Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Adam Mickiewicz (1798-1855)

(In der Übersetzung von Carl von Blankensee)



Sonette
(in Moskau im Jahre 1826 herausgegeben)


I.
An Laura

Kaum, dass ich dich gesehen, flammt' ich von deinem Bild,
Nach altem Bündniß fragt' ich dein Aug', das unbekannte:
Und auch auf deinen Wangen das Roth erwiedernd brannte,
Wie wenn der Rose Busen der junge Tag enthüllt.

Kaum, dass ein Lied du anhubst, und meine Thräne quillt:
Die tiefergriff'ne Seele den Tönen hin sich wandte:
Mir schien's, dass sie ein Engel bei ihrem Namen nannte,
Ihr der Erlösung Stunde verkündend als erfüllt.

O Theure, lass dein Auge nicht das Bekenntniss scheu'n,
Wenn mit dem Blick, der Rede dein Herz ich nicht verfehle:
Nicht kümmert's mich, dass Menschen und Schicksal uns bedräu'n,

Dass ich dich liebend flieh'n muss und hoffnungslos mich quäle.
Mag irdisch Band dem Andern auch deine Hand verleih'n:
Bekenne nur, dass Gott mir verlobt hat deine Seele.
(S. 257-258)
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II.
Ich sprech' mit mir, mit Andern verwirrt sich mein Gedanke,
Gewaltsam schlägt das Herz mir, die Seufzer hemm' ich nicht,
Im Auge fühl' ich Funken, doch bleich wird mein Gesicht;
Laut fraget mancher Fremde, an welchem Weh' ich kranke,

Ach, oder saget leise, dass mein Verstand wohl wanke.
So quäl' ich mich die Tage; wenn dann die Nacht anbricht,
Kürzt der ersehnte Schlummer doch meine Leiden nicht:
Traumbilder, glüh'nde, schaffet mein Herz sich sonder Schranke.

Auf reiss' ich mich, enteile, präg' mir die Worte ein,
Mit welchen, Mitleidslose, ich treffen will dich schwer;
Die oftmals eingeprägten, nie fielen sie mir ein.

Doch wenn ich dich erblicke, nicht weiss ich es, woher
Auf's neu' ich ruhig werde, und kälter als der Stein? -
Auf dass auf's neu' ich flamme - und schweige wie vorher.
(S. 258-259)
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III.
Kunstlos ist deine Haltung, schlicht deiner Rede Laut,
Die Wange und das Auge, sie glänzen nicht vor vielen:
Und doch, dich sehn, dich hören lässt Jeden froh sich fühlen:
Trotz deines Hirtenkleides, die Königin man schaut.

Gestern ertönten Lieder und Unterredung laut,
Man fragte nach den Namen von deinen Mitgespielen:
Lob Einer ihnen spendet, von Andern Scherze fielen:
Du kamst - ein heilig Schweigen Niemand zu brechen traut.

So, wenn beim Mahl der Sänger zum Chor die Saiten schlug,
Wenn durch den Saal im Reihen die frohe Schaar sich wand,
Steht plötzlich sie und schweiget: verwundert jeder frug;

Doch Keiner konnte sagen, was sie für Zauber bannt.
"Ich weiss es," spricht der Dichter, "ein Engel naht' im Flug." -
Den Gast begrüssten Alle, nur er hatt' ihn erkannt.
(S. 259-260)
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IV.
Das Zusammentreffen im Hain

- Bist du es? und so spät erst? - Mich hemmten Weges Tücken,
Der dichte Wald, erhellt nur von Monds unsicher'm Schein;
Hat dich gebangt, denkst mein du? - So undankbar zu sein!
Frag', Theurer, ob was anders zu denken mir will glücken!

- Lass deinen Fuss mich küssen, lass deine Hand mich drücken:
Du zitterst? sprich, weswegen? - Weiss ich's? irr' ich im Hain,
Fürcht' ich der Blätter Rauschen, der nächt'gen Vögel Schrein;
Ach! müssen wir nicht sünd'gen, wenn Furcht uns will berücken?

- Blick' mir in's Aug', in's Antlitz; mit solchem Angesicht
Geht nimmer das Verbrechen, so schaut nicht Furcht darein.
Weil wir beisammen sitzen, Gott! soll'n wir schuldig sein?

Sitz' ich denn nicht so ferne, sprech' ich so wenig nicht,
Weil' ich bei dir nicht also, du Erdenengel mein,
Als ob dich schon umgäbe der Himmelsengel Licht?
(S. 261-262)
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V.
Scheinheil'ge uns verdammen, Leichtfert'ge uns verhöhnen:
Dass wir, wiewohl umgeben von einsamstiller Wand,
Wiewohl sie also jung noch, ich so in Lieb' entbrannt,
Ich doch die Augen senke, und sie zerfliesst in Thränen.

Ich wehre der Verlockung, sie scheucht das süsse Wähnen
Der Hoffnung selbst, stets klirrend mit jener Fesseln Band,
Mit welchen unsre Hände ein grausam Loos umwand.
Uns selber bleibt ein Räthsel der Brust geheimes Sehnen.

Ist Schmerz es? ist es Wonne? Wenn unsre Hände trennen
Nichts kann, wenn meine Lippen auf deinen Lippen brennen,
Kann ich das, o Geliebte! kann ich das Leiden nennen?

Doch wenn auf unsern Wangen die heissen Thränen beben,
Wenn unsers Lebens Reste in Seufzen sich erheben,
Kann dem ich, o Geliebte! den Namen Wonne geben?
(S. 262-263)
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VI.
Morgen und Abend

Die Sonne glänzt im Morgen aus feur'ger Wolken Glühe,
Der Mond im Abend hüllet sein bleiches Angesicht:
Die Rose kehrt die Knospen hin nach der Sonne Licht,
Das Veilchen knieet nieder, gebeugt vom Thau der Frühe.

Laura erglänzt' am Fenster: ich sank auf meine Kniee;
Und sie, indess in Zöpfe ihr golden Haar sie flicht,
"Wie blickt ihr doch so trübe am Morgen schon," sie spricht,
"Der Mond, das holde Veilchen und du, für den ich glühe?"

Zu neuen Anblicks Wonne kam ich am Abend wieder;
Der Mond auch kehrt, sein Antlitz, das volle, Glanz umgiebt:
Die thaugestärkten Blätter senkt Veilchen nicht mehr nieder.

Auf's neue stand am Fenster, die meine Seele liebt,
Noch hellern Blicks, noch schöner Gewand umfing die Glieder:
Auf's neue vor ihr knie't ich - wie Morgens so betrübt.
(S. 264-265)
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VII.
Aus dem Petrarca
Senuccio, i vo' che sappi (LXXXIX)

Jüngling, du sollst es wissen, welche Leiden
Mir zugetheilt und welch' mein Leben sei.
Noch brennt, wie sonst, mich Liebesraserei:
Laura kehrt sich zu mir; ich kann nicht scheiden.

Hier sah' ich stolz sie, hier sie ganz bescheiden;
Jetzt streng, jetzt mild; jetzt hold, jetzt mitleidsfrei;
Jetzt Würde zeigen und jetzt Tändelei;
Sanft jetzt, jetzt sich an Stolz und Unmuth weiden.

