Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Giacomo Leopardi (1798-1837)

(In der Übersetzung von Paul Heyse und Robert Hamerling)

 

Die erste Liebe

Des Tags gedenk' ich, wo ich süßer Triebe
Gewalt in mir zuerst empfand und sagte:
Weh mir, wenn Liebe dieß – wie quält die Liebe!

Wo ich das Aug' nicht aufzuschlagen wagte,
Und doch vor Augen hatte stets das Prangen
Der Holden, die den Pfeil ins Herz mir jagte.

Was machtest du aus mir, o Glutverlangen?
Was mußte sich so süßem Drang gesellen
Ach, solcher Sehnsucht Schmerz und solches Bangen?

Wie kams, daß nicht mit reinen, heitren Wellen
Die Freude mir das tiefe Herz bedeckte?
Was mußten sie so stürmisch-trübe schwellen?

Sag an, o liebend Herz, was dich erschreckte
Inmitten einer Lust, mit der verglichen
Doch jede Lust nur Ueberdruß erweckte?

Ja, einer Lust, die schmeichelnd dich beschlichen
Am Tag und minder nicht, wenn in der Runde
Die weite Welt verstummt war und erblichen:

Wo dann dein Leid mit Seligkeit im Bunde
Mir auf den Kissen schüttelte die Glieder,
Und stürmischer du pochtest jede Stunde;

Und wie, wenn müd ich schloß die Augenlider,
Der Schlaf, gleichwie verscheucht von Seufzerlauten
Der Fieberglut, nie sank auf mich hernieder!

Und während Finsternisse mich umgrauten,
Wie hielt mein Augenpaar, ob auch geschlossen,
Lebendig fest das holde Bild der Trauten!

O wie sich durch mein Innres dann ergossen
Glutströme süßer Regung! wie viel tausend
Gedanken, wirr und unstät, ich entsprossen

In meiner Seeele fühlte, wie wenn tausend
Im Laubholz Winde durch die Wipfel jagen,
Und ganz der Wald aufwogt, weithin erbrausend.

Und wenn mein Mund vermochte nichts zu sagen,
Was sagtest du, mein Herz, als uns die Hohe
Verließ, für welche du so heiß geschlagen?

Ich hatte kaum gefühlt, wie mich bedrohe
Verzehrend diese Glut, dieß heiße Minnen,
Da schwand, was kühlen mochte solche Lohe.

Das erste Grau'n umwob des Schlosses Zinnen,
Als das Gespann am Thor ich stampfen hörte,
Das sie entführen sollte, ach, von hinnen!

Vom Lager eilt' ich rasch, der Angestbethörte,
Zum Fenster, wandte lauschend in die Stille
Der Dämmrung hin das Antlitz, das verstörte,

Ob mir zufällig nicht noch einmal stille
Den Schmerz ein letzter Laut des süßen Mundes,
Wenn Andres nicht mehr gönnte Schicksalswille.

Wie drang ins Tiefste mir des Seelengrundes
Der Frost, wenn Dienerstimmen rauh erschollen,
Statt jener, die ersehnt mein Herz, mein wundes!

Und dann – als endlich doch der zaubervollen,
Der theuren Lippe Ton erklang, verschwebend
Alsbald im Hufschlag, in der Räder Rollen:

Hinstürzt' ich mich aufs Lager, ganz ergebend
Dem Schmerze, der Verzweiflung mich, der bittern,
Und drückt' ans Herz die Hand, und seufzte bebend.

Dann schleppt' ich auf den Knieen mich mit Zittern
Wehklagend durchs Gemach. Wird nicht für immer
Betäubt der Sinn in solchen Schmerzgewittern?

Ja, nur Erinnrung blieb, seit mit Gewimmer
Ich klagte so, die herbe: anderm Bilde
Und anderm Laut erschloß mein Herz sich nimmer.

Den Sinn umflorte mir das Leid, das wilde,
Wie wenn die Regenwolke, dichtgewoben,
Herabträuft taglang, traurig, aufs Gefilde.

Nicht kannt' ich dich, als du mit wildem Toben
Im Achtzehnjährigen, zum Leid geboren,
Zuerst versuchtest deine Zauberproben,

O Liebesgott! – als ganz an mir verloren
War jede Lust: der Wiese Grün, das Blinken
Der Stern' und alle Sonnen und Auroren.

Des Ruhmes Ziel sogar ließ ab, zu winken
Dem Aug, das erst so heiß dafür entbrannte -
Der Schönheit Strahl nur wollt' es jetzo trinken!

Selbst von der Wissenschaft den Sinn ich wandte,
Und eitel schien sie mir, in deren Lichte
Zuvor ich eitel alles Andre nannte.

O wie verwandelt war ich! – Wie zu nichte
Gemacht ist bald ein Trieb vom andern Triebe!
Was sind wir alle doch für schnöde Wichte!

Mein Herz nur achtet' ich und meine Liebe:
In ew'gem Zwiegespräch war ich mit ihnen,
Bedacht, daß nur der süße Schmerz mir bliebe!

Vorüber gehn ließ ich mit kühlen Mienen
Am Aug', geheftet stets auf eine Stelle,
Was Holdes und Unholdes mir erschienen:

Zu trüben fürchtet' ich in mir das helle,
Das reine Bild, das ich ins Herz geschlossen,
Wie an der Luft sich trübt des Weihers Welle.

Und jener Schmerz, daß man nicht ganz genossen
Ersehntes Glück – der schon so manchem Munde
Vergällt den Kelch, drein er wie Gift geflossen -

Zur Qual, ach, macht' er mir auch jede Stunde
Der hingeschwundnen Zeit. Doch nie noch drückte
Die Scham ins Herz mir eine Stachelwunde:

Wars doch nicht niedre Gier, was mich berückte.
Rein war – der Wahrheit schwör' ich es zur Steuer -
Die Flamme, die verzehrend mich beglückte.

Und stets noch lebt in mir dies heil'ge Feuer,
Lebt jenes Bild, das mein war anders nimmer,
Als Heil'genbilder sind – und das doch theuer

Mir ewig bleibt, und mir genügt für immer.

(Übersetzung: Robert Hamerling 1830-1889)

Aus: Giacomo Leopardi Gedichte
Aus dem Italienischen in den Versmaßen des Originals
von Robert Hamerling Leipzig 1886 (S. 51-54)
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Die erste Liebe
(1831)

Ich weiß den Tag, da ich zum ersten Mal
Den Kampf der Liebe stritt und zu mir sprach:
Ist das die Liebe, weh, wie schafft sie Qual!

Am Boden haftete der Blick, doch ach,
Ich sah nur Sie, die mit unschuld'gem Triebe
Zuerst sich Bahn zu diesem Herzen brach.

Wie schlimm mißhandelt hast du mich, o Liebe!
Warum nur stürzt uns diese süße Lust
In solcher Schmerzen sehnliches Getriebe!

Nicht sanft, nicht heiter ward ich mir bewußt
Der neuen Macht. Sie kam mit Weh und Klagen
Und schnürte mir mit dunkler Angst die Brust.

Sprich, zärtlich Herz, was machte dich verzagen,
Was bebtest du so tief vor dem Gedanken,
Der aller Wonnen Preis davongetragen?

Bei dem Gedanken, der sich ohne Wanken
Dir Tags gesellt' und Nachts dir raunte zu
Süßschmeichelnd, wenn in Schlaf die Fluren sanken?

In Unruh', Glück und Jammer stürmtest du
Lautpochend fort und fort an dein Gefängniß
Und scheuchtest mir von meinem Pfühl die Ruh'.

Und wenn ich, matt von glühender Bedrängniß,
Die Augen schloß zum Schlummer, o wie bald
Verstört' ihn, wie im Fieber, Traumesbängniß!

Wie leibhaft stand die reizende Gestalt
Im Finstern da, und ob ich auch die Lider
Zudrückte, sie erblickt' ich tausendfalt.

Wie floß mit süßem Grau'n durch meine Glieder
Verworrne Glut, wie wogten ohne Stocken
Gedanken durch den Geist mir auf und nieder.

So fährt ein Zephyr durch die dichten Locken
Des alten Waldes, im Vorüberschweben
Ihm lange, bange Klagen zu entlocken.

Und da ich schweigend stand, wehrlos ergeben,
Was sagtest du, o Herz, als sie nun ging,
Um die in tiefer Noth du solltest beben?

Kaum, daß ich völlig an zu lodern fing,
So war des Lüftchens linder Hauch entschwunden,
Durch das ich Kühlung meiner Glut empfing.

Wach lag ich noch in frühen Morgenstunden,
Da stampfend schon an unsres Hauses Thor
Die Räuber meines Glücks, die Rosse stunden.

Und ich, verzagt und stumm, ein blöder Thor,
Hielt zum Balcon hin in den Finsternissen
Umsonst mein Aug' und mein begierig Ohr,

Ob ich noch einmal, eh' sie würd' entrissen,
Die Stimme hörte, die geliebte, traute,
Die Stimme nur! Mehr sollt' ich ewig missen.

Doch immer trafen nur gemeine Laute
Mein zweifelnd Ohr; ein Frösteln fiel mich an,
Indeß ich kaum zu athmen mir getraute.

Und als die theure Stimme endlich dann
Mir an die Seele drang und von den Rossen
Und Rädern schlug der Lärm zu mir hinan,

Da, nun verwais't, die Augen fest geschlossen,
Vergrub im Pfühl ich zuckend mein Gesicht,
Die Hand aufs Herz gepreßt, in Gram zerflossen.

