Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

Sandor Petöfi (1823-1849)

(In der Übersetzung von Ladislaus von Neugebauer (1845-?))

 

  

 

Meine Braut

Du mein Gott, wie wünsch' ich sehnend
Schon herbei den Augenblick,
Der die Maid mir führt entgegen,
Die bestimmt mir vom Geschick.

Wer sie nur und wie sie sein mag,
Die dereinstens wird mein Lieb?
Sehnsucht treibt mich, es zu wissen,
Wie so heiß sie keinen trieb!

Ob sie blond, ob braun von Locken?
Schwarz von Augen oder blau?
Schlank gewachsen wie die Zeder,
Oder rundlich ist von Bau? -

Ob Blondine, ob Brünette,
Schön sind beide, wenn sie schön,
Wie erst dann, wenn Mild' und Güte
Ihre Reize noch erhöhn!

Solch ein Lieb schenk mir, o Schöpfer,
Mag es sonst wie immer sein:
Ob es blond ist oder braun ist,
Ob es groß ist oder klein. (S. 52)

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Die Sonne brennt gar heiß …

Die Sonne brennt gar heiß,
Im Feld' die Garbe reift,
Beim nächsten Frührotschein
Das Volk zur Sense greift.

Mein Herz auch brennt gar heiß:
Die Liebe reift darin -
Sei du, mein Herzenskind,
Doch ihre Schnitterin! (S. 64)

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Hinein ich in die Küche trat …

Hinein ich in die Küche trat,
Für meine Pfeif' ich Feuer bat …
Das heißt: ich hätt' also getan,
Doch brannte sie schon ohne Spahn.

Die Pfeife brannte nach Gebühr,
Nicht deshalb trat ich in die Tür',
Allein ich hab' im Flug erspäht,
Daß drin ein schmuckes Mädel steht.

Sie hat just Feuer angemacht,
Es prasselte, von ihr entfacht,
Doch erst in ihrem Augenpaar -
Was das ein Meer von Flammen war!

Ich trat hinein, sie sah mich an,
Da stand ich schon in ihrem Bann:
Erloschen war der Pfeife Brand,
Mein Herz in hellen Flammen stand. (S. 65)

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Liebe, Liebe …

Liebe, Liebe, wer beschriebe,
Welch ein finstrer Schacht die Liebe!
Ich auch sitz' im Schacht gefangen,
Hör'n und Seh'n ist mir vergangen.

Hör' nicht, wenn mit Glockenklingen
Vaters Schafe mich umspringen;
Seh' nicht, wenn sie in die Saaten,
In die grünenden, geraten.

Meine Mutter gab die Tasche
Mir gefüllt mit Brot und Flasche,
Doch ich ließ sie in den Garben
Und so muß ich kläglich darben.

Teure Eltern, drum verzichtet,
Daß ihr jetzt durch mich was richtet;
Wenn ich fehle, tragt's mit Ruhe -
Weiß bei Gott nicht, was ich tue! (S. 66)

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Kannst du es der Blume wehren …

Kannst du es der Blume wehren, daß sie blüht?
Wenn zur Erde nieder holder Frühling zieht?
Frühling ist das Mädchen; Blume: Liebesmacht,
Liebe muß erblühen, wenn der Lenz erwacht.

Dich, mein Mädchen, sah ich und ich hab' dich lieb,
Hin zu deiner Seel' es mich Verliebten trieb,
Ja, zu deiner Seele, deren milde Macht
Aus dem Zauberspiegel deiner Augen lacht.

Heimlich mir im Innern sich die Frage regt:
Ob auch mir dein Herze, - keinem andern schlägt?
Diese zwei Gedanken jagen sich erpicht,
Wie im Herbst die Wolke jagt das Sonnenlicht.

Harrte meiner Küsse nicht die Rosenblüt',
Die, von Milch umflossen, dir im Antlitz glüht,
Irrt' ich unstet flüchtig auf dem Erdenrund,
Oder stürzte selbst mich in des Todes Schlund.

Stern du meines Glückes, strahl' auf mich herab,
Daß mein Leben werde nicht zum finstern Grab.
Kann es sein, so lieb mich, meines Herzens Kron',
Und der Segen Gottes ewig dir es lohn'! (S. 67)

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Glatt ist der Schnee …

Glatt ist der Schnee, der Schlitten läuft,
Zur Trauung wird mein Lieb geschleift,
Zur Trauung nach der andern Sinn
Muß nun mein armes Liebchen hin.