Hier sang sie süss, hier setzte sie sich nieder;
Hier sprang sie auf, hier setzt' dem Lauf sie Schranken;
Hier mit dem Blick sie mir das Herz durchstach;

Hier sagt' ein Wort, hier lächelte sie wieder;
Hier barg das Antlitz sie. - In den Gedanken
Hält mich die Herrin Liebe Nacht und Tag.
(S. 265-266)
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VIII.
An den Niemen

Strom meines Vaterlandes, o Niemen, - jene Fluthen
Wo sind sie, die ich einstmals geschöpft mit Kindeshänden:
Worauf nachher ich schiffte nach fernen Felsenwänden,
Um Kühlung mir zu suchen für meines Herzens Gluthen.

Auf ihrer Schönheit Schatten hier Laura's Blicke ruhten,
Wenn sie das Haar sich schmückte mit junger Blumen Spenden:
Hier musst' nach ihrem Bilde mein sehnend Aug' ich wenden,
Mit Zähren es verdunkelnd im Schooss der Silberfluthen.

Strom meines Vaterlandes, wo sind sie, jene Wellen,
Mit ihren Wonnen allen, mit Hoffnungen so vielen?
Wohin ist meine Kindheit mit ihren frohen Spielen?

Wohin die Gluth, die stürmisch des Jünglings Herz liess schwellen,
Wohin ist meine Laura? wohin sind die Gespielen?
Dahin! Dahin! - soll ewig denn meine Thräne quellen?
(S. 266-267)
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IX.
Der Schütze

Ich sah den jungen Schützen, wie bei des Sommers Brand
Den ganzen Tag er schweifte; am Bache blieb er stehen;
Bang schaut er in die Runde, und spricht mit Seufzers Wehen:
"Ich will sie sehn, bevor ich auf ewig flieh' dies Land!

Will sehen, ungesehen." Da vom jenseit'gen Strand
Naht hoch zu Ross ein Waldweib, Dianen gleich zu sehen:
Sie hält ihr Thier, verweilet, indess die Blicke spähen;
Ha, sicher folgt der Freund ihr von Waldes fernem Rand!

Der Schütze zieht zurück sich, erbebt, und rings umher
Die Kainsblicke sendend, hob er zu lachen an:
Griff zitternd nach der Waffe, schöpft' Athem tief und schwer:

Wich etwas, gleich als ständ' er mit der Vollziehung an,
Da sah er Staubeswolken, auf hebt er sein Gewehr,
Schlägt an: die Wolke näher - Doch Niemand kam heran.
(S. 267-268)
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X.
Der Segen
(Aus dem Petrarca XLVII.)

Gebenedei't der Tag, der Mond, das Jahr,
Die Jahreszeit, die Stunde, die Sekunden,
Das schöne Land, der Ort, wo mich gebunden,
Wo mich umstrickt der holden Augen Paar:

Gebenedei't, das ach! so süss mir war,
Das erste Bangen, dem sich Lieb' entwunden:
Der Bogen und der Pfeil, die ich empfunden,
Die Wunde, die mein Herz trifft immerdar.

Gebenedei't die Worte, die ich ihr,
Der Herrin, ihren Namen rufend, weihte;
Die Seufzer und die Thränen, die Begier:

Gebenedei't sei eine jede Seite,
Die Ruhm ihr gab, und der Gedank' in mir,
Der sie allein nur kennt, und keine Zweite.
(S. 269)
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XI.
Resignation

Unseelig, wessen Flehen Erwied'rung nicht gewann:
Unseelig, wen langweilet die liebeleere Brust;
Doch der erst hat erfahren Unseeligstes gemusst,
Wer nicht liebt, doch vergessen, dass er geliebt, nicht kann.

Sieht Augen er und Stirnen, wovon die Schaam entrann,
Vergiftet ihm Erinn'rung die seiner harr'nde Lust;
Und haben Reiz und Tugend zu rühren ihn gewusst,
Nicht wagt er, welken Herzens, sich auf des Engels Bahn.

Verachten muss er, oder er schilt sich um Verrath:
Scheu meidet er die Hirtin, weicht von der Göttin Pfad:
Schaut beide nur, der Hoffnung auf ewig zu entsagen.

Sein Herz gleicht einem Tempel, dem der Verfall genaht,
Den Stürm' und Zeit zu Trümmern im Wechsellauf zerschlagen:
Kein Gott will in ihm wohnen, und Menschen es nicht wagen.
(S. 270)
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XII.
Erinnerung

O Laura, jene Jahre, wo uns das Glück verbunden,
Bewahrt noch dein Gedächtniss das Bild der schönen Zeiten?
Wo, nur mit uns beschäftigt in stillen Einsamkeiten,
Der Rest der Welt, der fremden, weit unserm Blick entschwunden.

Der Laubgang, von Jasminen, von grünenden, gewunden,
Des Murmelbaches Wellen, die durch die Wiese gleiten,
Dort, wo wir gegenseitig uns heisse Wünsche weihten,
Umhüllten mit dem Schleier uns oft die nächt'gen Stunden.

Und Mondes Lichtblick, lieblich aus blassem Wölkchen schauend,
War auf den schnee'gen Busen, auf's Goldhaar ausgegossen,
Des Himmels Schönheit nieder auf deine Reize thauend.

Dann lagen voll Entzücken wir, Herz an Herz geschlossen:
Und, Lippe dicht an Lippe, und Aug' in Auge schauend,
War Thrän' in Thrän' und Seufzer in Seufzer hingeflossen.
(S. 271-272)
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XIII.
An ***

Du blickst in's Aug' mir, seufzest: der Untergang harrt dein!
Der Otter Auge, fürcht' es, von Gift ist's unterflossen;
Entfleuch, bevor den Pesthauch sie auf dich abgeschossen,
Willst du den Rest des Lebens nicht der Verwünschung weihn.

Wahrheit, sie noch die einz'ge der Tugenden blieb mein;
Wiss', dass unwürd'ge Flammen du in mein Herz gegossen:
Doch ich kann einsam leben, weshalb auch zum Genossen
In meinen Untergang dich, Schuldlose, ziehn hinein?

Ich lieb' die Wollust; aber mein Stolz Verführung scheut.
Du bist ein Kind, mich brannten der Liebe Schmerzen heiss;
Du Glückliche, dein Platz ist noch in der Frohen Kreis:

Der meine, wo in Särgen ruht die Vergangenheit.
Die grünen Pappeln kränze, du junges Epheureis:
Dem Dornbusch überlass' es, dass er dem Grab sich weiht.
(S. 272-273)
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XIV.
Das erste mal bin Sklav' ich, froh meiner Sklaverei:
Ich blick' auf dich, der Frohsinn weicht von der Stirne nicht:
Ich denk' an dich, die Freiheit dem Denken nicht gebricht:
Ich liebe dich, und dennoch - mein Herz bleibt schmerzenfrei.

Oft schätzte für ein Glück ich ein Weilchen Tändelei,
Oft trübte Phantasie mir des Geistes klares Licht,
Selbst ein verräthrisch Wörtchen, ein schönes Angesicht:
Doch damals ging die Lust selbst nicht unverwünscht vorbei.

Ja, selber sie, als sie ich, die Himmlische, geliebt,
Wie viele Thränen damals, welch' Flammen, welches Beben,
Schon ihres Namens Nennung macht jetzt mich noch betrübt.

Mit dir nur ward, o Theure, mir wahres Glück gegeben.
Sei Gott gedankt, dass er mir solch' süsses Liebchen giebt;
Und meinem Liebchen, dass es mich lehret, Gott erheben.
(S. 273-274)
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XV.
Mein Lieb, ich seufz': Erinn'rung an jene Himmelswonnen
Wird mir zu Geist, so oft mir die inn're Stimm erwacht.
Ach, wenn dein Herz, auf das ich so vieles Leid gebracht,
Wenn es, ich mag's nicht denken! der Gram jetzt hält umsponnen.

