Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


John Suckling (1609-1642)


Ein Verliebter

Warum so blass, verliebtes Blut?
Warum so blass, sag' an!
Die Blässe thut, glaub' mir, nicht gut,
Wenn sonst nichts "sie" gewinnen kann.
Warum so blass, sag' an!

Warum so stumm, jung' Sünderlein?
Warum so stumm, sag' an!
Ein stummer Mund muss nutzlos sein,
Wenn Rede "sie" nicht reizen kann.
Warum so stumm, sag' an!

So wirst die Holde du wohl nicht erreichen,
Auf solche Weise nicht ihr Herz erweichen.
Will sie von selbst nicht Liebe hegen,
Kein Zwang wird sie dazu bewegen.
Am besten ist's, du wünschest ganz verstohlen:
"Der Teufel möge die Geliebte holen!"
(S. 124)

Übersetzt von Leopold Katscher (1853-1939)

Aus: England und Amerika Fünf Bücher englischer
und amerikanischer Gedichte
von den Anfängen bis auf die Gegenwart
In deutschen Übersetzungen
Chronologisch geordnet mit litterarhistorisch-kritischen
Notizen und einer Einleitung
von Julius Hart
Minden i. W. J. C. C. Brun's Verlag 1885
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Die sonderbare Festung

Vor einer Feste sonderbar,
Vor einem Herzen, lag
Vergebens ich ein ganzes Jahr
Und that doch, was man mag.

Ich nahte mich, und von der Hand
Kam ich auch bis zum Mund,
Der Augen Sprache selbst verstand
Und lernt' ich bis zum Grund.

Und kunstvoll schritt ich weiter fort,
Mein Mund grub Minen vor,
Das Herz, dacht' ich, folgt meinem Wort,
Gewinn' ich erst das Ohr.

Doch das war Nichts. Da liess ich fein
Kanonenschwüre los,
Warf Bomben in die Stadt hinein,
Doch nichts half das Geschoss.

Aushungern wollt' ich nun den Platz:
Ich hielt mit Küssen ein,
Mit Blicken pries ich nun den Schatz
Und süssen Schmeichelein.

Zum Ausfall auch versucht ich sie,
Zog fort die Batterien
Und legte mich, als hätt' ich nie
Belagert, ruhig hin.

Nachdem nun Alles dies geschah -
Ich glaubte Sieger mich -
Da lag der Feind ganz ruhig da,
Lacht' aus ob Allem mich.

Ich schickt' auf Kundschaft, wer den Ort
Denn hält, und spionirt
Ward mir, die Ehrbarkeit sei dort,
Die das Commando führt.

Auf! rief ich, es ist an der Zeit,
Dass wir zum Abzug blasen!
Die Riesin lebt in Ewigkeit,
Wird nie die Feste lassen.

Zieh'n wir vor einen andern Platz,
Wo man umsonst nicht bleibt:
Ich hasse Die, die ihren Schatz
Durch schnöden Stolz vertreibt.
(S. 124-125)

Übersetzt von Alexander Büchner (1827-1904)

Aus: England und Amerika Fünf Bücher englischer
und amerikanischer Gedichte
von den Anfängen bis auf die Gegenwart
In deutschen Übersetzungen
Chronologisch geordnet mit litterarhistorisch-kritischen
Notizen und einer Einleitung
von Julius Hart
Minden i. W. J. C. C. Brun's Verlag 1885
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Verleumdung

Verleumdung, Schlangenbrut verworfner Seelen
Und schmutz'gen Sinns, von böser Zung' gesäugt,
Krebs der Gesellschaft! konntest du nichts wählen
Als unsre Lieb', an der dein Haß sich zeigt?

Nie warst du, wo allein wir beiden waren,
Wie kannst du zeugen? Schmutz'gen Zoll von dir
Wußt' unser Seelenaustausch dir zu sparen:
Mehr als wir jemals sagten, fühlten wir.

Wer gab dir Nachricht von uns? War's die Erde?
Dies Theil von uns blieb unsrer Liebe bar.
War es die Luft? Entzücken nur gewährte
Der Wonneseufzer, den das Glück gebar.

Keusch, wie der Morgen wegschwebt von der öden
Nacht, war das Wort, das den Gedanken lieh
Das äußre Kleid, und wie Jungfraun-Erröthen
So rein, so ganz unschuldig waren die.

Das Wasser auch, es konnt' dir nichts erzählen;
Nie furchten Thränen ihrer Wangen Glanz;
Und mir? Sie liebte mich! Was konnt' mir fehlen?
Was konnt' ich wünschen noch, beseligt ganz?

Wir kürzten unsre Tage zu Minuten
Durch Liebesmacht und wußten nichts von Zeit,
Und wenn entzückt wir in der Liebe ruhten,
Ward sie ein Theil der stillen Ewigkeit.

Vom reinern Feuer konnt'st du gar nichts hören;
Was in uns flammte, war nicht Sinnenglut,
Nicht Hoffnung, Furcht, noch thörichtes Begehren,
Wir liebten: das war unser höchstes Gut.

Im Himmel hast du keine Botenstelle;
Und, sieh, die Erde gab dir nicht Bescheid;
Wo hast du nun dies Zungenscheusal her? Der Hölle
Entstammt's, in der ihr beide heimisch seid.

Weh' der geschäft'gen Zunge, die gewonnen
Der Theuren Ohr und all mein Glück mir stahl!
Sie koste für Minuten gleiche Wonnen
Und darbe dann in mitleidsloser Qual.

Ich flieh' hinweg, einlösend nun mit Klagen
Jedwede Stund', die sel'gen Traum gebar:
So zieh' ich die Minuten hin zu Tagen,
Werd' ein Methusalem in Einem Jahr.
(S. 129-131)

Übersetzt von Otto Ludwig Heubner (1856)

Aus: Englische Dichter Eine Auswahl englischer Dichtungen
mit deutscher Übersetzung
von O. L. H ...r [Otto Ludwig Heubner]
Leipzig Verlag von Georg Wigand 1856

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