht: wie Schluchzen stöhnt es;
Schweigend: redet seine Lippe;
Doch wovon? Vertrauter tönt des
Windes Lied um Wald und Klippe.

Seine kalten Augen drohen
Ihren Grund so schlecht zu wissen
Wie der schwarze See, vom hohen
Firn geboren und umrissen.

Spähende Gedankenaare
Kreisen über seiner Glätte.
Aber flüchten sie, verwahre
Schnell dein Boot an sichrer Kette!

Trafen auf den Höhn uns droben,
Ich bewaffnet, er mit Hunden!
Haben Arm in Arm geschoben, -
Wollt', ich hätt' ihn nie gefunden.

Warum folgt' ich ihm verblendet?
Hätt' ich ihn nicht fliehen sollen?
Ach, er hat mir schier entwendet
Selber noch die Kraft, zu wollen!


V.
"Warum sehnst du dich nach deiner
Mutter, nahn die Abendschatten?
Dünkte dich dein Fell ein feiner
Lager als der Sammt der Matten?"

Mit mir und der Katze saß dort
Mutter auf des Bettes Rande,
Spann und sang, bis ich vergaß Ort,
Zeit um ferne Traumeslande.

"Träumen, träumen, warum träumen?
Handle doch im Tag, im lichten,
Laß des Lebens Kelch dir schäumen,
Laß das Träumen, laß das Dichten!"

"Sieh den Renntierbock, den schnellen!
Hinterdrein, durch Wind und Wetter!
Lockt's dich da noch, zu bestellen
Drunten Äcker, hart wie Bretter?"

Doch ich höre Glocken klingen,
Locken über Land und Buchten!
"Laß sie klingen! Besser singen,
Gießbachwasser in den Schluchten!"

Fromm ihr Buch ins Tuch geschlagen,
Geht mit Mutter sie zur Predigt.
"Besseres, denn Kirchgangfragen,
Werde, Mann, von dir erledigt!"

Wie die Orgel drinnen brauset,
Wie das Licht am Altar schimmert!
"Besser Sturm um Gipfel sauset,
Besser Eis in Sonne flimmert!"

Nun, so komm! In Wind und Wetter
Übers weiße Meer der Firnen!
Habe Dank, mein kluger Retter!
Baden wir in Sturm die Stirnen!


VI.
Herbst. Das Vieh der letzten Weiden
Zieht zu Thal mit Glockenschalle,
Muß von Berg und Freiheit scheiden,
Muß nun wieder stehn - im Stalle.

Bald nun wird des Winters Kleid sein
Faltig Tuch auf alles senken;
Bald wird jeder Pfad verschneit sein; -
Heim muß ich den Schritt nun lenken.

Heim? Ein Heim hab' ich besessen,
Bin nicht mehr von jener Erden.
Er hat mich gelehrt vergessen,
Selber lehrt' ich hart mich werden.

Was des Alltags Herz beschäftigt,
Hat sich selbst den Tod erlesen;
Hier erst ward mein Geist gekräftigt,
Nur auf Höhen wächst mein Wesen.

In des Säters öden Planken
Samml' ich meine reichen Schätze;
Dort für einsame Gedanken
Sind an Herd und Fenster Plätze.

Um geht's dort, wenn Nacht sich senkte,
Doch bereit stehn kluge Schützen.
Seit er mir die Tarnkapp' schenkte,
Kann dem Volk sein Spuk nichts nützen.

Winterleben, hoch im Eise,
Stählt verweichlichte Gedanken;
Keines Vogels Märchenweise
Macht dir dort das Herz erkranken.

Bin ich ganz in Stahl getrieben,
Hol' ich mir die zwei vom Thale,
Lehr' sie meinen Werktag lieben,
Führ' sie ein im Hochlandssale.

Lehr' sie meine neue Weisheit,
Bis sie übers Drunten lachen;
Bald wird ihnen der im Eiskleid
Dräu'nde Firn kein Graun mehr machen.


VII.
Hier nun saß ich lange Wochen;
Kann die Einsamkeit nicht tragen;
Von Erinnrungsweh zerbrochen,
Kann ich länger nicht entsagen.

Muß zu Braut und Mutter nieder,
Mir die Brust vom Druck befreien;
Morgen sieht mein Reich mich wieder:
Heimatland im Lenz von - dreien.

Fort denn, fort! - Hu, Schneesturmböen!
Wär's zu spät denn ohne Gnade? -
Winter wirbelt um die Höhen,
Und verschneit sind alle Pfade.