Mein Lieb, bist du denn schuldig, dass deiner Augen Sonnen
So brennen, deine Lippe so voller Anmuth lacht;
Zu viel vertrautest mir du, zu viel dir unbedacht,
Und von zu vielem Feuer ward unser Geist durchronnen.

Viel Tag' und viele Wochen hat unser Kampf gewährt,
Jung, stets überlassen, stets mit uns selbst allein,
Und lange Zeit durch blieben wir beide unser werth.

Jetzt ach! will meine Thrän' ich auf den Altären weihn:
Nicht, dass der eig'nen Sünde Vergebung sie begehrt:
Nur, dass mich Gott nicht strafe, mein Lieb, mit deiner Pein.
(S. 275)
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XVI.
Guten Morgen

Guten Morgen! - nein, nicht weck' ich: des Anblicks, o des süssen!
Ihr Geist entfloh zur Hälfte in Paradieses Auen;
Zur Hälfte blieb er, Leben auf ihre Wang' zu thauen,
Wie Sonn', die halb am Himmel, die Wolken halb umschliessen.

Guten Morgen! schon erseufzt sie, durch's Auge Strahlen schiessen:
Guten Morgen! schon verletzet die Helle ihre Brauen:
An ihren Mund die Fliegen, die läst'gen, sich getrauen:
Guten Morgen! Sonn' am Fenster, und ich zu deinen Füssen.

Wohl süssern guten Morgen nähm' ich; doch Kühnheit schwand
Vor deines Schlummers Reizen. Lass mich zuvor erfragen,
Stehst auf du gnäd'gen Herzens? mit frischer Kraft Behagen?

Guten Morgen! du erlaubst nicht zu küssen deine Hand?
Du heiss't mich gehn? Ich gehe: Hier hast du dein Gewand,
Kleid' an dich und komm' schleunig - will dir guten Morgen sagen.
(S. 276-277)
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XVII.
Gute Nacht

Gut' Nacht! Schon werden länger wir heut uns nicht erfreu'n.
Mag dich mit dunkelm Fittig des Schlafes Engel hüllen:
Gut' Nacht! mag ruh'n dein Auge, das Thränen nicht mehr füllen:
Gut' Nacht! mag deinem Herzen die Ruhe Kraft verleih'n.

Gut' Nacht! von jedem Weilchen, das wir durchkos't allein,
Magst einen Ton bewahren du, einen heil'gen, stillen,
Mag er im Ohr dir spielen, und schwand dem Geist der Willen,
Dann schmeichl' im Traum mein Bildniss sich deinen Augen ein.

Gut' Nacht! noch einmal wende zu mir der Augen Pracht:
Reich' mir die Wang' - gut' Nacht denn! - den Mädchen klatschest du?
Lass deine Brust mich küssen - sie ist verhüllt . . . gut' Nacht!

- Gut' Nacht! schon bist entfloh'n du, wirfst zu die Thür' im Nu.
Gut' Nacht denn durch das Schloss dir . . . ach! es ist zugemacht.
Wünsch' länger gute Nacht ich, thust du kein Auge zu.
(S. 277-278)
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XVIII.
Guten Abend

Guten Abend! er vor allen den Wünschen ist mir theuer:
Niemals, ob vor der Nacht nun der Riegel fällt, uns trennend,
Ob mich die Frühe rufet, dich mir auf's neue gönnend,
Ich scheide nicht, noch grüss' ich dich mit demselben Feuer,

Als zu der Zeit, wenn kühner mich macht des Abends Schleier.
Du selber, gerne schweigend und leicht in Gluth entbrennend,
Hörst guten Abend Wunsch du, des Freundes Stimm' erkennend,
Sprichst mit lebend'germ Auge, mit Seufzern, lauter, freier. -

Mag sich auf schon Vereinte der gute Morgen senken,
Hell leuchtend ihrer Hände gemeinschaftlichem Streben;
Mag gute Nacht die glücklich sich Liebenden umgeben,

Wenn in der Wonne Becher die Sorgen sie ertränken.
Doch solchen, die im Stillen nur noch sich Liebe schenken,
Mag guter Abend dunkelnd das rege Aug' umschweben.
(S. 279-280)
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XIX.
An D. D.
Die Visite

Kaum komm' ich, wenig Worte sprech' ich mit ihr allein,
Schon schelt's; es stürzt ein Diener herein in vollem Lauf,
Drauf die Visite, mit ihr der Knix' und Worte Hauf:
Kaum ist hinaus die eine, die and're will hinein.

Könnt' ich, Wolfsgruben grüb' ich rings um die Schwelle dein:
Fuchsfallen, Mardereisen, beim Himmel! stellt' ich auf:
Und wenn auch die nicht schirmten, so nähm' ich meinen Lauf
Nach jener Welt, gesichert dort durch den Styx zu sein.

Lagweil'ger, sei verwünschet! ich zähle die Sekunden,
Gleich dem Verbrecher, welcher den letzten Gang schon thut:
Du plauderst, wie du gestern den Maskenball gefunden.

Schon greifst du nach den Handschuhn, schon suchst du nach dem Hut:
Jetzt athm' ich auf ein wenig, und fasse neuen Muth.
O Gott! er setzt sich wieder, er sitzt wie angebunden!
(S. 280-281)
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XXI.
Abschied
An D. D.

Du stösst mich von dir? - Hätte dein Herz mich schon vergessen?
Doch ich besass es niemals. - Lässt Tugend es nicht zu?
Doch mit dem Andern kos'st du. - Verlangst nach Golde du?
Doch sonst auch gab ich keines, und habe dich besessen.

Und nicht umsonst; wohl konnt' ich nicht Schätze zu dir messen,
Doch jede Liebeswonne wog theurer mir sich zu
Auf meines Herzens Wage: um meines Lebens Ruh;
Weshalb stösst du mich von dir? Nicht kann ich es ermessen.

Welch einer neuen Habsucht seh' ich dich heute fröhnen:
Du wolltest Lobgedichte, o eitlen Lobes Dunst!
Um sie wagst Glück und Ruhe der Nächsten du zu höhnen?

Nicht käuflich sind die Musen! Nicht zeigten sie mir Gunst,
Als mit Parnasses Lorbeer dein Haupt ich wollte krönen:
Dies Lied auch, weil's dich nannte, blieb hart trotz aller Kunst.
(S. 283-284)
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XXII.
Die Danaiden

O schön Geschlecht, wo sind die gold'nen Zeiten hin,
Als mit des Feldes Blumen, von einer Aehr' umschlungen,
Die Herzen und die Reize der Jungfrau'n man errungen;
Die Taube zur Geliebten gesandt als Werberin?

Heut sind die Zeiten wohlfeil, doch theuer Lieb'sgewinn:
Die, der mein Gold ich gebe, will von mir sein besungen,
Die, der mein Herz ich gebe, vom Eheband umschlungen,
Die, der mein Lied ich weihe, fragt, ob auch reich ich bin.

Ich warf, o Danaiden, in eurer Wünsche Schlund
Gold, Lieder und die Seele in Thränenfluth vergangen:
Heut, Geizhals statt Verschwender, ist Liebe mir ein Scherz.

