Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Lope de Vega (1562-1635)

(In der Übersetzung von Ludwig Braunfels, Sebastian Mutzl
und Johannes Fastenrath)



Täuschungen der Liebe

Fliehet, ihr besiegt mich nimmer,
Süße Täuschungen der Liebe!
Mich bethört kein falscher Schimmer.
Wenn enttäuschte Liebe bliebe,
Keine Täuschung wäre schlimmer,
Nie mehr, Liebe, werd' ich dein!
Da mein Hoffen mich betrogen,
Soll mir fremd die Hoffnung sein;
Der Enttäuschung Qualen zogen
Längst in meinen Busen ein.

Die Erfahrung, ernst und schwer,
Geht mit Vorsicht im Vereine;
Liebe, keine Täuschung mehr!
Weil ich deine Flucht beweine,
Flieh' ich deine Wiederkehr.
Laß denn ab, nach mir zu streben!
Denn die Lieb' soll meiner Brust
Nie mehr eine Heimat geben;
Und die Schmerzen jener Lust
Warnen mich fürs ganze Leben.

Eh ich ihren Trug erfahren,
Konnte mich die Liebe äffen:
Doch jetzt kenn' ich die Gefahren;
Und ihr Pfeil kann mich nicht treffen,
Seit sie lehrte mich zu wahren.
Du, mein Herz, bewähre jetzt,
Ob der auch enttäuscht muß lieben,
Den die Täuschung schwer verletzt;
Ob dir ein Gewinn geblieben,
Der der Liebe Rausch ersetzt.

Gern möcht' ich in vollen Zügen
Noch der Täuschung Becher trinken;
Aber so sich selbst betrügen,
Heißt zur tiefsten Stufe sinken;
Wo die Liebe stirbt in Lügen!
Du, mein Herz, bewahre jetzt,
Ob der auch enttäuscht muß lieben,
Den die Täuschung schwer verletzt;
Ob dir ein Gewinn geblieben,
Der der Liebe Rausch ersetzt.

Übersetzt von Ludwig Braunfels (1810-1885)

Aus: Eine Blütenlese aus Spanischen Dichtern aller Zeiten
In deutschen Übertragungen
Herausgegeben von Julius Hart
Stuttgart Verlag von W. Spemann o. J. [1883] (S. 128-129)
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Unwandelbare Liebe

Liebe mich, wenn du begehrst,
Daß ich nicht mit Lieb' dich quäle!
Nie kommt Haß in meine Seele,
Solang du den Haß noch nährst.
Wenn du mir zu lieben wehrst,
So versuch's einmal und gib
Nur ein Stündchen Lieb' um Lieb':
Gleich vergess' ich dich alsdann, - -
Wenn geliebt vergessen kann,
Wer gehaßt voll Liebe blieb.

Daß dir meine Lieb' zuwider,
Gibt mir Kraft, recht zu beharren;
Was zu Eis dich läßt erstarren,
Zieht mir Feuer durch die Glieder.
Drückt mich auch dein Hohn danieder,
Lieb' ich doch dich ohne Wank;
Der Enttäuschung herber Trank
Bringt nicht Heilung meinem Herzen:
Wer da liebet seine Schmerzen,
Weiß der Wahrheit keinen Dank.

Kann ich meiner Liebe wehren,
Während du so reizend prangest?
Kann ich glauben, du verlangest,
Nicht die Schönheit mehr zu ehren?
Du willst selbst es nicht entbehren,
Daß in Lieb' die Herzen wallen;
Und nie kann das Los mir fallen,
Nicht zu glühn in Liebespein,
So wie du nicht schön zu sein,
Das Unmöglichste von allen.

Übersetzt von Ludwig Braunfels (1810-1885)

Aus: Eine Blütenlese aus Spanischen Dichtern aller Zeiten
In deutschen Übertragungen
Herausgegeben von Julius Hart
Stuttgart Verlag von W. Spemann o. J. [1883] (S. 129-130)
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Jacinta

Von Kristall nicht ist der Quell,
Lügen sind es, daß er lache;
Von Smaragd nicht sind die Blumen,
Sind nicht Zeugen, daß er lache.
Doch daß in Jacintas Augen
Sonnenstrahlen, das ist wahr;
Daß sich bei Jacintas Lächeln
Perlen zeigen, das ist wahr.

