Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Der Frühling - Wandmalerei aus Stabiae

 


Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. - 17 n. Chr.)


(In der Übersetzung von Ernst Ludwig Posselt)


Liebes-Elegien (Amores)


Erstes Buch


1. Elegie

Ruf zum Liebesänger


Waffengetös wollt ich und völkerzermalmende Kriege

Singen, hehr und kühn, wie dem Stoff es geziemt.

Laut auf bebte die Erd' vom Tritt des Herous; da lachte

Amor höhnisch und nahm seine Stärke dem Tritt.

Wer, du grausamer Knabe, gab dir dies Recht an Gedichten?

Über uns Dichter herrscht nur Apollo, nicht du.

Wie, wenn Venus die starken Waffen der blonden Minerva,

Oder der Venus sie ihre Fackel entriss?

Soll im öden Gebirg die Göttin der Früchte gebieten,

Und die Göttin der Jagd auf der trächtigen Flur?

Hat der schöngelockte Apollo die Lanze des Mavors,

Oder Mavors je seine Leyer geführt?

Weit und allgewaltig, wie du, o Knabe, schon herrschest,

Warum sinnst du noch neuer Eroberung nach?

Soll, was irgend ist, dein seyn? Dein mit dem Helikon Tempe?

Dein nun auch sogar Phöbus Saitenspiel seyn?

Kaum braust, stark wie ein Sturm, mir der Herous vom Munde;

Gleich verwehest du alle weiter Kraft.

Und doch ist, damit in leichtern Liedern ich scherze,

Nicht ein Knabe für mich, noch ein Mädchen für mich! -

Sprach's - und eilend löst er den wohlgefülleten Köcher,

Wählt, zu treffen mich, den geschärftesten Pfeil,

Spannt auf straffem Knie aus allen Kräften den Bogen,

"Siehe! Dichter", sagt er, "hier ist Stoff zum Gesang!!"

Weh mir! Knabe, wie hat dein sichrer Pfeil mich getroffen!

Nichts als Liebe schwillt itzt den Busen mir auf,

Und von selbst ergeusst mein Lied sich in engerem Ufer;

Lebe wohl, du Krieg, mit dem ehernen Fuss.

Komm, du Muse der Liebe! komm sanftern Trittes, umkränzet

Mit der Myrthe des Bachs dein goldlockigtes Haar.
(S. 3-5)

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2. Elegie

Amors Siegesgepränge


Warum auf einmal ist mir das sanfte Lager so drückend?

Und mein Mantel, warum fällt er immer vom Bett?

Und die ganze Nacht, wie lang sie vom Himmel herabhieng,

Warum träufelte sie keinen Schlummer auf mich?

Fühlen müsst' ich's doch traun! wenn mich die Liebe so quälte;

Oder schliche sie mir still und tückisch in's Herz? -

Weh, so ist es! Schon blutet's vom leichtbefiederten Pfeile,

Und nur Amor herrscht, kühnen Trotzes, darinn.

Weich' ich? oder schüttr' ich durch Kampf den Funken zur Flamme?

Nein, ich weiche. - Leicht ist, was der Geduldige trägt.

Selbst die Fackel entglüht, geschleudert, in sprühende Flammen,

Und stirbt mählig hin, wenn sie niemand bewegt.

Der das drückende Joch mit wildem Ungestüm scheuet,

Fühlt der Hiebe mehr, als der Stier, der es trägt.

Auch des Rosses Wuth wird mit hartem Zügel gebändigt,

Wenn sein gehorchender Tritt kaum der Leitung bedarf.

Trotzig wie er ist, quält Amor bass, die ihn schmähen,

Mild nur dem, der ihm gerne Huldigung weiht.

Dir weih' Huldigung ich: ich bin, o sieh! dein Gefangner;

Sieh nur her, wie ich selbst die Hände dir reich'!

Wozu braucht es des Kriegs? Nur Schutz erfleh' ich und Frieden.

Welch ein Ruhm für dich, wenn du mich Feigen bezwingst?

Auf! die Myrth' im Haar und rüste die Vögel der Mutter;

Seinen Wagen wird gern ihr Buhle dir leih'n.

Auf dem Wagen stehst du. "Heil! Heil dem gewaltigen Sieger!"

Jauchzet lautauf das Volk, wo der Wagen sich naht.

Hinter ihm gehn in Ketten Jünglinge, Mädchen in Ketten

Alle stattlich geschmückt, deines Sieges Gepräng.

Ich, auch ich folg' ihm mit der noch blutenden Wunde,

In den Ketten, die ich itzt zum erstenmal trag',

Und das reine Herz, mit rückwärts gebundenen Händen,

Und die Zucht, und was sonst Waffen wider dich trug.

Alles wird dich fürchten; dir, mit weitoffenen Armen,

Rufen lautauf die Schaar: "Heil sey dein Triumph!"

Zu der Seite gehn dir das Schmeicheln, die Wuth und der Irrthum -

Fester hielten nie Kriegsgefährten zu dir.

Ha, mit ihnen siegst du leicht über Götter und Menschen;

Sonder Macht wärst du, wärst du ihrer beraubt.

Von dem hohen Olympus schaut lächelnd auf dein Gepränge

Deine Mutter, und streut Rosen nieder auf dich.

Du, die Flügel geschmückt mit Edelgestein und die Locken,

Fährest, golden selbst, mit dem goldenen Rad.

Vieler Herzen wirst du - ich kenne dich - dann auch entzünden,

Viele Wunden gräbst du im Vorüberziehn dann.

Niemals ruhen, wolltest du auch, die rüstigen Pfeile;

An den nahen Rauch hängt von selbst sich die Gluth.

So wie du zog einst an des Ganges Ufern der Weingott;

Tiger trugen ihn, dich der Tauben Gespan.

Ganzen Sinnes geneigt dein Sieggepränge zu mehren,

Schone mein, o du, dessen Gefangner ich bin!

Siehst du nicht, wie gross der dir verwandte Augustus,

Mit dem Arm, der schlug, den Geschlagenen schützt?
(S. 6-9)

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3. Elegie

Liebeshuldigung


Meine Bitt' ist gerecht. Das Mädchen, so mich erbeutet,

Lieb' und mühe sich, dass ich ewig es lieb'.

Ach, schon bat ich zu viel! nur lass es ewig sich lieben;

Wahrlich Venus selbst horchte so häufigem Fleh'n.

Nimm mich hin, dass ich durch Reihen von Jahren dir diene;

Nimm mich hin, dass ich, reines Herzens, dich lieb!

Ob mich grauer Ahnherrn berühmte Namen nicht heben,

Noch ein Held des Turniers meine Stammtafel schmückt;

Ob nicht zahllosen Pflügen mein Feld in Wellen entstürzet,

Und mein Vater nur karg meinem Unterhalt sorgt:

Doch empfiehlet Apoll mich dir, und die Musen, und Jacchus,

Und noch mehr als sie, Amor, der mich dir schenkt,

Und die niemals wankende Treu', und Sitten voll Unschuld,

Nackte Einfalt mich, und die rosige Schaam.

Mir gefallen nicht tausend, nicht hüpf' ich von Liebschaft zu Liebschaft;

Du, ihr Götter, hört's! bist mein ewiger Wunsch.

Nur mit dir, so weit des Schicksals Faden mich führet,

Müss' ich leben und einst, stirbst du, sterben mir dir.

Du nur seyst von meinem Gesang der selige Inhalt,

Seines Inhalts werth ströme dann mein Gesang.