Und lockt mich gleich noch immer der schönen Wangen Rund,
Könnt ihr auch Gold und Lieder noch stets von mir erlangen:
Doch einst war Alles euer - heut Alles - bis aufs Herz.
(S. 285-286)
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XXIII.
Entschuldigung

Ich sang von Liebeshändeln, von Jünglingen umringt:
Es priesen mich die Einen, die Andern schalten mich: -
Nur sich liebt dieser Sänger, er klagt allein um sich,
Fühlt nichts für alles And're, dem nie sein Lied erklingt.

In reifre Jahre tritt er, Kraft sein Verstand erringt:
Warum verzehrt sein Herz noch an kind'schen Flammen sich?
Nicht deshalb gab ein Gott ihm die Stimme sicherlich,
Dass er von sich nur einzig in jedem Liede singt. -

Ermahnung tiefen Sinnes! - alsbald Alcäus Laute
Ergreif' ich hochbegeistert; doch als Ursinens Sänge
Nur kaum von ihr ertönten, zerstiebte schon die Menge,

Nicht mehr das Ohr mir leihend, das wenig drob erbaute.
Entsaitet in die Lethe werf' ich die stumme Laute.
Der Sänger gleicht dem Hörer! -
(S. 286-287)

Ursinens Sänge: Julian Ursin Niemcewicz

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An M.
im Jahre 1823 geschrieben

Mir aus dem Blick! . . . ich folg' mit banger Seele.
Mir aus dem Herzen! . . . es gehorcht der Pflicht.
Aus dem Gedächtniss mir! . . . nein! dem Befehle
Gehorchet mein und dein Gedächtniss nicht.

Wie Baumes Schatten stark und stärker breitet
Den Trauerkreis, fällt aus der Ferne er;
So wird mein Bild, je ferner es entgleitet,
Umnachten dein Gedächtniss mehr und mehr.

An allen Orten und zu allen Zeiten,
Wo ich getheilet Leid und Glück mit dir,
Stets überall wird dich mein Geist begleiten,
Denn überall blieb ja ein Theil von mir.

Ob stumm du sitz'st in deiner Kammer Grunde,
Und deine Hand zur Harfe hin es zieht;
Denkst du bei dir: gerad' um diese Stunde
Hab' ich gesungen ihm dasselbe Lied.

Ob Schach du spielst, und bei den ersten Zügen
Dein König in die Todesfalle fiel;
Denkst du bei dir: so musst' ich unterliegen,
Als er mit mir gespielt das letzte Spiel.

Ob auf dem Balle mit erschöpfter Miene
Du sitzest, eh' Musik ertönt auf's neu;
Erblickest leer den Platz du am Kamine,
Und denkst bei dir: dort sassen einst wir zwei.

Ob du ein Buch nimmst, wo durch Schicksals Willen
Ein liebend Paar getrennt wird mitleidslos;
Legst fort das Buch du, deine Thränen quillen,
Du denkst bei dir: ach! das ist unser Loos.

Doch wenn der Dichter nach manch harten Proben
Die Liebenden am Ende doch verband,
"Warum", rufst du, den Blick gekehrt nach oben,
"Hat unser Loos nicht auch sich so gewandt!"

Wenn niederfährt ein Blitz bei nächt'ger Weile,
Das Laub im Garten rauschet schauerlich,
Hinein durch's Fenster klagend zieht die Eule;
Denkst du bei dir: mein Geist umschwebe dich.

So aller Orten und zu allen Zeiten,
Wo ich getheilet Leid und Glück mit dir,
Stets, überall wird dich mein Geist begleiten,
Denn überall blieb ja ein Theil von mir.
(S. 182-184)
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An S. B.
In's Stammbuch

Die schöner'n Tage ach! sie mussten schwinden,
Wo mich die Au' mit reicher Pracht ergetzt,
Wo leichter mir es Sträusse war zu finden,
Als wenig arme Blumen jetzt.

Es strömt der Regen und die Stürme wüthen:
Schwer ist's, zu finden auf der Heimath Flur,
Schwer ist's, zu finden, statt der gold'nen Blüthen,
Jetzt Blättchen für die Freundschaft nur.

Was ich gefunden, bring' ich dir entgegen,
Nimm's dankbar hin - und wär's auch nur vielleicht,
Weil dieses Blatt in Freundeshand gelegen,
Die heut' ihr letzt' Geschenk dir reicht.
(S. 200)
Im October 1827, in Wilno
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Ungewissheit

Seh' ich dich nicht: nicht seufze ich, noch wein' ich:
Erblick' ich dich: stets meiner Herr erschein' ich;
Und dennoch, war ich lange von dir ferne,
So fehlt mir etwas, seh' ich wen so gerne,
Und sehnsuchtsvoll frag' ich mich selber trübe:
Sprich, ist das Freundschaft, oder ist es Liebe?

Schwind'st du dem Blick, will oft mir's nicht gelingen,
Dein Bildniss den Gedanken abzuringen;
Und dennoch fühl' ich manchmal wider Willen,
Dass stets es meine Seele wird erfüllen.
Und wieder thu' ich mir die Frage trübe:
Sprich, ist das Freundschaft, oder ist es Liebe?

Ich litt zuweilen; nicht hatt' ich den Willen,
Zu dir zu gehn, mein Leid dir zu enthüllen;
Doch wie ich planlos nicht des Weges achte,
Weiss nicht, was mich an deine Schwelle brachte;
Und überschreitend sie, frag' ich mich trübe:
Was führt hieher mich? Freundschaft oder Liebe?

Mein Leben gäb' ich für dein Glück zur Stelle,
Für deine Ruhe dräng' ich bis zur Hölle,
Wiewohl mein Herz den kühnen Wunsch nie dachte:
Wenn ich dein Glück, ich deine Ruhe machte!
Und wieder thu' ich mir die Frage trübe:
Sprich, ist das Freundschaft, oder ist es Liebe?

Wenn deine Hand auf meinem Arme lieget,
Fühl' ich in holde Ruhe mich gewieget,
Mein Leben, scheint's, hat leiser Schlaf geendet;
Doch stärk'rer Herzensschlag mich ihm entwendet,
Und macht mich durch die laute Frage trübe:
Sprich, ist das Freundschaft, oder ist es Liebe?

Als ich dies Lied dir schrieb in stiller Stunde,
War Dichtergeist nicht über meinem Munde;
Voll Staunen hab' ich selbst nicht wahrgenommen,
Woher Gedanke mir und Reim gekommen;
Und noch zum Schluss schrieb ich die Frage trübe:
Was hat beseelt mich? Freundschaft oder Liebe?
(S. 201-202)
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An D. D.

Mein Liebchen will's in seinen frohen Tagen
Mit Plaudern, Girren, Klagen mich bethören,
Kann also lieblich plaudern, girren, klagen,
Dass ich, damit kein Wörtchen mir entschwebe,
Nicht unterbrechen mag, nicht Antwort gebe,
Und gar nichts will, als hören, hören, hören.

Doch seh' der Rede Gluth ihr Aug' ich feuchten,
Mit höh'rer Röthe mich die Wangen grüssen,
Die Perlenzähn' aus den Korallen leuchten:
Dann kühner blick' ich in der Augen Sterne,
Verschliess' den Mund, verzicht' auf's Hören gerne,
Und will nun nichts, als küssen, küssen, küssen.
(S. 248)
Odessa, 1825

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Das Gespräch

Was frommet das Gespräch uns, meine Traute;
Weshalb, um mein Gefühl dir mitzutheilen,
Kann Seel' in Seel' ich nicht gleich lassen eilen;
Weshalb muss ich zersplittern es in Laute,
Die, eh' zu Ohr' und Herzen sie dir dringen,
Im Mund verwittern, in der Luft verklingen.