O könnt' ich doch der Schnee jetzt sein!
Ich sänke unterm Schlitten ein,
Damit ich ihn zu Falle bring',
Und einmal noch mein Lieb umschling';

Umschling' und küß' nach Herzenswahl
Zum letzten, allerletzten Mal,
Und von der Wärme ihrer Brust
Zerschmelz' in sel'ger Todeslust. (S. 68)

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Was fließt auf der Wiese? …

Was fließt auf der Wiese?
Bächleins Silberwellen -
Was auf Liebchens Wangen?
Schmerzenstränen quellen.

Mag das Bächlein fließen!
Blüht die rote Rose
Doch auf seinen Wegen
Drin im grünen Moose:

Aber du, Geliebte,
Mußt die Tränen scheuchen,
Weil davon die Rosen
Deiner Wangen bleichen. (S. 86)

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Durch des Dorfes Zeil' ich schreite …

Durch des Dorfes Zeil' ich schreite,
Die Zigeuner mir zur Seite;
Hoch die volle Flasche schwing' ich,
Wie ein Toller tanz' und spring' ich.

Spielt ein traurig Lied, ihr Leute!
Ausweinen will ich mich heute …
Doch vor jenem Fenster wieder,
Eines eurer lust'gen Lieder.

Denn da wohnt ja meine Wonne,
Meine wandelbare Sonne,
Die es trieb, von mir zu wandern -
Und jetzt liebt sie einen andern.

Hier ist's Fenster: streicht die Fiedel
Nun zum allertollsten Liedel!
Nimmer soll's die Falsche wissen,
Wie sie mir das Herz zerrissen. (S. 88)

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Gott verdammt nicht meine Seele …

Gott verdammt nicht meine Seele,
Daß ein andres Lieb ich wähle;
Du verrietst mich, - ich dich nimmer,
Deine Treu' war nichts als Flimmer.

Bin zur Schule nie gewesen,
Niemand lehrte mich das Lesen,
Doch ich les' aus deinem Blicke,
Daß ein Kummer dich bedrücke.

Ist es Reue, die dich quälet,
Weil du gegen mich gefehlet?
's ist zu spät, - und laß die Reue;
Was vorbei, kehrt nicht aufs Neue.

Hab' ein andres Lieb genommen,
Dir auch wird ein andrer kommen;
Lebe deine Welt in Freuden,
Gebe Gott viel Glück euch beiden. (S. 89)

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Komm, mein Roß …

Komm, mein Roß, laß satteln deinen Rücken!
Muß noch heut mein Lieb ans Herze drücken;
In den Bügel nun den Fuß in Eile …
Doch im Geist ich längst beim Liebchen weile.

Vöglein dort mag's auch zum Pärchen treiben;
Fliegt so schnell, daß wir zurücke bleiben.
Nach, mein Roß, ihm über Stein und Graben -
Sollt' nicht ich mein Liebchen lieber haben! (S. 107)

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Sel'ge Nacht!

Sel'ge Nacht! Ich weil' bei meiner süßen Braut,
Hier im kleinen Garten plaudern wir so traut;
Ringsum Stille, nur im Dorf tönt Gebell,
Hoch am dunkeln
Himmel funkeln
Mond und Sterne zauberhell.

Keinen braven Stern besäß' an mir die Welt;
Weiß es Gott, mich litt' es nicht am Himmelszelt,
Was auch frommte mir des Himmelsreiches Pracht!
Immer wieder
Flög' ich nieder
Her zum Liebchen alle Nacht. (S. 108)

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Es regnet, regnet, regnet …

Es regnet, regnet, regnet
Von Küssen eine Flut;
Wie doch ein solcher Regen
So wohl der Lippe tut!

Es blitzet, blitzet, blitzet,
Dem Regen als Geleit:
Ja, deine Augen blitzen,
Du herzgeliebte Maid.