Dann wankend unter meines Grams Gewicht
Schleppt' ich mich dumpf durchs schweigende Gemach
Und sprach: Was nun auch kommt, es rührt dich nicht!

Und bitterlich ward die Erinnrung wach
In meiner Brust, für jedes Bild verschlossen,
Für jede Stimme, die zum Herzen sprach.

Ein öder Schmerz war über mich ergossen,
Wie wenn der Regen weit und breit ins Land
Herniederrieselt, traurig und verdrossen.

Noch hatt' ich dich, o Liebe, nicht gekannt,
Und achtzehn Sommer lebt' ich bis zum Tage,
Wo ich mit Thränen deine Macht empfand.

Entwerthet war mir wie mit einem Schlage
Jedwede Lust, die heil'ge Morgenfrühe,
Der Sterne Glanz, des Frühlings Blütenhage.

Ich fühlte, wie die Sehnsucht selbst verglühe
Nach Ruhm, von der so heiß mein Busen brannte;
Nur Schönheit noch erschien mir werth der Mühe.

Nicht mehr zu den vertrauten Büchern wandte
Sich Aug' und Sinn. Leer schien mir auf einmal,
Was ich zuvor als einzig werth erkannte.

Wie hatt' ich mich verwandelt! ach, wie stahl
Die neue Leidenschaft mein Herz der alten!
Traun, eitle Menschen sind wir allzumal.

Nur noch mein Herz gefiel mir, Zwiesprach halten
Mit ihm, in ew'ge Träumerei begraben,
Und meinen Kummer hüten vorm Erkalten.

Nichts wollte mehr der Blick zu schauen haben,
Ob schön, ob häßlich; in sich selbst gekehrt,
Am eignen Licht nur wollt' er sich erlaben;

Aus Furcht, das reine Bild, so keusch verklärt,
Getrübt zu sehn im Spiegel meiner Brust,
Wie Seeflut, über die ein Lüftchen fährt.

Und jene Reue, daß ich nicht gewußt
Voll auszukosten, was so schön und gut,
Sie, die Vergifterin entschwundner Lust,

Trieb ihren Dorn mir rastlos in das Blut
Im Rückgedenken; ob auch noch die Pein
Der Schuld nicht an mir nagt' in wilder Glut.

Euch, edle Seelen, dir, du Sonnenschein,
Schwör' ich's: kein niedrer Wunsch hat mich verzehrt;
Die Glut in mir war sündelos und rein.

Und noch wird diese Flamme fortgenährt,
Noch lebt das schöne Bild in meiner Seele,
Und ob sie nur ein Traumglück mir gewährt -

Sie bleibt der Trost, den ich allein erwähle!

(Übersetzung: Paul Heyse 1830-1914)

Aus: Paul Heyse Gesammelte Werke (Gesamtausgabe)
Band: Italienische Dichter in Übersetzungen
Berlin 1889 (Nachdruck Georg Olms Verlag 1999) (S. 61-65)
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Der Traum

Der Morgen kam und durch geschloßne Scheiben
Des Fensters goß mir ins umdunkelte
Gemach der Tag den ersten Dämmerschein,
Zur Stunde, wo der Schlaf am leichtesten,
Am süßesten umschattet unsre Lider, -
Da war's, als mir erschien, ins Antlitz blickte
Das Bild des Weibes, das zuerst mich Lieb
Gelehrt und dann – mich einsam ließ in Thränen.
Nicht todt erschien sie mir, doch blickte traurig
Ihr Angesicht, wie einer Gramgebeugten!
Aufs Haupt mir legte sie die Hand und seufzend
Begann sie: "Lebst du noch, und in der Seele
Bewahrst du mein Gedächtniß noch?" "Woher",
Gab ich zur Antwort, "kommst du, theure Schöne?
Wie vieles Leid ertrug ich, trage noch
Um dich, und meinte nie, du solltest's wissen -
Und so gebrach nur mehr mir jeder Trost!
Doch, willst du mich ein zweites Mal verlassen?
Ich fürchte! Sprich, was ist mit dir geschehn?
Bist du dieselbe noch? Und was verzehrt
Dein Inneres?" – "Vergessenheit umschattet
Dir die Gedanken und der Schlaf die Sinne",
Sprach sie; "gestorben bin ich, und du sahst mich
Das letzte Mal vor Monden." Unermeßlich
Befing mein Herz das Leid bei diesem Wort.
Und weiter sprach sie: "In des Lebens Blüte
Geknickt, zur Zeit, wenn, ach, am süßesten
Das Leben – eh' das Herz ermißt, wie eitel
Ist jeder Hoffnungstraum! Herbeizuwünschen,
Was uns befreit aus allem Leid – wir lernen
Es früh genug, - und doch für zarte Jugend
Ist Schreckniß noch der Tod, und werth der Thränen
Ist eine Hoffnung, die das Grab verschüttet!
Was hilfts, zu wissen, was Natur verbirgt
Den Lebensunerfarnen? und um Vieles
Ist besser als zu früh gereifte Weisheit
Unwissend-blindes Leid!" – "Verstumme", sprach ich,
"O Unglücksel'ge, Theure! du zerreißest
Das Herz mir! Todt bist du, Geliebteste?
Und ich, ich lebe, und so wars verhängt,
Daß Todesnoth erprobten deine Glieder,
Die theuren, zarten, und mir ungeschädigt
Blieb dieser schnöde Leib? O wie so oft,
Wenn ich gedenke, daß du todt, daß nimmer
Ich dich im Leben sollte wiedersehen -
Nicht glauben kann ichs! Ach, was ist wohl das,
Was Tod genannt wird? Heut könnt' ichs erfahren,
Und dieß wehrlose Haupt der grausamen
Befehdung des Verhängnisses entziehn!
Ein Jüngling bin ich noch, doch meine Jugend
Rinnt fruchtlos mir dahin wie Greisenalter;
Vorm Alter beb' ich und noch ists mir ferne.
Doch wenig nur vom Alter unterscheidet
Sich meine Blütezeit." – "Zum Leid geboren",
Sprach sie, "sind beide wir, und unserm Leben
Zulächelte kein Glück. An unsren Qualen
Vergnügte sich der Himmel!" – "Wenn mir nun",
Erwiedert' ich, "das Augenlid die Thräne
Verschleiert und die Blässe das Gesicht
Ob deines Hingangs, und voll Gram ich trage
Das Herz, sprich, fiel von Liebe, fiel von Mitleid
Ein Funke niemals in die Seele dir,
So lang du lebstest? Ach, verzweifelnd schleppt' ich
Und hoffend mich die Tage hin, die Nächte;
Und heut in dieses Zweifels Schwankungen
Ermüdet mir der Geist. Befiel nur einmal
Ein Schmerzgefühl dich um mein dunkles Leben,
Verhehl' es nicht, ich flehe. Laß Erinnerung
Mich trösten, da geraubt ist unserm Leben
Die Zukunft." – Und sie sprach: "Getröste dich,
Unglücklicher! Nie war, so lang ich lebte,
Ich mitleidskarg für dich, noch bin ichs jetzt,
Denn elend war auch ich. Nein, keine Klagen
Erhebe gegen mich unsel'ges Weib!"
"Bei unserm Schmerzensloose, bei der Liebe,
Die mich verzehrt", rief ich, "beim trauten Namen
Der Jugend und bei der verlornen Hoffnung,
Die lebend wir gehegt, laß mich berühren,
Geliebte, dich!" – Da reichte sie mit sanfter,
Doch trauriger Geberde mir die Hand.
Doch während ich mit Küssen sie bedecke,
Und an das Herz, das mächtig athmende,
Sie leidvoll-zärtlich drücke, deckt mit Schweiß
Sich Brust und Antlitz glühend mir, es stockt
Das Wort mir in der Kehle, schwindelnd seh' ich
Des Tages Licht vor meinem Auge tanzen:
Und tief und innig in mein Aug' versenkend
Das ihre, sprach sie: "Denkst du nicht, o Theurer,
Daß ich entkleidet bin all meiner Schöne?
Vegebens, o Unglücklicher, in Sehnsucht
Erglühst du noch und zitterst. Fahre wohl!
Getrennt auf ewig bleiben unsre Seelen
Und unsre Leiber. Mir nicht lebst du, mir
Nie wieder wirst du leben. Schon zerriß
Den Bund der Treue, die du mir geschworen,
Das Schicksal." Also sprach sie. Da vor Angst
Aufschreien wollt' ich, und, krampfhaft erbebend,
Die Augen quellend von Verzweiflungsthränen,
Riß ich mich los aus Schlummersbanden. Sie
Stand mir im Aug' noch immer – sie erblickt' ich
Im Dämmergrau'n des Morgens lange noch!