Durch des Liedes Gewalt lebt noch die liebliche Jö1,

Lebt, die der Gott des Olymps als ein Vogel getäuscht2,

Und die über das Meer vom trügenden Stiere getragen

Mit jungfräulicher Hand an den Hörnern sich hielt3,

Uns, auch uns wird man in jedem Welttheile singen,

Ewig schlingt mein Nam' sich um den deinigen her.
(S. 10-12)

1 Die Tochter des Inachus, Königs im Pelopones,
die wie viele andre irdische Schönen die Ehre hatte, dem grossen Jupiter zu gefallen.
Als die eifersüchtige Juno diesen ihren Ehherrn einst beynah in seinem feurigsten Liebesspiel überrascht hätte, kam ihm nicht gleich etwas listigeres in Sinn, als seine geliebte Erdentochter - in eine Kuh zu verwandeln. Juno war so boshaft, sich diese Kuh von ihm zum Geschenk zu erbitten und so vorsichtig, sie durch den hundertaugigen Argus bewachen zu lassen. Jupiter, um sie von diesem Überlästigen zu befreyen, sandte den Mercur, als Hirten verkleidet, der durch die Lieblichkeit seines Flötenspiels ihn erst in Schlaf zauberte und dann tödtete. Aber was vermochte selbst Jupiter gegen Weiberlist? Juno inspirirte nun eine giftige Bremse, welche die unglückliche Kuh verfolgte und in Raserey brachte, worinn sie Länder und Meere durchzog, bis sie an den Nilus kam, wo Jupiter ihr wieder die vorige Gestalt gab und die Aegypter sie als Göttin Isis verehrten.

2 Leda, welcher Jupiter, da sie sich im Eurotas gebadet, in Gestalt eines Schwans seine Zärtlichkeit so kräftig bezeugt, dass sie in zwey Eyern, in dem einen den Pollux und die Helena, in dem andern den Kastor und die Klytemnestra zur Welt brachte.

3 Europa, die Tochter Agenors, Königs von Phönizien, der sich Jupiter, da sie mit ihren Gespielen Blumen sammelte, als ein sehr schöner weisser Stier zeigte. Europa, ohne zu wissen welch ein Grosser der Stier wäre, bewunderte ihn, streichelt ihn, wagte es endlich gar, da er sich vor ihr niederlegte, auf ihn zu sitzen. Kaum fühlte er sich aber mit der gewünschten Beute beladen, als er vollen Laufes mit ihr davon rannze und über's Meer nach Creta schwamm. Europa genoss die Ehre, einen Welttheil nach sich benannt zu sehen, der bestimmt war über alle andere zu herrschen.

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4. Elegie

An seine Geliebte,
wie sie sich bey einem Gastmahl in Gegenwart
ihres Mannes zu betragen habe


Stattlich, wie er ist, kommt mit mir zu gleichem Gelage

Auch dein Ehherr; o wär's doch sein letztes Gelag!

Also ich soll dich, du Heissgeliebte, nur schauen,

Und im vollen Genuss greift der Arge mir vor?

Also ihm wirst du den glücklichen Busen erwärmen?

Er, mit kühner Hand, fällt um den Nacken dir her?

Itzt begreif' ich, wie einst, sogar des Weines nicht achtend,

Um ein Mädchen sich selbst Lapithen1 gerauft.

Ich bin nicht, wie sie, im wilden Walde geboren,

Nicht halb Mensch, halb Pferd; kaum enthalt' ich mich dein.

Doch vernimm, was dir zu thun gebühret: nicht Zephyr

Mit dem linden Hauch müss' es, noch Eurus, verweh'n.

Komm du früher als er: zwar seh' ich nicht, was es nützet;

Aber doch will ich's, komm du früher, als er.

Wenn unter ihm das Polster schon dröhnt, dann nah' dich ihm sittsam,

Und im sittsamen Nah'n trete sanft mich dein Fuss.

Mich nur schau' und die Wink' und das bedeutsame Antlitz,

Meine Zeichen späh' und erwiedere schlau.

Worte, lauter als je, werd' ich mit Blicken dir sagen,

Worte malen im Wein und mit dem Finger werd' ich.

Wenn du dann der Wollust, die uns oft wurde, gedenkest,

So berühre du lind deine purpurne Wang';

Wenn aber zürnend du im Stillen Vorwürfe sinnest,

Hänge lässig die Hand von dem Ohr dir herab;

Ha! und wenn dir gefällt, du Licht, was ich thu' oder sage,

Dann in einem fort trille dein Finger den Ring.

Und den Tisch berühre, wie man bey Opfern berühret,

Wenn dem argen Mann alles Böse du flehst.

Reicht er sein Glas dir dar, so sprich: "das trinke du selber!"

Und mit leiser Stimm fodr' ein Glas vom Lakey.

Stellst du wieder es hin, wie eilend will ich's ergreifen!

Wo dein Mund erst war, wird der meinige seyn.

Legt er Speisen dir vor, die er erst selber gekostet,

Fort mit ihnen! Sein Hauch hat mit Gift sie gefüllt.

Nicht sein harter Arm lieg' drückend dir auf dem Nacken,

Noch dein sanft Gesicht ihm auf der haarigen Brust.

Seine Hand sey nie in deinem schwellenden Busen;

Mehr, als alles sey'n deine Küss' ihm versagt.

Wenn du Küss' ihm giebst, dann werd' ich offen dein Buhle.

"Mein sind sie!" ruf' ich, und gebrauche Gewalt.

Doch das alles seh' ich; aber was der schelmische Mantel

Mir verhüllet, das füllt mich mit tieferer Angst.

Müssen deine Hüften weit von den seinigen ruhen,

Stosse nie dein Fuss an dem seinigen an.

O, wie viel fürcht' ich, weil ich so vieles verübet!

Quälend drückt mich nun eigener Schalkheit Verdacht.

Ha, wie oft mit dir in traulichen Mantel gehüllet,

Ward der Liebe Werk eilend von uns vollbracht!

Dass du das itzt nicht thust! Damit du's nicht einmal scheinest,

Wirf den Mantel von dir, den verbergenden, ab.

Dring', dass er zech', in ihn; doch ohne Küsse zu spenden;

Geuss, indess er zecht, heimlich des Weines ihm nach.

Wenn im tiefen Schlaf er wohlberauschet ein schnarchet,

Giebt uns Zeit und Ort den gefälligsten Rath.

Trennt sich endlich das Mahl; mit dir stehn alle zugleich auf:

Sey dann mitten drinn in der drängenden Schaar.

In der drängenden Schaar wirst du mich finden, und ich dich;

Was du immer dann kannst, das berühre von mir.

Aber wehe mir! ich lehre für wenige Stunden;

Neidisch reisst mich von dir die gehässige Nacht.

Nachts verschliesst dich dein Ehherr: mit nassgeweinetem Auge

Folg' ich, Kummers voll, bis zur Thüre dir nach.

Küsse wird er dir itzt, itzt nicht mehr Küsse blos rauben;

Was du heimlich mir giebst, nimmt er nach ehlichem Recht.

Aber grämmlich gieb's ihm - das kannst du - mit sichtbarem Zwange

Schweiget, Lispel der Lieb! sey nur Tod, du Genuss!

Hört's, ihr Götter! Es müss' zu keiner Wollust ihm frommen,

Oder, dafern auch ihm, doch zur Wollust nicht dir.

Sey das Schicksal der Nacht indess, wie immer es wolle,

O, so läugne mir doch standhaft, dass du's gethan.
(S. 14-19)
 

1 Lapithen: Ein kühnes Volk in Thessalien, die ersten, die es wagten, Rosse zu bändigen, so wie ihre Nachbarn, die Centhauren. Als Pirithous, König der Lapithen, sich mit Hippodamia vermählte, wollten die Centauren die Braut am Hochzeitstage rauben; aber die Freunde des Pirithous, Theseus, Herkules und andre Lapithen, richteten während des Trinkgelages eine grosse Niederlage unter ihnen an.

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5. Elegie

Der glückliche Mittag


Glühend hauchte die Luft, hoch brannt' im Mittag die Sonne;

Auf dem Bette gestreckt, pflegt' ich sorglos der Ruh'.

Mit den Fenstern spielt' ein luftiger Vorhang.

Durch ihn graute das Licht, wie im schweigenden Wald,

Wie, wenn Phöbus flieht, der falbe Abend sich bleichet,

Oder sanft die Nacht in den Morgen erstirbt;

So ein Licht, wie es dem ängstlichen Mädchen gebühret,

Wenn's mit zitternder Scheu' sich dem Liebling ergiebt.