Es donnert, donnert, donnert,
Schon hör' ich es ganz nah …
Mein Täubchen, ich verdufte -
Dein Vater, hu, ist da! (S. 109)

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Von der Blume Blätter wehen …

Von der Blume Blätter wehen,
Ich muß von der Liebsten gehen.
Gott mit dir, du kleines,
Gott mit dir, du reines
Täubchen, ade!

Fahl entsteigt der Mond der Heide,
Totenblässe deckt uns beide.
Gott mit dir, du kleines,
Gott mit dir, du reines,
Täubchen, ade!

An dem Strauch Tautropfen hangen,
Tränen netzen unsre Wangen.
Gott mir dir, du kleines,
Gott mit dir, du reines
Täubchen, ade!

Blühen wird dereinst der Flieder,
Wir auch sehn vielleicht uns wieder.
Gott mit dir, du kleines,
Gott mit dir, du reines
Täubchen, ade! (S. 115)

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Verscharrtes Kleinod meines Lebens …

Verscharrtes Kleinod meines Lebens!
Werd' ich nicht stören deinen Schlummer,
Wenn mit des Herzens Waisenkinde,
Mit meinem wangenbleichen Kummer
An deinem Grab ich ein mich finde?

Auf leisen Zehen will ich immer
Zu deinem Hügel wiederkehren:
Hauch' einen Kuß aufs Kreuz nur nieder,
- Auch den verwischen meine Zähren -
Und schleiche still nach Hause wieder. (S. 116)

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Was wäre Seltsames daran …

Was wäre Seltsames daran,
Daß ich zuweilen lächeln kann,
Wenn Scherz um mich erklingt?
Der Wolkenhimmel auch wird licht …
Nur daß, wenn ihn die Sonn' durchbricht,
Der Wolke Brust zerspringt. (S. 117)

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Unsre alte Erde tändelt …

Unsre alte Erde tändelt
Mit der Sonne jungem Strahl,
Und sie wechseln übermütig
Kuß um Kuß nach Herzenswahl.

Auf den Bergen, in den Talen,
Auf des Stromes Wellenflut,
Kirchentürmen, Fensterscheiben,
Lodert ihrer Küsse Glut.

Ros'ger Laune ist die Sonne,
So beim Auf- und Niedergehn -
Hat sie denn mit keinem Auge
Meines Liebchens Grab gesehn? … (S. 118)

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Wenn ich im Leben nicht geliebt schon hätte …

Wenn ich im Leben nicht geliebt schon hätte
Die süße blondgelockte Maid,
Ich hätt' mein Leben ihr und Herz geweiht,
Als sie gelegen auf dem Totenbette.

Wie schön war sie auf ihrem Totenbette!
Dem Silberschwane gleich im Morgenrot,
Wie keuscher Schnee auf blühnder Rosenstätte:
So schwebte über ihr der bleiche Tod. (S. 119)

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Welch wundersamer Zauberton …

Welch wundersamer Zauberton!
Erklingt's im Tal von Abendfeierglocken?
Die dort das gläub'ge Dorf
Zur Kirche, zum Gebete locken?
Wie, oder hör' in meiner Seele
Süß-traurige Erinnerung ich tönen
An sie, das junge schöne Kind,
Auf deren Grab geflossen meine Tränen? (S. 122)

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Liebessehnen

Ich wollt', ich wär' aufs neu von Lieb beglückt!
Was frommt ein Garten ohne Rosenzier?
Und sind sie nicht mit Liebe reich geschmückt:
Was soll das Leben, was die Jugend mir?

Ich liebte einmal schon, und ich empfand
Nur immer, ach, der Liebe herbes Weh,
Doch süßer war dies Weh, das mich umwand,
Als alles sonst, das mir begegnet je.

O du mein Gott, wenn selbst in ihrer Pein
Die Liebe mit so reichem Glücke lohnt:
Wie mag sie dann, wie mag sie dann erst sein,
Wenn lächelnd sie in unsrem Herzen wohnt?

Mein Herz, der heimatlose Vogel, späht,
Wohin es doch sein Nestchen bauen soll?
Wo schlägt ein Herz, das meine Lieb' versteht
Und sich ihr beut als Herberg liebevoll?