(Übersetzung: Robert Hamerling 1830-1889)

Aus: Giacomo Leopardi Gedichte
Aus dem Italienischen in den Versmaßen des Originals
von Robert Hamerling Leipzig 1886 (S. 59-62)
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Der Traum
(1831)

Noch frühe war's. Durch die geschlossnen Läden
Stahl über den Balcon der erste Schein
Des Morgenroths sich in mein dunkles Zimmer.
Da, um die Zeit, wo leichter schon und süßer
Der Schlummer uns die Wimpern überschattet,
Stand plötzlich neben mir und sah mich an
Das Bildniß Jener, die zuerst mich Liebe
Gelehrt und dann in Thränen mich verlassen.
Nicht todt, nur traurig schien sie mir, das Antlitz
Verwandelt wie von schwerem Leid. Die Rechte
Bewegte sie nach meinem Haupt und sprach
Mit Seufzen: Lebst du und gedenkst noch irgend
An mich? - Woher, entgegnet' ich, und wie
Kommst du, geliebte Schönheit? Ach, wie trug ich,
Wie trag' ich Leid um dich, und glaubte nicht,
Du könnest darum wissen, und mein Schmerz
Ward ärmer nur an Trost durch diesen Wahn.
Doch willst du nun mich abermals verlassen?
Ich fürcht' es sehr. O sage, wie erging dir's?
Bist du noch, die du warst? Und was bekümmert
Die Seele dir? - Vergessenheit umnachtet
Deine Gedanken, und der Schlaf umhüllt sie,
Sprach Jene. Ich bin todt. Du schautest mich
Zum letzten Mal vor Monden. - Bei den Worten
Drang ein unendlich Weh durch meine Brust.
Und sie fuhr fort: Im Flor der Jahre starb ich,
Wo Leben uns am süßesten, und eh' noch
Das Herz begriffen, wie so völlig eitel
Der Menschen Hoffnung. Den herbeizuwünschen,
Der ihn erlös't von allem Leid, wie liegt's
Dem kranken Menschen nah! Doch trostlos naht
Der Tod der Jugend, und ein hartes Schicksal
Ereilt die Hoffnung, die im Grab erlischt.
Nicht frommt's zu wissen, was Natur verbirgt
Den Neulingen im Leben; und um Vieles
Ist unerfahrner Weisheit vorzuziehn
Der blinde Schmerz. - O Unglücksel'ge, Theure,
O schweige, rief ich, schweige! Deine Worte
Zerreißen mir das Herz. So bist du wirklich
Todt, o Geliebte, und ich leb', und so
War es verhängt, daß dieser theure Leib,
Der zärtliche, im bangen Todesschweiß
Vergehen sollt' und ich behielte diese
Elende Hülle? Ach, so oft ich auch
Bedenke, daß du nicht mehr lebst und ich
Nie in der Welt dich werde wiederfinden,
Nie kann ich's glauben! Wehe mir! was ist
Das Wesen, das man Tod nennt? Heut einmal
Könnt' ich's erfahren und mein wehrlos Haupt
Dem grimmen Hasse des Geschicks entziehn.
Jung bin ich noch, doch schwindet und verzehrt sich
Mein junges Leben wie ein Greisenthum,
Vor dem mir graut, obwohl mirs noch so fern.
Doch kaum vom Greisenalter unterscheidet
Sich meine Blütezeit. - Zum Weinen wurden
Wir Zwei geboren, sprach sie. Unserm Leben
Hat nie das Glück gelacht; der Himmel freute
Sich unsrer Qual. - Wenn denn das Aug' von Thränen,
Sprach ich, von Blässe das Gesicht verschleiert
Um deines Scheidens willen und das Herz
Mir schwer von Angst ist, sage mir: hat je
Von Lieb' ein Funken oder Mitleid gegen
Den armen Liebenden dein Herz bewegt,
So lang du lebtest? In Verzweiflung damals,
Dann wieder hoffend lebt' ich Tag' und Nächte;
Am leeren Zweifel müdet heut die Seele
Sich ab. Drum wenn auch nur ein einzig Mal
Du Leid gefühlt um mein verdüstert Leben,
Verbirg mir's nicht, ich flehe, und Erinnrung,
Jetzt da die Zukunft unserm Leben fehlt,
Sei mir ein Trost. Und sie: Getröste dich,
Unglücklicher! Ich war an Mitleid nie
Dir karg, so lang ich lebte, noch auch jetzt;
Denn elend war auch ich. Beklage nicht
Dies unglückseligste von allen Mädchen. -
Bei unsern Leiden, bei der heißen Liebe,
Die in mir lodert, rief ich, bei dem holden
Namen der Jugend, unsrer Tage früh
Verlorner Hoffnung, o vergönn es, Theure,
Daß ich die Hand dir fassen darf! - Da reichte
Sie sanft und traurig sie mir hin. Und als ich
Mit Küssen sie bedecke und, erbebend
Von bittrem Weh und Wonne, an die Brust,
Die wallende, sie drücke, Brust und Antlitz
In feuchte Glut getaucht und mir im Halse
Die Stimme stockt, wankt schon der Tag vorm Auge.
Und sie darauf, in meine Augen zärtlich
Die ihren heftend: Freund, vergissest du,
Sprach sie, daß ich von jedem Reiz entblößt bin?
Und doch umsonst, Unglücklicher, in Liebe
Bebst und erglühst du! Aber nun lebwohl;
Denn unsre armen Seelen, unsre Körper
Sind ewiglich getrennt. Nicht mehr für mich
Lebst du und sollst du leben. Deinen Schwur
Zerriß das Schicksal. - Da in meiner Angst
Aufschreien wollt' ich, und vergehend fast,
Die Augen schwer von hoffnungslosen Thränen,
Erwacht' ich aus dem Schlaf. Vor meinen Blicken
Stand sie noch immer, und noch immer glaubt' ich
Ihr Bild zu sehn im schwanken Strahl der Sonne.

(Übersetzung: Paul Heyse 1830-1914)

Aus: Paul Heyse Gesammelte Werke (Gesamtausgabe)
Band: Italienische Dichter in Übersetzungen
Berlin 1889 (Nachdruck Georg Olms Verlag 1999) (S. 70-73)
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An die Geliebte

O theure Schönheit, mir das Herz entfachend
Von fern, ob auch du mir verbirgst die Züge,
(Wenn deines Schattens Flüge
Nicht himmlisch wie im Traume
Das Herz berühren, und im Feld, wo lachend
Die Schöpfung und der Tag mir glänzt, der holde)
Beschrittst du irdsche Räume
In bessern Zeiten, die benannt von Golde?
Und nun als leichter Lufthauch
Schwebst du durchs Volk hin? oder hat das Walten
Des Schicksals dich der Zukunft aufbehalten?

Mir bleibt, dich als Lebendige zu schauen,
Kein Hoffnungsstrahl. Werd' ich dich etwa finden
Dereinst, wenn, ledig dieser irdschen Hülle,
Auf neuer Bahn zu unbekannten Auen
Hinwallt mein Geist? Schon als sich mir erschlossen
Der Jugend Pfad, unsicher und umdunkelt,
Dacht' ich dich mir auf diesen rauhen Gründen
Als Pilgerin. Doch kein Geschöpf auf Erden
Gleicht dir, und wem gelänge, gleich zu werden
Dir an Geberde, Zügen, Sprache – nimmer
Erglänzt' er doch wie du in gleichem Schimmer!

Wenn Einer in der lastenden Bedrängniß,
Die das Geschick zum Antheil uns beschieden,
Dich schaute, wie vor mir im Traum zu schweben
Du pflegst, und froh dir weihte Lieb' und Treue,
Wie selig wär' sein Leben!
Und wohl empfind' ich, wie nach Ruhm aufs neue
Zu jagen, wie in erster Jugend, Liebe
Mich könnte spornen. Doch es giebt der Himmel
Nicht solchen Trost. Wär' doch dieß Sein, das trübe,
Mit dir gleich jenem, das im Himmel oben
Zu Göttern macht die Götter, glanzumwoben!

In Thälern, wo erklingen
Des müden Landmanns Lieder,
Da sitz' ich und betraure
Des Jugendmuths allmähliches Zerrinnen,
Und auf den Hügeln streck' ich hin die Glieder,
Verlornem Sehnen, Hoffen nachzusinnen
Der schönen Jugendtage – da erwach' ich
Und denk' an dich und bebe.
O, wärs nur stets vergönnt mir, festzuhalten
Dein Bild hier – es genügte mir sein Schimmer,
Da Wirklichkeit versagt mir ist für immer.

Wenn du von jenen ewigen Ideen
Bist eine, die bisher die ew'ge Weisheit
Zu kleiden sich gescheut in irdsche Formen,
Und in hinfäll'ger Hülle preiszugeben
Dem todverfallnen Leben
Und seinen Qualen – oder wenn dort oben
Von jenen unzählbaren Welten eine
Dich hält, ein Stern, der glänzt in holderm Scheine,
Der Sonne nah, umweht von mildern Lüften, -
Von hier, wo flüchtig sind der Freude Blüten,
Nimm hin das Lied des Fremden, Lieberglühten!

(Übersetzung: Robert Hamerling 1830-1889)

Aus: Giacomo Leopardi Gedichte
Aus dem Italienischen in den Versmaßen des Originals
von Robert Hamerling Leipzig 1886 (S. 71-72)
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An die Geliebte
(1824)

Du Holde, die mein Sehnen
Von fern erregt mit tiefverhüllten Zügen,
Mich läßt im Traum nur wähnen,
Ihr himmlisch Bild zu schauen,
Und wenn am schönen Tag
In Wonne lachend die Gefilde liegen:
Sag, lebtest du dein Leben
Schon in der goldnen Zeit, der unschuldsvollen,
Um heut uns zu umschweben
Als Schatten? Oder hat ein neidisch Walten
Des Schicksals dich der Zukunft vorbehalten?

