Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Anna Maria Lenngren (1754-1817)


Cupido und die Thorheit

Nach geschloss'nem Lottospiele
War die Götterschaar fidel,
Machte bei der Abendkühle
Sich ein Feuer von Caneel.

Jofur spielte mit dem Blitze,
Jofur: Jupiter
Gönnte sich ein Glas apart,
Trank mit Eifer und riß Witze,
Kriegt' vom Nektar nassen Bart.

Juno wärmte sich die Füße,
Zierlich, reizbar, gar so klein!
Theilte ihre Pfeffernüsse
Mit dem Mopse ganz allein.

Venus knöppelte Manschetten,
(Weihnachtsgabe sicherlich!)
Grazien auf Tabouretten
Uebten hier am Rahmen sich.

Mars durchblättert' die Avisen,
Schob die Mütze auf ein Ohr;
Laut Napoleon gepriesen
Hat er d'rauf im Götterchor.

Herr Vulkan, die Feuerzange
In der Hand, stand vor'm Kamin,
Leise murmelnd - nach dem Klange
Plagt die Lust zu fluchen ihn.

Weichheit lag, gleich einem Schleier,
Ueber Bachus nach 'nem Schmaus;
Phöbus sang zu seiner Leier:
"Guter Junge, trinke aus!"

Freund Merkur macht' Küchenrunde,
Lieh' an Astrild seinen Stab;
Astrild: Cupido
Dieser, mit Bonbons im Munde,
Ritt davon in vollem Trab.

's Fräulein dort mit der Aegide
Hielt 'ne Rede kurz und gut
Ueber Bengel wild und rüde,
Denen Zucht noch nöthig thut.

Halb vergessen auf der Diele
Noch ein and'res Wesen sprang,
Für Cupido ein Gespiele;
Doch währt' Einigkeit nicht lang.

Thorheit war es, eine Schwester
Von dem kleinen Liebesgott,
Aber eben nicht modester;
Wild und schelmisch treibt sie Spott.

Beide bald am Spiel ermüden,
Eines schon das And're neckt;
Astrild kann nicht mehr in Frieden
Satt sich essen am Confekt.

Man geräth sich in die Haare!
Tapf'rer Kampf läuft kläglich aus,
Denn die Thorheit (lock're Waare!)
Kratzt dem Schelm die Augen aus.

Nun giebt's Lärm und arges Wesen,
Eau de luxe zur Hülfe schnell!
Gleich schickt man ein Dutzend Chaisen
Zum olympischen Akrel.*

Zuckt die Achseln - wischt die Brille -
Venus kreischt: "Giebt's keinen Rath?"
"Keinen! Fort ist die Pupille,
Und der Bub' wird blind, Ew. Gnad'."

Venus heult; die ganze Clique
Schwört der Thorheit Rach' und Tod;
Zu der Deliquentin Glücke
Jufor plötzlich "Still" gebot.

"Blut'ge Rache soll's nicht werden,
Was nützt solch' ein trag'scher Schluß!
Strafe sei ihr, daß auf Erden
Sie den Blinden leiten muß."

Jofur's Worten alle Ehre,
Denn Respekt durchdringt auch mich,
Doch als so er sprach, ich schwöre,
Hatt' der Alte einen Strich.
(S. 25-28)

Akrel: der Name eines derzeitigen berühmten schwedischen Arztes.

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Die Warnung
Ballade

Die junge Rosine war züchtig und schön,
Mußt' selbst sich mit Arbeit ernähren;
Es suchte Graf Albert durch Liebesgestöhn
Vergebens die Maid zu bethören.

Den Tag hindurch nähte sie emsig und flink,
Fuhr fort bei der Lampe zu spinnen;
Der Graf, voll verwerflicher Leidenschaft, ging
Drauf aus nur, das Kind zu gewinnen.

Die Hütte war öde, der Winter gar kalt,
Und Arbeit oft schwer zu bekommen.
"Gieb' mir nur Gehör," sprach der Graf, "so wird bald
Die drückende Last Dir genommen."

"Zu schön ist Dein Körper für's dürftige Kleid,
Zu fein deine Hand um zu nähen;
Dein Fuß ist so zart - sieh' den Wagen bereit!"
Kein Wort wollt' Rosine verstehen.

Ja Bitten, Gelübde und Drohung und Schwur,
Aus Gram sich das Leben zu rauben,
Hört tapfer Rosine, belächelt sie nur;
Da läßt er sie Besseres glauben.

