Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Christian Knut Frederik Molbech (1821-1888)

(In der Übersetzung von Edmund Lobedanz und Katharina Kasch)



Weißt Du warum?

Weißt Du, warum Dein Bild sich spiegelt
In meiner Seele, licht und rein?
Wie in der See ein Schiff, beflügelt,
Wie in dem Teich der frische Hain?
Weißt Du, warum so heimisch klinget
Mir Deine Stimme, süß und mild,
Wie Glockenlaut im Dorf durchklinget
Die Luft, von Sommerglut erfüllt?

Als Engel spielten wir zusammen
In Paradieses-Morgenroth,
Eh' wir auf diese Erde kamen,
Zu Tod und Leben, Glück und Noth.
Wo auf des Lebens Baume glühen
Die Früchte goldner Seligkeit,
Da schwebten leicht wir, ohne Mühen,
Umwallt von Wolken, licht und weit.

Wo Ewigkeit, gleich hehren Wogen,
Im Kreis an Gottes Throne wallt,
Der Sterne Sang, am Himmelsbogen,
Zum Preise seiner Güte schallt,
Wo frei die sel'gen Geister schweben
An Himmelsküsten, Hand in Hand,
Da haben wir, in reinem Leben,
Wie Bruder, Schwester uns gekannt.

Oft, wenn mir Deine Stimme klinget
Wie jener ferne Glockenton,
Ist's mir, als ob ein Engel singet,
Als hört' ich diese Töne schon.
Und wenn Dein Auge, mild in Thränen
Der Wehmuth schimmert, feucht im Glanz,
Ergreift mich immer neu ein Wähnen,
Als säh' ich noch der Sterne Kranz.

Dann ist es mir, als müßt ich reden
Die Sprache aus dem Paradies,
Wo uns, im reinen Himmelseden
Die Stunden flossen, rein und süß,
Mir ist, als ob ich dann gewinne,
Wenn ich nur spräch' das Zauberwort,
Den Himmel selbst in Deiner Minne,
Die höchste Wonne, fort und fort.

Ja, käm' dies Wort aus meinem Innern,
Wie ich's empfind' in tiefster Brust,
Ist mir's, als müßtest Du erinnern
Des Engels längst entschwundne Lust.
Dann würdest Du mich selig pressen,
Mit mildem Blick, ans Schwesterherz -
Doch, ach, der Kindheit Wort, vergessen
Hab ich's und schweig' mit bittrem Schmerz.

übersetzt von Edmund Lobedanz (1820-1882)

Aus: Album Nordgermanischer Dichtung
von Edmund Lobedanz
Erster Band: Album Dänisch-Norwegischer Dichtung
Leipzig 1868 Verlag von Albert Fritsch (S. 257-248)

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Roselilie (Röselein)

Roselilie und ihre Mutter, die saßen am kühlen Ort
Und sprachen so manches Scherzeswort.
Ha, ha, ha, so, so, so, so,
Die sprachen so manches Scherzeswort.

Eh' mög' die Quelle werden wie Blut der Reb',
Als daß ich mich einem Manne ergeb!
Ha, ha, ha, so, so, so, so,
Als daß ich mich einem Manne ergeb!

Jed' Bäumlein im Garten trage Blumen von Gold,
Eh' ich werde je einem Jüngling hold!
Ha, ha, ha, so, so, so, so,
Eh' ich werde je einem Jüngling hold!

Dies Wort wohl hat wacker Herrn Peter ergötzt:
Ei, es lacht wohl am Besten, wer lacht zuletzt.
Ha, ha, ha, so, so, so, so,
Ei, es lacht wohl am Besten, wer lacht zuletzt.

Im prächtigen Kleide, mit Panzer und Schwert,
Sieht man ihn treten vor Roselill werth.
Ha, ha, ha, so, so, so, so,
Sieht man ihn treten vor Roselill werth.

Heil Dir, schöne Jungfrau, von adlichem Haus,
Steh auf und komm mit in den Garten hinaus!
Ha, ha, ha, so, so, so, so,
Steh auf und komm mit in den Garten hinaus!

Und als sie dann kamen zum Garten schön,
War ein Goldring auf jedem Baume zu seh'n.
Ha, ha, ha, so, so, so, so,
War ein Goldring auf jedem Baume zu seh'n.

Und als sie dann kamen zur Quelle Flut,
So war es nicht Wasser, nein Rebenblut.
Ha, ha, ha, so, so, so, so,
So war es nicht Wasser, nein Rebenblut.

Und selbst da wie Blut wohl ward Roselill,
Und schaut in das Gras vor den Füßen still.
Ha, ha, ha, so, so, so, so,
Und schaut in das Gras vor den Füßen still.

Herr Peter da lachte und küßt' sie jetzt,
Der lacht doch am Besten, wer lacht zuletzt.
Ha, ha, ha, so, so, so, so,
Der lacht doch am Besten, wer lacht zuletzt.


übersetzt von Edmund Lobedanz (1820-1882)


Aus: Album Nordgermanischer Dichtung
von Edmund Lobedanz
Erster Band: Album Dänisch-Norwegischer Dichtung
Leipzig 1868 Verlag von Albert Fritsch (S. 259-260)

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Allein

Du brauner Hirsch in Waldeshut
Springst über Thal und Hügel.
Was gab dir solchen frohen Mut,
So klaren Blick, so leichtes Blut,
Als hätt'st du Adlerflügel?
Da neigte sich das edle Tier
Und sah gar stolz darein:
Die Hindin, die gehöret mir,
Du gehst den Weg allein.

Du Vöglein im Gebüsche dort,
Des Lieder mir erklangen,
Was fliegst du froh von Ort zu Ort,
Indes mein munt'rer Sinn ist fort
Und nie mehr zu erlangen?
Da sang das Vöglein froh und laut,
Mir drang's ins Herz hinein:
Ich habe eine süße Braut,
Du gehst den Weg allein.

Du Woge, die am Strand sich bricht
Und mit der Woge spielet,
Was funkelst du so klar und licht,
Indes mein düstres Herze nicht,
Wie einst wohl, Freude fühlet?
Die Woge warf mit hellem Klang
Sich an des Ufers Stein:
Wir gehn zusammen unsern Gang,
Du gehst den Weg allein.

Du Stern, ich schau in deinen Strahl,
Die Brust erfüllt von Sehnen;
Was zitterst du und bebst zumal,
Als littest du, wie Menschen, Qual,
Als sei dein Blick voll Thränen?
Da war's, als riefe er mir zu
Im nächtlich kalten Schein,
Das kommt daher, weil ich wie du,
Muß gehn den Weg allein.


übersetzt von Anna Katharina Kasch (1839-1901)

Aus: Orient und Occident Eine Blütenlese aus den vorzüglichsten Gedichten
der Weltlitteratur in deutschen Übersetzungen
Nebst einem biographisch-kritischen Anhang
Herausgegeben von Julius Hart
Minden i. Westf. J. C. C. Brun's Verlag 1885 (S. 375-376)

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