VIII.
Wochen vergingen. Ich ward wieder ich.
Sein Heimweh ließ den Verwaisten.
Unter faltiger Decke der Bach hinschlich,
Der Mond hob rund übern Gletscher sich,
Und die Sterne glänzten und gleißten.

Es ward mir zu dumpf im Säter allein,
Wenn der Tag zur Rüste sich neigte;
Ich kann nun einmal nicht im Bauer gedeihn,
Ich lief übern Grat, bis der stürzende Stein
Den drohenden Abgrund mir zeigte.

In der gähnenden Tiefe lag still das Thal;
Da kam ein Tönen gegangen -.
Ich horchte. Wie traut es herauf sich stahl!
Wo hört' ich die Weise doch schon einmal? -
Da wußt' ich's: Die Glocken klangen!

Sie läuterten drunten Weihnacht ein
Mit den alten heimischen Glocken.
Ein Licht erglänzte beim Nachbar mein;
Der Mutter Fenster giebt hellen Schein; -
Wie seltsam die Strahlen mich locken!

Mein Heim, so ärmlich und doch so traut,
Was wußt' es mir nicht zu erzählen!
Hier stand ich von Nacht und Schweigen umgraut,
Dort unten lebten mir Mutter und Braut, -
Mich durfte wohl Sehnsucht quälen.

Da meint' ich den Hals mir wie zugeschnürt:
Genaht war der Schütze, der grause.
Er hatte gewahrt, was ich heimlich geschürt:
"Ich sehe, mein junger Freund ist gerührt; -
Ach ja, das liebe Zuhause!"

Und wieder stand ich mit stählender Sehn'
Und fühlte die Schwäche bezwungen.
Die Brust mir kühlte des Höhensturms Wehn,
Sie soll mir nie mehr in Flammen stehn
Von Weihnachtserinnerungen!

Da ward's, als ob der Fenster Licht
Den Dachstuhl selbst bedrohe;
Erst war's, wie wenn ein Tag anbricht,
Dann quoll der Rauch in Wolken dicht,
Und dann kam die rote Lohe.

Es prasselt' und brannt' in die Nacht hinaus.
Ich schrie. Doch der Schütz war am Platze,
Mich lächelnd tröstend: "Warum so kraus?
Was brennt denn weiter! Ein altes Haus
Mit Weihnachtsbier und Katze."

Er sprach so klug in all meiner Not,
Daß Schauder mein Blut durchschreckten:
Er wußte, wie trefflich der Gluten Rot
Dem silbernen Mondlicht Gelegenheit bot
Zu feinsten Beleuchtungseffekten.

Er hielt die hohle Hand sich vor -
Der Perspektive wegen;
Da schwoll Gesang die Nacht empor:
Der Mutter Geist, in der Engel Chor,
Flog ewigem Frieden entgegen:

"Still littst du, ludest still dir auf,
Still schrittst du durchs Gewimmel;
Nun tragen wir dich so sanft hinauf,
Hoch übers Fjäll in der Seligen Hauf,
Zu Weihnachtsfreuden im Himmel!"

Ich schleppte mich heim. Der Mond war bedeckt,
Hinweg mein spöttischer Richter;
Mein Blut war von Frost und Hitzen durchschreckt, -
Doch es läßt sich nicht leugnen, es war Effekt
In dem doppelten Spiel der Lichter!


IX.
Es lag der Tag von St. Johann
Heißflimmernd über der Erde;
Zu einer Hochzeit läutete man,
Tief drunten zog des Wegs heran
Viel Volks zu Fuß und Pferde.

Beim Nachbar Büchs' und Böller kracht',
Von Wimpeln flog die Linde,
Der Hof war voll, es war eine Pracht;
Doch ich lag zuäußerst am Abgrund und lacht',
Und die Thränen brannten im Winde.

Mir klang's wie Höhnen hundertfalt,
Wie Lachen aus voller Lunge;
Mir schein's, als käm' ein Spottlied geschallt;
Ich lag überm Abgrund, in Heide gekrallt,
Und biß mich auf die Zunge.

Man ritt vom Hof, ein stattlicher Troß,
Hoch saß die Braut, wie im Traume;
Weit über die Lenden ihr Goldhaar floß;
Leuchtend - wie, da sie mein Arm umschloß
Den Abend am Lindenbaume.

Den Steg überritten sie Schritt für Schritt,
Dicht aneinander, die beiden. -
Da ward mein Herz seiner Sorge quitt,
Da kam's, daß ich den Sieg erstritt;
Ich hatte nicht mehr zu leiden.