Da trat Corinna1 herein, in Mantel lässig gehüllet,

Um die Schultern floss in zwey Locken ihr Haar:

So stand Semiramis2 einst, der Wollust schlauer zu pflegen,

So einst Lais3 da, als Athen sie umkniet.

Um den Mantel stritt ich; wiewohl er dünn war, wie Maiduft,

Dennoch haderte sie, dass der Mantel ihr blieb.

Zwar sie haderte schwach, als gäb sie gern sich besieget:

Und besiegt ward sie, nicht ohn' eigene Schuld.

Da vor mir stand sie nun, nackt, in enthülleten Reizen,

Aller Mängel baar von der Sohle zum Haupt.

Welche Schultern sah ich! was sah, was fühlt' ich für Arme!

Wie drückt' meine Hand ihre schwellende Brust!

Von der schwellenden Brust wie floss so zärtlich ihr Leib hin!

Welche Hüften sah ich! und die Lenden wie rund!

Theilweis' schildern, wer mag's? War alles, alles doch göttlich.

Nackt umfasst ich sie liebeschauernd und kühn.

Was noch sonst geschah, wer räth's nicht? - - Müd ruhten wir beyde.

Gebt, ihr Götter! mir doch solcher Mittage viel!!
(S. 20-22)

 

1 Unter den Dichtern war's von jeher Sitte, dass jeder derselben "ein Mädchen, das er meynte", hatte, sollt' es auch nur, nach Art des edlen Ritters von Mancha, ein idealistisches gewesen seyn. Ovidius freylich wollte etwas mehr als blos geistigen Genuss. Wer indess seine Corinna war? ob, wie viele glauben, des Cäsar Augustus Tochter, Julia? haben die Kritiker bis itzt umsonst zu muthmassen versucht, da schon beym Leben des Ovidius mehr als Eine Römerin sich die Ehre zugeeignet, des Dichter Auserkohrne zu seyn.

2 Semiramis: Königin der Assyrer, berühmt - wie so viele Königinnen - durch grosse Thaten, die andere unter ihr vollbrachten, und grosse Wollüste, die sie selbst verübte.

3 Lais: Die berüchtigte Allgefällige, die um schweres Geld ihr Wesen trieb. Helden und Philosophen wallfahrteten von Athen aus zu ihr. Unter diesen rächte sich der Redner Demosthenes, dem sie für eine Nacht 10000 Drachmen (1250 Reichsthaler) foderte, durch die Antwort: "so theuer kauf' ich die Reue nicht!" - Am Peneus ward ihr nach ihrem Tode ein Grabmahl errichtet, mit der Inschrift:
In Thessaliens Thal schläft hier den ewigen Schlummer,
Der, sonst unbesiegt, Griechenland freudig gedient,
Eine Göttin nur an hohem Reize vergleichbar,
Amors Lieblingin, Lais, die Zierde Korinths.

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6. Elegie

An den Schweizer seines Mädchens


Milderen Schicksals werth, du schwergefesselter Schweizer,

Zieh' den Riegel zurück von der knarrenden Thür!

Ach ein bisgen nur, ein bisgen öffne die Thüre!!

Seitwärts husch ich dann leis' und eilends hindurch.

Langer Minne Dienst hat solcher Kunst mich gelehret;

Hager ward ich durch ihn, aber leicht und gewandt.

Sey'n rund um mich her der Wächter Schaaren gestellet,

Lacht der Schaaren doch mein erfahrener Tritt.

Einst, wie graute mir vor der Nacht! und vor Geistern! Ein Waghals

Schien mir, wer zu Nacht aus dem Haus sich gewagt.

Tückisch lächelte drob, mit seiner himmlischen Mutter,

Amor. "Selbst auch du, glaube mir, wirst noch ein Held!"

Sprach's. Ich liebte. Da schwand urplötzlich die Furcht; nicht Gespenster

Schrecken itzo mich, noch das drohende Schwert.

Nur dein Zögern ist's, was mich schreckt, mich so flehentlich bitten

Lehret; du nur hast, mich zu verderben, den Blitz.

Sieh' (ach, es zu seh'n, entriegl' ein bisgen die Pforte!)

Sieh' die Schwelle nur, wie ich nass sie geweint!

Als den Rücken du, entblösst, den blutigen Streichen

Darhieltst, war's nicht ich, dessen Vorwort dir galt?

Und der Mund, von dem dir Balsam troff, soll für mich itzt

(Hör' es, rächender Gott!) sonder Nutzen sich müh'n!!

O, sey dankbar! Bist du's, wie ist dein Loos itzt so glücklich! -

Aber wie eilet die Nacht! Auf! den Riegel mach auf!! -

Was dem Riegel du thust, das widerfahre dir selber,

Lösest du ihn, so werd' auch dein Arm einst gelöst.

Aber immer noch, du Eiserner, fleh' ich vergeblich;

Ringsum schwer verschanzt droht die starrende Thür'.

Mag, vom Feinde belagert, die Stadt durch Wälle sich schützen;

Doch was spielst du itzt, mitten im Frieden, den Krieg?

Sag', was wirst du dem Feind, wenn du den Buhlen nicht einlässt? -

Aber wie eilet die Nacht! Auf! den Riegel mach auf!! -

Nicht mit Reutern komm' ich, mit grobem Geschütz nicht gezogen;

Ganz allein wär ich, dränge sich Amor nicht auf.

Ach, wie gern wollt ich, vermöcht' ich's, auch diesen verlassen!

Doch viel eher verliess mich mein Leben, als Er.

Amor also nur, und schattendes Weinlaub und Rosen

In dem trunkenen Haar, sonst ist niemand mit mir.

Und wer fürchtet wohl die? wer jauchzt nicht, sie zu empfangen? -

Aber wie eilet die Nacht! Auf! den Riegel mach auf!! -

Ist es Trägheit nur? Ist's Schlaf, dass du immer noch stumm bist?

Oder jaget der Wind deine Antwort hinweg? -

Vormals, da ich mich im Hause selber versteckt hielt,

Weisst du nicht, wie du tief in die Nacht hingewacht?

Ach, itzt ruhst du vielleicht im Schoose deiner Geliebten;

Wie beneid' ich dich, o du Glücklicher, du!

O, wie gern wollt ich dieselben Ketten itzt tragen! -

Aber wie eilet die Nacht! Auf! den Riegel mach auf!! -

Ist es süsser Trug? oder hat der Riegel geknarret?

Hat die Thüre sich schwer und pfeifend bewegt?

Trug ists. Nur der Sturm hat sie geschlagen. Ihr Götter,

Wie hat euer Sturm all mein Hoffen verweht!

Hast du selbst doch einst, du Nord, ein Mädchen entführet;

Auf, in deinem Grimm! und zersplittre die Thür'.

Ruht doch alles umher. Still wälzt die thauige Nacht sich. -

Aber wie eilet die Nacht! Auf! den Riegel mach auf!! -

Oder wilder ich als Feuer, wilder als Eisen,

Setz' das stolze Haus augenblicklich in Brand.

Nacht und Lieb' und Wein sind tollkühn alles zu wagen;

Nacht kennt nicht der Scham, Lieb' und Wein nicht der Furcht. -

Alles ist umsonst!! Noch bitten noch drohen bewegt dich,

Der du eiserner bist, als die eiserne Thür'.

Ha, ein Mädchen nicht voll süsser Reize zu hüten

Bist du werth! bist nur des Gefängnisses werth!

Doch schon wälzt der Stern des Morgens die thauigte Axe,

Und dem Tage ruft, mit dem Tagwerk, der Hahn.

Ha, so liege dann, du Kranz von Rosen, vom Haupte

Abgerissen, hier auf der grausamen Schwell'.

Wenn dann Morgens dich mein Mädchen erblicket, so zeig' ihm,

Wie ich hoffnungslos auf der Schwelle gewacht.