Ich lieb', ich liebe! ruf' ich tausend mal;
Und du betrübest dich und zürnest fast,
Dass ich, von solcher Leidenschaft erfasst,
Nicht singen kann von ihrer Lust und Qual;
Dass, wie in Starrsucht, ich kein Lebenszeichen
Kann geben, um dem Grabe zu entweichen.

Matt ist mein Mund vom nutzlosen Gebrauch:
Fortan will ich an deinen Mund ihn legen,
Will sprechen nur mit meines Herzens Schlägen,
Mit Küssen nur, und mit der Seufzer Hauch,
Und also Stunden, Tage, Jahre sprechen,
Ja, dann noch, wenn um uns die Welt wird brechen.
(S. 249)
Odessa, 1825

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Schlaf

Und musst du auch gezwungen von mir scheiden:
Wenn nur dein Herz die Treue nimmer bricht,
So mehre selbst im Scheiden nicht mein Leiden,
Und, schon dich trennend, sprich von Trennung nicht.

Lass vor dem düstern Morgen noch in Wonne
Der Augenblicke letzten uns vergehn,
Und steiget sie empor, der Trennung Sonne,
Dann lass mich Gift von deiner Hand erflehn.

An deinen Lippen meine Lippen hangen,
Die Wimpern schliess' ich nicht bei Todes Wehn.
Wie werd' ich süss entschlafen sonder Bangen,
Ich küsse dich, kann in dein Auge sehn.

Und wenn dereinst viel Tage hingeflossen,
Und man mich heisst erstehen aus dem Grab,
Dann denkst du an den schlummernden Genossen,
Und schwebest, ihn zu wecken, himmelab.

An deinem weichen Busen ruh' ich wieder,
Dein Arm umfängt mich, wie es sonst geschehn
Mir scheint's, nach kurzem Schlaf öffn' ich die Lieder,
Ich küsse dich, kann in dein Auge sehn.
(S. 253-254)
Odessa 1825
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An D. D.
Elegie

O könnt'st auf einen Tag du  in meiner Seele sein!
Auf einen Tag? - nein nimmer wünsch' ich dir solche Pein. -
Wärst du's auf eine Stunde! - Glückseel'ge zum Beneiden!
Dann würdest du's erkennen, was es bedeutet: leiden.
Mein Sinn liegt auf der Folter, Sturm herrscht in den Gefühlen,
Bald faltet Zorn die Stirn mir, weiss auf mein Herz zu wühlen,
Bald sinket auf mich nieder des dumpfen Trübsinns Schwere,
Bald hüllt in Nacht mein Auge der Wehmuth heisse Zähre.
Du fliehst vor meinem Zorne fort in unwill'ger Eile,
Und von dem läst'gen Kläger scheucht dich die Langeweile.

Du kennst mich nicht: mein Antlitz umfloret Leidenschaft;
Doch blick' in meine Seele: dort ruhn in Jugendkraft
Auf tiefstem Grunde Schätze von Hingebung und Güte,
Von Lebensansicht, wie ihr je schön'res Loos erblühte.
Heut kannst du sie nicht sehen - Kannst denn im Schooss der Wellen,
Wenn dumpf die Donner rollen, wenn hoch sie Stürme schwellen,
Du sehn die schönen Muscheln, der Perlen reiche Fülle?
Eh' du mich richtest, warte auf Sonnenschein und Stille!
O hätt' ich die Gewissheit, ich sei geliebt von dir;
Wich' nur auf Augenblicke des Wechsels Furcht von mir,
Mit der mich schreckt der Treubruch so mancher Heuchlerin!
O lass mich glücklich werden, und sieh' dann, wer ich bin.

Dem Geist gleich, der gebannt ward von mächt'ger Zaub'rin Spruch,
Wär', dein Geheiss errathen und thun, mir stets genug.
Und sollte auch bisweilen der Stolz gekränkt sich fühlen,
Dem Unterthanen heissen, den laun'gen Herrn zu spielen:
O lache, Liebchen: möcht' es der Stolz sich gleich verhehlen,
Ich bleibe Diener; was auch, was hätt' ich zu befehlen?
Dass um ein Weilchen länger du bei mir weilen wollest,
Dass du nach meinem Willen Haar, Kleider ordnen sollest,
Manchmal dich mög'st entziehen der häuslichen Verrichtung,
Zu horchen alten Schwüren und einer neuen Dichtung.
Um keine grossen Opfer würd' alles dir zu Theile,
Es gält': Geduld ein Stündchen, ein halbes Langeweile,
Ein Weilchen nur Verstellung. Indess ich würde wähnen,
Du horchtest meinen Reimen, könntest du schläfrig gähnen:
Mag auch dein Auge immer mit meiner Ansicht streiten,
Ich will drin Gutes lesen, will's auf das Beste deuten.
Wie ich in deine Hände vertraut mein künftig Loos,
Würd' ich Verstand und Willen dir legen in den Schooss.
Auch die Erinnerungen sollt' tief mein Herz begraben,
Um keine einz'ge Regung, die dein nicht sei, zu haben.
Dann würd' aus meiner Seele der wilde Trieb verschwinden,
Wie aus dem sturmbewegten Fahrzeug das Kind der Sünden,
Um das die Welle tobet, hinab muss in das Meer;
Still schifften auf den Räumen des Lebens wir einher,
Und ob mit droh'nden Wogen das Loos auch mit mir ränge,
Gleich der Syrene taucht' ich aus ihnen auf und sänge.
(S. 250-252)
_____



Die Stunde
Elegie

Noch schlug sie nicht die Stunde. - Dein Blick weilt auf der Uhr,
Dein Auge will beflügeln der trägen Weiser Spur;
Und, leisen Ohres, horchest du durch der Stadt Gebraus
Des Nahen meiner Schritte von ferne schon heraus.

Nur eine Stunde hatte der Tag - und ich darf sagen,
Nicht mir allein hat lauter das Herz in ihr geschlagen.
Zu ew'ger Qual gekettet an diese einz'ge Stunde,
Umkreist' ich, wie Ixion, ihr Rad stets in die Runde.
Eh' sie erschienen, harrt' ich auf sie den ganzen Tag,
Den ganzen Tag lang sann ich, war sie entflohn, ihr nach.

In Rückerinnerungen ergetzte sich mein Sinn:
Wie der Empfang gewesen? wie des Gesprächs Beginn?
Wie manchmal meinem Munde ein hartes Wort entschlüpft:
Zwist dann gefolgt, dann schöner der Eintracht Bund geknüpft.
Ich traur' - aus meinem Auge suchst du den Grund hervor;
Ich nah' mit Bitten - einer kommst selber du zuvor,
Die andern weis'st du von dir; ich will's bis morgen lassen,
Und schweig' auch morgen wieder; manchmal wollt' Zorn mich fassen -
Du lachst, - ich bin entwaffnet; und hatt' ich dich verletzt,
Gewährte doch Verzeihung die Zürnende zuletzt.
Ach, jedes deiner Worte und jeder Blick von dir,
Die Hoffnungen, die Leiden, die du getheilt mit mir,
Treu wahret mein Gedächtniss von allen dem das Bild,
Das wieder sich und wieder dem Aug' des Geists enthüllt.
So vor dem Schatz der Geizhals, den ihm gewährt das Glück:
Er steht und starrt und lechzet, nicht sättigt er den Blick. -
Vergangenheit und Zukunft verband die Stunde mir,
Glücksel'gern Tag begann ich und endet' ich in ihr.
Sie knüpft an das Gewebe, das mir die Parze spann,
Als einz'ger gold'ner Faden, als einziger sich an.
Gleich dem beschwingten Spinner, häng' ich an ihm allein,
Ihn wickl' ich in die Runde und bau' in ihn mich ein.

