Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Gustav Henrik Mellin (1803-1876)

(In der Übersetzung von Edmund Lobedanz)



Die Schöne

Schön bist du, Mädchen, wie der Traum uns malet
Ein Engelsbild in Edens Myrthenhain,
In deinen anmuthreichen Zügen strahlet
Die Unschuld und die Freude im Verein!

Der Geist der Erd' - die schönsten Kränze flocht er
Für dich; Natur, die Mutter, schmückte dich,
Sie machte dich zu ihrer Lieblingstochter
Und reich, wie sie, muß Jeder nennen dich.

Denn, was Natur besaß an Blumen, schönen,
Das schmückt dein reizend' Antlitz überall,
Ja, selber deine Stimme sollte tönen
So lieblich, wie das Lied der Nachtigall.

Vom Himmel seh' den Abendstern ich schauen
Aus Abendwolken, wie er lieblich glüht!
Allein dein Augenstern aus Himmeln, blauen,
Beseligt mich, wenn mild er auf mich sieht.

Doch mit den Reizen, die so reich dich schmücken,
Bist du doch arm, hast du das nie bedacht?
Wie lebensvoll auch deine Augen blicken,
Du blühst, sie glüh'n nur für des Grabes Nacht.

Ach, wie ein Traum, den früh der Morgen endet,
Wird auch der Jugend Schönheit dir vergeh'n,
Wenn seine Stürme erst der Winter sendet
Und welkend auf der Flur die Blumen steh'n.

Doch, wenn dir schlägt in deiner Brust ein Herze,
Wie deine Züge edel, sanft und rein,
Dann trotzest du der Zeit, dem Tod, dem Schmerze,
Dann wird dein Reiz erst unvergänglich sein!

Wenn deine Reize immer schöner werden,
Wenn deine Seel' der Erde Tand vergißt,
Dann bist du bald zu schön für diese Erden,
Dann freu'n sich Engel, daß du sterblich bist!
(S. 200-201)

übersetzt von Edmund Lobedanz (1820-1882)

Aus: Album Schwedisch-Finnischer Dichtung
Deutsch und mit biographisch-literathistorischen Notizen
von Edmund Lobedanz
Mit Tegniers Portrait, gestochen von Weger
Leipzig Albert Fritsch 1868

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