Ich stand wie aus Stahl an des Abgrunds Rand
Ob all dem Sommergetriebe.
Der Zug sah aus wie ein funkelndes Band, -
Ich hielt vor's Auge die hohle Hand,
Der Perspektive zuliebe.

Die flatternden Tücher, das schimmernde Lein,
Der Männer Wämser, die roten.
Die Kirche mit ihrem Gnadenwein,
Die Braut, die holde, die einst war mein,
Und das Glück, das mich warf zu den Toten, -

Auf all das konnt' ich nun ruhig sehn,
Als wie aus weitesten Weiten:
Ein höherer Glanz schien das Bild zu umwehn,
Doch seht, das können nun nie verstehn,
Die drunten im Haufen schreiten.
(S. 90-103)

Übersetzt von Christian Morgenstern (1871-1914)
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Dank
An meine Frau

Ihr Schmerz war, wenn Nächte
Den Pfad mir verhüllt,
Ihr Glück, wenn die Mächte
Mein Hoffen erfüllt.

Ihr Heim am dem Meere
Der Freiheit liegt,
Auf dem meine Fähre
Sich spiegelt und wiegt.

Ihr Kreis ist der schwanken
Erscheinungen Troß,
Der meinen Gedanken
Geflügelt entsproß.

Ihr Höchstes ist, walten
Der Glut meiner Brust; -
Was stark mich erhalten,
Hat niemand gewußt.

Und weil ihre Treue
Stets still sich beschied,
So grüß' und erfreue
Zum Dank sie dies Lied.
(S. 106)

Übersetzt von Christian Morgenstern (1871-1914)
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Die Erinnerungsquelle
1849

In die Wellen des Baches starrt hinab
Ein Mägdlein zur Abendstunde;
Die dunklen Wälder spiegeln sich ab
Unten im tiefen Grunde.

Wehmütig lächelt ihr Angesicht,
Als heg' es ein heimlich Verlangen;
Doch die Welle, die muntre, sie weilet nicht,
Von laubigen Ufern umfangen. -

Hier ruhte sie oft als schuldloses Kind -
Da sah sie ein Bild in den Wogen:
Ein Jüngling winkte und lächelte lind;
Längst ist die Erscheinung verflogen. -

Ach, nun ist sie groß, und taucht in das Glück
Der Kindheit auch oft sie nieder,
Es kommt doch nimmer, nimmer zurück;
Nie kehrt die Erscheinung wieder! - -

Doch hält an der Quelle sie gerne Rast,
Und ihre Thränen rinnen;
Vom Nachtwind gekräuselt, ohne Hast
Plätschern die Wogen von hinnen.

Ein seltsamer Strahl des Mondes scheint
Dort von dem gewölbten Bogen;
Sie starrt in die Tiefe hinab und meint,
Das Bild zu schaun in den Wogen. -
(S. 180)

Übersetzt von Ludwig Fulda (1862-1939)

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Der Herbstabend
1849

Sieh, es dunkelt rings; der Regen
Prasselt an die Fensterscheiben,
Mischt sich mit des Sturmes Treiben,
Während übern Himmel fegen
Dunstgestalten, Geistern gleiche
Aus des Todes stummem Reiche;
Donner hallt wie dröhnend Erz,
Und sie kommen und zerstieben,
Flücht'ger, als an einstig Lieben
Denkt ein treues Mädchenherz.

Meinem Ofen dicht gesellt
Starr' ich in der Flamme Schimmer;
Schwach erleuchtet sie das Zimmer,
Doch mir ist sie eine Welt.
In der Kohle dunklen Spalten
Seh' ich meine Traumgestalten
Sich ein Feuerschloß erbau'n;
(Dorten mag es mir gefallen;
Denn in dieses Schlosses Hallen
Kann ich Mädchentreue schau'n!)

Ha, welch Wunder darf ich sehn! -
Wollen meine Kindertage,
Die ich tief im Herzen trage,
Leibhaft wieder auferstehn?
Oder wird der Schleier - gerne
Säh' ich das! - vor dunkler Ferne
Jählings weggerollt im Nu
Durch des Zauberwindes Fächeln?
Winkt mir Skuldas mildes Lächeln
Schicksalvolle Grüße zu? - -
- - - - - - - - - - - - - - -

Doch der Traum wird mir verkürzt,
Und zu kalten Wirklichkeiten
Weckt mich auf des Regens Gleiten -
Mein Palast ist eingestürzt.
Ach, wie einsam wird's und schaurig!
Solche Stunde, trostlos traurig,
Drückt das Herz mit Bleigewicht,
Das es nachforscht, was ihm fehle.
Sucht's Gesellschaft? Einer Seele.
Die verstimmt ist, frommt sie nicht. - -