Die Hoffnung ist geschwunden,
Dich je zu schau'n im Leben;
Erst dann vielleicht, wenn hüllenlos mein Geist
Nach fremden Stätten einsam wird entschweben
Auf neuem Pfad. Schon einst im Morgengrauen
Des Erdentags mit ungewissem Scheine
Glaubt' ich, auf dieser rauhen Erde sei'st
Auch du bestimmt zur Pilgerschaft. Doch fand ich
Nichts Irdisches dir ähnlich. Wenn auch Eine
Dir glich' an Zügen, an Geberd' und Rede, -
An Reiz und Anmuth überträfst du Jede.
Wenn unter all den Leiden,
Die Sterblichen verhängt sind vom Geschick,
Leibhaft und so wie dich mein Geist geträumt
Dich Einer liebt' auf Erden, - dieses Leben
Wär' ihm ein sel'ges Glück;
Ich fühl' es tief: nach Ruhm und Tugend streben
Würd' ich aufs Neue, wie in junger Zeit,
Um deiner Liebe willen. Jetzt gewährt
Der Himmel keine Lindrung meinem Leid.
Mit dir vereinigt wäre schon hienieden
Ein göttergleiches Dasein mir beschieden.
In Thälern, wo das Lied
Des fleiß'gen Landmanns hinterm Pflug ertönt,
Sitz' ich versenkt in Sehnen
Nach meinem Jugendtraum, der nun entflieht.
Und fließen auf den Hügeln meine Thränen,
Weil meinen Tagen jede Sehnsucht, jede
Hoffnung entschwand, - auf einmal, denk' ich dein,
Pocht neuerweckt mein Herz. O könnt' ich nur
In dieser düstern Zeit voll Schmach und Pein
Dein hohes Bild bewahren, das so mild,
Obwohl ihm Leben fehlt, die Seele stillt!
Bist du vielleicht der ew'gen
Ideen eine, der die ew'ge Weisheit
Ein sinnliches Gewand nicht wollte geben,
Nicht sie in schwacher Hülle
Verstoßen in dies todgeweihte Leben?
Wie, oder ward zum Wohnort dir ersehen
Ein neu Gestirn aus aller Welten Fülle,
Wo schöner als die Sonne dich umstrahlt
Der nächste Stern und mildre Lüfte wehen?
So nimm aus dieser Welt, so leidgetrübt,
Das Lied des Unbekannten, der dich liebt!

(Übersetzung: Paul Heyse 1830-1914)

Aus: Paul Heyse Gesammelte Werke (Gesamtausgabe)
Band: Italienische Dichter in Übersetzungen
Berlin 1889 (Nachdruck Georg Olms Verlag 1999) (S. 81-83)
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Das Wiedererwachen

Erloschen wähnt' ich lange schon
Mir gänzlich im Gemüthe,
Noch in des Lebens Blüte,
Der Jugend süßes Leid:

Das süße Leid, die Regungen,
Die zärtlichen, der Seele -
Was immer, obs auch quäle,
Uns wird zur Seligkeit.

Wie klagt' ich, weint' ich – siehe, da
Erstarb im neuen Leben
In meiner Brust, umgeben
Von Eis, des Schmerzes Lust!

Des Herzens lautrer Schlag erstarb,
Es schwand, die hold mich lockte,
Die Liebe mir, es stockte
Der Seufzer in der Brust.

Als trostberaubt und leer und todt
Mein ird'sches Sein beweint' ich,
Erstarrt im Foste, meint' ich
Sei rings um mich die Welt.

Öd schien der Tag mir, öder noch
Als sonst der Nächte Dunkel,
Erloschen das Gefunkel
Der Stern' am Himmelszelt.

Doch dieses Leides Urquell, ach!
War noch das alte Minnen;
In meiner Brust tiefinnen,
Da lebte noch das Herz.

Geheim noch immer hing der Sinn
An süßgewohnten Bildern;
Mein düsteres Verwildern -
Es war noch Liebesschmerz!

Bis endlich diese letzte Spur
Des Grames in der Seele
Mir auch erlosch, der Kehle
Kein Ach sich mehr entrang.

Dalag ich, hatte jedem Trost
Für immer abgeschworen:
Es gab das Herz verloren
Sich selber, todesbang!

O, wie verschieden war ich jetzt
Von dem, der heiß erglühte,
Der jüngst noch im Gemüthe
So holden Wahn genährt!

Mir sang nicht mehr die Schwalbe, die
Mit frohem Flügelschlage
Mich sonst geweckt, dem Tage,
Dem neuen, zugekehrt.

Mir rührt' in stiller Hütte nicht
Das Herz im Herbst, dem fahlen,
Beim Kuß der letzten Strahlen
Der Abendglocke Schall.

Der Abendhimmel glänzte mir
Umsonst auf stillem Gange:
Mir sang mit süßem Klange
Umsonst die Nachtigall.

Und du, o zärtlich Augenpaar,
Ihr Blicke, lieblich irrend,
Den Liebenden verwirrend
Zuerst mit Zaubermacht;

Und jene bloße, weiße Hand,
Die meine fassend achtlos -
Das Alles, ach, war machtlos
In meines Stumpfsinns Nacht!

So freudeleer, doch finster nicht
Bin Andern ich erschienen;
In heiter stillen Mienen
Lag Trauer nicht noch Lust.

Es hätte sich mein Wunsch den Tod
Als Lebensziel erlesen,
Wär möglich noch gewesen
Ein Wunsch in meiner Brust.

Gleichwie der matte Daseinsrest
Des Alters, frostig, schnöde,
Verran mir schal und öde
Des Lebens junger Mai:

Und so hinschlepptest du, mein Herz,
Die hehre Zeit im Stillen,
Die nach der Götter Willen
So flüchtig wallt vorbei!

Doch nun – wer weckt aufs neue mich
Aus dumpfen Schlummers Banden?
Mit welcher Macht umwanden
Mich neue Triebe nun?

So wars, ihr sanften Regungen,
Herzschläge, süßes Beben,
Von euch mir nicht gegeben
Für immer auszuruhn?

Bist du's, o Flamme, die zum Sterne
Des Lebens ich erkoren?
Bist du's, den ich verloren,
Drang meiner Blütezeit?

Wohin mein Auge schweifen mag,
Mir weht auf allen Wegen
Ein Hauch von Schmerz entgegen,
Doch auch von Seligkeit!

Ein neues Leben regt sich rings,
Am Strand, im Wald. Zu sprechen
Beginnt die Flut in Bächen,
Und flüsternd rauscht das Meer.

Wer giebt zurück die Thräne mir,
Nach langer Herzensöde -
Wie glänzt die Welt, die schnöde,
Verwandelt mir so sehr!

Hat etwa dich ein milder Blick
Der Hoffnung, Herz, getroffen?
Nein! Fern dir bleibt das Hoffen,
Das Andern Wonne schafft.

Nur lockenden Bethörung ist
Und Schmerz mein Angebinde,
So daß ich nimmer finde
Die gramerstickte Kraft!

Doch gänzlich nicht vernichtet ist
Sie vor des Schicksals Tücken,
Noch vor den grausen Blicken
Der Wahrheit, die mich schreckt:

Ich weiß, wie meine Phantasie
Fern dieser Wahrheit Spur ist:
Ich weiß, daß taub Natur ist
Und nichts ihr Mitleid weckt.

Ich weiß, daß nicht sie unser Wohl,

Nein, unser Sein nur kümmert -
Bleibt dieß nur unzertrümmert,
Was fragt sie nach dem Leid?

Ich weiß, daß unter Menschen nie
Elenden blüht Erbarmen,
Daß vor dem fleh'nden Armen
Sich flüchtet Jeder weit.

Ich weiß, daß Tugend, Geisteskraft
Jetzt unbeachtet schmachten,
Daß jedem edlen Trachten
Selbst nackter Ruhm gebricht.

Und eitel, himmlisch Augenpaar,
Ist auch dein Glanz, der reine;
Was glüht in diesem Scheine,
Das ist die Liebe nicht!

Kein Herzensdrang erglänzt darin,
Wie hold der Strahl mag gleißen,
In dieser Brust, der weißen,
Kein Liebesfunke ruht.

Und Andrer zärtlich Nahn, mit Spott
Erwiedert sie's und Hohne;
Verachtung giebt zum Lohne
Sie himmlisch reiner Glut.

Und dennoch, dennoch klopfst du, Brust,
In stürmischer Bewegung:
Ob seiner eignen Regung
Verwundert sich das Herz.

Von dir, mein Herz, kommt dieser Hauch,
Der letzte, kommt dieß Glühen,
Das alte, mir verliehen
Als süßer Trost im Schmerz!

Es fehlen mir, ich fühl's, zum Geist,
Der edel und erhaben,
Natur und Schicksalsgaben,
Besitz und Schönheitszier!

Doch pochst du, Herz, vom Schicksal nicht
Gebeugt und überlistet,
Dank' ich der Macht, die fristet
Den Hauch des Odems mir!

(Übersetzung: Robert Hamerling 1830-1889)

Aus: Giacomo Leopardi Gedichte
Aus dem Italienischen in den Versmaßen des Originals
von Robert Hamerling Leipzig 1886 (S. 78-83)
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Die Auferstehung
(1831)

Vorbei für immer wähnt' ich schon
In meiner Jugend Blüte,
Die einst die Brust durchglühte,
Ach, all die süße Qual;

Die süße Qual, der zärtlichen
Gefühle tiefes Beben,
Was irgend nur das Leben
Uns lieblich macht zumal.