Dich, du plumper Schweizer, quäl' eben die Liebe, und wenn sie

Dich am heftigsten quält, sey der Genuss dir versagt!

Fort von euch, die ihr dem Sklaven frohnet, ihr Thüren,

Mit dem Riegel von Erz unbarmherzig verschanzt!!
(S. 23-28)

Schweizer: der Thürhüter


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7. Elegie

Zur Versöhnung, an seine Geliebte, die er geschlagen hatte


Fesseln mir! denn schwer hab' ich die Freyheit verwirket:

Fesseln meiner Wuth! wer du irgend mich liebst.

Weh mir! über die Wuth, die wider mein Mädchen die Fäuste

Wild mir erhob, dass noch meine Wunden es weint.

Nicht der Aeltern hätt' ich in jener Stunde, noch eurer,

Zürnt dem Frevel nicht, o ihr Götter! geschont.

So warf Ajax1 einst, der Träger des stattlichen Schildes,

Grimmvoll weit um sich Schaaren der Todten in Staub;

Und der an der Mutter den Vater rächte, Orestes2,

Führte tollkühn so einst mit Göttinnen Krieg.

Ha, du lockigtes Haar, ich, ich dich wüthend zerrissen!

Und zerrissen selbst, o wie schmücktest du sie!

Lässig schön war sie, wie wenn durch Manalos Wälder

Mit dem gefürchteten Pfeil Delia3 folget dem Wild;

Wie vom Sturme gejagt so Schwür' als Segel des Theseus

Hoch auf Naxos Fels Ariadne4 geweint;

Wie, nur dass sie ihr Haar in einen Schleyer verhüllet,

Vor der Pallas Altar Priamus Tochter5 erlag.

Alles nannte mich Thor! und Mörder! nannte mich alles,

Nur nicht sie; erstarrt war vor Schrecken ihr Mund,

Doch ihr nasses Aug sprach überlaut meinen Frevel,

Mehr, als Worte, klagt' ihre Miene mich an.

O, warum fielt ihr nicht abgelöst von den Schultern?

Besser wär ich, ihr Händ', eurer gänzlich beraubt.

Nur zu meinem Verlust gab mir der Wahnsinn den Muth ein,

Nur zu meiner Straf' ward mir die Stärke verlieh'n.

Sagt, was sollt ihr mir nun, ihr Werkzeug' des blutigen Gräuels?

Fesseln euch! ihr habt eine Heil'ge verletzt.

Hatt' ich an dem Letzten von Romulus ärmlichen Pöbel

Dies gewagt? An dir, Freundin, hab' ichs gewagt!!

So war Diomedes6 des nie erhöreten Gräuels

Stifter; er zuerst schlug eine Göttin, dann ich.

Doch mit weniger Schuld er: der ich Liebe geschworen,

Litt durch mich; durch ihn, die ihn immer gehasst.

Auf! und rüste dich dann, ein Sieger, zum stolzen Triumphe,

Zeuch auf's Capitol mit dem Lorber im Haar.

Um den Wagen herum jauchz' alles im frohen Gewimmel:

"Heil! dem unsterblichen Held, der ein Mädchen bezwang!!"

Vor dem Wagen geh' mit fliegendem Haar die Bezwungne,

Schneeweiss, blutete nicht das zerfleischte Gesicht.

Besser, säh' es roth vom kühnen brennenden Kusse!

Besser, trüge der Hals Spuren des üppigen Zahns!

Ha, und wenn mich denn gleich einem stürzenden Strome

Unaufhaltbarwild mit sich fortriss der Zorn,

Hatt' ich Unhold nicht, das schüchterne Mädchen zu schrecken,

Harte Worte, doch nicht allzuharte, genug?

Konnt' ich nicht ihr Gewand bis auf die Mitte zerreissen?

War die Mitte doch durch den Gürtel geschützt.

Aber ich Unmensch ich ergriff ihr lockigtes Haupthaar,

Meine eiserne Faust schlug ihr blühend Gesicht.

Ach, da starrte sie hin, so weiss, so empfindungberaubet,

Wie der Parische Stein sich dem Meissel enthebt;

Ihre Nerven bebten und zitterten all' ihre Glieder,

Wie am Pappelbaum zittert im Winde das Laub,

Wie wenn Zephyr lind im schlanken Schilfrohr sich wieget,

Oder den Spiegel des Teichs kräuselt der fächelnde Süd.

Langverhalten quollen ihr endlich Thränen vom Auge,

Wie vom weicheren Schnee quillet das Wasser herab.

Da, da fühlt' ich mich zum erstenmal einen Sünder;

Thränen weinte sie, aber ich weinte Blut.

Dreymal sank ich vor ihr mit büssender Reu' auf die Kniee,

Fort von sich stiess sie dreymal die eiserne Hand.

O, so zaudre doch nicht - denn Rache lindert die Schmerzen -

Zaudre nicht, und stürz' in mein verräthrisch Gesicht,

Und, dass jede Spur von meinem Gräuel vertilgt sey,

Leg' in Ordnung dann dein zerrüttetes Haar.
(S. 29-34)

 

1 Ajax: Nach dem Achilles die tapferste unter den winzigen Majestäten, die zu ganzen Schocken zehn Jahre lang sich um Troja herumtummelten. Als die griechischen Feldherrn Achills göttliche Waffen ihm absprachen und sie dem Ulysses gaben, ward er darüber so wüthend, dass er sich auf eine Heerde Vieh im Felde stürzte und fürchterlich darunter mordete, als ob er die Urheber seines Schimpfes vor sich hätte. Aus Verdruss erstach er sich zuletzt selbst.

2 Orestes: Der Sohn des Königes zu Argos und Mycenä, Agamemnons, der unter den griechsichen Kaziken, die vor Troja lagen - spasshaft genug - der König der Könige hiess. Orestes, da sein Vater von Aegisthus, dem Buhlen seiner Gemahlin Klytemnestra ermordet worden, rächte den Tod desselben sogar an seiner Mutter. In der Folge soll er darüber in Wahnsinn gefallen und von den Furien geplagt worden seyn.

3 Delia: Diana, die Göttin der Jagd.

4 Ariadne: die Tochter Minos, Königs in Creta. Sie war's, die dem Theseus, als er den Minotaurus tödtete, den Knäul mitgab, wodurch er sich wieder aus dem Labyrinthe zurückfinden konnte, und Theseus war's, der sie zur Dankbarkeit dafür mit dem Schiffe nahm - und auf der Insel Naxos verliess.

5 Priamus Tochter: Kassandra. Bey der Einnahme von Troja brach Ajax Oileus im Tempel der Minerva die Rose ihrer Keuschheit. Minerva, wie's billig war, schleuderte für solchen Frevel ihn mit einem Blitze todt.

6 Diomedes: König in Aetolien, der an dem abentheuerlichen Zuge gegen Troja Theil hatte. Er nahm das Palladium hinweg und verwundete die Venus.

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8. Elegie

An die Unholdin, die sein Mädchen im Buhlengewerb unterrichtet


Eine Mäcklerinn treibt ihr Wesen; huh! ein abscheulich

Ungethüm; sie heisst, nicht ohn' Ursach, Frau Rausch.

Nüchtern sah sie nie Auroren, vom Thaue beträufelt,

Aus den Pforten des Tags führen ihr röthlich Gespann.

Aber Zauberwort' und Reime grässlichen Inhalts

Murmelt sie; wenn sie will, steigt Gebürgan die Quell'.

Jedes Gräsleins ist sie kundig, und was die Raute

Mit dem Fenchel wirkt und der Fledermaus Herz.

So sie gebeut, erhebt sich Gewölk und heulende Windsbraut;

Glanz und Ruhe lacht, so sie gebeut, vom Olymp.

Blut - ihr Enkel, glaubt's! - Blut strömt herab von den Sternen,

Dunkelroth von Blut wird der silberne Mond.

