Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Hendrik Barthel Peeters (1825-1893)

(In der Übersetzung von Ida von Düringsfeld)



Ging mein Hemdelein zu waschen ...

Ging mein Hemdelein zu waschen
An den Rand des Baches dort,
Blau kristallen floß das Wasser
Dicht vor meinen Füßen fort.
Doch sein liebes Auge war
Noch ein Mal so blau und klar.

Ging in's Feld und fand ein Röschen
Ueberflammt von Purpurhauch,
Und es lachte mir entgegen,
Und ich brach es ab vom Strauch;
Doch die Ros' auf grünem Grund
War so roth nicht, wie sein Mund.

Wenn ich längs des Baches einsam
An den grünen Ufern geh',
Weiß ich nicht, warum ich immer
Auf des Baches Wellchen seh;
Aber aus der bangen Brust
Seufzer steigen unbewußt.

Und wenn träumerisch ich streife,
Sinnend irre durch das Feld,
Weiß ich nicht, warum ich zitt're,
Weiß nicht, was mich überfällt,
Doch bewegt ein Aestchen sich,
Ist es mir, als rief' er mich.
(S. 140)
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Vergangnes Jahr und dieses Jahr

Der Frühling schließt die Knospen auf,
So wie vergang'nes Jahr,
Des Thaues Tropfen blinken d'rauf
Und sind wie Diamanten klar,
Die Ros' entfaltet sich am Strauch
Und athmet aus balsam'schen Hauch,
So wie vergang'nes Jahr.

Und in den Lüften und im Wald,
So wie vergang'nes Jahr,
In süßen Tönen wieder schallt
Das frohe Lied der Vogelschaar.
Und wo ich geh' in Feld und Thal,
Sind Blumen, Lieder ohne Zahl,
So wie vergang'nes Jahr.

Und ich ging durch die Felder fort,
So wie vergang'nes Jahr,
Doch war ich nicht mehr einsam dort -
Der junge Müller mit mir war.
Der Rosenstrauch, den er mir gab,
Nie pflückt' ich einen solchen ab
Im Mai vergang'nes Jahr.

Ich träume stets, und in der Brust
Da hab' ich dieses Jahr
Ein fremd' Gefühl, nicht Schmerz noch Lust,
Ich zitt're, werd' ich was gewahr.
Bei Rosen werd' ich selber roth -
Was ist's? Ich hatte solche Noth
Doch nicht vergang'nes Jahr.
(S. 141)
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Am Brunnen

Komm' ich Abends heim vom Felde,
Durch die Sonne roth gebrannt,
Schickt mich Mutter an den Brunnen
Mit dem Kruge in der Hand.
Einsam schienen mir die Wege
Und geschwinde lief ich fort,
Sprach mit keinem andern Mädchen
Und kam flugs zurück von dort.

Gestern - o was war ich müde!
Und nach Wasser mußt' ich doch;
Murrend ging ich, und am Brunnen
Saß ein blonder Hirte noch.
Ich erschrak, doch er, er flehte,
Sprach mich sanft und freundlich an,
Meine Furcht verschwand allmählich
Und ich hört' ihn schüchtern an.

Diesen Abend - niemals hatte
Mutter mich so müd' geseh'n,
Und sie sagte: Laß die Schwester
Heut' ein Mal nach Wasser geh'n.
Doch ich nahm geschwind das Krüglein,
That, als hätt' ich Nichts gehört -
Denn von meiner Schwester würde
Leicht der blonde Hirt gestört.
(S. 142)
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übersetzt von Ida von Düringsfeld (1815-1876)

Aus: Von der Schelde bis zur Maas
Das geistige Leben der Vlamingen
seit dem Wiederaufblühen der Literatur
Biographien, Bibliographien und Proben
von Ida von Düringsfeld (Zweiter Band)
Leipzig Ad. Lehmann Brüssel Fr. Claassen 1861

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