Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Nikolai Karamsin (1766-1826)

(In der Übersetzung von Karl Friedrich von der Borg)



An die Schöne

Sage, wo weil'st Du, o Schöne, wo weilst Du?
Dort, wo die Nachtigall singet die Lieder,
Klagend im Dunkel der Nächte,
Sitzend auf Zweigen der Myrte?

Dort, wo mit leisem Gemurmel der klare
Bach durch die grünende Wiese sich schlängelt,
Und zu der labenden Ruhe
Ladet die Seele des Menschen?

Dort, wo die jugendlich prangende Rose
Feucht von dem Thaue des Morgens, sich röthet,
Züchtig mit Zephyren kosend,
Nährend die Luft mit Gerüchen?

Dort, wo die Sonne erleuchtet der Berge
Unübersteiglichen, farbigen Rücken,
Wo in der Vorzeit gewohnet
Götter und höhere Mächte?

Oft wohl vernehm' ich die himmlische Stimme,
Oft wohl erblick' ich dein Bild durch die Wolken,
Strecke die Arme zum Bilde -
Ach, und umfasse nur Lüfte! - -
(S. 131-132)
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Reich bin ich und zufrieden
In meines Liebchens Arm;
Wem, Lina, Du beschieden,
Ist nimmer, nimmer arm!

Des Lebens Lasten drücken
Mich nimmermehr mit Dir;
So schnell, wie Blitze zücken,
Entflieh'n die Tage mir.

Ich mag nach Ruhm nicht jagen,
Ich preise mein Geschick.
Mit Dir ist Müh - Behagen,
Und Ruhe winkt Dein Blick.

Du blickest, - es enteilet
Des Unglücks schwarze Nacht;
Von schwerer Krankheit heilet
Mich Deines Lächelns Macht.

Wenn Du mir sagst: o Lieber!
Erheitert bin ich schnell;
Die Trauer geht vorüber,
Mein Blick wird klar und hell.

O weh dem Erdensohne,
Der stets nur lebt für dich!
Ich wär' auch auf dem Throne
Nicht glücklich ohne Dich.

Doch wenn des Schicksals Herbe
Uns voneinander ruft, -
Was wird aus mir? - ich sterbe,
Mich deckt die stille Gruft.

Zwei Turteltauben sagen,
Wo ich begraben bin;
Und girren sanft, und klagen:
"Er starb in Thränen hin!"
(S. 198-199)
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Raissa

Es tobt in dunkler Nacht der Sturmwind,
Am Himmel zuckt ein grauser Strahl;
Der Donner rollt aus schwarzen Wolken,
Und grimmer Regen rauscht im Wald.

Und nirgend sah man was Lebend'ges,
Es barg sich Alles unter's Dach;
Nur einsam und verlassen irret
Raissa durch die dunkle Nacht.

Verzweiflung trägt sie in dem Herzen;
Sie spüret das Gewitter nicht;
Des Sturmes schauerliches Heulen,
Es übertönt ihr Stöhnen nicht.

So bleich, wie welkes Laub, die Züge,
Ihr Mund der todten Blume gleich;
Die Augen decket trübes Dunkel;
Doch schrecklich pocht das Herz in ihr.

Es rinnt von ihrem weißen Busen,
Vom Baumgezweige wund geritzt,
Ein rother Strom von heißem Blute
Hin auf der Erde feuchtes Grün. -

Und über's Meer erhebt ein hohes
Granitgebirge stolz sein Haupt:
Raissa klimmt empor, sich windend
Durch Schlünd' und spitziges Gestein.

(Es kochet wüthend hier die Tiefe
Im hellen Glanz des Feuerstrahls,
Und Wogenberge rollen tobend,
Der Erde drohend Untergang.)

Raissa schauet - und verstummet;
Doch bald verschmilzt ihr Klageton
Von Neuem mit dem lauten Sturme:
"Ich bin verloren! Weh, o weh!

Kronid, Kronid! o Harter, Lieber!
Wohin, wohin bist du entfloh'n?
Warum verließest du Raisssen
Allein in grausenvoller Nacht?

