Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Johann Jakob Nervander (1805-1848)

(In der Übersetzung von Hermann Paul)



An meine erste Liebe

Dir, du himmlisches Kind, mächtige Gottheit, dir,
Deren Altare ich mich einst voll Andacht genaht
In der ersten Gefühle
Reinem, göttlichem Heiligthum,

Dir auf den Trümmern noch, düster und ausgebrannt
Von der Leidenschaft Gluth, zünde mein Opfer ich an;
Erste flammende Liebe,
Dir tönt heute noch mein Gesang!

Jeder lachende Blick, der mit himmlischem Glanz
Meine Seele entzückt, stirbt in der Ferne jetzt,
Löst im Schatten des Abends
Still in Nebel und Nacht sich auf.

Unverändert allein bist du, wie einst, als noch
Schimmerndes Morgenroth ruhte auf meiner Welt;
Du, in gleicher Verklärung
Strahlst dem trunkenen Auge noch!

O du Geliebteste! Du, die an mein klopfendes Herz
Ich nicht einmal gepresst, deren rosigen Mund
Nie die Lippe mit einem
Selig bebenden Kuss berührt,

Du, der ich nie die Gluth meiner Gefühle verrieth,
Nicht mit schüchternem Wort, nicht mit Seufzer und Flehn,
Nicht mit schweigender Blicke
Allgewalt'ger Beredsamkeit,

Heil dir! - Blumenbestreut sei dir und leicht dein Pfad;
Nicht hat die Erde mir je Rechte auf dich verliehn,
Nicht betrog mich das Schicksal,
Keine Hoffnung hat mich getäuscht!

Heimlich liebte ich dich; froh in des anderen Arm
Ahnest du nicht, dass noch unauslöschlich und hoch
Klar die heilige Flamme
Meiner Seele Dunkel erhellt.

Und je schwärzer Gewölk drohet am Himmel, je mehr
Vor dem wachsenden Sturm auch mein Nachen erbebt,
Weit vom lächelnden, stillen
Blumenstrande der Kinderzeit,

Desto herrlicher nur schimmert ihr sanfter Schein,
Freundlich winkend von hier mich in ein anderes Land;
Desto heller umleuchtet
Meine Augen ihr blendender Glanz.

Bis der Engel, der mild allen Leidenden hilft,
Schweigend auch mir einst naht und seine Fackel verlöscht,
Und ich sehe der ersten
Liebe Bild in ihm noch einmal.

Dann umschweben sie mich, beide innig vereint
In ein Wesen, und froh sink' ich in seinen Arm,
Und zu himmlischer Freude
Weiht mich beider vereinter Kuss.
(S. 102-104)
_____


übersetzt von Hermann Paul (1846-1921)

Aus: Finnische Dichtungen
In's Deutsche übertragen von Hermann Paul
Helsingfors Theodor Sederholms Buchdruckerei 1866

(Anmerkung des Übersetzers: die vorliegenden Gedichte sind
aus dem Schwedischen übertragen)


 

 


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