Wie streut' ich meine Klagen da
Und Thränen in die Winde,
Als unter Eisesrinde
Erstorben schien das Leid!

Das Klopfen schwieg, das stürmische,
Der Liebe Glut verglommen,
Das Herz starr und beklommen
Kein Seufzer mehr befreit!

Da weint' ich, daß so freudenlos
Mein Leben schwinden werde,
Daß rings um mich die Erde
Versteint im ew'gem Frost.

Der Tag verödet, öder noch
Der Nächte stummes Dunkel;
Nicht Mond, noch Sterngefunkel
Gab meinen Augen Trost.

Doch jener Thränen Quelle war
Die alte Liebeswunde;
Tief in des Busens Grunde
Fortlebte noch das Herz.

Noch sehnt' es nach den Bildern sich,
Daran sich's einst entzückte.
Der Gram, der mich bedrückte,
War immer noch ein Schmerz.

Doch bald erlöschen fühlt' ich auch
Des Schmerzes letzten Funken,
Die Kraft in mir versunken,
Zu klagen meine Noth.

Da lag ich; fühllos, sinnberaubt,
Nach keinem Trost verlangt' ich;
In tiefer Ohnmacht bangt' ich,
Von Herzen stumm und todt.

War ich denn ach, Derselbe noch,
Der solche Glut vorzeiten,
So trunkne Seligkeiten
Genährt in seiner Brust?

Die Schwalbe, die so frühe schon
Am Fenstersims verborgen
Zujubelte dem Morgen,
Nicht hört' ich sie mit Lust.

Und nicht wie sonst zur Herbsteszeit
Im stillen Landhaus freute
Mich abendlich Geläute,
Der Sonne Niedergang.

Mich grüßt' umsonst der Abendstern
Hoch überm dunklen Hage,
Umsonst mit süßer Klage
Der Nachtigall Gesang.

Und ihr, verstohlne, zärtliche
Glutblicke schöner Augen,
Daraus Verliebte saugen
Den seligsten Gewinn,

Du weiche Hand, der meinen doch
So traulich hingegeben,
Nicht konntet ihr beleben
Den dumpferstorbnen Sinn.

Verarmt an allem Lieblichen,
Trüb war ich, doch gelassen,
Doch frei von Lieb' und Hassen
Und heitern Angesichts.

Wohl hätt' ich gern herbeigesehnt
Des Todes tiefern Frieden,
Doch in der Brust, der müden,
Hofft' und ersehnt' ich Nichts.

Wie eines welken Greisenthums
Armselig nackte Reste
Hab' ich die Zeit der Feste,
Den Lebenslenz verbracht.

So, thöricht Herz, versäumtest du
Unnennbar schöne Stunden,
Wo, nur zu bald entschwunden,
Uns helle Jugend lacht.

Wer weckt mich aus der Ruhe nun,
Die lähmend mich bedrückte?
Welch neue Kraft durchzückte
Auf einmal mich mit Lust?

Ihr Träume, sanfte Regungen,
Herzpochen, trüglich Hoffen,
Steht wirklich euch noch offen
Die lang erstorbne Brust?

Seid ihr's in Wahrheit, einziges
Licht in der Welt Gewühle,
Ihr sehnlichen Gefühle,
Die ich so früh verlor?

Wohin der Blick nun schweifen mag,
Rings in der Fern' und Nähe,
Dringt ein geheimes Wehe,
Ein Wonneglück hervor.

Mit mir aufs Neu' beleben sich
Gestade, Wälder, Höhen;
Ich kann den Quell verstehen,
Es spricht zu mir das Meer.

Wer giebt nach Schmerzvergessenheit
Die Thränen mir zurücke?
Wie scheint die Welt dem Blicke
Verwandelt mehr und mehr!

Hat, armes Herz, die Hoffnung gar
Ein Lächeln dir gespendet?
Ach, ewig abgewendet
Wird ihre Huld dir sein!

Mir gab Natur zum Erbe nur
Den süßen Trug der Jugend;
Die angeborne Tugend
Erlag der langen Pein.

Doch nur betäubt, nicht ausgelöscht
Vom schweren Leidgeschicke,
Sah sie mit festem Blicke
Der Wahrheit ins Gesicht;

Vor deren Blick - ich weiß es ja! -
Die holden Träume schwinden.
Wie wir in Qual uns winden,
Natur erbarmt sich nicht.

Nie unsres Wohles eingedenk,
Des Seins nur mag sie walten;
Dem Schmerz uns zu erhalten,
Ist einzig sie bemüht.

Ich weiß, es hat bei Menschen auch
Das Mitleid keine Stätte,
Da höhnend um die Wette
Die Welt den Armen flieht;

Weiß, daß die Zeit, die klägliche,
Nichts fragt nach edlen Geistern
Und würd'ger Forschung Meistern
Sogar den Ruhm verwehrt.

Und ihr, ihr himmlisch leuchtenden
Augen voll scheuen Lebens,
Ich weiß, ihr glänzt vergebens,
Von Liebe nie verklärt.

Nie blitzt in euch verstohlenes
Gefühl von Wonne trunken,
Nie glimmt ein holder Funken
In dieses Busens Schnee.

Ach, einzig zum Gespötte nur
Dient euch ein treues Herze;
Mit übermüth'gem Scherze
Belohnt ihr Liebesweh.

Und doch, aufs Neu' ergeb' ich mich
Dem alten Trug mit Willen.
Es staunt das Herz im Stillen,
Wie laut es pocht in mir.

Dir, o mein Herz, verdank' ich ja
Dies letzte Lebensregen,
Der schönen Flamme Segen
Und jeden Trost nur dir.

Ich fühl's, daß diesem adligen,
Reinen Gemüth auf immer
Gebricht des Glückes Schimmer,
Schönheit, Natur und Welt.

Doch wenn du lebst, Unseliges,
Unbeugsam dem Geschicke,
Will ich nicht zeihn der Tücke
Die Macht, die mich erhält.

(Übersetzung: Paul Heyse 1830-1914)

Aus: Paul Heyse Gesammelte Werke (Gesamtausgabe)
Band: Italienische Dichter in Übersetzungen
Berlin 1889 (Nachdruck Georg Olms Verlag 1999) (S. 88-92)
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An Silvia

O Silvia, gedenkst du
Noch jener Tage deines Erdelebens,
Als Schönheit dir im Auge,
Dem heiter ringsum schweifenden, noch glänzte,
Und fröhlich, ob auch sinnend, du die Schwelle
Des Jugendlaufs beschrittest?

Es hallten die Gemächer
Bis weithin in die Gassen
Von deinem hellen Singen,
Wenn fördernd du dein Frauenwerk, gedachtest
Mit hoher Herzensfreude
Der Zukunft, die du hofftest zu erringen.
Es war der duft'ge Mail, und du, du pflegtest
Den Tag so hinzubringen.

Die liebgewordnen Bücher da zuweilen
Verließ ich, über denen ich erglühte,
In jenen schönern Tagen,
Als meines Wesens bester Theil noch blühte,
Und vom Altan des väterlichen Schlosses
Belauscht' ich deiner Stimme Klang so gerne,
Sah deine Hand, die schnelle,
Hinfliegen über mühevoll Gewebe.
Dann schaut' ich froh die Sterne,
Die Straßen und die Gärten,
Vom Abendstrahl beleuchtet, und von ferne
Das Meer, die Berge. Könnten Worte sagen
Was ich im Busen fühlte?

Welch liebliche Gedanken,
O Silvia, welch süße Hoffnungsschauer!
Wie zeigte sich uns damals
Das Leben, das Verhängniß!
Gedenk' ich jenes freud'gen, stolzen Muthes,
Fühlt sich mein Herz betroffen,
Von lastender Bedrängniß,
Und neu befällt mich um mein Loos die Trauer.

Natur, Natur, was hältst du
Von dem, was in der Jugend
Du hold versprichst, so wenig? was betrügst du
So grausam deine Kinder?
Du, Liebliche, du wardst, bevor die Blätter
Des Herbstes gebleicht, dahingerafft von böser
Gewalt der Krankheit, schautest nicht erschlossen
Des Daseins schönste Blüte!
Nicht hat sich schmeichelnd in dein Ohr ergossen
Das süße Lob der schwarzen Locken, oder
Des Auges mit dem innigtrauten Blicke,
Nicht plauderten Gespielinnen am Festtag
Mit dir vom Liebesglücke!

Und mir auch ist verschwunden
Die heitre Hoffnung. Meinen Lebensjahren
Versagte Schicksalswille
Sogar der Jugend Vollgenuß. O sage,
Wie wardst du mir entwunden,
Hoffnung, Gefährtin meiner bessern Tage,
Um die die Thräne mir das Aug' umdüstert?
Das wär' die Welt, das wäre
Das Glück, die Thränen dieß, und die Erfolge,
Von denen du so viel mir zugeflüstert?
Das wäre der beschiedne Theil der Menschen?
Die Wirklichkeit, die grelle,
Hinwarf sie dich, o Hoffnung, und du wiesest
Nur noch den Tod, den kalten, mit dem Finger
Von fern mir, und des Grabes öde Stelle.

(Übersetzung: Robert Hamerling 1830-1889)

Aus: Giacomo Leopardi Gedichte
Aus dem Italienischen in den Versmaßen des Originals
von Robert Hamerling Leipzig 1886 (S. 83-85)
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An Silvia
(1831)

Silvia, gedenkst du noch
An jene Zeit in deinem Erdenleben,
Als dir von Schönheit glänzte
Dein lachend Augenpaar in muntrer Helle
Und du betratst, froh und gedankenvoll,
Des Jungfraunalters Schwelle?