In den Schatten der Nacht rauscht sie, ihr Wesen zu treiben,

Eine Eul'; es starrt, grau von Federn, ihr Fell.

Aus dem triefenden Aug' blitzt ihr doppeltes Kindlein,

Zweyfach siehet sie, was nur einfach der Christ.

Geister ruft sie hervor aus dem Graus verfallener Gräber;

Selbst der Erde reisst, so sie schwöret, die Brust.

Die Abscheuliche! - sie, sie will mein Mädchen verführen!

Ha, wie wortreich war ihr entzahneter Mund!

In den Vorhang gehüllt vernahm ich alles. Wen's lüstet,

Es zu hören, merk' auf, also lehrete sie;

"Gestern, weisst du's noch? Das junge goldene Herrchen,

Wie's mit Leib und Seel' sich vergaffet in dich?

Und was Wunder? Bist du doch unter allen die schönste!

Freylich schöner geputzt sind die andern, als du

Ach, du gutes Täubchen! wärst du so reich, als du schön bist!

Nicht so hart wär dann in dem Alter mein Loos.

Aber bis itzt war der Stern des Mars dir zuwider:

Fort ist Mars; nun scheint Venus mit freundlichem Licht.

Drum gefielst du auch so schnell dem goldenen Herrchen,

Drum ist all sein Wunsch, dass dir ja nichts gebrech'.

Aber du Schelm hast auch, Gott weiss, ein Gesichtgen zum fressen;

Kauft er dich nicht, so kauf ich ihn selber, den Klotz.

Wirst du roth, du Närrchen? - Roth steht zum weissen Gesichtgen

Allerliebst, nur komm's nicht von kindischer Schaam.

Wenn vom Schoose du die Aeuglein prüfend emporschlägst,

Dann blick' jeden an, welche Gab' er dir reicht.

Ha, zu Numa's Zeit - vielleicht - gab's bäurische Dirnen,

Dumm genug, sich ganz Einem Manne zu weih'n.

Aber itzt kriegt nur im Ausland der Römer. In Rom selbst

Herrscht, wie gross es ist, Mutter Venus allein.

Die ihr schön seyd, o liebt! Keusch sey, die niemand drum anspricht;

Hat sie feinere Welt, o so spricht sie wohl selbst:

Weg mit den Runzeln, die der hohen Stirn' enttrotzen!

Unschuld heuchle mild die geglättete Stirn.

Eh du's merkest, gleiten die Jahr'; wie, schnaubenden Laufes,

Rosse fliegen, so fleugt, unaufhaltsam, die Zeit.

Gold gleisst durch den Gebrauch; das Kleid passt erst, so du's trägest;

Unbewohnt, wie wird dumpf und grausig dein Haus!

Auch die Schönheit, dafern du ihrer nicht froh wirst, veraltet:

Ach, nicht Einer, nicht zwey, sollten prassen von ihr.

 Leicht und sicherer ist's, von vielen Beute zu sammeln;

Nur von voller Heerd' raubt der tückische Wolf.

Und was schenkt dir dann dein Dichterlein ausser den Reimen?

Besser gäb er dir Wechselbriefe dafür.

Schüttert Phöbus nicht, sein Gott, im goldenen Mantel,

Auf der goldenen Harf' jede Saite von Gold?

Wer dir reichlich schenkt, der sey dir mehr als Homerus;

Um das Schenken ist's gar ein witziges Ding.

Sey dann einer auch nur mühsam dem Strange entronnen;

Wer auf's Wahre sieht, achtet der Kleinigkeit nicht.

Aus uraltem Geblüt kommt hier ein hungriger Freyherr:

Trag' dein uralt Geblüt, hungriger Freyherr, nur fort!

Weil er schön ist, will der umsonst eine Nacht: er begehre

Seinem Buhlen erst, sie zu zahlen, das Geld.

Fodre mässigen Sold, so lang dein Netzchen du auswirfst;

Ist der Vogel erst drinn, dann, dann rupf' ihn nach Lust.

Kannst dich immer stellen, du liebest ihn herzlich: er glaub' es;

Nur sein Beutel sey anderer Meynung als Er.

Oft versag' ihm die Nacht: bald heuchelst du brennendes Kopfweh,

Und bald stehet dir Ceres Feyer im Weg.

Doch des Spiels sey nicht zu viel: er könnte gar leichtlich

Der Enthaltung sich, mehr als dir frommet, bemühn.

Dem, der bittet, versperrt, weitoffen dem, der dir schenket,

Sey die Thür'. Umsonst winsle der Arme davor.

So du ihn beleidigt, zürn' ihm, als hätt' Er gross Unrecht;

Durch sein Nichtvergehn wird dein Vergehn dann gebüsst.

Aber nie zu lang lass deinem Zorne den Zügel;

Langgenähreter Zorn wird oft bleibender Hass.

Deine Aeuglein lehr' sich Thränen erpressen; wenn gleich du

Kaum das Lachen verhältst, wird die Wange nur nass.

Spotte kühnlich des Eids. Selbst Venus, schwörest du fälschlich,

Stopft dem gestrengen Papa das allhörende Ohr.

Halt ein Kammerkätzchen und einen Bedienten. Das Fäntchen,

So dir hoffet, erfährt, was dir noch abgeht durch sie.

Sie besolden sich selbst. - Der Buhlen jeder schenkt ihnen;

Wenig jeder zwar, doch der Buhlen sind viel.

Schwester rupf' an ihnen und Mutter und Amme: wenn viele

Aus zum rauben geh'n häuft die Beute sich bald.

Sinnst du, lang umsonst, auf Anlass ihnen zu fodern;

Dein Geburtstag sey! was der Kalender auch sagt.

Lass ihn unbesorgt nie, noch sonder Eifersucht lieben:

Nimm das Misstrau'n weg, weg ist die Liebe zugleich.

Mitten im Bett' seh' er Spur, wo ein andrer gelegen,

Und den weissen Hals roth vom brennenden Kuss,

Und die Gaben, die dir ein andrer geschicket, und hätt' er

Keine geschickt, frag' doch: wo die Börse dann sey?

Hast du wacker gezopft - er braucht nicht alles zu schenken;

Leih von ihm, was du nimmer zu geben gedenkst.

Leicht und lose sey deine Zung' und schmeichelnd und täuschend,

Süsser Honig verhüllt oft das tödtende Gift.

Folgst du, was ich hier, durch lange Erfahrung erprobet,

Dich gelehrt, verweht's nicht der spielende West:

O, wie oft wirst du mich lebend segnen! wie oft mir,

Wenn das Grab mich deckt, Trost in der Ewigkeit fleh'n!"

Sprach's, und wollte noch mehr. Doch da verrieth mich mein Schatten.

Hätt' ich mühsam nicht meiner Wuth mich erwehrt;

Ha, ihr graues Haar, ihr branntweintriefendes Auge,

Ihr durchfurchtes Gesicht, wär itzt blutig zerfetzt. -

Nackte Armuth dir! und schmähliges, hülfloses Alter!

Ewigen Winter dir! und unlöschbaren Durst!
(S. 35-43)

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9. Elegie

Der Krieger und der Buhle. An seinen Atticus


Jeder Liebende kriegt; auch Amor hat seine Lager:

Glaub' es, Atticus, mir - jeder Liebende kriegt.

Die den Waffen gebührt, die Zeit gebühret den Schönen;

Weh! dem Krieger, der alt, und dem Buhlen sey weh!

Sucht nicht gleiche Kraft, zum Schlachtengewühle der Feldherr,

Und das Mädchen zum Kampf des wollüstigen Betts?

Weite Reise ziemt dem Krieger; entferne sein Mädchen,

An die Gränze der Welt folgt der Buhle ihm nach.

Berge schrecken ihn nicht, nicht lautaufdonnernde Ströme,

Ueber gethürmtes Eis bahnt die Lieb' ihm den Weg.

Eurus heulet umsonst in seine Segel, umsonst flimmt

Ach! kein Sternlein ihm, des sich der Steuermann freut.

