Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Kostis Palamas (1859-1943)

(In der Übersetzung von Karl Dieterich)



Der Klausner

Gedenkst du noch der ärmlich kleinen Hütte
im Walde, hinter'm Dorfbereich? -

Wohl denk' ich noch der Hütte, klein und ärmlich;
sah einem Kirchlein, einer Klause gleich.

Gedenkst du noch des Klausners in der Hütte?
War es ein Räuber wohl, ein Mönch, ein Hirt? -

Ich weiß, noch immer klingt mir in den Ohren
der Flöte Klageton, wie fern verirrt.

Denkst du noch des Gesichtes, bleich und hager,
und auch des müden Körpers, leicht gebückt? -

Ich weiß noch. Unter seinen busch'gen Brauen
blitzte das Aug', als wär' ein Schwert gezückt.

Denkst du des Brandes noch im dichten Walde?
Des Brandes, der am Abend jäh kam aus? -

Ich weiß. Die Hexe! - Ausgebrannt die Hütte,
dahin der dichte Wald, o welch ein Graus!

So weißt du's noch? Wo blieb er wohl? Gar niemand
hat je den alten Klausner mehr gesehn.

Ich weiß nicht. Eins nur blieb mir noch im Geiste
fest im Gedächtnis an die Hütte stehn:

Gebeugt auf ihre abgebrannten Trümmer
stand, heiter, unbesorgt und kalt wie Stein,

Gott Amor, sich die kleinen Hände wärmend
und seine cherubzarten Flügelein.
(S. 42)
_____



Ringe

Ein Goldschmied ich bin, in der Werkstatt ich weil',
fert'ge glänzende Ringe und halte sie feil.

Jedem Finger, der's gern hat, geb' ich Ringe geschenkt,
daß sie Herzen verbinden, wie von Zauber gelenkt.

Ringe mach' ich für die Finger deren, die ich gefreit,
und um kostbare Gemmen, um gold'nes Geschmeid

such' ich Ringe von Seelen und von Fleisch auch zu zieh'n,
von Augen und Lippen und was sonst uns verlieh'n.

Sieh den Ring meiner Leidenschaft, wie er dich ziert,
dich, die du mir bist eine Hand, die mich führt.

Und der Ring meiner Verse dich, Gedanke, umkreist,
dich, der wie ein Finger zum Himmel mich weist.

Von den ringelnden Locken, die goldig umschwirr'n
und dir leise umspielen die leuchtende Stirn,

bis zum feurigen Ring, den der Riesenstern zieht,
gleicht alles dem Ringe, der nur bildet ein Glied.

Ohne Anfang und Ende tanzt zur Kette gesellt
so des Weltenraums Weite wie die irdische Welt.
(S. 43)
_____



Wer weiß, wie's auf den Sternen . . .

Und mag es hier auf Erden
auch niemals besser werden,
ob Amor uns erzeugte,
ob uns das Elend säugte -
Wer weiß, wie's auf den Sternen
aussieht, den weltenfernen . . .
Die Sterne, die vergehen,
ob sie auch drohend stehen
vor'm Erdball, gleich Giganten
vor winz'gen Diamanten . . .

Wer weiß, wie's auf den Sternen
aussieht, den weltenfernen,
was dort für Völker leben,
für Burgen sich erheben,
welch Lachen, welche Liebe,
welch Leid und welche Triebe?
Uns ist es nicht verliehen,
den Schatten, den sie ziehen,
zu schau'n im Weltenraume,
sei es auch nur im Traume.
Welch Wimmern und welch Klagen
dort herrscht, wer will es sagen?
Vielleicht sind unsre Leiden
dagegen Kinderfreuden . . .
Vor solchem Weh und Bangen
sind gift'ge Liebesschlangen,
ja, sind selbst wilde Geier
nur wie erlosch'ne Feuer.
Drum seien wir hiernieden
so, wie es ist, zufrieden
mocht' Amor uns erzeugen,
mocht' uns das Elend säugen, -
wer weiß, wie's auf den Sternen
aussieht, den weltenfernen!
(S. 43-44)
_____


Übersetzt von Karl Dieterich (1869-1935)

Aus: Neugriechische Lyriker
Ausgewählt und übertragen von Karl Dieterich
mit einem Geleitwort von Gerhart Hauptmann
Zweite Auflage In Kommission bei Friederichsen
de Gruyter & Co. m. b. H. Hamburg 1931


 

 


zurück zum Verzeichnis

zurück zur Startseite