Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Stéphane Mallarmé (1842-1898)

(In der Übersetzung von Richard von Schaukal)



Erscheinung

Der Mond verging vor Trauer. Seraphim in Tränen
träumend die Hand am Bogen, ruhig vom Hauch umgossen
der Blumen, zogen weiße Seufzer aus dem Sehnen
sterbender Geigen, die aufs Blau der Kronen flossen.
- Es war der Tag, den mir Dein erster Kuß geweiht.
Mein Sinnen, mich zu martern immer gleich geneigt,
berauschte mit Bedacht sich an dem Duft von Traurigkeit,
der einem Traum, hat ihn das Herz gepflückt, entsteigt,
selbst wenn es Kummer nicht noch Bitternis gekränkt.
Ich schweifte denn, den Blick aufs alte Pflaster eingesenkt,
als in der abendlichen Gasse, Sonnenlicht
im Haar, Du mir erschienst mit lachendem Gesicht:
ich hab geglaubt, die Fee im Strahlenkranz zu schauen,
die einst auf des verwöhnten Kindes schönen Schlummerauen
hinschwebte, nimmermüd aus kaum verschloßnen Händen
schneeweiße Sträuße duftiger Sterne zu verschwenden.
(S. 17)
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Belanglose Bittschrift

Fürstin! Das Schicksal einer Hebe zu beneiden,
die zu der Lippen Kuß auf dieser Tasse steigt,
verbrauch ich meine Glut, doch ist mein Rang bescheiden,
nackt selbst wird ein Abbé auf Sèvres nicht gezeigt.

Ich kann mich nicht in deinen bärtigen Schoßhund kleiden,
und weil auch Naschwerk, Schminke, Spieltand von mir schweigt,
doch deine Blicke mich geschloßnen Lids nicht meiden,
Du Blonde, der ein Gott als Goldhaarschmied sich neigt:

Laß mich ... von der so zahlreich himbeerfarbnes Lachen,
zu zahmer Lämmer Trupp vereint, bei allen grast,
in Wünschen weidend, blökend, wann Begierde rast,

laß mich ... daß Amor ihn auf seine Fächerschwinge
mal', wie er Flöte fingernd es zum Schlafen bringe,
Fürstin, laß mich dein Lächeln als sein Hirt bewachen!
(S. 19)
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Fächer
meiner Frau

Wie mit sonst nichts um zu sprechen
als Himmel hinan einem Schlag
der künftige Vers wird brechen
aus dem sehr köstlichen Hag,

Schwinge, die Zügel verhangen,
soll dieser Fächer, ist's er,
durch den Leuchten ein Spiegel empfangen
irgend hell hinter Dir (wär

auch, verfolgt, auf das man erhasche
jedes Körnchen, ihm wieder bestimmt
ein wenig kaum sichtbarer Asche,
die allein mir die Laune benimmt),

immer so soll er in Deinen
nie müßigen Händen erscheinen!
(S. 69)
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Albumblatt

Fräulein, die da Lust befiel,
mir ein wenig zuzuhören
auf einmal und wie zum Spiel
meiner Flöten Holz beschwören,

weil sich's denn mein Übermut
vor der Landschaft zugetraute,
scheint mir dran das Ende gut,
als ich Euch ins Antlitz schaute,

der mit klammen Fingern ich
diesem eiteln Atem wehrte,
daß er mir nicht noch entwich,
ob er alles auch entbehrte,

euer helles Kinderlachen,
das die Luft bannt, nachzumachen.
(S. 73)
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Frau, nicht zu viel Glut auf einmal angefacht:
grausam, zerrissen oder müde gar des reinen
Purpurkleides, öffnet es die Rose, weinen
zu hören den Demant in ihres Fleisches Nacht,

nein, ohne solches Übermaß an Tau und sacht,
noch Wind, weicht schon mit ihm Gewitterhimmel, keinen,
dem schlichten wahren Tagfürtag des Fühlens einen,
ich weiß nicht welchen Raum eifrig herbeigebracht:

dünkt Dich nicht auch, sag's nur mit mir, daß jedes Jahr,
das Gnade spendend sich auf Deiner Stirn erneut,
genüge, manchem Anschein nach, und mir nun gar,

dem Fächer gleich erstaunt, der frisch im Zimmer haucht,
daß von so wenig, als es hier Erregung braucht,
belebt, uns die vorlängst eintönige Freundschaft freut?
(S. 75)
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O so lieb von fern und nah und weiß, meine Mary, so
köstlich Du, daß ich denken muß, in Träumen befangen,
an einen seltenen Balsam, den Lüge nicht habe gelangen
lassen auf Blumengerät von Kristall im Finstern wo.