Doch wenn ich auch nach neuer Minne späh',
Vergaß ich doch des toten Liebchens nicht …
Die Bergeshöh' bedeckt noch Winterschnee,
Wenn schon am Fuß hervor die Blume bricht. (S. 124)

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Mein Roß, es ist an Leibesfarbe braun …

Mein Roß, es ist an Leibesfarbe braun,
Sein Fell, es ist wie eitel Gold zu schaun;
Mein Roß, es ist mit Namen "Blitz" belegt,
Wie Blitz es hin die weite Heide fegt.

Hei du mein Roß, du braver Brauner, sag':
Wo's Eisen dir vom Hufe sein wohl mag?
Ich bringe dich, mein Roß, dem Schmiede zu,
Dann aber bring' zur Liebsten hin mich du.

Hei, wie die Kohl' des Schmiedes Funken sprüht!
Doch heißer noch der Liebsten Auge glüht;
Des Schmiedes Kohle, hei, macht weich das Erz,
Noch weicher mir der Liebsten Aug' das Herz. (S. 129)

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Schmuck ist er, den ich erkoren …

Schmuck ist er, den ich erkoren,
Für den Sattel wie geboren;
Trägt sein Roß ihn auf dem Rücken,
Welche Lust, ihm nachzublicken!

Immer will's ihn zu mir drängen,
Just seh ich daher ihn sprengen …
Hei, wie galoppiert sein Fohlen,
Es verliert beinah die Sohlen.

Richters Mägdlein, was soll's taugen,
Auszugucken dir die Augen?
Schielst nach meinem Liebsten immer …
Die er liebt: du bist es nimmer.

Laß mein Liebster los die Zügel,
Rasch die Füße aus dem Bügel,
Mach' die Sattelgurte lose
Und umarme deine Rose.

Brust an Brust, wie pocht entgegen
Mir dein Herz in lauten Schlägen!
Möcht, dein Goldherz, du mein Leben,
Für drei Dörfer her nicht geben.

Unterhaltend und zum Lachen
Ist's, was zwei Verliebte machen;
Plaudern endlos mit Behagen,
Was? – Sie wüßten's nicht zu sagen.

Doch was hör ich vor der Schwelle?
Ei, dein Rößlein wiehert helle.
Wir vergaßen ganz des treuen!
Mög' die Sünd uns Gott verzeihen.

Nun, du ließt es tüchtig fressen,
Auch gezäumt hast du's indessen;
Einen Kuß noch … hier die Wange …
Schütz' dich Gott auf deinem Gange.

Gott beschütz' dich, meinen Holden!
Geb' er Zügel, reich und golden,
Goldne Zügel deinem Braunen,
Dir, die goldenste der Launen! (S. 136-137)

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Viel Beßre gab es schon …

Viel Beßre gab es schon, als mich fürwahr,
Und doch umfing sie des Vergessens Schos.
Was harrt wohl euer, meine Liederschar,
Was harrt in Zukunft euer wohl für Los?

Lebt ihr noch fort, wenn über mir schon lang
Das Gras schon wächst, das leis im Winde schwingt,
Der Saite gleich, die, ob entzwei sie sprang,
Auch dann noch fort für eine Weile klingt?

Nicht kümmert's mich, ob, was bisher ich schrieb,
Nicht kümmert's mich, ob es verschlingt die Zeit;
Wenn das nur, was von dir ich sang, mein Lieb,
Wenn das nur nicht sinkt in Vergessenheit.

Nein – sie verschonet wohl der Zeiten Meer,
Die Lieder, dir geweihet, heilig sind,
Sie stammen ja vom Himmel selber her,
Aus deinem blauen Aug', mein blondes Kind. (S. 146)

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Niemals liebte …

Niemals liebte, der da wagt zu klagen,
Daß die Lieb' ins Sklavenjoch uns zwingt:
Liebe pflegt in Fesseln nicht zu schlagen,
Schwingen leiht sie, hat auch mich beschwingt.

Selbst dem Aar sind Schwingen nicht gegeben,
Wie so mächt'ge mir die Liebe gab,
Diese Erdenstätte zu umschweben, -
Mit so Kleinem geb ich mich nicht ab:

Zu der Engelgärten Himmelferne
Schwing' ich mich in einem Augenblick,
Wo ich mir zu einem Kranz die Sterne,
Dieses Gartens Flammenrosen pflück'.