Die Sonne hat am Himmel dieselbe Stell' erreicht;
Die Stunde hat geschlagen! - Sie aber - wohin fleucht
Ihr Blick jetzt, ihr Gedanke? - Die fremde Hand drückt jetzt
Die Hand der Ungetreuen! die fremde Lippe letzt
Ihr Mund, und ihre Thräne sie fällt auf fremde Wange,
Und ihres Busens Klopfen folgt fremden Herzens Drange:
Wohl schwerlich aus einander das neue Pärchen schreckte,
Wenn heut auf ihrer Schwelle der Blitz mich niederstreckte!

O Einsamkeit, einst ward ich dir, theure, ungetreu
Um diese Stunde! heute kehr' ich zu dir auf's neu.
So kehrt zur Amme weinend alsbald das Kind zurück,
Verführt durch süsse Lockung auf einen Augenblick.
Verzeih', des Glückes Lockung, zu gross ist ihre Macht,
Zu schwer wird's, dran zu glauben, dass es uns stets verlacht.
Vielleicht kann noch dies Feuer, mein unwerth, ich ersticken:
Der Zeit, so hoff' ich, wird es, dem stummen Stolze glücken.
Sieh' dort sich jene Pflanze an meinem Fenster ranken;
Doch Raum fehlt ihren Blättern; schon ihre Zweige kranken.
Sind sie gewelkt, so kann auch der Keim nicht länger spriessen.
So habe ich auch Keinen, mein Lied ihm zu ergiessen;
Die bittre Frucht der Leiden vergeht in meinem Mund:
Dann tödt' ich auch den Saamen wohl noch auf Herzens Grund. -

Doch fern ist diese Hoffnung! Heut lockt des Tages Helle,
Vergessenheit zu suchen in Feldern, auf der Welle.
Die Zeit verfliesst; weswegen bin ich noch immer hier?
So oft die Thür' sich reget, denk' ich, sie schickt nach mir;
Bald muss die Brief' ich lesen von der Verrätherin,
Bald greife sonder Ursach nach meiner Uhr ich hin.
Einst riss mich's fort; ich eile, bin dort, eh' ich's gedacht;
Ach! es war ja die Stunde und ihres Zaubers Macht!
So, wem ein theures Wesen der Tod entriss vom Herzen:
Trotz jahrelanger Trauer, trotz seiner heissen Schmerzen
Verirrt sich sein Gedanke - o süssen Irrthums Lust! -
Und, ob nur Augenblicke, vergisst er den Verlust,
Enteilet - und so mächtig umstricket ihn sein Wähnen,
Dass schon die Thür' er öffnet - und überfliesst in Thränen.
(S. 196-199)
_____



Die Schlüsselblume
(Primula veris)

Lerche zu des Frühlings Ruhme
Hat ihr Erstlingslied gesungen:
Blumenerstling, Schlüsselblume,
Hat sich gold'nem Kelch entrungen.


Der Dichter
Blümchen, bist zu früh gekommen!
Mitternacht haucht noch so kalt;
Hast den Schnee nicht wahrgenommen?
Feucht noch ist der Eichenwald.
Schliess' die gold'nen Aeug'lein wieder,
Birg dich in der Mutter Schooss,
Eh' der Reif dir mitleidslos
Starren macht die jungen Glieder.


Die Blume
Uns're Tage - Falters Tage:
Morgen - Leben; Mittag - Sterben.
Ganzem Herbst ich gern entsage,
Einen Lenztag zu erwerben.

Willst den Freunden Kränze bringen,
Oder der Geliebten dein?
Wirst aus meiner Blüth' ihn schlingen,
Soll's der Kranz der Kränze sein.


Der Dichter
Unterm Gras, im wilden Hain
Keimest du, geliebte Blume.
Klein an Wuchs, an Glanze klein,
Darfst du späh'n nach solchem Ruhme?
Wo sind deine Schönheitspfänder?
Wo der Tulpe stolzer Bund,
Wo der Lilie Schneegewänder,
Wo der Rose Brust, so rund?

Will zum Kranze dich verflechten,
Doch woher so viel Vertrauen?
Freunde und Geliebte, möchten
Sie auch huldvoll auf dich schauen?


Die Blume
Glaub's! der Freund heisst mich willkommen,
Mich, des jungen Frühlings Engel:
Glanz nicht mag der Freundschaft frommen,
Schatten liebt sie wie mein Stengel.

Ob ich werth der Liebsten Hände,
Sag's, Marie, du himmlischhehre.
Für der Erstlingsknospe Spende
Wird mir - ach! nur eine Zähre. -
(S. 3-5)
_____



Romantik

Me thinks I see -
Where?
In my mind's eye.
Shakespeare

Höre doch Mädchen!
- Doch sie hört nicht. -
Tag ist's, sieh, das ist das Städtchen!
Niemand ist bei dir, sei so bethört nicht!
Sag', weshalb so um dich fass'st du?
Mit wem sprichst du? sag', was hast du?
- Doch sie hört nicht. -

Bald, gleich todtem Felsgebild,
Starrt auf einen Fleck sie wild;
Bald lässt das Auge sie schweifen,
Bald ihren Thränen den Lauf;
Will etwas halten, will etwas greifen;
Schluchzet tief und lacht laut auf.
"Bist du bei Nacht das? - Mein Hans, ja das ist er!
Ach, er liebt im Tode noch!
Hieher, hieher Langgemisster! -
Aber leise, leise doch! -

Und warum leise? Mutter mag's hören!
Den Todten wird sie nicht stören! -
So wärst du todt denn? Ach mir ist bange! -
Bange? Was thäte Hans mir zu Leid?
Er ja ist's, das ist dein Auge, deine Wange,
Das dein weisses Kleid.

Und du selbst bist wie ein Tuch so weiss,
Kalt, wie kalt sind deine Hände.
Hier an meine Brust dich wende,
Lippe drück' an Lippe heiss!

Ach wie es kalt dort sein muss im Grabe!
Ja du starbst! zwei Jahr ist's her! -
Nimm mich mit! wenn ich dich nicht habe,
Ist die Welt mir leer.

Schlimm mir bei den Menschen geht es:
Ich weine, da spotten sie;
Ich rede, keiner versteht es;
Ich sehe, sie sehen nie!

Komm Tag's auch einmal! - Wenn diess nur ein Traum?
Nein, nein! Mein Arm hält dich umfasst. -
Ach wohin fliehst du so in Hast?
Du kamst ja kaum, du kamst ja kaum!

Mein Gott! der Hahn hat gekräht,
Das Morgenroth färbet die Scheiben.
Ach kannst du denn nicht bleiben,
Bei ihr, die sonst vergeht?"

So mit dem Lieben koset das Mädchen,
Folgt ihm, schreit auf, stürzt zusammen.
Ihr Fall, ihr Angstschrei locket das Städtchen
Von allen Seiten zusammen.

Die Menge rufet: "Sprechet Gebete!
Hier muss sein Geist uns umschweben.
Der Hans muss hier sein bei seiner Käthe,
Er hat geliebt sie im Leben!"