Von früh bis spät erklangen
Die stillen Zimmer und ringsum die Gassen
Von deinem hellen Singen,
Wenn bei der Arbeit eifrig ohne Säumen
Du saßest und in Träumen
Von schöner Zukunft fröhlich war dein Sinn.
Süß duftete der Mai. So pflegtest du
Die Tage zu verbringen.

Dann meinen theuren Büchern
Abtrünnig und den mühevollen Heften,
An die ich früh gewendet
Den besten Theil von meinen Jugendkräften,
Wie manchmal von des Vaterhauses Söller
Lauscht' ich auf deine Stimme unverwandt
Und spähte nach der Hand,
Die flink das Linnen hin und her durchlief.
Wie still die Luft sich kühlte!
Wie golden Weg' und Gärten,
Und hier das ferne Meer und dort die Berge!
Kein Menschenmund spricht aus,
Was ich im Busen fühlte!

Wie liebliche Gedanken,
O meine Silvia, welch ein hoffend Streben!
Wie schien das Menschenleben
Uns damals wundersam!
Bedenk' ich, wie viel Täuschungen verglommen,
Fühl' ich mein Herz beklommen
Von trostlos bittrem Gram,
Und all mein Elend däucht mir schwerer nur.
Warum, warum, Natur,
Hältst du nicht Wort, erfüllest,
Was du versprachst, und trügst die eignen Kinder,
Die du mit Wahn umhüllest?

Du, eh' im Winter noch die Flur erstarrt,
Von tückisch leisem Siechthum hingerafft
Vergingst, du Zärtliche, und schautest nicht
Die Blüte deiner Jahre
Und durftest nicht erst fühlen,
Wie süß das Lob auf deine schwarzen Locken,
Auf deine feurigscheuen Liebesblicke;
Nicht plauderten mit dir von holdem Glücke
Am Festtag die Gespielen.

Auch mir verging - wie bald! -
Mein liebstes Hoffen, meinen Jahren auch
Versagten die Geschicke
Den Jugendglanz. Wie bist du
Entschwebt, gleich einem Hauch,
Holde Gefährtin meiner Knabenzeit,
Hoffnung, du vielbeweinte!
Das also ist die Welt,
Die Freuden, Thaten, Lieb' und bunten Fährden,
Die Jeder fröhlich zu erleben meinte?
Dies das Geschick der Sterblichen auf Erden?
Beim Nah'n der Wahrheit sankst du
Dahin, du Aermste; und von ferne nur
Wies deine Hand den kalten Tod mir und
Ein Grab auf öder Flur.

(Übersetzung: Paul Heyse 1830-1914)

Aus: Paul Heyse Gesammelte Werke (Gesamtausgabe)
Band: Italienische Dichter in Übersetzungen
Berlin 1889 (Nachdruck Georg Olms Verlag 1999) (S. 93-95)
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Liebe und Tod

Das Licht erblickten einst zur selben Stunde,
Als Brüder, Tod und Liebe.
So Holdes blüht im irdischen Getriebe
Nicht mehr wie diese, noch auf andern Sternen.
Denn von der Einen stammen
Die lieblichsten der Freuden,
Erquickend auf des Lebens Meer die Herzen,
Der Andre tilgt die Schmerzen,
Die Uebel allzusammen.
Als Kind, von Reiz umstrahlet,
Und anzusehn erfreulich,
Nicht so wie sich das feige Volk ihn malet,
Begleitet er zuweilen
Den kleinen, zarten Liebesgott getreulich.
Da sieht man sie gefesselt die Welt durcheilen,
Zum Trost für weiser Herzen einsam Schmachten.
Und weiser wird niemals ein Herz erscheinen,
Als das der Liebenden, noch muthbeseeelter,
Das Leben zu verachten;
Und nie so gern ertragen wir Gefahren
Für andern Herrn, als für die Herrin Liebe.
Die deine Hilf' erbaten,
O Liebe, sehn erwacht zu höherm Triebe
Den Muth, und klug in Thaten,
Nicht in Gedanken bloß, wie sonst sie pflegen,
Sind dann die Menschenkinder allerwegen.

Erwachen, die da schliefen,
Die Regungen der Liebe,
Aufs neue wieder in des Herzens Tiefe,
Da meldet seltsam sich zugleich mit ihnen
Ein lebensmüdes Sehnen nach dem Tode;
Nicht weiß ich, wie? Doch Allen so erschienen
Ist dieß als echten Liebens erste Wirkung.
Vielleicht erschreckt das Auge
Sodann die Öde dieser Weltumzirkung;
Vielleicht ist schal die Erde dann den Blicken
Des Menschen, ohne jenes
Unendliche und Neue,
Das einzig ihn vermöchte zu beglücken!
Und großen Lebenssturm um seinetwillen
Sieht er voraus, und trachtet
Nach Ruh', strebt in den Hafen sich, den stillen,
Zu flüchten vor dem wüthenden Verlangen,
Das ihn gewittergleich erfüllt mit Bangen.


Und dann, wenn überwunden
Ihn ganz die Macht, die hehre,
Und in der Brust ihm todt zu allen Stunden
Das Leid – o wie viel Male
Ruft dann sein Herz, das schwere,
Herbei den Tod, zum Trost für seinen Kummer!
Wie oft des Abends und wie oft im Strahle
Des Morgens, stets noch unerquickt vom Schlummer,
Nennt er beglückt sich, wenn's vergönnt ihm wäre,
Nie wieder zu erheben
Vom Lager sich, nie mehr das Licht zu schauen!
Und oftmals bei dem Klang der Todtenglocke,
Beim Liede, das geleitet
Den Menschen hin zu des Vergessens Auen,
Da hört man ihn mit Seufzern
Den Glücklichen beneiden,
Den so er sieht von dieser Erde scheiden.
Sogar das Volk, das roh und unbelehret,
Der Landmann, unerfahren
Der Tugenden, die Bildung nur bescheeret,
Das Mägdlein auch, dem sonst der Muth zu schwinden
Beginnt beim bloßen Namen
Des Todes, mit emporgesträubten Haaren:
Es wagt, aufs Grab und auf des Todes Binden
Den Blick zu richten, fest und standhaft – Eisen
Und Gift erwägt es ruhig
Gefaßt nun lange Stunden,
Und klar wird ihm die Schöne
Des edlen Tods im Geiste, dem unweisen.
So sehr erzieht zum Tod die Menschensöhne
Der Liebe Zucht. Und oft, wenn schier unsäglich
Herangewachsen ist die Qual im Herzen,
Daß ird'scher Kraft sie nimmer däucht erträglich,
Dann weicht dem Stoß der Schmerzen
Der schwache Leib, und obsiegt solcherweise
Die brüderliche Macht des Todes – oder
So stark ist im Gemüth der Sporn, der leise,
Des tiefen Liebesdranges, daß gewaltsam,
Mit ihren eignen Händen
Der rohe Landmann und das schwache Mägdlein
Ihr ird'sches Loos vollenden unaufhaltsam.
Die Welt bespöttelt solches Loos – sei Frieden
Und hohes Alter ihr doch stets beschieden!

Den heißen, den beglückten,
Den muthbeseelten Geistern
Gewähr' das Schicksal einen von euch beiden
Willkommnen Herrn und meistern
Und Freunden dieser Menschheit,
Die nichts im All an Macht je kann erreichen,
Als das Verhängniß. Du, den vom Beginne
Des Lebens an ich rufe stets und ehre,
Mit wandellosem Sinne,
Du holder Tod, der einzig
Mitleidig auf dieß Dasein blickt, das schwere,
Wenn je du dich gepriesen
Von mir empfandst, wenn, Göttlicher, dich jemals
Ich zu entschäd'gen strebte
Für Undank, den dir schnödes Volk erwiesen,
O säume nicht mehr, komm mit raschen Schritten,
Und schließe diesem Lichte,
Nun endlich weichend längst entwöhnten Bitten,
Mein düstres Aug', o Herrscher dieses Lebens!
Wann immer ich nicht flehe mehr vergebens
Und du zu mir herniedersenkst die Schwingen,
Gewappnet, hoch die Stirne,
Wirst du mich finden, muthvoll stets begegnend
Dem Schicksal, nie die Hand, die sich in meinem
Unschuld'gen Blute färbt und mich getroffen
Mit Geißelschlägen, rühmend oder segnend,
Wie Sklavensinn der Menschen pflegt seit lange;
Abschüttelnd jedes Hoffen,
Womit die Welt, die bange,
Sich kindisch tröstet, jede
Beschwichtigung, vom Schicksal nichts erwartend
Als dich, und heiter stets entgegensehend
Dem Tag, wo nach erfülltem Lebensloose
Mein Haupt zur Ruh sich legt in deinem Schooße.

(Übersetzung: Robert Hamerling 1830-1889)

Aus: Giacomo Leopardi Gedichte
Aus dem Italienischen in den Versmaßen des Originals
von Robert Hamerling Leipzig 1886 (S. 104-107)
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Liebe und Tod
(1836)

Der den die Götter lieben, scheidet jung dahin.
Menandros.