Bald umwogt mich heller Strahlenschimmer,
Bald hüllt mich des Orkus Dunkel ein …
Und im Flug schau ich auf einmal immer:
Gott und Teufel, Glück und Höllenpein.

Schweb' ich hin mit mächt'gem Flügelschlage,
Dämmt mich Zeit und dämmt mich Ferne nicht,
Und ich flieg' vom Welterschaffungstage
Weit voraus bis an das Weltgericht.

Schwingend mich durch Höll- und Himmelsweiten:
Alles, was die Hölle birgt an Qual,
Was das Himmelreich an Seligkeiten -
Ich durchfühl' es ganz … mit einemmal! (S. 147-148)

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Wenn der Herr des Himmels …

Wenn der Herr des Himmels also zu mir spräche:
"Wähl' mein Sohn! Ich will dir zugestehn,
So zu sterben, wie du selbst begehrest."
Würd' ich das von meinem Gott erflehn:

Herbst sei's – Herbst, voll mildverklärter Ruhe,
Gelbes Laub, beglänzt vom Sonnenschein,
Und im Laub stimm' an sein letztes Liedchen
Ein vom Lenz vergess'nes Vögelein.

Und so wie der Tod mit leisen Schwingen
Unbemerkt die Herbstnatur ereilt:
Also mög' auch mich er überkommen,
Sichtbar erst, wenn er ganz nahe weilt.

Dann, dem Lied des Vögleins gleich im Laube,
Zaubervoll mein Schwanensang erkling',
Daß hinab er in die Herzenstiefe,
Und empor zur Himmelshöhe dring'.

Und ist dann mein Zaubersang verklungen,
Schließe mir ein Kuß die Lippen zu,
Dein Kuß sei's, du schönes blondes Mädchen,
Holdestes der Erdenwesen du!

Wollte Gott dies aber nicht gewähren,
Bät' ich ihn, daß Lenz es möge sein:
Schlachtenlenz, wo Rosen – blut'ge Rosen,
An der Brust von Männern reich gedeih'n.

Und es sing' der Schlachten Philomele:
Die Drommet', entfachend Kampfeslust,
Dort sei ich auch, und die Todesblume,
Blutigrot, entquell' auch meiner Brust.

Wenn herab ich dann vom Rosse sinke,
Schließe mir ein Kuß die Lippen zu,
Dein Kuß sei's, du schöne heil'ge Freiheit,
Holdestes der Himmelswesen du! (S. 149-150)

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Ich liebe …
 

 Ich liebe wie kein andrer Mensch noch
Geliebt mit solcher Innigkeit,
Ich liebe voll von heil'ger Liebe,
Doch lieb' ich keine Erdenmaid.

Ich liebe eine Himmelstochter,
Ein Götterweib, verfolgt vom Bann:
Die Freiheit ist's. Doch wehe, daß ich
Im Traume sie nur sehen kann.

In meinen Träumen aber häufig,
Fast jede Nacht sie mir erscheint,
Auch diese letzte hat mit ihr mich
Auf einem Blumenfeld vereint.

Ich kniete nieder, meine Liebe,
Die flammende, ich ihr gestand,
Ich bückte mich und eine Blume
Für sie wollt' pflücken meine Hand.

Da, hinter mir erschien der Henker
Und schlug vom Rumpf das Haupt mir ab,
Das in die Hand mir fiel – und dieses
Ich ihr nun statt der Blume gab. (S. 161)

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Dir, Kind, gilt der Frühling hoch …

Dir, Kind, gilt der Frühling hoch,
Ich den Spätherbst liebe;
Frühling ist dein Leben noch,
Meins der Herbst, der trübe.

Frühlingsrosen, frischbetaut,
Deine Wangen schmücken,
Herbstessonne aber schaut
Matt aus meinen Blicken.

Einen einz'gen Schritt noch brauch'
Vorwärts ich zu gehen,
Und des Winters eis'ger Hauch
Würde mich umwehen.

Ging ich rückwärts, - vorwärts du
Nur mit einem Schritte,
Dann vereinte uns im Nu
Warme Sommermitte. (S. 164)

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Ich träumte …

Ich träumte, ach, so wonnigsüß,
Ich träumte – und ich bin erwacht!
Wie hast du mich so früh erweckt!
So bald um meinen Traum gebracht!
Was ich in Wahrheit nie empfand:
Das Glück, ich sah's im Traumgewand.
Was störtest du mein Traumgesicht? …
O du mein Gott und Vater mein!
So darf ich nimmer glücklich sein,
Ja selbst in meinen Träumen nicht?