"Wohlan denn, Rosine," so hub er nun an,
"Schön, daß ich Dich ehrenhaft finde!
Ich prüft' Deine Tugend und wähle als Mann
Zum Weibchen Dich; die Eh' uns verbinde.

Dein Vater war Priester; lass' Graf mich auch sein,
Die Liebe weiß Alles zu gleichen!
'nen Kuß, schönes Mädchen! mit Spinnen halt' ein!
Dein Bräut'gam will nicht von Dir weichen."

Mit blühender Rose auf züchtiger Wang'
Sieht sie auf den prächtigen Freier;
Noch weigert der Mund, doch es dauert nicht lang,
So wird der Verführer ihr theuer.

"Mein bist Du jetzt, Schätzchen!" so rief er und gab
Den Ring ihr, daß still sie sich freute;
"Ich komm' mit dem Priester und hole Dich ab
Schon morgen bei Glockengeläute."

Dem Mädchen ward wechselsweis selig und bang,
Die Rührung wollt' fast sie ersticken.
Sie gab ihm das Jawort; er zögert nicht lang
Und eilt, ihr den Brautstaat zu schicken.

Die Nacht war gekommen und Stille trat ein,
Da schob vor die Thür sie den Riegel,
Warf sich in die kostbaren Kleider hinein,
Und sah' sich nicht satt nun im Spiegel.

Den goldenen Kamm in die Locken sie drückt,
Und ziert sich die Arme mit Ringen;
Den Busen, den wallenden, prächtig sie schmückt
Mit Perlen in Knoten und Schlingen. -

Sie denkt des Geliebten, ihm lebt nur und webt
Sie selig im Hoffen und Harren -
Doch, Himmel! was ist das? ein Schatten erhebt
Sich hinter ihr, macht sie erstarren.

Ihr Schrecken, wer malt ihn? Kein Wort ihn benennt,
Er droht, ihr den Athem zu rauben,
Das Blut wird zu Eis, sie die Mutter erkennt,
Die schafft durch die Stimme sich Glauben;

Streckt warnend die Hand aus dem Leichengewand,
Betrachtet die Braut voller Sorgen:
"Unglückliche Tochter, verräth'rischer Tand!
Siehst Du nicht die Schlange verborgen?

Das Laster bereitet Dein Brautbette Dir,
Verrath wird die Brautfackel tragen;
Der Graf ist ein Schurke! den Knecht bringt er Dir
Verkleidet als Priester im Wagen."

Zum Abschied noch winkt sie mit segnender Hand,
Eilt wieder in Nichts zu verschwinden;
Die Tochter versteinert vor Schrecken noch stand,
Und wußte nicht Fassung zu finden.

Noch war sie so bleich, ohne Stimme und Laut;
Da nahm sie sich plötzlich zusammen,
Warf von sich den Flitter - nicht war sie mehr Braut -
Und floh wie vor prasselnden Flammen. -

Der Graf fuhr zur Stunde, die selbst er bestimmt,
Und mit ihm ein Diener als Priester,
Der eben den nöthigen Unterricht nimmt;
Als Probe den Segen schon lies't er.

Gar schändlich und frech der Verführer nun lacht:
"Die Taube ist fest in der Schlinge;
Sie glaubt an die Ehe, weil ich ihr gesagt,
Daß bald ich den Meinen sie bringe."

Und weiter: "Das Lämmchen ist unschuldig, fromm,
Die Tugend war schwer zu berücken!"
Jetzt sucht er das Opfer: "Schön Liebchen, ich komm'!"
Schön Liebchen war nicht zu erblicken.

Er fand nun am Boden zerriss'nes Geschmeid' -
Vor Schrecken versagt' ihm die Stimme;
Dort neben der Lampe ein Zettel der Maid -
Er las mit verhaltenem Grimme:

"Verräther, ich hab' Deine Absicht erkannt,
Behalte die schändlichen Gaben!
Die Rache wird einst Dir von oben gesandt,
Mich sollst Du zum Opfer nicht haben."

Sagt, sah't Ihr den Schützen, der nieder sich bückt,
Daß prüfend und zielend er weilet,
Doch fehlt nun ein Haarbreit, und fluchend erblickt
Das Wild, wie es rasch ihm enteilet?

Und sah't Ihr den Wolf, seiner Beute gewiß,
Das Lamm mit den Augen schon fressen?
Wie knirschend vor Wuth, wenn's der Hirt ihm entriß,
Er eilig das Weite muß messen!

Wer dieses geschaut, der schauet im Bild
Des Schurken unbändiges Wüthen;
Fort ging er und fluchte so gottlos und wild -
Das wagte ihm Niemand zu bieten!