Als Zwillinge des Schicksals Schooß entsprossen,
Sind Lieb' und Tod Genossen.
Nichts Schönres ward hinieden
Der Erde, nichts der Sternenwelt beschieden.
Von Jener stammt die höchste,
Die seligste der Freuden,
Die je uns blühen mag im Meer des Seins,
Und von den schwersten Leiden
Kann ihr Genoß erlösen.
Das wundersame Wesen,
Holdselig anzuschauen,
Nicht wie's der Feigling pflegt sich vorzustellen,
Will gern der jungen Liebe
Sich oftmals zugesellen.
Vereint durchziehn sie dann des Lebens Auen
Und sind des Weisen Trost in aller Trübe.
Je mehr voll Liebesglut,
Je weiser ist ein Herz, je stolzer achtet's
Gering des Lebens Wehe.
Kein Machtgebot, o Liebe,
Befeuert so wie deins zu jedem Wagniß.
Entflammt ja deine Nähe
Ein jedes Herz mit Muth,
Belebt den sinkenden und pflegt zu Thaten,
Nicht nur zu müß'gem Brüten, wie sie pflegen,
Die Geister zu erregen.

Wenn in der Jugend Blüte
Sich regt in Herzenstiefen
Ein zärtliches Verlangen,
Erwacht zugleich mit ihm ein müdes Bangen,
Ein schmachtend Todessehnen im Gemüthe,
Nicht weiß ich, wie; doch Allen,
Die war und heiß geliebt, ist's so ergangen.
Dann wohl mit Grau'n betrachtet
Der Mensch die Oede rings, und diese Erde
Dünkt unbewohnbar ihm, wenn seinem Herzen
Der eine Wunsch versagt wird,
Die neue, grenzenlose
Glückseligkeit, wonach die Seele trachtet.
Und ahnt er gar den Sturm, der seine Brust
Erschüttern wird um sie: ersehnt er Ruhe
Und möcht' im Hafen landen,
Dem Aufruhr zu entrinnen
Der Leidenschaft, die ihm die Welt umnachtet.

Wenn Alles dann ringsum
Die wilde Macht verschlungen
Und Gram wie Wetterstrahl im Busen wüthet,
Wie innig tausendmal
Wirst du herangefleht,
O Tod, vom Liebenden in seiner Qual,
Wie oft im Abendstrahl,
Wie oft, wenn früh er sinkt aufs Lager nieder,
Preis't er als höchstes Glück, wär's ihm vergönnt,
Nie mehr die matten Glieder
Zu heben, nie die Sonne mehr zu sehen;
Und hört er mit des Todtenglöckleins Klange
Gesang herüberwehen,
Ein Grabgeleit zu ewigem Vergessen,
Wie innig dann erseufzend
Aus tiefster Brust, beneidet
Er Den, der bei den Schatten Wohnung fand!
Ja, selbst die rohe Menge,
Der Bauer, der den Segen,
Der von der Bildung ausströmt, nie gekannt,
Das Mädchen, dem das Haar zu Berge stand
Vor Schaudern, hört' es sagen
Vom Tod: sie alle wagen
Mit festem Muth auf Grab und Sterbekleid,
Wenn Liebesgram sie nagt, den Blick zu lenken,
Gelassen zu bedenken,
Ob Dolch, ob Gift sie wählen,
Und ihre schlichten Seelen
Verstehen ganz des Todes Lieblichkeit.
So locken uns zum Tod
Der Liebe strenge Noth und Machtbefehle.
Oft auch, wenn so sich mehrt die innre Qual,
Daß ird'sche Kraft nicht länger kann genügen,
Sehn wir den Leib erliegen
Dem wilden Sturm, und schwesterlich gesellt
Hilft Liebe dann der Macht des Todes siegen.
Dann wieder spornt sie dergestalt die Herzen,
Daß selbst der schlichte Landmann freientschlossen,
Die Jungfrau selbst ihr Leben
Mit eigner Hand gefährden,
Die jungen Glieder in die Grube betten.
Die Welt lacht ihrer Schmerzen;
Ihr sei's beschieden, friedlich alt zu werden.

Der glücklichen Gemeinde
Begeistert glüh'nder Seelen
Mag Einen doch von euch das Schicksal gönnen,
Geliebte Herrn und Freunde
Der armen Menschheit, denen
Sich keine Macht kann ebenbürtig wähnen
Im unermessnen All und mächt'ger nur
Das Fatum, waltend über der Natur.
Du aber, den schon seit den Jugendtagen
Ich huld'gend angerufen,
O holder Tod, du einz'ger
Erbarmer in der Erde Noth und Plagen,
Wenn ich dich je gepriesen
Und trotz der Schmach, die Thoren undankbar
Dir anthun, immerdar
Dir Ehrfurcht fromm erwiesen,
Laß nicht mein Flehn vergebens,
Das seltne zu dir dringen,
Und dies mein Augenpaar
Hüll ein in ew'ge Nacht, du Fürst des Lebens.
Mich wirst du stets, zu welcher Zeit und Stunde
Du mir erlösend nahst auf dunklen Schwingen,
Aufrechten Hauptes sehen
Dem Schicksal widerstehen,
Und färbt es seine Hand, die Wund' um Wunde
Mir schlägt, mit meinem Blut,
Nie werd' ich's darum preisen
Und segnen, wie, befangen
In altem Sklavensinn, die Menschheit thut.
Nein, jeder Hoffnung trügerischen Schein,
Mit dem die Welt so kindisch
Sich zu getrösten glaubt,
Will ich verschmähn und nie auf Hülfe bauen,
Als nur vor dir allein.
So will ich heiter nun
Den Tag erharren, wo mein schlummernd Haupt
Darf dir am Busen ruhn.

(Übersetzung: Paul Heyse 1830-1914)

Aus: Paul Heyse Gesammelte Werke (Gesamtausgabe)
Band: Italienische Dichter in Übersetzungen
Berlin 1889 (Nachdruck Georg Olms Verlag 1999) (S. 113-117)
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Aspasia

Zurück vor meine Seele kehrt zuweilen
Dein Angesicht, Aspasia. Bald flüchtig
Strahlt mir's entgegen, wo die Menschen weilen,
In fremden Zügen, bald auf stillen Feldern,
Am heitern Tag wie bei der Sterne Schweigen,
Wie aufgeweckt von sanften Harmonie'n,
Ersteht mir in der Seele so lebendig,
Daß ich erschrecke, dieses Zauberbild.
Wie angebetet war sie mir, ihr Götter!
Mein Glück, mein Fluch zugleich! Und nie empfind' ich,
Wie Düfte lieblich wehn von Wiesenblumen
Und Blüten an den Wegen um die Stadt,
Daß nicht noch einmal so du mir erscheinst,
Wie an dem Tage, wo im holdgeschmückten
Gemach, durchhaucht von Frühlingsblumenpracht,
In lieblich Braun gekleidet, sich dein Bild,
Das engelschöne, mir gezeigt, gelehnt
Auf schimmernd lichte Vließe, hold vom Hauch
Geheimer Lust umströmt; und wie als kluge
Erzieherin auf die gekrümmten Lippen
Der Kinder du dann Küsse drücktest, warm
Und schallend; wie den Hals, den blendenweißen,
Du lieblich strecktest, und die Ahnungslosen
Mit deiner Hand, der reizvoll zarten, drücktest
An den verborgnen, stillersehnten Busen.
Ein neuer Himmel, eine neue Erde,
Erschien mir da, ein Götterstrahl von oben:
Und mir ins Herz, das doch nicht wehrlos war,
Mit ganzer Kraft einsenktest du den Pfeil,
Den ich wehklagend trug dann in der Brust,
Bis sich zum zweiten Mal zurückgewandt
Zu jenem Tag des Jahrs der Sonnenlauf.
Ja, wie ein Strahl des Himmels, hohes Weib,
Erschien mir deine Schönheit. Gleiches wirken
Die Schönheit und die Klänge der Musik,
Daß ungeahnter Paradiese hohes
Geheimniß sie erschließen. Kosend hegt
Der Mensch, der vielgequälte, dann das Kind
Der eignen Seele, jenen liebenden
Gedanken, der den Himmel in sich schließt,
An Miene, Haltung, Rede gleichend ganz
Dem Weibe, das entzückt und lustverwirrt
Der Liebende zu kosen meint, zu lieben.
Doch ists nicht diese, jener ists, den er,
Selbst in der leiber Glutumarmung, liebt.
Und sieht er dann den Irrthum, sieht den Tausch
Der Gegenstände seiner Liebe, zürnt er,
Und klagt das Weib oft an mit Unrecht. Selten
Erhebt das Weib zum hohen Bild sich, das
Von ihr sich macht der edle Liebende,
Und was ihm einflößt ihre eigne Schönheit,
Das weiß sie nicht, begreift sie nicht. Es faßt
Des Weibes enge Stirn nicht den Gedanken;
Und thöricht hofft beim Leuchten ihrer Blicke
Der holdgetäuschte Mann, und fordert tiefes
Empfinden, fremdes, mehr als männliches,
Von ihr, die doch in Allem von Natur
Steht unter ihm. Wenn zarter ihre Glieder
Und weicher sind, gab ihr den Geist auch minder
Umfassend die Natur und minder stark.