Du sagtest oft, du liebst mich nicht,
Ich hab's zu glauben nie gewagt;
O schweige, schweig'! Ich glaub' es heut',
Obschon es auch dein Mund nicht sagt.
Und da ich dir im Herzen drin
- Ich weiß es – nicht geschrieben bin:
Soll fort ich oder nicht? Sag an! …
Du hältst mich … und warum? … vielleicht,
Daß dir zur Lust mein Weh gereicht,
Das du, nur du mir angetan!

O Mädchen, wie du grausam bist!
So laß mich, laß mich von dir gehn,
Wir zwei, wir müssen scheiden und …
Und das, auf Nimmerwiedersehn.
Ich flög' von dir in wilder Hast,
Wie Staub, vom Wirbelwind erfaßt,
Wohin kein Mensch noch je geriet;
Doch kaum, daß ich zu gehn vermag,
Der Gram, den ich im Herzen trag',
Mich tief zu Boden niederzieht.

So lebe wohl … o wehe mir,
Zu sprechen dieses bange Wort!
Warum auch rafft's nicht im Entstehn
Der Tod von meiner Lippe fort?
Sei Gott mit dir … nein, nimmermehr!
Reich' mir die Hand noch einmal her,
Die Glück und Zukunft mir entwand …
O laß mit meiner Küsse Glut,
Mit meiner Tränen heißer Flut
Bedecken die geliebte Hand!

Was glüht auf deiner Hand wohl mehr?
Der Kuß, - die Zähre, die ich wein'?
Ich denke, Zähre so wie Kuß,
Sie müßten beide glühend sein;
Mit meiner Lieb' an einem Quell',
In meines Herzens tiefster Stell',
In dem Vulkane sie entstehn …
Sie kamen, frommen Pilgern gleich,
Und sind so glücklich, sind so reich,
Auf deinen Händen zu vergehn.

Ich bitte ein's … sei ohne Furcht,
Ich will ja keinen Liebesschwur:
Nur nicht vergessen möcht' ich sein -
Den armen Trost erbitt' ich nur.
Wie weit durchs Leben wirst du hin
Den Faden der Erinn'rung ziehn?
Gedächtest du so lange mein,
Bis den du fändest, welcher dich
So über alles liebt wie ich:
So würd' ich nie vergessen sein!

Doch wünsch' ich nicht, daß mehr kein Herz
So treu, wie meines, dich verehr';
Ich liebte nicht so wahrhaft dich,
Wenn dies mein Wusch beim Scheiden wär!
Ich wünsche: Gebe Gott dir Glück -
Von welchem Baume immer pflück',
Nur pflück' du allzeit grünes Laub,
Dann schleudre wie den alten Kranz,
Der schon verwelkt, verdorret ganz,
Mein Angedenken in den Staub. (S. 165-167)

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Wieder leb' ich, doch kein Wunder …

Wieder leb' ich, doch kein Wunder:
Da ich sie gesehn aufs neu'!
Meine Seele kehrte wieder,
Und ich denke wieder frei.

Qual und Hoffnung zünden wieder
Fackeln an in meiner Brust,
Und in diesem hellen Saale
Treiben sie's in toller Lust.

Wissen wollt' ich jetzt nur eines,
Und es macht den Kopf mir schwer:
Was nur sein mag dies Begegnen:
Absicht oder Ungefähr?

O, dies Mädchen ist ein Rätsel,
Und sein Herz ein tiefer See.
Ob auch noch so scharf mein Auge,
Diesen Grund ich nie erspäh'.

Mädchen, ach, umsonst dein Rätsel
Zu enthüllen ich versuch',
Eines bist du mir von beiden:
Himmelssegen oder Fluch.

Diese Frage ist die Kette,
Die mich festhält hier am Ort,
Längst schon müßt ich weiter wandern,
Doch ich kann von hier nicht fort.