Weißt Du's? Ja! Für mich ist es Jahre schon, immer schon, o,
daß mir Dein strahlendes Lächeln derselben Rose Prangen
verlängert samt ihrem schönen Sommer, der untergegangen
im Damals wie dann in den Fluten der Zukunft ebenso.

Mein Herz, das manchmal nachts darnach trachtet, sich zu erkennen
oder Dich mit dem zärtlichsten aller Worte zu nennen,
schwärmt von dem einen, das nichts als geflüstert nur Schwester Dich heißt,

wär es, Schatz Du sehr großer und Köpfchen so kleines Du, nicht,
daß Du mich in was weit anders Lieblichem unterweist,
wie es ganz leise der Kuß nur in Dein Haar hinein spricht.
(S. 77)
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Rundreime

I.
Nichts, was Dir nicht beim Erwachen
verdrießlich wäre zu sehn,
schlimmer, wenn Dir vom Lachen
auf den Kissen die Flügel wehn.

Schlummre, nicht Sorgen machen
soll Dir Dein Atem: gestehn
kann er nicht, was beim Erwachen
schon verdrießlich wäre zu sehn.

Alle Träume, die staunend vergehn
vor Deiner Schönheit, entfachen
nicht Blüten den Wangen, machen
im Aug nicht Demanten entstehn,
nichts, was nicht Dein beim Erwachen.


II.
Wenn Du Liebe willst, liebe mich
mit Lippen, die's lieber nicht sagen,
das Schweigen der Rose brich,
sie nur mit schlimmern zu schlagen.

Kann ein Lied wie das Lächeln sich
auch gleich zu funkeln wagen?
Wenn Du Liebe willst, liebe mich
mit Lippen, die's lieber nicht sagen.

Stumm, stummer im Rund um sich,
Sylph, der Reichspurpur getragen,
zerreißt flammend ein Kuß sein Schlagen,
bis wohin ihm sein Flügel entwich:
Wenn Du Liebe willst, liebe mich.
(S. 83-85)
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Das Haar erst seine ganze Fülle zu entfalten
Flug einer Flamme nach der Wünsche fernstem West,
das jetzt - ein Prachtgeschmeide stirbt - auf seinen alten
Herd, die von ihm gekrönte Stirn, sich niederläßt,

doch ohne Gold nun seufzen, da die so lebendige
Wolke, Feuers Glut, innen stets angefacht,
vom Anfang an allein, fortwährend, die beständige,
in dem Juwel des Augs, das wahr blickt oder lacht,

des Helden nackte Zärtlichkeit schmählich versehre,
Sie, die am Finger Feuer nicht noch Stern bewegt
und, nichts als Weib zu sein in seiner schlichten Hehre,

strahlend mit ihrem Haupt das Werk zum Ziele trägt:
Rubinen auf den Zweifel, den sie schält, zu säen,
wie eine Fackel froh ihr Schirmamt zu versehen.
(S. 101)
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Welche Seide, in Düften verjährt,
wo die Wahngebilde versiegen,
wär, Dein Wuchs dem Spiegel entstiegen,
die lockige Wolke wert!

Wenn's besinnliche Fahnen verzehrt
durchlocht da draußen zu fliegen:
mit im nackten die Blicke zu wiegen
ist Dein Haar als Genüge gewährt.

Nein! Der Mund wird nicht früher gewiß,
etwas zu kosten beim Biss,
eh Dein fürstlicher Freund nicht erzwingt,

daß der Schrei, der nach Ruhm sich entringt,
aushaucht in die stattliche Tracht,
die den Demant ersticken macht.
(S. 123)
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Übersetzt von Richard von Schaukal (1873-1942)

Aus: Stéphane Mallarmé Gedichte
Zweisprachige Ausgabe
Deutsch von Richard von Schaukal
Mit Nachwort und Anhang
Verlag Karl Alber Freiburg im Breisgau [1947]



 

 


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