Auch Alexandrias Rosen
Sind nicht, wie so viele sagen
Perlenmuscheln, wenn sie aufgehn, -
Wenn sie welken, nicht Korallen.
Doch daß in Jacintas Augen
Sonnenstrahlen, das ist wahr;
Daß sich bei Jacintas Lächeln
Perlen zeigen, das ist wahr.

Übersetzt von Ludwig Braunfels (1810-1885)

Aus: Eine Blütenlese aus Spanischen Dichtern aller Zeiten
In deutschen Übertragungen
Herausgegeben von Julius Hart
Stuttgart Verlag von W. Spemann o. J. [1883] (S. 130)
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Sonett

Der Vogel in des dunkeln Waldes Schatten
Singt seine Lieb'; von Sangeslust betrogen
Sieht er den Jäger nicht mit Pfeil und Bogen
Sich zielend nahen auf umbüschten Matten.

Der schießt und fehlt, - er fleucht, die Tön' ermatten
Zum leisen Murmeln ihm; doch angezogen
Kommt wieder er von Ast zu Ast geflogen,
Nicht fern zu seyn dem herzgeliebten Gatten.

So singt im Nest ihr süßes Glück die Liebe;
Doch allsobald auch senden böse Sterne
Den Pfeil der Eifersucht, der Zweifel Schwanken.

Die Liebe flieht und sinnt mit bangem Triebe,
Und bis sie sieht, der Jäger gehet ferne,
Flattert sie von Gedanken zu Gedanken.

Übersetzt von Sebastian Mutzl (1797-1863)

Aus: Blumenlese aus spanischen Dichtern
von Sebastian Mutzl
Landshut 1830
Druck und Verlag von Joseph Thomann (S. 111)
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Hymnus an Amor

Amor, der auf Erden   Regiert und im Himmel,
Vielsüßes Getümmel   In unseren Sinnen,
Wie Vielen von hinnen   Nahm Dein Scepter den Frieden
Für immer hienieden!

Mit eitlem Entzücken,   Wahnsinnigen Plänen,
Mit glühendem Sehnen,   Und eisigem Bangen
Hältst Jahre gefangen   Du Sinne und Herzen
In fröhlichen Schmerzen!

Dem Alter, dem zarten,   Schon nahen die Gluthen,
Und räthst Du zum Guten,   Du stürzest zum Bösen.
Wen Du liebend erlesen,   Jagst Du in's Verderben,
Barbar, läßt Du sterben!

O flieht seine Täuschung,   Ihr liebenden Thoren,
Bleibt fest und verschworen   Genüber dem Zwange!
Er gleichet der Schlange   Unter Blumen und Blüthen,
O wollet Euch hüten!

Doch möchtest Du tauchen   Die Spitzen der Pfeile
Uns Allen zum Heile   In Wasser des Lethe,
Dann, Göttliche, bete   Zu Dir ich im Drange
Mit sapphischem Sange!

Übersetzt von Johannes Fastenrath (1839-1908)

Aus: Hesperische Blüthen Lieder, Sprüche und Romanzen
von Dr. Johannes Fastenrath
Leipzig 1869 Verlag von Eduard Heinrich Mayer (S. 19)
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Klagelieder an die Barke

