Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Sitzender Jüngling am Grabstein aus Eretria (Euböa) (letztes Jahrzehnt des 5.Jh. v.Chr.)

 


Moschos (aus Syrakus) (Mitte 2. Jh. v. Chr.)


(In der Übersetzung von Friedrich Notter)




Der entlaufene Eros


Ausrief Kypris den Eros, den Sohn, mit tönender Stimme:

Wenn auf den Straßen den Eros, den Lungerer, einer gesehen,

Mir ist er fort; der Berichter soll eine Belohnung erhalten.

Lohn sei Paphia's Kuß, doch wenn ihn selber du einbringst,

Bleibt's nicht trockener Kuß: was d'rüber erhältst du noch, Landsmann.

Gut ist der Junge gezeichnet, aus zwanzigen würd'st du ihn kennen.

Weiß nicht ist von Färbung, er gleichet dem Feuer, die Augen

Leuchten von flammendem Licht, Sinn boshaft, freundliche Sprache,

Denn nicht ähnelt bei ihm sich Wort und Seele: dem Honig

Gleich ist die Stimme, doch d'rin sitzt Gall' ihm; grausam und trugvoll

Lügt er in allem, ein Kind voll Kniffen zu blutigem Spiele.

Üppig gelockt ist das Haupt, doch Frechheit blickt aus dem Antlitz;

Klein und zierlich die Händchen, doch trifft er damit in die Ferne,

Trifft zu dem Acheron, trifft noch des Aïdes dunkeln Beherrscher.

Nackt an dem Leib ist er zwar, doch hüllt sich in allem der Sinn ihm,

Und wie ein Vogel beschwingt, umflattert er Männer und Weiber

Wechselnd vom einen zum andern und setzt in den Busen sich ihnen.

Klein ist der Bogen und winzig der Pfeil, der über dem Bogen,

Aber das winz'ge Geschoß fliegt fort bis hinauf in den Äther.

Über den Rücken gehängt ist ein goldenes Köcherchen, d'rinne

Bittere Rohre zum Schuß, die oft mich selber verwunden.

Alles ist grimm an ihm, alles, geschweige die Fackel, mit der er,

Zwerghaft, wie sie es ist, in Brand setzt selber die Sonne.

Greifst du ihn, bring' ihn gefesselt und laß nicht Erbarmen dich rühren.

Siehst du ihn weinen einmal, dann sei auf der Hut, er betrügt dich!

Lacht er, doch fort ihn geschleppt, und will er dich küssen, so weiche

Seitab, schlimm ist sein Kuß und Gift sind eitel die Lippen.

Sagt er: "Da nimm dies für dich, ich schenk' dir alles mein' Waffen":

Hand weg! Trug ist die Gab', in Feuer ist alles getauchet.
(S. 167-168)

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Liebe um Liebe


Echo, die Nachbarin, liebte ein Pan, und die Liebe der Echo

Hatte ein hüpfender Satyr und war für Lyda entflammet.

So wie die Echo den Pan, durchglühte der Satyr die Echo,

Und so Lyda den Satyr: es sengte im Wechsel sie Eros.

Denn wie den Liebenden jedes im Innersten haßte, so ward es

Liebend hinwieder gehaßt und duldete das, was es übte.

Dieses verkünd' ich allen, die fremd noch der Liebe, zur Weisung:

Liebenden nahet mit Huld, daß Lieb', wann ihr liebet, euch werde.
(S. 181)

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Macht des Eros


Wenn Alphei'os den Weg zum Meer nimmt, hinter sich Pi'sa,

Bringt Arethu'sen im Lauf' er das ölbaumtragende Wasser,

Liebliche Blätter und Blüten und heiligen Staub als die Mitgift:

Damit stürzt er sich tief in die Wellen und unter dem Meere

Drunten enteilet er rasch und mischt nicht das Wasser den Wassern,

Kund wird nimmer dem Meer, daß der Strom es, der große, durchwandelt.

Schrecklicher Preisaussetzer, du Arger, Vermessenes lehrend:

Selber den Strom lehrt Eros durch Liebesbezauberung tauchen.
(S. 182)

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Der pflügende Eros


Fackel und Pfeil' ablegend erfaßte den Stecken des Pflügers

Eros, der Schalk, und ein Sack hing ihm die Schulter herab,

Und nun den duldenden Nacken der Stiere verbindend im Joche

Streuet Weizen zur Saat aus er in Deo's Gefurch.

Auf dann sah er zu Zeus und: fülle den Acker mir! rief er,

Oder ich werfe auf dich, Stier der Europa, das Joch.
(S. 182)

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Übersetzt von Friedrich Notter (1801-1884)

Aus: Theokritos, Bion und Moschos
Deutsch im Versmaße der Urschrift
von E. Mörike und F. Notter
Zweite Auflage
Stuttgart Verlag von A. Werther 1883
 




 

 


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