Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Boleslaw Leśmian (1877-1937)

(In der Übersetzung von Lorenz Scherlag)



Umwerbung

Ein armer Krüppel ohn' Füße, befestigt am Wagen,
Gleich einem Gewächs, von beweglichem Erdstück getragen,
Der Graus der bleichen Straßler, der Schreck der Gasse,
Bedienend seines Leibes plumpige Masse,
Dreht ruhlos die Kurbel - wie bei Regenschauer
An einem Leierkasten, gelehnt an die Mauer -
Und schleppt sich, polternd, längs der Straßengraben,
Drin graue Wolken ihren Spiegel haben,
Er schleppt zur Dirne sich im Hofe drüben,
Zu ihren nackten Füßen. Verlangend sich schieben
Aus Kleiderfetzen seiner Hände Krallen
Zu ihren Zähnen, so weiß . . . Seine Worte lallen:
- "Ich liebe den Saum deiner kotigen Kleiderfetzen
Und deinen lauten Atem. Nichts könnt mich ergötzen
Und wäre wie du so wert meinem dürstenden Munde.
Ich weiß, daß meine Sehnsucht, gleich einer Wunde,
Mich weiter schleppend, wird nur Krüppel zeugen.
Doch dies mein Triumph: ich kann mich mühlos beugen
Vor deinen Reizen. Her die Zärtlichkeiten!
Ein Krüppel fleht dich drum! Ich bin auf Freiten!
Sollst nackt und schamlos mir ins Elend ragen
Und kosend mein Gebrechen mir zernagen!"

Sie will von dannen gehen,
Doch ruhlos lallt sein Flehen:
- "Es muß doch wer lieben, was einmal schon geschehen. -
Und diesen Marterwagen, die Kurbel zum Drehen,
Die Gier in Leibesresten, kaum angefangen,
Dies Menschenkind, das lockend will verlangen!
Befrei den Zauber, den Häßlichkeiten hüllen!
Wie blind oder tot, sei meiner Hand zuwillen!
Ich kann auch unabwehrbar sein wie die Sünde,
Und voller Kraft eines listigen Krüppels finde
Ich süße Zärtlichkeiten, den Trauben zu gleichen,
Die keiner im Traume sogar je könnt erreichen!"

Sie will von dannen gehen,
Doch ruhlos lallt sein Flehen:
- "Ist wenig dir ein halber Mensch zum Bunde?
Dein treuer Buckel ich sei, deine teure Wunde!
Daß Weh und Liebe und meines Irrwegs Entsetzen
Das Fehlen meiner Beine nicht können ersetzen!
Ein Lachen will so schmerzlich mich umkrampfen!
O, könnt ich die Erde mit festen Füßen stampfen
Und sie zertreten von meinen Tritten sehen!
Ins Uferlose will ich eilig gehen,
Dem ekellos mein Leid zum Opfer soll fallen.
Und irgend sind Hände mir willig und Lippen-Korallen,
Die, zärtlich liebkosend, leise gleiten sollen
Zu Füßen, die nicht vorhanden. Es möge rollen
Mein Wagen dahin, irgend, wo fern mir im Garten
Wer immer, Tier oder Wurm, meine Liebe erwarten!"

Sie will von dannen gehen,
Er träumt von fernen Höhen.
Ernüchternd und schmerzlich ihre Reize nagen.
Er schaut, ohne Schauen, und dreht die Kurbel am Wagen
Und fährt von dannen - von dannen - ziellos, in Eile,
So hilflos und komisch polternd jede Weile
Und sucht, erbärmlich krüppelnd, von allen gemieden,
Das Land der Liebe, ohne Halt und Frieden.

übersetzt von Lorenz Scherlag (1881-1941)

Aus: Moderne polnische Lyrik
Eine Anthologie deutscher Übertragungen
Herausgegeben von Lorenz Scherlag
Amalthea Verlag Zürich Leipzig Wien 1923 (S. 103-105)
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