Nur der Krieger und nur der Buhle duldet gelassen

Itzt die Kälte der Nacht, itzt des Mittags Gluth,

Jener spähet voll List des Feindes furchtbare Rüstung,

Dieser spähet voll List seines Mitbuhlen Glück.

Vesten belagert der, des Mädchens Schwelle der andre;

Thüren windet der auf, der reisst Stadtthore ein.

Oft gelang in tiefer Nacht der verborgene Ausfall,

Tod ward nun dem Feind sein zu ruhiger Schlaf;

Oft straft auch der Buhle so die Trägheit des Ehmanns,

Pflanzt Trophäen sich auf des Geduldigen Stirn.

Durch die Schaar der Späher, durch aufgestellete Wachen

Geht, das will sein Dienst, Krieger und Buhle hindurch.

Ungewiss ist Mars; nicht gewisser Venus. Oft stehet

Der Besiegte auf, und der Siegende fällt.

Drum wer ein Nichtsthun schalt die Liebe, bereue sein Unrecht;

Nur der thätige Mann ist für die Liebe gemacht.

Weint Achill nicht selbst ob der ihm geraubeten Briseis?

Brecht, ihr könnt es nun, Troër! die griechische Macht.

Fort aus Andromachens Arm riss in das Schlachtfeld sich Hektor.

Und sie selbst schmückt' ihn mit dem trotzenden Helm.

Auch der Kriegsgott fühlt' ergriffen die schmähligen Bande;

Keine Schnurre ward je mehr im Himmel belacht.

Ich, ach! träg war ich, zum weiblichen Frieden geboren,

Nur des Bettes Freund und der schlafvollen Ruh.

Siehe! da erschien mir des Mädchens strahlende Schönheit,

In des Mädchens Dienst trat, ein Krieger, ich nun.

Rastlos führ' ich seitdem der Liebe nächtliche Kriege.

Wer dem Müssiggang zürnt, werd' ein Buhle, wie ich!
(S. 44-47)

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10. Elegie

An sein Mädchen
Wider den Gebrauch der Geschenke unter Liebenden


So war Helena kaum, als ihrem Gatten sie, weckend

Langen verderblichen Krieg, Paris der Troër entführt;

So kaum Lede, da in weisses Gefieder verhüllet,

Sie der listige Gott des Olympus berückt;

Und Amymone1 kaum, wie sie durch sandige Wüsten

Auf der schnellen Flucht dem Verfolger entgieng:

Wie du warest. Ich Thor! Schon fürchtet' ich Adler und Bullen

Und was sonst noch die Lieb' aus dem Donnerer schuf.

Ha, wo ist nun die Furcht? wo? wo der trunkene Irrthum?

Das ist das Antlitz nicht mehr, das wie bezaubert mich hielt.

Was der Trotz dir soll? Du willst ja Geld für die Liebe!

Fürder gefällst du mir nicht; Geld für die Liebe willst du!

Warst so einfach! Siehe, da liebt' ich Körper und Seele

Gleich an dir; nun ist Körper und Seele entstellt.

So ein Knabe, so nackt ist Amor. Jung, wie die Unschuld,

Sonder Gewand ist er, dass er voll Herzlichkeit sey.

Und ihr machet den Sohn der süssen Venus zum Söldner?

Dass er berge den Sold, sagt was irgend er hat?

Noch die Venus, noch ihr Sohn ist tauglich zu Waffen;

Friedensgöttern ziemt nicht Erz, der Bewaffneten Sold.

Seht die Verworfene an, für Geld von jedem zu haben!

Mit dem sklavischen Leib sucht sie schnöden Gewinn:

Doch verfluchet sie selbst den Geiz des schmuzigen Mäcklers,

Was aus Lüsternheit ihr, thut sie aus drückendem Zwang.

Seht die Thiere! Sie sind des höhern Lichtes beraubet;

Welche Schande für euch, wären sie milder, als ihr!

Nicht die Stutte dem Ross, dem Stier die Sie nicht, dem Widder

Fodert nie ein Geschenk das sanftmüthige Lamm.

Nur ihr Mädchen frohlockt ob der geraubeten Beute,

Ihr nur verpachtet die Nacht, ihr nur kommet um's Geld.

Wuchert ihr nicht mit dem, was beyden frommet und schmeichelt?

Und taxiret ihr nicht eigener Wollust Genuss?

Süss für beyde ist das Werk der Venus; warum denn

Bey demselben Gefühl das verschiedene Loos!

Warum Schaden uns, und euch Gewinn von dem Spiele,

Das mit gleicher Lust Mann und Mädchen vollzieht?

Straft man Zeugen doch, die ihren Eidschwur verkaufen,

Hohn dem Richter, bey dem Geld vor Gerechtigkeit geht.

Hohn dem Redner, der mit feiler Zunge vertheidigt,

Hohn dem Prätor selbst, der sein Tribunal missbraucht!

Aber dreyfach Hohn, die Schätz' im Bette sich sammelt,

Dem Meistbietenden ihre Reize verkauft!!

Nur was ungekauft wird, verdient des lohnenden Dankes;

Uebertheuer erkauft, wozu soll dir der Dank?

Alles zahlet der Miethsmann, und hat er alles bezahlet,

Bleibet für den Dienst keine Verpflichtung zurück.

Drum, ihr Schönen! fodert nicht Geld für eure Nächte;

Böses Ende gewinnt solcher schmähliche Raub.

Zwar dem Reichen mögt ihr kühnlich Gaben begehren;

Dass er gebe, gab ihm überfliessend das Glück.

Nehmt, so ziemt es sich, die schwellenden Trauben dem Weinberg,

Euch entschütte die Flur des Alcinous Obst.

Doch der Arme weih' euch Dienst und Eifer und Treue;

Was er bestens vermag, bringe jeder euch dar.

Durch des Liedes Schwung die Auserkohrne zu feyern,

Weiss ich: all überall wird, die ich meyne, bekannt.

Mögen Kleider reissen, mag Gold zerbrechen und Demant;

Den der Dichter ertheilt, ewig währet der Ruhm.

Sieh, auch geb' ich gern; nur lass ich's ungern mir fodern:

Was ich dir bittend versag', schenk' ich dir, bittest du nicht.
(S. 48-53)
 

1 Amymone: Die Tochter des Danaus, König zu Argos. Einst auf der Jagd verwundete sie aus Unvorsichtigkeit eine Satyr. Der Satyr, allzugalant, wollte sie mit seiner Liebe strafen. Sie floh, und rief den Neptun zu Hülfe, der auch kam, aber zuletzt für seine Hülfe eben das raubte, was der Satyr zum Ersatz für seine Schmerzen gefodert hatte.

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11. Elegie

An Nape, der Corinna Kammermädchen,
mit dem Briefchen, worinn er bey ihrer Gebieterin um eine Nacht bittet


Die zerstreuetes Haar in schöne Ordnung zu sammeln

Grundgelahret, weit mehr, als blos Zofe, du bist,

Wohlerprobt im Dienst der heimlichen Nacht, voll des Scharfsinns,

Zu der Liebe Gebrauch tausend Zeichen zu späh'n,

Oft, wenn meines Besuchs Corinna lange gezweifelt,

Sie bestärkt, mir oft in der Bedrängniss gedient;

Nimm dies Brieflein und reiche, sobald das Morgenroth schimmert,

Deiner Gebietrin es dar; flügle den eilenden Schritt.

Ist dein Herz doch nicht mit Fels und Eisen umpanzert,

Ward dir doch so List als Empfindung verlieh'n.

Du, o selbst hast du Cupido's Pfeile gefühlet:

Sey in mir nun auch deinem Dienste getreu:

Sprich, so sie fräget: "er lebt, weil er von dir eine Nacht hofft;

Alles andere sagt hier sein eigener Brief."

Huy, wie fliehet die Zeit! Reich' ihr bey Musse den Brief dar,

Ohn' Beschwerd' für sie, doch dass sie alsbald ihn les'.