Den Rath ich hörte und nicht verschmähte,
Ich wein' und sprech' die Gebete.

"Höre doch, Mädchen!" rief durch die Stille
Ein Greis mit höhnendem Munde,
Und dann zum Volke: "Traut meiner Brille,
Nichts ist zu seh'n in der Runde.
Geister sind Spukwerk aus Pöbels Hirne,
Wie's Dumme Dummen verkaufen.
Thörichte Dinge plappert die Dirne,
Und sinnlos glaubt es der Haufen."

Das Mädchen fühlt, entgegnet' ich dem Alten,
Der Menge Glaube ruht auf tiefem Grund:
Gefühl und Glaub', ich will sie höher halten,
Als was das Glas des Klüglings mir thut kund.

Fremd ist dem Volk, was du die Wahrheit nennest:
Du siehst die Welt im Staub, im Sternenschein;
Doch ächter Wahrheit Wunder du nicht kennest!
Du, hab' ein Herz und schau' in's Herz hinein!
(S. 5-8)
_____



Das Świteźmädchen
Ballade

Wer ist der Jüngling, lieblich zu schauen?
Wer ist daneben die Dirne?
Dort an des Świteź Wassern, den blauen,
Geh'n sie beim Glanz der Gestirne.

Sie aus dem Korbe reichet ihm Beeren,
Er zu dem Kranz ihr die Blüthen.
Leichtlich aus Allem lässt sich erklären,
Dass für einander sie glühten.

Jegliche Nacht fast sehen sich beide,
Dort, wo der Lerchenbaum raget.
Er ist ein Schütze hier in der Haide.
Wer ist das Mädchen? nicht fraget.

Nie, wo sie herkam, liess sich erspähen,
Nie, wo sie hinging, ergründen.
Kommt, wie die Lilie taucht aus den Seen,
Gehet, wie Irrlichter schwinden.

"Sprich, dies Geheimniss was soll es frommen?
Liebliche Maid aus den Hainen,
Sprich, welche Pfade bist du gekommen?
Wo ist dein Haus, wo die Deinen?

Sommer entschwindet, Blätter erstarren,
Regnichter Herbst kommt gezogen;
Soll ich dein Nahen immer erharren,
Hier an dem Strande der Wogen?

Wirst du denn immer, scheu gleich dem Rehe,
Dich in die Waldnacht entrücken?
Ihn, der dich liebet, lass deine Nähe,
Mich lass sie, Theure, beglücken.

Nah' ist mein Hüttchen, klein zwar und enge,
Hinter des Haselstrauchs Hülle;
Milch dort und Früchte hab' ich die Menge,
Habe dort Wildpret die Fülle."

""Schweige, Verwegner!"" rufet die Schöne,
""Weiss, wie der Vater mich warnte:
Männermund hauchet Nachtigalltöne,
Flieh, eh' der Fuchs dich umgarnte.

Mehr ist zu fürchten euer Bethören,
Als euren Gluthen zu trauen.
Möchte vielleicht dein Flehn erhören,
Doch - kann ich auch auf dich bauen?""

Nieder da kniet' er, greift mit der Linken
Sand, ruft der Hölle Gewalten,
Schwört bei der Sterne heiligem Blinken;
Doch wird den Eidschwur er halten?

""Halt ihn, o Schütze, höre mein Mahnen:
Denn, wer den Eidschwur gebrochen,
Hier schon im Leben wird es sich ahnen,
Jenseit wird einst es gerochen!""

Sprach es das Mädchen, länger nicht weilend,
Schmückte die Stirn mit dem Kranze,
Grüsst noch den Schützen, weit schon enteilend,
Schwebet dahin wie im Tanze.

Fruchtlos der Schütze hinter sie strebet,
Konnte die Flücht'ge nicht fassen,
Leicht, wie ein Windhauch, war sie entschwebet,
Er bleibt allein und verlassen;

Bleibet verlassen; durch die Moräste
Kehrt er auf schwankenden Stegen:
Rings ist es stille, raschelnde Aeste
Nur unter'm Fuss sich ihm regen.

Uferhin schweift er, irrend die Schritte,
Irrend die Augen ihm flogen:
Da in der Forst braust's, tief in der Mitte,
Tosender schwellen die Wogen;

Tosender schwell'n sie, öffnen die Schlünde,
Wunder, o nimmer erlebet!
Ueber des Świteź silberne Gründe
Hold eine Maid sich erhebet.

Feucht, wie von Morgens Thränen die Rosen,
Strahlet ihr Antlitz hernieder,
Leicht, wie ein Nebel, also umkosen
Weh'nde Gewande die Glieder.

"Sag' mir, o Jüngling, lieblich zu schauen,"
Singet beweglich die Dirne,
"Was an des Świteź Wassern, den blauen,
Schweifst du beim Glanz der Gestirne?

Was um den Wildfang kannst du so bangen,
Der dich verlockt in die Haiden,
Stets dann entweichet deinem Verlangen,
Und wohl noch lacht deiner Leiden?

Höre mein Flehen, treu ist's gemeinet;
Lass die Seufzer verhallen!
Hieher, zu mir her! dass wir vereinet
Gaukeln auf feuchten Krystallen;

Bald, wie die flücht'gen Schwalben, das frische
Antlitz der Welle nur streifen,
Bald, so gesund und froh wie die Fische,
Plätschernd die Tiefen duchschweifen.

Nachts dann, in Abgrunds silbernem Schoosse,
Unter den Zelten, den lichten,
Sanft auf der Wasserlilien Moose
Träumen von Himmelsgesichten."

Da aus den Hüllen schimmern die Brüste,
- Schamhaft zu Boden hin schaut er -
Siehe, sie naht sich schwebend der Küste,
Zu mir! so ruft sie, mein Trauter!

Und, wie der Regenbogen erglühend,
Schwingt sie den Fuss durch die Lüfte:
Tröpfchen dann wieder silberne sprühend,
Theilt sie die wallenden Klüfte.

Hin eilt der Schütze, stehet dann säumend,
Möcht' in die Fluthen, und stocket,
Bis eine Welle, rückwärts entschäumend,
Sacht in ihr Gleis ihn verlocket;

So ihn verlocket, so ihn berauschet,
Also das Herz ihm berücket,
Wie wenn des Jünglings Hand unbelauschet
Schüchtern die Liebende drücket.

Da hat der Schütze Liebchen vergessen,
Achtet nicht Eidschwur, nicht Warnung:
Blind in die Tiefen eilt er vermessen,
Folgend der neuen Umgarnung;

Eilet und schauet, schauet und eilet,
Fort hat die Fluth ihn gezogen:
Ferne dem trock'nen Strand er schon weilet,
Koset inmitten der Wogen;

Hält schon die schnee'ge Hand ihr gefangen,
Kann von dem Antlitz nicht lassen,
Will an den ros'gen Lippen ihr hangen,
Brünstig den Leib ihn umfassen.

Da weht' ein Lüftchen; Nebel entschwinden;
Frei von dem täuschenden Scheine
Sieht er die Maid nun, glaubt zu erblinden:
Ach! 's ist die Maid aus dem Haine!

"Wo ist der Eidschwur? wo ist mein Mahnen?
Ja, wer den Eidschwur gebrochen,
Hier schon im Leben wird es sich ahnen,
Jenseit wird einst es gerochen!

Nie wirst im See du tändelnd dich laben,
Nie in die Tiefen du tauchen:
Rächend den Leib wird Erde begraben,
Kies dir verlöschen die Augen!