I.
Ruh' aus jetzt, meine Barke,
Geborgen in der Stille,
Du, die so lang verachtet
Die Scyllen und Charybden.
Laß, stolze, mich nicht werden
Zum Phaeton der Schiffer,
Um den die Lorbeern weinen,
Die Lorbeern früh'rer Siege.
Du vielerprobte Barke,
Schau' nicht, wer ferne ziehet,
Schau' nicht voll Neid die neuen,
Die sich mit Segeln zieren.
Die Schiffe der Cäsaren,
Die Schiffe der Felipe,
Die eisernen, laß segeln
Nach fernen Himmelsstrichen,
Laß sie des Südpols Schätze
Mit froher Hast gewinnen,
Des Orients Diamanten,
Saphyre, Amathyste,
Und mag das Wappenzeichen
So edeler Gebieter
Der Wogen Berge schrecken,
Entsetzen Wasserriesen:
Such' Du nicht mit den Wogen,
Den wilden, mehr zu ringen,
Bedeckt nur von dem blauen,
Dem blauen Dach des Himmels.
Kaum, wenn Aurora zeigte
Die schimmernden Profile,
Wenn sie in Nelken weinte
Und lächelte in Lilien:
Warst Du gleich einem Schwane
Schon in die Fluth gestiegen,
Zogst Du in hellem Pompe
Durch's Reich der Amphitrite.
Dich schreckten keine Stürme,
Verlockten keine Circen,
Mich deckte gen Sirenen
Ulysses, meine Liebe!
Du zogst mit mir so fröhlich
Nach einem einz'gen Ziele:
Um ihr des Meeres Gaben,
Geschenke ihr zu bringen.
Wie oft bracht' ich der Holden
Ein ganzes Heer von Fischen,
Nur in geflocht'nen Körben
Und nicht auf feinem Silber;
Denn wo sich Seelen spenden,
Ist Silber nur geringe:
Geschätzt wird selbst das Kleinste,
Wo sich zwei Herzen finden. -
Nun hat sie ach die Parze,
Die stets mit gleichem Schritte
Palläste sucht und Hütten,
Die streng und unerbittlich,
Nun hat sie die Geliebte,
Die theure, mir entrissen:
Das helle Aug' ist dunkel,
Das einst des Himmels Iris!
Die herrlichen Smaragde,
Die mit der Sonne Schimmer
Einst theilten Licht und Schöne,
Hat jetzt ein andrer Himmel!
Die Nachtigallen können
Nicht mehr nach ihrer Stimme
Gestalten süße Töne,
Nachahmen sie in Trillern!
Weiß nicht, wer von uns Beiden
Gestorben, Amarilis:
Bin ich es, der noch lebet,
Bin ich es, der verschieden?
Ich glaub': die Seele tauschtest
Mit meiner Du im Fliehen,
Und es ist Deine Seele,
Die jetzt in mir geblieben!
Wie oft am Meeresstrande,
Wie oft am Ufer lieg' ich
Und rufe Deinen Namen,
Daß meine Qual sich lindre.
Dann geben wohl die Wellen
Geleite mir und singen
In wehmuthsvollem Echo
Mir Deinen Namen wieder.
Kein Fels ist so verhärtet,
Der, wenn mein Weh er siehet,
Sich nicht in Wasser löse
Und Thränen nicht vergieße.
Es heben aus den Fluthen
Die Häupter die Delphine,
Wenn meine Trauerweise
In bittren Tönen klinget.
Delphine, staunt nicht also:
Todt ist der muntre Schiffer,
Den Ihr gekannt, dem heiter
Umlorbeert war die Stirne;
Der jetzt noch lebt, sieht düstre
Cypressen nur sich schlingen:
Es schied das Glück der Seele,
Es blieben Trauerbilder!
Und eh' ich fröhlich werde,
Und eh' dies Weh entschwinde,
Wird eher sich vereinen
Der Tajo mit dem Tiber!
Es soll in meinen Thränen
Die Seele ganz zerrinnen,
Bis sie mit ihrer Seele
Sich wiederum verbinde.
Denn wenn mir, bis ich sterbe,
Die Thränen immer fließen,
Wird mir zum Phönix werden
So treue, süße Liebe!
O Licht, das mich verlassen,
Wann kehr' zu Dir ich wieder?
Wann wirst Du Lebensodem
Mir neu in's Leben gießen?
O fühl', wie ich vereinsamt,
Doch Du im Himmelslichte,
Du lächelst meiner Thorheit
Und ruhest sanft in Frieden!