Kronid, o komm' zurück! Vergessen,
Vergessen will ich, und verzei'n!
Allein - du kommst nicht zu Raissen!
Ach! warum lernt' ich kennen dich?

Es liebten Vater mich und Mutter,
Und ich auch liebte zärtlich sie,
Und in der Unschuld frohen Spielen
Enteilten meine Tage mir.

Da nahtest du mir als ein Engel,
Und zärtlich seufzend sagtest du:
Ich liebe, liebe dich, Raissa!
Und ich vergaß der Aeltern bald.

Begeistert und mit Herzensbeben
Und thränend in der Liebe Gluth -
So warf ich mich in deine Arme,
Und gab mein Herz zu eigen dir.

In dir nur weilte meine Seele;
In dir nur lebt' und athmet' ich;
Ich sah in deinem Blick die Sonne,
Du warst ein Bild der Gottheit mir.

Warum verlor ich nicht das Leben
An deiner liebeheißen Brust?
Dich hätt' ich treulos nicht gesehen,
Und seelig, seelig wär' mein Tod!

Doch weh! du solltest eine Andre
Raissen vorzieh'n, die dich liebt, -
Auf ewig, ewig mich verlassen,
Da ich in tiefem Schlafe lag;

Da ich nur des Geliebten dachte
Und zu umarmen meinte ihn! ...
Ach! ich umarmte nur die Lüfte, -
Schon ferne war Kronid von mir!

Der Traum entschwand - und ich erwachte;
Ich rief dich, - - Alles war so still;
Dich sucht' ich mit dem Blick; doch nirgend
Erblickt' ich, nirgend meinen Freund.

Ich eilt' auf einen hohen Hügel .....
Ich Unglückseelige! Kronid
Ist fern entwichen mit Ludmillen! ....
Da sank ich hin empfindungslos.

Seit diesem grausen Augenblicke
Verrinnt in Schmerz mir Tag und Nacht;
Dich ruf' ich, such' ich aller Orten, -
Doch nimmer, nimmer hörst du mich!

Und jetzo rief die unglückseel'ge
Raissa dich zum letzten Mal! - -
Die Ruh' entfloh aus meiner Seele - -
Leb' wohl! sey glücklich ohne mich!" -

So sprach Raissa - und sie stürzte
Sich in die See. Der Donner brüllt;
Raissens Untergang verkündet
Der Himmel Dem, der sie gestürzt. -
(S. 290-294)
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An die Nachtigall

Sing' im Dunkel stiller Haine,
Zarte, sanfte Nachtigall!
Sing' in Lunens Silberscheine, -
Lieblich tönt dein Klageschall!

Doch was rinnen mir die Thränen
Aus dem Auge, wie ein Bach?
Warum wird ein traurend Sehnen
Mir bei deinen Tönen wach? -
Ach! der Theuren denkt mein Kummer,
Welche in der Erde Schoos
Ruh'n, im tiefen Todesschlummer!
Ach! es decket hohes Moos
All' die Gräber meiner Lieben,
Ich bin einsam nachgeblieben! ...
Trauer wird im Busen wach,
Und es rinnt der Thränen Bach! -
Sprich, mit wem soll ich genießen
Deiner süßen Lieder jetzt?
Die Natur mit wem begrüßen?
Ohne Freund mich Nichts ergötzt!
Meine Seele muß erliegen
Und des Lebens Lust versiegen!
Ach! das Herz ist mir so schwer,
Und die Erde - wüst und leer!

Wirst du bald, o Philomele,
Jedes Wanderers Gemüth
Ueber meiner Grabeshöhle
Rühren durch dein klagend Lied?
(S. 325-326)
_____


Übersetzt von Karl Friedrich von der Borg (1794-1848)
Aus: Poetische Erzeugnisse der Russen
Ein Versuch von Friedrich von der Borg
Erster Band
Riga und Dorpat 1823
In der Hartmannschen Buchhandlung




 

 


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