Die Tugend verlieh uns'rer Fliehenden Muth,
Gott half ihr, der Schuldlosen Retter;
Ihr bot eine Wittwe, fromm, edel und gut,
Ein Obdach vor Regen und Wetter.

In friedlicher Hütte fühlt' sie sich so wohl,
Geborgen vor Trug und vor Leide.
Die Alte sprach: "Nichts uns nun trennen mehr soll,
Mein Stübchen reicht hin für uns Beide.

Ich hatt' eine Tochter, der Tod nahm sie mir;
Komm, theil' meine einsamen Schmerzen!
Was ich mit der Tochter getheilt, theilen wir:
Die Hütte, den Tisch und die Herzen."

Flieht, schutzlose Mädchen bei Nadel und Zwirn,
Des Schmeichlers verlockende Gabe;
Stets schmücke Euch Ehre jungfräulich die Stirn,
Doch hofft nicht auf Warnung vom Grabe.

Wohl der, die von weitem die Falle erräth,
Und flieht die vergoldeten Schlingen;
Nicht oft eine Mutter vom Tode ersteht,
Die Falschheit an's Tag'slicht zu bringen.
(S. 29-35)
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Adams und Evas erster Morgengesang

Alles lächelt neugeboren,
Erst die dritte Sonne schien;
Unschuld war noch unverloren,
Segen der Natur verliehn.

Ungebrochen blieb der Frieden,
Selbst das Würmchen athmet' Lust;
Sel'ge Eintracht war beschieden
Einst in Eden jeder Brust.

Tiger weiden mit dem Rehe,
Dem noch fremd das Furchtgefühl;
In des starken Löwen Nähe
Scherzt das Lämmchen froh im Spiel.

Keine Dornen an den Rosen,
Auch das Gift der Blume fehlt;
Täubchen mit dem Adler kosen -
Alles ist von Lieb' beseelt.

Heiliges Gefühl entzündet
Auch das erste Menschenpaar,
Und es jubelnd Worte findet,
Bringet Gott sein Loblied dar.

Du, der von der hohen Feste
Schaust auf uns, Dein Werk, hinab,
Dankesseufzer sind das Beste,
Was noch je ein Herz Dir gab.

Du, der schufest alle Wesen,
Himmelsglanz und Erdenpracht,
Bist im stolzen Baum zu lesen,
Wie im Wurm, den Du gemacht.

Jedes Laub preist Deine Güte,
Deine Allmacht Gras und Klee;
Wohlgeruch steigt von der Blüthe,
Dir zum Opfer, in die Höh'.

Vogelklänge, Bachgeriesel,
Alles tönt zur Ehre Dein;
Blumenpracht, wie Sand und Kiesel,
Preist Dich, Vater, ganz allein.

Und auch wir, o Herr, lobsingen
Deiner Schöpfung, Deiner Macht;
Mög' das Wort gar herrlich klingen,
Dir als Danklied dargebracht.

Alles, was Gedanken fassen,
Was der Blick erreichen kann,
Wir zum Ruhm Dir werden lassen,
Dir, der war vom Anfang an.

Huldvoll unsrer Du gedachtest,
Und wie schön fiel uns das Loos,
Als Du uns zu Herren machtest
Ueber Wesen klein und groß.

Heilig soll das Lied erschallen:
Ewig, ewig gut ist Gott!
Berg und Klippen wiederhallen:
Ewig, ewig gut ist Gott!
(S. 52-54)
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Der Tanz

Junge Mädchen, schöne Wesen,
Schwebt dahin so frisch und leicht!
Tanzet Walzer und Anglaisen
Eh' die Jugend von euch weicht.

Doch gebt acht, wenn ihr euch schwinget
Froh im raschen Wirbel hin,
Daß es Astrild nicht gelinget,
Astrild: Cupido
Zu entzünden euren Sinn!

Schelmisch von Natur, verschlagen,
Thut er's heimlich erst und lacht;
Wird's beim Walzer dreister wagen -
Nochmals, Mädchen, gebet acht!

Leicht Gelegenheit er findet;
Ihr Verwegnen, dankt es euch,
Wenn im Tanz die Fackel zündet
Euer spinnewebnes Zeug.

Gehn die Touren rasch in Eile,
Flüchtig, federleicht und warm,
Schießt er kühn euch seine Pfeile
Tief ins Herz und schafft euch Harm.