Ja, auch ich, wie alle Welt,
Hab' ein Liebchen mir erlesen!
Aber ach, kein irdisch Wesen
Ist's, das mich umschlungen hält;
Nur der Sehnsucht Luftgebilde,
Unerreicht im Traumgefilde,
Und für mich erreichbar kaum!
(Ja, wenn meine Liebesdränge
Einst erstickt in Herzensenge,
Nur, wie sie, ein schöner Traum! -)

Ha, du wähnest, daß mein Lieb'
Einer ird'schen Jungfrau gleiche,
Daß im Wirklichkeitsbereiche
Lebt, was ich an ihr beschrieb?
Daß ich die gedankenvolle
Stirn von dieser leihen wolle,
Und von jener das Gesicht
Und die schmachtende Gebärde?
Nein, ich nahm von dieser Erde
Ihres Bildes Züge nicht.

Meines Herzens Ideal,
Komm, mich zärtlich zu bestricken;
Bring' mit deinen sanften Blicken
Kühlung meiner Sehnsuchtsqual,
Die das Herz mir will verzehren,
Die mein Traum wird ewig nähren,
Deren bangem Klagelaut
Nimmer wird Erlösung werden,
Bis begegnet mir auf Erden
Meiner Träume Geiserbraut! -
(S. 184-186)

Übersetzt von Ludwig Fulda (1862-1939)

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Vakante Wohnung
1850

Liebe Kleine, willst du nicht
An ein treues Herz dich schmiegen?
Eine Kammer warm und licht
Hab' ich dort als Wohnung liegen.
Sieh, ich bin ein armer Wicht
Und so einsam, - es gebricht,
Glaube mir, du holdes Schätzchen,
Für uns beide nicht am Plätzchen.

Manches Mädel trat durchs Thor
En passant, wie um zu mieten;
Doch nur leerer als zuvor
Ward es hier durch die Visiten.
Hatte sie den Knix gemacht,
Ihr "schön Dank" hervorgebracht,
War vergessen sie in Eile, -
War vermehrt die Langeweile.

Nein, so geht's nicht länger mehr,
Das betracht' ich als gegeben!
Hast du Lust, so komme her,
Schließ Kontrakt mit mir fürs Leben.
Eins noch setzen wir hinein, -
Komm nur, komme nur herein! -
Nämlich: wir sind Hausgenossen,
Eh' der Tag den Lauf beschlossen.

Meine Stube ist kein Saal
Für gesellschaftliches Lärmen.
Schlicht, so nett im Sonnenstrahl,
Wie im Winter gut zu wärmen.
Ein Porträt nur - meins - ist dort;
Kommst du, lasse ich sofort
Ihm zur Seite einen kleinen,
Lieben Engelskopf erscheinen.

Und die Stube wird geputzt,
Renoviert, der Staub soll schwinden,
Nicht mehr werd' ich abgenutzt,
Trist und kalt die Räume finden.
Alles sonntäglich und licht,
Unser Leben ein Gedicht!
Und als Glanz, der ihm beschieden,
Soll mein Herz dein Glück umfrieden.
(S. 213-214)

Übersetzt von Max Bamberger (1846-1929)

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Mondscheinwanderung nach einem Ball
1850

Horch, wie stille! Aus dem Saale schallt nicht mehr der Freude Klingen;
Keinen Ton, kein Flüstern hör' ich durch die nächt'ge Stille dringen.

Weit im Westen wirft das Mondlicht seinen Schein, und glanzumflossen
Ruht die Erde sanft in Träumen, wo des Schneefelds Lilien sprossen.

Ball und Tanz sind nun zu Ende; stillem Sinnen hingegeben,
Seh' die schönste der Sylphiden ich noch durch die Räume schweben.

Bald wird, wenn der Mond gesunken, zu des Träumereichs Gestaden
Frei dahin die Seele gleiten, mit Erinn'rung reich beladen.
(S. 221)

Übersetzt von Emma Klingenfeld (1846-1935)

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Aus: Henrik Ibsens Sämtliche Werke
in deutscher Sprache
Erster Band: Gedichte Deutsch vom Christian Morgenstern,
Emma Klingenfeld, Max Bamberger.
Nachtrag zu den Gedichten. Deutsch von Ludwig Fulda,
Emma Klingenfeld, Max Bamberger
Prosaschriften. Reden. Catilina.
Deutsch von Christian Morgenstern
Berlin S. Fischer Verlag 1903




 

 


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