Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Willem Kloos (1859-1938)

(In der Übersetzung von Otto Hauser)



Mausoleum Veneris

Ich mach' von allen Menschen, einst mir lieben,
Bilder und schmück' mein Hirn mit ihnen aus, -
O meiner Liebe stilles Totenhaus!
Da stehn sie reglos, wie aus Erz getrieben.

Was je mein Herz bewegt, steht da geschrieben
An seiner Wand in Lettern fremd und kraus,
Doch ihren Sinn les' ich allein heraus, -
O seltsam Totenbuch von meinem Lieben!

Mein Herz prangt hoch inmitten in dem Schimmer
Der Todeskälte, aschenurnengleich,
Umschließend toter Stunden Haß und Lieben;

Doch auf der Pforte steht: O spiegle nimmer
Dein Aug in einem andern liebereich, -
Zwei Menschenaugen lügen gleich zwei Dieben.
(S. 76)
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Eros pandamator

O, das Genußbegehren dröhnt mit Macht
Durch meinen stolzen Leib gleich einem Hammer,
Klopft auf aus ihrer dunkelkalten Kammer
Wollust, die gern aus ihrem Schlaf erwacht.

O Lust, verflochten, stammelnd so die Nacht
Verträumen hold, Entflammter und Entflammer,
Und zwischen Kuß und Kuß an all den Jammer
Einsamer Nächte denkend, bang verbracht!

Traumschöner Tod, unsterbliches Verlangen,
Wonne, die Schönheit in den festen Armen
Halten, so nah dem aufgeregten Herzen! -

Wonne von beiden, glühend zu umfangen,
O Seligkeit im schweigenden Erbarmen,
Seligkeit selbst im Aufflug aller Schmerzen!
(S. 77)
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Lenzweinen

Ich weine um die Blüten, die gebrochen,
Eh sie erschloß der lauen Lüfte Wehn,
Um Liebe, die nur blieb ein Herzenspochen,
Und um mein Herz, daß keiner will verstehn.

Du kamst, ich wußte: du wirst wieder gehn,
Ich sah's und habe doch kein Wort gesprochen,
Hab' nach dem kurzen Wahn mich ungesehn
Im ewigen Schatten meines Wehs verkrochen, -

So wie ein Vogel in der stillen Nacht
Plötzlich erwacht, weil hell der Himmel glüht,
Und meint, es tagt, sein Köpfchen hebt und singt;

Doch eh er noch die Augen ganz aufmacht,
Ist's wieder Nacht und durch die Blätter klingt,
Die schlummernden, ein Klagen schwach und müd.
(S. 79)
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Anbetung

I.
Licht schweben Engel durch die höchsten Fernen
Und rufen, daß es durch den Himmel klingt
Und jeder Heilige ihre Worte trinkt,
Voll Sehnsucht, deren Süße selbst zu lernen:

"Und blinkt er auch von Millionen Sternen,
Begehrt nicht mehr den Himmel! Kunde bringt
Euch allen unser Ruf: auf Erden singt
Ein Engel nun, von dem wir alle lernen!

Kommt denn und sucht, und schwebt zur Erde nieder
Und bringt den Engel in den Himmel wieder!"
Sie lauschen, schweben dann zur Erde her

In lichten Gruppen, breiten Flugs . . . Doch der
Nur eines hörte deiner schönen Lieder,
Zurück zum Himmel flog er nimmermehr.


II.
Leer war der Himmel, denn die Engel zogen
Halbsichtbar stets um dich, so daß dein mild,
Dein liebend Seelenaug von deinem Bild
Verhundertfacht sich immer wähnt' umflogen,

Und hüllten dich in Licht und Ätherwogen,
In Himmelslust, die alle Sehnsucht stillt,
Und schöner noch als jedes Ebenbild
Gingst du, von seligen Blicken eingesogen.

Im Sonnenschein ein Traum von Rosen, trieb
Vor deiner Seele hin dein Wunderleben . . .
O, daß sie da in ihrer Schönheit blieb

Und höher noch ließ ihre Träume streben!
O, warum hast du dich nicht hingegeben
Dem, der nicht sagen kann, wie du ihm lieb!
(S. 80-81)
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Jubel

Schwing dich auf! schwing dich auf! laß hoch schalmeien
Deine Seele in Freude! Wonne naht!
Ich bin dein für ewig! laß mich dir weihen
Meine Seele als Teppich von Brokat!

O Lust, wenn dein Leib, du schönste der Feien,
Zu rhythmischem Tanz den Teppich betrat,
Von der inneren Flöten süßem Reihen
Wonnig umklungen auf jeglichem Pfad!

Da ich sah, das Leben sei matt und kläglich,
Da ich stritt um nichts mit mutigem Sinn,
Da ich fand, mein Dasein sei unerträglich, -

Glittest du (und ich hielt dich) vor mir hin . . .!
Hörst du, ich hab' dich lieb, dich lieb unsäglich,
Hörst du, ich hab' dich lieb, solang ich bin!
(S. 82)
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übersetzt von Otto Hauser (1876-1944)

Aus: Die niederländische Lyrik von 1875-1900
Eine Studie und Übersetzungen von Otto Hauser
Verlegt bei Baumert & Bonge in Großenhain 1901


 

 


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