Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Girolamo Ragusa Moleti (1851-1917)

(In der Übersetzung von Paul Heyse)



Indeß die Schwalbe rasch vorüberfliegt,
Entfällt ihr eine Feder
Und taumelt langsam schwebend niederwärts.
Und eh sie unten anlangt,
Wer weiß, wo schon der Vogel
Vergnügt in fernen Bächen
Sich spiegelt! Nicht bemerkt' er,
Daß ihm entfiel die Feder,
Wie du nicht merkst, daß längst in leichtem Spiel
Die Liebe dir entfiel.
(S. 159)
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Aus Wolkenwogen, die sich dunkel thürmen,
Schimmert das Mondlicht her,
Gleich einem großen Schiff, gejagt von Stürmen,
Umschäumt von Flutenschwall, durchs weite Meer.

Auf zartem Gras und Blumen wiegt im Winde
Sich Perlenthau zu Hauf . . .
Vortrefflich! Doch zu meinem blonden Kinde!
Was halt' ich dichtend unterwegs mich auf?
(S. 159)
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Von Kopf bis Fuß, o schau!
Bin ich nicht ganz genau
Gekleidet wie die Henker alter Zeiten,
Halb gelb, halb schwarz, und steh' auf dem Gerüst,
Darüber dunkle Decken
Gar schauerlich sich breiten?
Sobald es tagt, soll unsre junge Liebe
Dort auf den Block hinlegen
Des Hals, den schlanken, blassen,
Und ich ein Herz mir fassen
Und mit gewalt'gem Arm den finstren Spruch
An ihr vollziehn. Sie aber glaubt noch nicht
An ihr Geschick, dem eitlen Wahn ergeben,
Daß deine königliche Gnade noch
Ihr schenken wird das Leben.
(S. 160)
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Fast tagt' es schon, und durch den Weinberg ging
Der Schatten einer bösen
Wolke, die droben hing
Und eine große schwarze Kinderschaar
In kurzer Frist aus ihrem Schooß gebar.
Ganz deckten sie den Himmel,
Und nicht mehr sah das Blau
Hervor durch ihr Gewimmel.
Ich, da ich in Gefahr den Weinberg sah,
Beugte die Knie' und flehte,
Indem ich aufwärts spähte:
O gnädigste Frau Wolke,
Verschonet doch, ich bitt' Euch,
Die Trauben hier, die so viel Freude bergen,
Die erst von hier zur Kelter wandern soll,
Aus dieser in die Tonne,
Und aus der Tonne dann in unsre Herzen,
Die sie so nöthig haben,
Die Sorgen zu verscheuchen
Und schönen Traum zu träumen.
Seht, neben diesen Weinberg ist ein Oelwald
Mit schönem Laub, und mag man
Mit seinem Oel auch den Salat bereiten,
Ich zaudre nicht, Frau Wolke,
Auf diese letzte Speise
Gleich zu verzichten, kommt es
Dem Traubensaft zu gut,
Der purpurn meiner Liebsten Wange färbt
Und schafft, daß sie mir was zu Liebe thut.
(S. 160-161)
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übersetzt von Paul Heyse (1830-1914)

Aus: Paul Heyse Italienische Dichter in Übersetzungen
Lyriker und Volksgesang (darin: Italienisches Liederbuch)
Gesammelte Werke (Gesamtausgabe)
Reihe V Band 4
George Olms Verlag Hildesheim Zürich Neu York 1999
(Nachdruck der Ausgabe Berlin 1889)


 

 


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