II.
O einsam leere Barke,
Mit Trauer nur bedecke
Jetzt Takelwerk und Ruder,
Die einst so hellen Segel!
Nie mehr zum Feste kröne
Fortan Dich Meeresfenchel,
Nie mehr mög' eine Fahne
Als lustig Kleid Dir wehen!
Die Lilien, die das Ufer
Mit ihrem Gold umsäumen,
O möchten sie verdorrend
Zu Tamarisken werden!
Nicht trage mehr Dein Fockmast
Die Wimpel, die da schwebten
Im Wind gleich seidnen Schlangen
Und taffetnen Kometen!
Du bist gebrochen, Barke,
Der Hütte nur, der leeren,
Jetzt gleichst Du, die die Hirten,
Die armen selbst verschmähen.
Wer fröhlich ist, Ihr Schiffer,
Der komm' nicht mich zu sehen,
Denn mich wird er nur finden
Mit Schmerzen, die unsterblich!
Doch kommet Ihr, Najaden,
Entsteiget Euren Wellen,
O kommet Ihr, Dryaden,
Eilt her aus Euren Wäldern,
Kommt Ihr, die mit Korallen
Ihr krönet Eure Häupter,
Kommt Ihr, die Ihr die Stirne
Mit Eisenkraut Euch kränzet,
Und singt für meine Todte
Vereint mit mir Exequien,
Singt so mit mir im Chore:
"Ach jetzt bedeckt nur wenig,
Nur wenig Staub die Schöne,
Die unser Ruhm gewesen!
Die Funken Amor's waren,
Wo sind die Augensterne?
Der Mund, der hold Aurore
Und hold das Meer einst lehrte,
Das Meer Kunst der Korallen,
Aurora Kunst der Perlen?
Wo, aus Orangenblüthe
Gewoben, sind die Hände,
Die weiß wie Schnee geschimmert,
Hell gleich Kristall geleuchtet?
Die Füßchen, die vergleichbar
Wohl zweien Lilienstengeln,
Wenn nur so zart die Lilien,
Klein wie die Füßchen wären?
Schönheit hat sie getödtet,
Der Neid nahm ihr das Leben!
Ach todt ist Amarilis,
Die unser Ruhm gewesen!"
Ich aber, ach, ich rufe
Sie stets und stets vergeblich:
Je mehr ich nach ihr folge,
Je mehr sie sich entfernet,
Und wenn ich meine Arme
Nach ihrem Bild will strecken,
Dann fasset, schnell enttäuschet,
Mein Arm nur Luft und Leere!
Wie gab so süße Antwort
Mir sonst des Mundes Lächeln,
Die Nelke, die so duftig
Sich theilte in zwei Hälften!
Ich sammelte, ihr Gatte,
Aus dieser Nelke Blättern,
Ich sammelte das Lächeln,
Ich sammelte die Perlen!
Doch jetzt gibt mir nicht Antwort
Mein Lieb, mein süßer Engel,
Denn Antwort geben Keinem,
Die ruhn in Schweigen ewig!
Nur einsam noch und stille
Kann ihrer ich gedenken:
Ich suche ihre Spuren
Im dürren Sand des Meeres:
Wo ich so viele schaue,
Die kleinsten ich erlese,
Die kleinsten sind die ihren,
So spricht mein thöricht Wähnen.
Und keinen Baum gibt's, keinen,
Der Schatten ihr gespendet,
Den nicht mein Arm umschlinge,
Auf dem mein Kuß nicht brenne!
Dann bitt' ich ihn um Schatten,
Den er doch nie gewähret.
Ich schau' und kann nicht schauen
Ihr Bild: ich mein', sie selber,
Ich müßt' sie lebend schauen,
Denn todt kann sie nicht denken
Mein Aug', wenn es sie siehet
Im Bilde so vollendet!
Was ich ersehne, flieh' ich:
Es schmerzt mich, ach zu sehen,
Daß Bild und Kunst noch länger
Als die Natur mag leben!
Nimm, Maler, fort ihr Bildniß,
Nimm es von meinen Wänden;
Mir bleibt ein größ'rer Reichthum:
Es schaut sie meine Thräne!
Denn längst mit meinen Augen
Kann ich ja nicht mehr sehen.
Was thut's? Und schaut' ich Rosen,
Sie däuchten all' mir häßlich.
Mein Leben ist so traurig,
Daß Alles nur mich quälet:
Der Tod, weil er mich fliehet,
Und weil es harrt, das Leben!

Übersetzt von Johannes Fastenrath (1839-1908)

Aus: Hesperische Blüthen Lieder, Sprüche und Romanzen
von Dr. Johannes Fastenrath
Leipzig 1869 Verlag von Eduard Heinrich Mayer (S. 40-48)
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