Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Bernhard Severin Ingemann (1789-1862)

(In der Übersetzung von Edmund Lobedanz und August Graf von Platen)



Die verlassene Seejungfrau

Undine wandert am grünen Strand,
Des Bräutgams harrend, der jüngst verschwand.

Ihre Augen sind blau, wie das weite Meer,
Wie Bernstein die seidenen Locken schwer.

Es glich ihr Gewand dem blumreichen Gras,
Doch immer und immer war es naß.

Wie Lilien des Feldes war weiß ihre Wang',
Wie Mondschein ihr Lächeln dich lind durchdrang.

Sie gab einem Ritter der Liebe Wort,
Mit ihm wollt' sie wandern fort und fort.

Durch ihn ist sie worden seinen Schwestern gleich,
Nur feucht blieb der Schleier, vom Wasser reich.

Eine ewige Seele sie auch gewann,
Ja selber Erlösung schenkt ihr der Mann.

Doch nun weint die Maid an dem grünen Strand,
Denn ach, der Bräutigam jäh verschwand.

Von Schilf sie sich flicht einen Todtenkranz,
Auf dem Meere beginnt ein seltsamer Tanz.

Sie singt unter Thränen von tiefem Weh
Und tanzt im Mondschein auf weiter See.

Mein Bräutgam, was ließ'st du dein Lieb in Noth?
Ach, diese Stund' soll dir bringen den Tod.

Jetzt läßt du mit einer Andern dich trau'n,
Noch heute sollst du den Himmel schau'n.

Unser Bund ist ewig! Auf Wiederseh'n!
Jetzt fahr' ich durch Wogen in Sturmeswehn;

Ich schwimme dahin, aber bar der Lust,
Ich weine und singe mit wunder Brust!

Ja, auf jede Küste weint Thränen dein Lieb,
Du falscher Bräutgam, dir Gott vergieb!


übersetzt von Edmund Lobedanz (1820-1882)

Aus: Album Nordgermanischer Dichtung
von Edmund Lobedanz
Erster Band: Album Dänisch-Norwegischer Dichtung
Leipzig 1868 Verlag von Albert Fritsch (S. 92-93)

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Ballade

Ein Ritter, so männlich, so keck und so hold,
Mit blankem Stahlharnisch und Helm von Gold,
Ritt eilig auf schnaubendem Renner herfür,
Dann hielt er vor Lynalils ruhiger Thür.

Ueber Berg und See ich komme gejagt,
Zu sehn und zu lieben die holdeste Magd.
Willkommen! Und als sie den Gruß ihm entbot,
Bedeckte die Wangen ein fliegendes Roth.

Ueber Berge und Seen ich komme gejagt,
Zur Braut mir zu kiesen die holdeste Magd!
Als Lynalis Blick auf dem Fremdlinge ruht,
Da ward ihr, ich weiß nicht, wie seltsam zu Muth'!

Ueber Berge und Seen ich komme gejagt,
Dich Lyna zu freien, die holdeste Magd,
Und schwur als ich dir mich auf immer geweiht
Zu freien dich oder zu fallen im Streit.

Mit bangender Seele das Mädchen stand,
Bald roth wie die Rose, bald blaß wie die Wand.
"Flieh', seufzte sie, flieh' nur, mich bindet die Pflicht,
Meine Hand und mein Herz, sie gehören mir nicht.

Ein Jüngling mein Trauter von Kindheit an war.
Er hatte dein Auge, doch lichteres Haar.
Sein Mund zwar ist dein, doch die Stimme war zart
Er hatte dein Kinn, aber flaumigen Bart.

Weit hat er sich um in der Ferne geschaut,
Bald kehrt er zurücke zur liebenden Braut,
Schon siebenmal kreiste das langsame Jahr,
Bald kehrt er, der lieb mir von Kindheit war."

O Mädchen, dein Lieben war Scherz nur und Tand,
Die Kindheit, die kindische Liebe verschwand:
Trau nicht dem unbärtigen Freunde so sehr,
Er kommt ja nicht wieder, er kommt ja nicht mehr.

O nein, o Fremdling, er stürbe bevor,
Eh' treulos er bräche, was heilig er schwor,
Er grub auf die Brust meinen Namen sich ein,
Doch innen, da strahlt er in ewigem Schein.

So will ich denn fliehen und halten den Eid.
Den Tod in dem Kampfe mir suchen, o Maid!
Und stellt sich im Traum ein Gerippe vor dich,
Dann wein' eine Thräne, denn das bin ich.

Und langsam fort wandert der Ritter so hold
Mit blankem Stahlharnisch, den Helm von Gold:
Ach, Fremdling, ach bleib' doch! - ich liebe - doch flieh!
Flieh'! Bleibe! nein, flieh' nur, ich liebte dich nie!

Froh kehrte zurücke der Ritter so hold,
Weg warf er den Harnisch, den Helm von Gold:
"Trau nur auf des Freundes beharrlichen Sinn,
Doch kehrt er nicht wieder mit Flaumen am Kinn.

Erkenn' ihn, der lieb dir von Kindheit an war
Mit tieferer Stimme, mit dunklerem Haar!"
"Gott, Ludwig!" sie stammelt's und beut ihm den Kuß,
Still feiernd des Wiedererkennens Genuß.

übersetzt von August Graf von Platen (1796-1835)

Aus: Album Nordgermanischer Dichtung
von Edmund Lobedanz
Erster Band: Album Dänisch-Norwegischer Dichtung
Leipzig 1868 Verlag von Albert Fritsch (S. 94-96)

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