Aber die Seele dort an dem Stamme
Soll sie Jahrtausende schmachten,
Ewig erdulden höllische Flamme,
Fruchtlos zu löschen sie trachten."

Schütze vernimmt es; irrend die Schritte
Irrend die Augen ihm flogen.
Da in der Forst braust's tief in der Mitte,
Tosender schwellen die Wogen;

Tosender schwell'n sie, wall'n bis zum Grunde,
Netzen dem Schützen die Stirne;
Auf thut der See sich, nieder zum Schlunde
Sinkt mit dem Jüngling die Dirne.

Tosend die Wogen heut noch sich heben,
Heut noch, beim Glanz der Gestirne,
Sieht man zwei nicht'ge Schatten dort schweben:
's ist mit dem Jüngling die Dirne.

Sie, auf den Fluthen, fern seinem Leide,
Er unter'm Lerchenbaum klaget.
Wer ist der Jüngling? Schütz aus der Haide.
Wer ist das Mädchen? Nicht fraget. -
(S. 19-26)
_____



Fischchen
Ballade nach einem Volksliede

Durch den Wald, vom Dorf, vom Schloss,
Kommt ein traurig Kind gegangen;
In den Wind ihr Haar entfloss,
Thränen feuchten ihre Wangen.

Und sie eilt zur Wiese Rand,
Wo zum See das Flüsschen fliesset;
Ringend ihre weisse Hand
So sie klagend sich ergiesset:

"Schwestern mein, die ihr im See,
Świteź Töchter, leidlos wohnet,
Höret mich in meinem Weh,
Deren Liebe Treubruch lohnet.

War des Herrn mit Seel' und Leib,
Mich zu frei'n hatt' er geschworen;
Heut nimmt er ein fürstlich Weib,
Arme Kristel ist verloren.

Mag' er denn die Braut umfah'n,
Sich in ihrem Arm ergetzen:
Hieher nur mag er nicht nah'n,
Sich an meinem Schmerz zu letzen!

Deren Liebe Treubruch lohnt,
Was noch kann die Welt ihr geben?
Lasst mich wohnen, wo ihr wohnt!
Doch mein Kind, mein Kind, mein Leben!"

Sprach's und weinte bitterlich,
Und die Hand vor's Aug' geschlagen,
Stürzt sie in die Wasser sich,
Die sie brausend abwärts tragen.

Da vom Walde her, vom Schloss,
Strahlt' es hell von Fackelglanze.
Fröhlich naht der Gäste Tross,
Lockend schallt Musik zum Tanze.

Aber wie der Lärm auch schallt,
Hört im Busch ein Kind man weinen;
Sieh', ein Knappe naht vom Wald,
Trägt auf seinem Arm den Kleinen;

Lenkt zum Wasser seinen Gang,
Da, wo dicht geflochtne Weiden
Hin sich zieh'n die Bucht entlang,
Und vom See das Flüsschen scheiden.

Traurig steht er da und sinnt,
Weint und rufet laut: "Ach wehe!
Ach wer tränkt das arme Kind!
Ach! wär' Kristel in der Nähe!"

""Hier bin ich, in Flusses Haus:""
Tönet leis' die Antwort wieder,
""Kies frisst mir die Augen aus,
Kälte macht mir starr die Glieder.

Fort durch Kies und scharf Gestein,
Muss ich mit den Wogen wallen,
Kalte Reife saug' ich ein,
Meine Nahrung sind Korallen.""

Doch wie erst der Knapp', beginnt
Jetzt ringsher der Ruf: Ach wehe!
Ach wer tränkt das arme Kind!
Ach! wär' Kristel in der Nähe!

Da auf einmal leicht sich's regt
Ob den Spiegeln hin, den hellen,
Leichthin wird die Fluth bewegt:
Fischchen hüpfen auf den Wellen.

Und gleich wie ein glatter Stein,
Leichter Knabenhand entflogen,
Also küsset Fischchen klein
Nur das Angesicht der Wogen.

Goldne Fleckchen stehn ihm gut,
Flossen hat es, schön gemalet,
Köpfchen, klein wie Fingerhut,
Mit Korallenäuglein strahlet.

Sieh, die Fischhaut legt es ab,
Schaut mit Mädchenaugen wieder;
Leuchtend fliesst das Haar herab,
Und umwallt die schwell'nden Glieder.

Rosig strahlt der Wangen Frisch,
Milch'ne Äpfel sind die Brüste;
Doch vom Gürtel ist sie Fisch,
Nahet schwimmend sich der Küste.

Und ihr Kind mit Freudelaut
Drückt sie an des Busens Fülle.
"Stille", singt sie, "Liebchen traut,
Stille, trautes Liebchen, stille!"

Als sie nun das Kind getränkt,
Setzt den Korb sie sorglich nieder,
Und die vollen Glieder zwängt
Sie in Fischchens Bildung wieder.

Schupp'ger Panzer deckt sie schon,
Aus den Seiten Flossen dringen;
Wo sie plätschernd ist entflohn,
Tauchen Bläschen auf und springen.

Abends, Morgens nun fortan,
Wenn der Knappe giebt das Zeichen,
Schwimmt die Świteźmaid heran,
Um dem Kind die Brust zu reichen.

Warum lässt heut Abend sich
An dem Flüsschen Niemand sehen?
Die gewohnte Zeit verstrich,
Und kein Knapp' ist zu erspähen.

Gerne käm' er sicherlich,
Doch er muss ein wenig säumen,
Denn gerad' ergingen sich
Herr und Frau in jenen Räumen.

In den Wald zurück er schleicht,
Setzt sich nieder, um zu warten;
Doch, wie auch die Zeit entweicht,
Nimmer kehren die Erharrten.

Er steht auf, und durch die Hand,
Einem Fernrohr gleich, er schauet;
Aber schon der Tag entschwand,
Und die Abenddämmrung grauet.

Stets noch harrt' er; doch als Nacht
Angezündet nun die Sterne,
Naht er sich dem Wasser sacht,
Späht mit scheuem Aug' von ferne.

Graus der Hölle fasst ihn an:
Welch Gesicht muss er erleben!
Wie zuvor das Flüsschen rann,
Sind jetzt trockner Sand und Gräben.

An den Ufern, nah und fern,
Liegen von der Kleidung Stücke,
Von der Frau doch und vom Herrn
Nichts erspähen seine Blicke.

Nur in Grabens Mitte, schau!
Hoch empor ein Felsblock steiget,
Dessen wunderbarer Bau
Zweier Menschen Leiber zeiget.

Und der Knapp' es staunend sieht,
Nicht vermag er sich zu fassen;
Eine Stunde wohl entflieht,
Eh ein Wort er hören lassen.

Kristel, Kristel! ruft er laut,
Kristel! hallt's von Echo's Munde;
Doch umsonst er um sich schaut,
Niemand zeigt sich in der Runde.

Fels und Graben starrt er an,
Trocknet sein Gesicht, sein blasses,
Schüttelt mit dem Kopfe dann,
Gleich als sagt' er: ja, ich fass' es!

Nimmt das Kind in seinen Arm,
Lachet auf mit wilder Lache,
Und still betend voller Harm
Eilt er heim zu seinem Dache.
(S. 27-34)
_____


übersetzt von Carl von Blankensee (1836)

Aus: Adam Mickiewicz sämmtliche Werke
Erster Theil Gedichte
Aus dem Polnischen von Carl von Blankensee
Berlin 1836 In der Nauckschen Buchhandlung



 

 


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