Späh, indess sie liest, was Aug und Stirne dir sagen;

Auf dem stillen Gesicht lieget das Künftige oft.

Kein Verzug! Sie müss' urplötzlich recht vieles mir schreiben;

Grossen weissen Raum hass' ich in Briefen so sehr.

Zeil' auf Zeile gedrängt sey alles. Am äussersten Rande

Steh noch halbverwischt, drob mein Auge sich müh'.

Doch wozu so lang die zarten Fingerchen quälen?

Mehr und weniger nicht sage der Brief mir, als: "Komm!!"

Ha, der siegende Brief, rundum mit Lorbern umkränzet,

Werde, Göttin der Lieb', deines Heiligthums Zier.

Drunter stehe: HIER WEIHT DER GÖTTIN BEGLÜCKENDER LIEBE,

WAS NUR HOLZ WAR; ITZT MEHR, DANKVOLL DER DICHTER OVID.
(S. 54-56)

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12. Elegie

Er verwünscht sein Briefchen
weil ihm die Nacht versagt ward


Weint mein Schicksal! Sie ist, die kläglichste Antwort, gekommen!!

Hoffnungslos versagt ihre Hand mir die Nacht.

Ist doch nichts umsonst! Ha, darum schlug, als sie fortgieng,

An der Schwelle schon Nape das Füsschen sich an.

Wenn du wieder gehst, so schreit', als wär es ein Atlas,

Hochgehobenen Tritts über die Schwelle hinaus.

Fort, ihr schnöden, ihr gehässigen, traurigen Tafeln!

Fort du Wachs, erfüllt mit dem schrecklichen Nein!

Unter den Waben voll Gift hat in den Corsischen Wäldern

Von des Schierlings Saft dich die Biene gezeugt.

Warst so roth von Schrift, als wärst du mit Menning gefärbet;

Für den blutigen Sinn welche passende Farb'!

Fort auf die Strasse mit dir! Das erste Rad, das vorbeyrollt,

Brech' zu Trümmern dich, du gehässiges Holz.

Der vom starken Baum zu solchem Nutzen dich formte,

Mörder - vor Gericht zeug' ich's ihm - Mörder war er.

An dem Baume hieng verzweiflungsvoll ein Erwürgter,

Rad und Galgen schnitt irgend ein Henker daraus.

Seinem Schatten entscholl der Unken Geschrey und der Kröten,

Es verbargen ihr Nest Eul' und Habicht darein.

Und ich Thor! ich gab ihm meine Liebe zu tragen?

Und so manches Wort, ganz in Honig getaucht?

Besser dientet ihr im rechtlichen Kriege zur Ladung,

Die geschwätzig und streng der Processrath entwarf.

Besser lägt ihr voll Staub bey den Registern worinnen

Sein vergeudetes Geld irgend ein Harpax beweint.

Wohl empfand ich euch dem Inhalt nach, wie dem Namen,

Zweyfach. Wehe mir! über die Deutung der Zahl.

Doch was wünsch' ich euch lang, als dass das scheussliche Alter

Euch ihr Tafeln! zerfress', dich beschmutze, du Wachs!
(S. 57-59)

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13. Elegie

Klagen an Aurora


Schon kommt über dem Meer von ihrem grämlichen Alten,

Die den Tag uns bringt, mit den Reiffen umhüllt.

Wohin eilst du, Aurora? - O, zögre! Dein Zögern zu lohnen,

Mangle Memnons1 Grab niemals sein blutiges Fest.

Ruht ich jemals süss im Schoose des traulichen Mädchens,

Das mein Herz besitzt, wahrlich! so ruh' ich es nun.

Noch herrscht tiefer Schlaf, noch wehen kühlende Lüftchen,

Stiller singen itzt noch alle Sänger des Walds.

Eile nicht! den Männern verhasst, verhasst den Mädchen;

Halt den Zügel doch an in der rosigen Hand.

Eh du aufstehst, da traut sorglos den Sternen der Schiffer,

Ihnen traut er, und ist seines Laufes gewiss.

Aber du weckst den Wandrer, noch müd, zu neuen Gefahren

Weckst den Krieger du auf, der ach! Frieden geträumt.

In das Feld eilt nun der mühbeladene Landmann,

Und der fromme Stier unter das drückende Joch.

Unerbittlich du! die selbst des Knäblein nicht schonet,

Des der Lehrer schon harrt mit monarchischem Ernst.

Nicht dem Richter bist du und nicht dem Redner willkommen,

Beyden drohet itzt der chaotische Streit.

Deine Laune muss die Hausfrau büssen; von vornen

Fängt den alten Kreis ihre Arbeit itzt an.

Alles trüg' ich gern; doch dass die Mädchen du aufscheuch'st,

Wer verzeihet dir das, den sein Mädchen beglückt?

O, dass nie die Nacht dir wich', die Sterne des Himmels

Ihren Reigentanz nie unterbrächen für dich!

O, dass heulender Nord dir stürmisch die Axe zertrümmern,

Oder in tiefer Nacht stürzen müsste dein Ross!

Neidvoll, wie du bist, was Wunder, dass dein Erzeugter

Schwarzen Leibs ist, gleichwie schwarzen Herzens du selbst?

Dass auch du einst liebtest, des ist dein Cephalus Zeuge;

Oder wähnst du, uns sey deine Schalkheit so fremd?

Dürfte, was er weiss, der alte Tithon2 erzählen,

Schändlicher, als du, war kein Weib im Olymp.

Ihn zu fliehen, den die Zeit der Schöne beraubet,

Eilst du so früh zu der gehässigen Fahrt.

Hielten dich doch nur des werthern Cephalus Arme,

O, wie würdest du schrey'n: "Zögert! Pferde der Nacht."

Büssen soll ich nun die welken Lenden des Alten!

Hab' ich etwa durch List dich verkuppelt an ihn?

In der traulichen Nacht drückt ihrem Endymion Luna3

Eilend Küsse auf, nur um dich nicht zu seh'n.

Selbst der Vater der Götter, wie sehr er dich hasse, zu zeigen,

Warf zwey lange Nächt' um seiner Liebe Genuss4. - -

Also klagt ich. Sie hört' es; denn schamvoll wurde sie röther,

Aber kein Moment kam darum später der Tag.
(S. 60-64)
 

1. Memnon: des Tithon und der Aurora Sohn, kam im Trojanischen Kriege dem Priamus zu Hülfe, ward vom Achilles erschlagen und nach seinem Tode von seiner Mutter in einen Vogel verwandelt. Alle Jahre zu bestimmter Zeit kamen ähnliche Vögel schaarenweise zu seinem Grabhügel geflogen und kämpften über demselben in zwey Schlachtordnungen, als ob sie seinem Schatten mit ihrem Blute opfern wollten.

2 Tithon: Der Sohn Laomedons, Königs von Troja, einer von den Vielen, die durch allzuhohe Liebschaft verunglückt sind. In der Fülle seiner jugendlichen Schönheit gefiel er der Aurora so sehr, dass sie den Jupiter bat, ihm die Unsterblichkeit zu verleihen. Jupiter sprach sein allmächtiges Ja. Tithon starb nicht, ward aber alt, schwach, hässlich. Zuletzt verwandelte ihn Aurora in eine Heuschrecke.

3 Sonst auch Diana oder Phöbe, wegen ihrer Keuschheit berühmt - weil sie ihre Liebschaften gut zu verbergen wusste. In der Nacht besuchte sie den schönen Jüngling Endymion.

4 Er kam zu der Alkmene, Amphitryons, Fürsten von Thene, Gemahlin, in Gestalt ihres Manns. Sie behagte Seiner Gottheit so sehr, dass er die Nacht verlängerte; aber dafür war's Herkules, der aus den Umarmungen dieser Nacht entsprang.
 

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14. Elegie

Trost wegen ausgefallener Haare


Sagt' ich's nicht? hör' auf an deinem Haare zu künsteln!

Dran zu künsteln hast du, weh dir! fürder kein Haar.