Künstlich liegen Fall' und Schlinge,
Bunte Blumen laden ein;
Junges Mädchen, tanz' und springe,
Doch mit Maaß, stürz' nicht hinein!
(S. 68-69)
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Fräulein Lise
Lied

Fräulein Lise mit vierzehn Jahr
Steifgeschnürt und sittsam war,
Hört' Moral, wohl stündlich gar,
Aus dem Mund der Gouvernante;
Tanzt und spielt - ihr glaubt es kaum!
Sprach mit Engeln oft im Traum,
Malte, stickte Kleidersaum -
Und sie selbst man blühend nannte.

Lindor sich in sie verliebt:
Viele Mühe er sich giebt,
Und in Artigkeit sich übt,
Will von ew'ger Liebe brennen.
Ring, Juwelen, billet doux,
Klag', Entzücken, Trost im Nu!
Hymen stört man aus der Ruh':
Jetzt darf Lise sich Gräfin nennen.

Erst im Ehstandsparadies
Findet sie das Leben süß;
Pflänzchen Gott erwachsen ließ,
Ihro Gnaden Freud' zu schenken.
Doch die Zeit hat schnelle Flucht!
Mißkredit und Eifersucht
Oeffnen bald 'ne grause Schlucht,
Fangen an das Herz zu kränken.

Jahre lassen ihre Spur,
Kurz auch dauert Schönheit nur!
Niemand macht ihr mehr die Cour,
Alle Blicke weg sich wenden.
Streit und Aerger viel im Haus,
Hübsche Zofen schnell hinaus,
Spät der Graf beim Abendschmaus -
Ja, so muß die Freude enden!

Glücklich schließt das Schicksal doch
Zeitig ihres Ehstands Joch.
Trauer trägt sie jetzt nur noch
Und liest Doktor Bold's Postille;
Trägt am Hals des Sel'gen Bild,
Nennt die Jugend thöricht, wild,
Hänget aus ein Tugendschild
Und verläumdet in der Stille.

Endlich ist ihr Maaß auch voll -
Schöne Fräulein seht, es soll
Dies ein Beispiel sein, wie toll
Oft das Glück ist, das wir preisen:
Sklaven seid ihr in der Welt,
Bis zuletzt der Leib zerfällt,
Dem man dann ein Grab bestellt -
Und euch selbst besingt in Weisen.
(S. 92-94)
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Versuch zu einem Liede in Anakreons Styl

Gieb mir die Leier, laß von Liebe
Mich singen und von Traubensaft:
Noch fühl' ich jugendliche Triebe
Und Phantasie voll frischer Kraft.

Noch eile ich, ohn' all Bedenken,
Dem Mädchen nach und werd' nicht müd',
Lehr' sie das Auge vor mir senken,
Begierig lauschen meinem Lied.

Noch trink' ich gern mit Bacchi Söhnen
In Kreisen, wo die Freude lacht,
Laß dem ein Siegeslied ertönen,
Den nie der Rausch noch matt gemacht.

Doch wird die Lust der jetz'gen Tage
Mich bald verlassen, armer Mann!
"Ich hab' gekonnt," ich seufzend sage
Dann  statt des glücklichen: "ich kann."
(S. 154)
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Die Vogelhecke

Nanna's Zeisig, früh schon wach,
Da kaum wich der Dämmrung Schatten,
Zwitschert unter eignem Dach
Mit dem kleinen Gatten.
Treu gesinnt, ob schüchtern auch,
Flattert hin und flattert wieder,
Wird bald still und legt sich nieder,
Richtet's Nestchen ein zum Brauch.
Unsre Nanna wird's gewahr,
Schiebt die Arbeit fort so sachte,
Nähert sich dem kleinen Paar,
Daß sie es gerührt betrachte.
Kann wohl selbst nicht recht verstehn,
Warum ihre Wangen brennen,
Warum himmlisch sie's möcht' nennen,
Zweier Vögel Scherz zu sehn.

Aber Astrild, schnell vertraut
Mit Gefühlen und mit Trieben,
Flüstert: "Bald wird Nanna Braut,
Wie der Vogel drüben."
Nanna wird der Jungen Koch,
Hacket Ei und grüne Kräuter,
Denkt: "O Astrild hilft schon weiter!
Clas kriegt heut mein Jawort noch!"
(S. 155-156)

Astrild: Cupido
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Die Braut

Lisbe, die sich jüngst verlobet,
Hat so zierlich sich geschmückt,
Daß man gleich die Braut erblickt,
Die Geschenk und Gab' erprobet.
Geputzt und staffirt,
Gehorsamt, fètirt;
Kranz und Schleier,
Hochzeitsfeier,
Schmaus, Beleuchtung projektirt.