Nie konntest du bis jetzt das, was du selbst
Mir eingeflößt für eine Zeit, dir denken,
Aspasia! Nicht weißt du, welche Liebe,
Maßlos, welch tiefes Leid, und welche Unruh,
Unsäglich groß, und welchen Wahnwitz du
In mir erregt, und nimmer kommt die Zeit,
Wo du's erfährst. So weiß auch nicht der Meister
Der Töne, was er wirkt, mit seines Fingers,
Mit seiner Stimme Kunst im Hörer. Todt
Ist nun, die ich so heiß geliebt, - todt jene
Aspasia. Dahingesunken ist sie -
Für immer, die mein ganzes Leben war!
Nur manchmal, wie ein theures Schattenbild,
Nahst du gemach und schwindest wieder. Ach,
Du selbst, Aspasia, du lebst, noch schön,
So schön noch, daß sich Keine dir vergleicht:
Doch jene Glut, die du entfacht, erlosch!
Denn dich nicht liebt' ich ja, nur jene Göttin,
Die einst gelebt in meiner Brust und nun
Bestattet ist darin. Anbetung weiht' ich
Ihr lange Zeit, und so bestrickte mich
Ihr Reiz, daß, kannt' ich auch von Anbeginn
Dein Wesen, deine Künste, deinen Trug,
Ich ihre Augen in den deinen sah,
Und sehnend folgte dir, so lang sie lebte,
Nicht unbewußt getäuscht, nein, von dem Reiz
So holder Aehnlichkeit gespornt, zu tragen
Das Joch von langer harter Sklaverei!

Nun rühme dich, wenn du's vermagst. Erzähle,
Daß du des Frau'ngeschlechtes Einz'ge bist,
Der ich gebeugt das stolze Haupt, und der
Ich weihte dieses unbezwungne Herz.
Erzähle, daß die Erste du, die Letzte,
Sahst flehentlich gesenkt mein Augenlid,
Mich vor dir sahest, schüchtern, zitternd, (ha!
Von Zorn und Scham erglüh' ich, denk' ich dran!)
Nicht mächtig meiner selbst, nur jede Regung
Und jedes Wort und jeden Wunsch demüthig
An dir erspähend, und vor deinem stolzen
Verschmähn erblassend, und dann wieder strahlend,
Wenn du mir freundlich; Farb' und Miene wechselnd
Bei jedem deiner Blicke. Doch gebrochen
Ist nun der Zauber, und gebrochen ist
Mit ihm das Joch, zu Boden hingeschleudert.
Und dessen freut mein Herz sich. Sind sie auch
Zum Überdruß mir, nach so langem Dienst,
So langem Wahn, willkommen heiß' ich wieder
Vernunft und Freiheit. Mag das Menschenleben,
Von Leidenschaft und holdem Wahne frei,
Nur eine Winternacht sein ohne Sterne -
Zum Trost, zur Rache meines ird'schen Looses
Genügt es mir, daß ich, ins weiche Gras
Mich streckend hier und unbeweglich ruhend,
Betrachte Himmel, Erd' und Meer und lächle!

(Übersetzung: Robert Hamerling 1830-1889)

Aus: Giacomo Leopardi Gedichte
Aus dem Italienischen in den Versmaßen des Originals
von Robert Hamerling Leipzig 1886 (S. 109-112)
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Aspasia
(1836)

Zuweilen kehrt vor meinen Geist zurück
Dein Bild, Aspasia. Mag es flüchtig mir
Vorüberblitzen im Gewühl der Stadt
Aus andern Zügen; mag im öden Feld
Am heitern Tag, im Glanz der stummen Sterne,
Gleichsam erweckt von sanfter Harmonie,
Mir in der Seele, die noch leicht erschrickt,
Dies stolze Traumbild plötzlich auferstehn.
Wie angebetet einst, ihr Götter, wie
Mir Wonn' und Fluch zugleich! Und nie umwehen
Die Düfte mich von blumenreicher Flur,
Noch aus den Gärten in der Städte Mitten,
Daß ich des Tags nicht denke, wo ich dich
In deinen lieblichen Gemächern fand,
Durchduftet alle von den frischen Blüten
Des Frühlings, wo gekleidet in die Farbe
Des dunklen Veilchens deine himmlische
Gestalt erschien, nachlässig hingeschmiegt
Auf glänzende Polster, von geheimer Wollust
Rings überhaucht; indeß du, ausgelernte
Verführerin, inbrünstig glüh'nde Küsse
Auf deiner Kinder sanftgeschwellte Mündchen
Laut schallend drücktest, deinen schneeigen Nacken
Vorbiegend und die arglos junge Brut
An den verhüllten, ach, ersehnten Busen
Zogst mit der wunderschönen Hand. Da schienen
Mir Erd' und Himmel neu, und fast ein Strahl
Der Gottheit glänzt' in mir. Da traf, beschwingt
Von deiner Hand, die Brust, die wohlbewehrt schien,
Mit Macht der Pfeil, den unentreißbar fest
Ich stöhnend trug, bis sich zum zweiten Mal
Im Lauf der Sonne jährte jener Tag.

Ein Strahl der Gottheit selbst erschien mir damals,
Weib, deine Schöne. Gleiche Zaubermacht
Übt Schönheit, wie Musik, die uns so oft
Von unbekannten Paradiesen hehres
Geheimniß zu enthüllen scheint. Dann hätschelt
Der tiefgetroffne Sterbliche das Kind
Der eignen Seele, das geliebte Urbild,
Den Inbegriff der ew'gen Himmelswonne,
Ganz an Gesicht, Geberde, Stimm' und Rede
Dem irdischen Weibe gleich, das zu ersehnen
In seinem Taumel wähnt der Liebende.
Und doch nicht dieses, jenes nur, das Urbild
Liebt und ersehnt er selbst im Rausch der Sinne.
Doch endlich wird er inne seines Wahns
Und der Verwechslung, zürnt dann und beschuldigt
Gar ungerecht das Weib. Es schwingt zur Höhe
Des Ideals sich selten nur ihr Geist,
Und was hochsinnig Liebenden sie einflößt
Durch ihren eignen Reiz, ahnt und versteht
Sie selber nicht. Nicht fasst so herrliche
Gedanken diese enge Stirn; und thöricht
Hofft - oder fordert gar - vom hellen Funkeln
Verführerischer Augen der Betrogne
Den tiefen, unergründlichen und mehr
Als männlich reifen Geist von Denen, die
Dem Mann in Allem nachstehn. Ihnen ward
Mit zartern, weichern Gliedern auch ein Geist
Von mindrer Fähigkeit und mindrer Kraft.

Auch du, Aspasia, was du selber einst
Mir in die Seele flößtest, nimmermehr
Hast du es ahnen können, nie erfuhrst du,
Wie grenzenlose Glut, wie tiefe Qual,
Wie unaussprechlich wilden Sturm und Wahnsinn
Du in mir aufgewühlt; und niemals kommt
Der Tag, wo du's begreifst. So weiß auch nicht
Wer die Gewalt der Töne fluten läßt,
Was er mit Stimm' und Hand heraufbeschwört
In seinem Hörer. Die Aspasia, die ich
So heiß geliebt, ist todt. Es schläft für immer,
Was einst Ziel meines Lebens war. Nur manchmal,
Nur wie ein theurer Schatten pflegt sie noch
Zu kommen und zu schwinden. Doch du lebst,
Nicht bloß noch immer schön, so schön sogar,
Daß, däucht mir, alle Frau'n du überstrahlst.
Doch jene Glut, die du geweckt, erlosch;
Denn nicht dich selber: jene Göttin liebt' ich,
Der diese Brust einst Tempel war, nun Grab.
Für Jene glüht' ich lang, so ganz beseligt
Von ihrem Himmelsreiz, daß ich, obwohl
Von allem Anfang was du warst und bist
Durchschauend, deine Künst' und Listen alle,
Doch ihren holden Blick in deinem suchte
Und, weil sie lebte, dir begierig folgte,
Nicht mehr betrogen, nur noch von dem Reiz
Der zauberischen Ähnlichkeit verlockt,
Die lange, herbe Knechtschaft zu ertragen.

Nun rühme dich; du kannst es! Nun erzähle,
Daß dir allein von deinen Schwestern ich
Den stolzen Nacken bog, freiwillig antrug
Dies unbezähmte Herz. Erzähle nun,
Daß du die Erst' - und sicherlich die Letzte -
Mein Auge flehen sahst und dir genüber
Mich scheu und zitternd (da ich's sage, glüh' ich
In Grimm und Scham), mich meiner selbst beraubt,
Wunsch, Wort und Wink von dir in schrankenloser
Ergebenheit erspähn, bei deinen stolzen
Launen erblassen, beim geringsten Zeichen
Der Huld erglühn, bei jedem deiner Blicke
Haltung und Farbe wechseln. Die Bezaubrung
Ist hin, mit ihr zerfiel in Trümmer auch
Das schnöde Joch, und ich frohlocke. Mögen
Die Tage leer sein: dennoch, nach der Knechtschaft
Und langem Wahn - wie froh umarm' ich jetzt
Vernunft und Freiheit! Gleicht auch dieses Leben,
Von Leidenschaft und holdem Irrthum frei,
Der sternenlosen Nacht in Wintersmitte:
Doch gnügt es mir als Trost und Rache für
Mein herbes Menschenloos, daß hier im Grase
Ich müßig, unbeweglich hingestreckt,
Luft, Erd' und Meer betrachten kann und lächeln.

(Übersetzung: Paul Heyse 1830-1914)

Aus: Paul Heyse Gesammelte Werke (Gesamtausgabe)
Band: Italienische Dichter in Übersetzungen
Berlin 1889 (Nachdruck Georg Olms Verlag 1999) (S. 118-121)

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