Und wie floss es dir, wenn du's nur liessest, so lockigt

Von dem Scheitel an bis zur Hüfte hinab!

War so weich! so werth, durch keine Kunst ihm zu schaden!

Wie das seidene Garn, das der Inder uns schickt,

Wie der Faden, den mit zarten Füssen die Spinne

Hoch und luftig webt an der einsamen Wand.

Schwarz, wie des Raben, war's nicht, noch gelb, wie des furchtbaren Leuen;

Mit gefälligem Braun kränzt' es dein weisses Gesicht:

So steht in Ida's Thal mit braunen Aesten die Ceder,

Wenn der Sturmwind sie ihrer Rinde beraubt.

Ach, es war so lenksam! so fähig vielfacher Krümmung!

Brachte niemals dir der betäubenden Qual!

Nicht die Spitze der Nadel, des Kammes Zahn nicht zerriss es,

Nie entgalt für es deine Zofe die Schuld,

Oft, indem ich's sah, band sie's in Locken; doch wurden

Nie durch strafenden Stich ihre Arme verletzt.

Auch wenn's kunstlos um dich im frühen Morgenroth spielte,

Auf dem purpurnen Bett lässig schlummernd du lagst;

Wie war's kunstlos so schön! Du glichst der Thrazischen Bacche,

Wenn auf grünender Flur lässig schlummernd sie liegt.

Zärtlich, wie es war, und weich wie die feineste Wolle,

Welche Qualen trug doch dies mishandelte Haar!

Wie so duldsam hielt es dem Eisen, so duldsam der Flamme,

Bis, in Ringe gerollt, seine Wölbung ihm ward!

"O des Gräuels!" rief ich, "dies Haar zu brennen, des Gräuels!

Reizend ist's ohne Zier; Eiserne, schone dein Haar!

O, nur nicht Gewalt! Es ist so würdig der Schonung!

Welche Stell' ihr passt, zeigt es der Nadel von selbst."

Ach, nun ist es dahin! ein Haar, so wie es Apollo,

So wie Bacchus es sich nicht schöner gewünscht;

Ihm glich, welches, dem Meer entsteigend, die göttliche Venus

In Apelles Bild trocken windet am Strand.

Und du klagst, dass es dir, nach so viel Martern, entgangen?

Und hältst, Kummers voll, noch den Spiegel dir vor?

Ach, mit den vorigen nicht, nur mit den vorigen Aeuglein

Sieh dich nicht! was du ehdem warest, vergiss,

Nicht des Fiebers Wuth - o, ferne sey sie! - entriss dir's,

Noch die Zaubermacht einer neidischen Zung':

Deine Hand nur ist's und deine Schuld, die dich drücket;

Du, du gossest selbst jenes Gift auf dein Haupt.

Seiner Sklavinnen Haar schickt dir Germanien itzo;

Unterjocht, wie es ist, schmückt es dich Römerin doch.

Wenn dann einer dein Haar gar zierlich preiset, erröthst du.

"Nur in erkaufeter Pracht", sagst du, "bewundert man mich.

Ha, für mich lobt der itzt eine Sykabrin1, doch weiss ich,

Dass derselbe Ruhm einst mir selbsten gebührt!"

Sagst es, und hältst nicht mehr die Thränen zurück, und verhüllest

Schnell dein Angesicht, das von Schamröthe glüht,

Schauest, düstern Blicks, auf dein Haar, im Schoose zerstreuet;

Ach, auf deinem Haupt stand es nicht so zerstreut.

Doch erhelle den Blick! bald ist der Schaden ersetzet,

Dann erscheinst du aufs neu' in dem eigenen Haar.
(S. 65-69)

 

1 Die Sykambrer waren eines der streitbarsten altdeutschen Völker. Die Teutschen hatten meist gelbliche Haare, die in dem heissen Italien damals, wie noch itzt, selten und eben darum vorzüglich geachtet waren. Die römischen Damen schmückten sich daher sehr häufig mit diesen fremden Federn.
 

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15. Elegie

Preis der Dichtkunst


Was, du Neid voll Grimm, bezüchtigst du mich des Schlafes,

Und nur träger Sinn sey der Dichtkunst geneigt,

Und dass nicht, wie die Ahnherrn, so lang die Jugend mir blühet,

Ich mit Staube bedeckt gehe die kriegrische Bahn,

Noch den eitlen Schwall der Gesetz' erlerne, noch fruchtlos

Auf dem Richtplatz ich meine Stimme vergeud'?

Sterblich ist, was du suchst: ich suche des ewigen Ruhmes;

Ha, wie weit sie reicht, singe stets mich die Welt.

Leben wird Homer, so lange Tenedos stehet,

Ida steht, seine Fluth Simois stürzet in's Meer.

Leben der Askräer, so lang die Traube voll Saft schwillt

Und von der Sichel gestreckt hinsinkt die goldene Frucht.

Auch Kallimachus! dich wird man ohn' Untelass singen,

Dich, dem der Zärtlichkeit mehr, als der Begeisterung ward,

Deinen erhabenen Gang, o Sophokles, hemmet kein Alter,

Nur mit Sonne und Mond sinkt Aratus in Nacht.

Bis nicht lügen der Sklav', der Vater zürnen, betrügen

Buhlin und Mäcklerin wird, dauert, Menandros, dein Ruhm.

Ennius, gross ohne Kunst, und Accius, kühn wie der Seesturm,

Euren Namen verschlingt nicht die ferneste Zeit.

Wer wird, Varro! nicht dich, und dich, der Schiffahrten erste,

Und um Jasons Brust kennen das goldene Fliess?

Dann nur wird der Gesang des hohen Lucretius sterben,

Wenn durch gleichen Sturz Erd' und Himmel vergeh'n.

Tytyrus wird so lang und die Saat und Aeneas gelesen,

Als das stolze Rom über den Erdkreis befiehlt;

Und so lang gerüstet mit Fackel und Bogen Cupido

Gehet, lernt man und singt, süsser Tibullus, dein Lied.

Gallus wird dem Abend, dem Morgen Gallus bekannt seyn,

Mit dem Gallus bekannt seine Lykoris seyn.

Drum lasst Felsen, lasst den Zahn des geduldigen Pfluges

Durch das Alter vergeh'n; dennoch vergehet kein Lied.

Weicht, ihr Könige! weicht, der Könige stolze Triumphe!

Mit all deinem Gold weiche, Tagus dem Lied.

Staun' euch immer der Pöbel: in überströmendem Kelche

Reich' Apollo mir des Pierischen Tranks,

Schlinge die Feindin der Kält' mir um das Haupt sich, die Myrthe,

Und so Tag als Nacht lese der Liebende mich.

Bey den Lebenden nur lebt Neid, der Sterbende nimmt ihn

Mit ins Grab; dann erst schätzt man ihn, wie er's verdient.

Ha verzehre mich nur, du letzte schreckliche Flamme;

Dennoch leb' ich, von mir dauert der edelste Theil.
(S. 70-76)
 

Askräer: Hesiodus, ein sehr alter griechischer Dichter, von Askra in Böozien.
Kallimachus: Sohn des Battus, ein äusserst feiner und gefälliger elegischer Dichter der Griechen.
Sophokles: der erhabenste Trauerspieldichter unter den Griechen.
Aratus: ein berühmter Astronom und Dichter, der in griechischen Versen vom Laufe der Sterne schrieb.
Menandros: ein berühmter Lustspieldichter der Griechen, Theophrast's Schüler.
Ennius: einer der ältesten römischen Dichter.
Accius: ein Trauerspieldichter der Römer.
Varro: bekannt als der Vielwissendste unter allen Römern, zugleich Staatsmann und Feldherr.
 

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Übersetzt von Ernst Ludwig Posselt (1763-1804)

Aus: Des Publius Ovidius Naso
Lieder der Liebe
Metrisch verdeutscht von D. Ernst Ludwig Posselt
Leipzig Bey Friedrich Gotthold Jacobaeer 1789




Zweites Buch

 

 


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