Kleine Finger reich beringet,
Alles Gold von ächtem Werth;
Preis der Kette unerhört,
Die den weißen Hals umschlinget!
Am Herzen so mild
Des Bräutigams Bild;
Nicht zu kennen,
Dumm zu nennen,
Gleichend einem Aushängschild.

Bräutigam von zartem Schlage,
Spaßend, schäkernd, herzlich platt,
Für die Schöne Aug' nur hat,
Flüsternd seine Liebesklage.
Im Winkel so treu
Nun kosen die Zwei;
Hört die Phrasen
Und Extasen!
Uebel wird mir noch dabei!

Leise flüstern alle Damen
Hinter'm Fächer ehrbarlich:
"Modestie, kaum kennt man dich,
Schöne Tugend noch beim Namen!"
'ne Alte zum Schluß
Ruft aus im Verdruß:
"Rasch verschwindet
Feuer, findet
Pulver es und knallt der Schuß!"
(S. 173-174)
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Das mittlere Alter

Soll ich noch einmal dich, o Liebe,
Erstreben als das höchste Glück,
So gieb mir meine Jugendtriebe,
Mein Jugendfeuer erst zurück!

Der Lebensmorgen ist entschwunden,
Schon weist auf Mittag meine Uhr;
Bald nahen mir die Abendstunden,
Bald findet's Alter meine Spur.

Ihr Freuden, die in meinem Herzen
'ne frohe Stätte einst gehabt,
Entfloht, und still muß ich's verschmerzen,
Daß ihr mich Aermsten übergabt.

Nein, auf einmal sein Leben schließen,
Ist kein so schreckliches Gebot -
Doch aufhör'n Freude zu genießen,
Seht, das ist erst der rechte Tod!

So klagte mein gequältes Herze,
So seufzte trauernd meine Brust:
Da gab, gerührt von meinem Schmerze,
Der Himmel mir der Freundschaft Lust.

Dem Herzen ward die Macht bald theuer,
Die trösten, lindern, hielt für Pflicht -
Sie wärmte wohl mit sanftem Feuer,
Doch wärmte sie wie Liebe nicht.

Komm, sprach sie, sei jetzt wieder heiter,
Vergiß des Lebens Bitterkeit!
Ich folgte ihr - doch that mir's leid,
Daß einzig sie jetzt mein Begleiter.
(S. 212-213)
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Das Glück

Jofur zürnend schickte
Jofur: Jupiter
Auf die Erde Schmerz;
Seinen Stachel drückte
Der ins Menschenherz.

Laute Klagetöne
Nun aus wunder Brust
Armer Erdensöhne
Störten Himmelslust.

Und der Welten Vater
Ward davon gerührt,
Ward als bester Rather
Alsobald verspürt;

Schenkt' uns holde Liebe,
Gab uns Traubensaft,
Weckt der Freude Triebe,
Schwächt' des Kummers Kraft.

Liebe schmückt Gedanken
Reich mit Blumen aus;
Trauben an den Ranken
Laden froh zum Schmaus.

Durch das Weltall eilet
Nun der Freude Wort:
Glück auf Erden weilet,
Menschen, sucht es dort!
(S. 219-220)
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Unglück in der Liebe

Drei Bräute, ach, verlor ich schon!
Der ersten Lebensathem stockte;
Die zweite sprach der Treue Hohn,
Als ein Rival sie von mir lockte.
Allein die dritte? Freundchen schau -
Die dritte wurde meine Frau.
(S. 253)
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Tischlied für Ehemänner

A. Der Gattin Wohl! weil fromm sie und gemütlich.
B. Der Gattin Wohl! weil sie mir werth und lieb.
C. Der Gattin Wohl! weil sie so gut und friedlich.
D. Der Gattin Wohl! weil sie zu Hause blieb.

Chor
Der Gattin Wohl! weil sie zu Hause blieb. (S. 254)
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Tagebuch

Sonntag - mein Verlieben sah,
Montag - gab ich Luft dem Schmerze,
Dienstag - rührte Lisens Herze,
Mittwoch - war dem Jawort nah'.
Donnerstag - wählt' sie 'nen Andern,
Freitag - meiner Rache Drohn!
Samstag - sah zum Krug mich wandern,
Sonntag - war geheilt ich schon.
(S. 257)
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Übersetzt von Gustave Woldstedt (1817-1887)

Aus: Poetische Versuche von Anna Maria Lenngren
Aus dem Schwedischen übersetzt von Gustave Woldstedt geb. Struve
Bückeburg M. H. Wolper 1857
 




 

 


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