Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik


 

Jon Thoroddsen (1818-1868)

(In der Übersetzung von Josef Calasanz Poestion)
 


Gieb mir einen Kuss

Auf die Lippen, Maid, den süssen,
Hast du einen Schatz von Küssen.
Von ihm geben kannst du immer,
Ihn erschöpfen jedoch nimmer.
Darum kannst auch ohn' Bedenken
Mir davon ein wenig schenken.

Rote Flämmchen, Lieb, auf deinen
Lippen brennen; doch die meinen
Schrecklich von der Kälte leiden;
Lass d'rum auftau'n meine beiden
Lippen sich an diesen Feuern
Und zum Leben sich erneuern.

Nein, du wirst's auch gar nicht wagen,
Mir ein Küsschen zu versagen.
Wenn die Schrift befiehlt, der Armen
Sich in Mitleid zu erbarmen,
Darfst, Schön-Freya, du auch deinen
Bruder wärmen, will ich meinen.
(S. 406-407)

übersetzt von Josef Calasanz Poestion (1853-1922)


Aus: Isländische Dichter der Neuzeit
in Charakteristiken und übersetzten Proben ihrer Dichtung
Mit einer Übersicht des Geisteslebens
auf Island seit der Reformation von J. C. Poestion
Leipzig Verlag von Georg Heinrich Meyer 1897
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Heute reit' ich noch aus . . .

Heute reit' ich noch aus;
Komm' mein Fohlen vors Haus
Und lass zum Ritte dich satteln und zäumen
Nach dem Hof in der Näh',
Übers Eis, übern See;
Ich will beim Liebchen ein Stündchen verträumen.

Fohlen hat feurig Blut,
Trägt den Kopf schon recht gut,
Und prächtig ist es beim Traben zu sehen.
Überdeckt schon mit Eis
Ist der See; doch ich weiss,
Mein Grauer, er wird die Löcher umgehen.

Hell der Hufschlag erschallt,
Dass in den Bergen es hallt;
Die Zwerge zittern vor Angst in den Steinen.
Hei, wie das schwankt und knackt!
Furcht die Forellen packt,
Den jüngsten Tag sie gekommen wohl meinen.

Unterm Eise bedroht
Uns der düstere Tod,
Möcht' deine Füsse, mein Fohlen ergreifen.
Ruft dein Herr jedoch "Hopp!"
Geht's dahin im Galopp,
Und er wird die leeren Spuren nur streifen.

Vor dem Monde ein hell
Wölkchen trabet gar schnell
Dahin auf dem Äthereise, dem blauen;
Wenn mein Blick mich nicht trügt,
Sind wir voraus; das genügt;
Es kommt im Traben nicht gleich meinem Grauen.

Schon ist der Hof in der Näh;
Langsam, Pferdchen, ich seh'
Ein Licht im Fenster; sie sitzt im Stübchen
Und versucht, ob der Quast
Auf ihr Mützchen wohl passt -
Die Holde, mein schönes, vielteures Liebchen.

Süsses Lächeln umspielt
Gar holdselig und mild
Ihr heisses, Liebe versprechendes Mündchen.
Einen glühenden Kuss
Gleich sie mir geben muss -
O Lust, beim Liebchen zu weilen ein Stündchen!
(S. 407-408)

übersetzt von Josef Calasanz Poestion (1853-1922)


Aus: Isländische Dichter der Neuzeit
in Charakteristiken und übersetzten Proben ihrer Dichtung
Mit einer Übersicht des Geisteslebens
auf Island seit der Reformation von J. C. Poestion
Leipzig Verlag von Georg Heinrich Meyer 1897
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Selbstverurteilung

Wohl weiß ich es, meine Geliebte,
ich hab' dich beleidigt.
Drum fürchte ich auch, daß mir strenge
Strafe bevorsteht.
Doch brauchen wir niemand als Richter
zwischen uns beiden.
Ich selber bekenne mich schuldig,
du selbst sollst mich strafen.

Peitsch mit dem Strick deiner Locken
nur stark meine Wangen;
blende mich auch mit dem glühenden
Pfeil deiner Augen;
umschnüre mich fest mit den Fesseln
deiner Umarmung
und wirf mich dann so in das Feuer
deiner zwei Lippen!
(S. 76)

übersetzt von Josef Calasanz Poestion (1853-1922)

Aus: Eislandblüten Ein Sammelbuch neu-isländischer Lyrik
von J. C. Poestion
Mit einer kultur- und literarhistorischen Einleitung
und erläuternden Glossen
Leipzig und München 1904 Verlag von Georg Müller

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