Europäische Liebeslyrik
(inklusive nordamerikanische Liebeslyrik)

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

William Wilberforce Lord (1819-1907)

(In der Übersetzung von Adolf Strodtmann)




Reime,
welche dennoch vernünftig sind, und auf leichte Manier eine ernste
Lektion in dem Kapitel der Liebe ertheilen

Unter dem Baum einst die Liebe saß,
Da kam ein Ritter entlang die Straß.
Er war ein rüstiger, schlanker Genoß,
Mit Federn und Mantel, auf stolzem Roß;
Eine Klinge schwang er - wie blitzte die! -
"Komm mit mir, Liebe!" frohlockt' er und schrie.
Doch Liebe schüttelte stolz ihr Haupt,
Fort zog der Krieger, des Wahns beraubt -
Lieb' wird nicht gewonnen durch Chevalerie.

Dann kam ein Sänger, von Lust entfacht,
Sein Auge war blau wie des Himmels Pracht,
Und er sang so hell, wie der Fink im Strauch,
Von Lächeln und Thränen und Frauenaug,
Von Heldenruhm und Liebesmagie;
"Komm mit!" dann sang er, so süß wie nie.
Doch Liebe schüttelte trüb ihr Haupt,
Fort zog der Spielmann, des Wahns beraubt -
Lieb' wird nicht gewonnen durch Poesie.

Ein Bücherwurm dann trabte einher,
So weisen Gesellen gab's nicht mehr
In Arabien, Rom und Hebräerland;
Dort merkt, ihr Dämchen, ganz unbekannt
War ihm der Liebe Philosophie;
Denn als er: "Komm mit, o Liebe!" schrie,
Da schüttelte gähnend die Lieb' ihr Haupt;
Fort schlich der Gelehrte, des Wahns beraubt -
Lieb' wird nicht gewonnen durch Pedanterie.

Dann kam ein Höfling, geziert und fein,
Den Schlüssel trug er zu manchem Schrein;
Er tritt voll Schlauheit, und stimmte doch bei
Mit honigduftender Schmeichelei;
Und mit süßlichem Worte beugt' er sein Knie:
"Erzeigst du die Ehre mir, Schätzchen, wie?"
Doch höflich schüttelte Lieb' ihr Haupt,
Fort huschte der Schmeichler, des Wahns beraubt -
Lieb' wird nicht gewonnen durch Courtoisie.

Dann kam ein Geizhals, ein dürrer Gauch,
Und schielte zur Liebe mit zwinkerndem Aug;
Die Börse, straff um den Leib gespannt,
Enthielt die Schätze von manchem Land;
Viel Perlen wies er mit schlotterndem Knie,
"Komm mit!" so schmunzelt' er leis - doch sieh,
Laut lachend schüttelte Lieb' ihr Haupt,
Fort trollte der Filz sich, des Wahns beraubt -
Lieb' wird nicht gewonnen durch Bijouterie.

O, dann zur Liebe dort unter dem Baum
Kam Einer, so schön wie ihr schönster Traum,
Ihr gleich in Allem, doch anders auch,
Und schwang sein Gefieder im Morgenhauch;
Er umarmte die Liebe und küßte sie:
"Komm mit, und zu glücklichen Thälern flieh!"
Wohl neckisch schüttelte Lieb' ihr Haupt,
Halb flog sie ihm nach, halb ward sie geraubt -
"Nur Liebe wirbt Liebe!" laut jauchzte sie.

Aus: Amerikanische Anthologie
Deutsch von Adolf Strodtmann [1829-1879]
Hildburghausen Verlag des Bibliographischen Instituts 1870
(S. 70-71)
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