Lüfte, Mädchen, diesen Schleier,
Der dein Haupt umwunden hält,
Denn ich kann dich nicht verlassen,
Bis dein dunkler Schleier fällt …

Aber weh', ich muß von hinnen,
Sind auch Zweifel mein Geleit;
Das Geschick ist Herr – ich folge -
Und es fleht nicht: es gebeut.

Nun ich geh' – doch nicht für immer!
Streuet dir der junge Mai
Frische Blumen in die Locken,
Naht dein Sänger dir auf's neu'.

Dann will ich die erste Schwalbe
Dort vor eurem Hause sein,
Jeden Morgen, jeden Abend
Zwitschern um dein Fensterlein.

In dem Garten, durch die Fluren
Geh'n wir Arm in Arm dahin,
Seh'n das helle Blut der Erde:
Seh'n die Bäche schäumend zieh'n;

Seh'n die tausend Blumenkelche
Sich erschließen allerwärts,
Und siehst diese du sich öffnen,
Öffnet sich auch wohl dein Herz. (S. 168-169)

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So liebst du mich denn …

So liebst du mich denn, Engelsangesicht?
Du liebst mich wirklich, ja – ich träume nicht!
Warum doch, sag', entringt sich deinem Munde
Solch süß Geheimnis in der letzten Stunde?

Ein Augenblick gab mir die Seligkeit
Und auch zugleich der Trennung herbes Leid;
Mir geht's wie dem, der sich ein Schloß erbaute,
Und draus verbannt ward, als er's fertig schaute.

Mit der Umarmung Zauberringlein hast
Mich Schmachtenden beim Scheiden nicht umfaßt;
Von Kusses Blumen, deiner Lipp' entsprossen,
Konnt' keine pflücken ich als Weggenossen.

Ach, fern von dir, wird trüb' mein Leben sein!
Doch soll ihm ein Gedanke Reiz verleihn:
Wie will ich einst so selig untergehen
Im Wonnemeer: im süßen Wiedersehen! (S. 170)

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Der Strauch erzittert …

Der Strauch erzittert, weil
Ein Vöglein auf ihn flog;
Mein Herz erzittert, weil
Dein Bild ins Herz mir zog,
Dein Bild zog mir ins Herz,
Du kleines Mädchen mein,
Auf dieser großen Welt
Du größter Demantstein!

Die Donau flutet hoch,
Durchbricht fast ihren Wall,
Auch meine Brust, sie faßt
Kaum mein Empfinden all.
Liebst du mich auch, mein Kind?
Ich liebe dich fürwahr!
Nicht lieben kann dich mehr
Dein eignes Elternpaar.

Als wir zuletzt uns sah'n,
War ich dir lieb, ich weiß:
Im Sommer war's – doch jetzt
Liegt Winterschnee und Eis.
Wenn du mich nicht mehr liebst,
Ruf' ich: "Leb' wohl" dir nach;
Doch liebst du mich noch, dann -
Leb' wohl du tausendfach! (S. 175)

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Auf ein Wörtchen …

Auf ein Wörtchen komm zu mir du kleiner Schatz!
Oder wenn's dir lieber ist: auf einen Schmatz;
Meinetwegen, werden dann auch zwei daraus,
Doch in klingend echter Münze, - bitt' mir's aus!

Nun so komm, wenn ich dich rufe, komm geschwind,
Sei doch nicht so eigenwillig, schönes Kind;
Ei, wie sich die Heuchlerseele spröde zeigt:
Weiß ich doch, du bist 'nem Küßchen wohlgeneigt.

Du verstehst nicht, willst du sagen, wie man's macht?
Parlapa! Ich will dich's lehren – gib nur acht!
Lehre will ich dich's im Fluge, wie man küßt,
Weil ja das seit lange her mein Handwerk ist.

Schon als Kind war Meister ich auf diesem Feld,
Lauernd hatt' ich dort ins Pförtchen mich gestellt,
Kamen aus der Schul' die Mädchen dann herbei,
Sprang ich vor und küßte ab sie nach der Reih'.

Reich' mir also deinen kleinen roten Mund,
Deine Mutter weilt im Hühnerhof jetzund,
Mit dem Eiersammeln hat sie ihre Not,
Mittlerweile küssen wir bequem uns tot. (S. 195)

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Die Liebe

Kommt und setzt euch in den schwanken
Nachen meiner Phantasien,
Schwimmt durch meines Herzens Weiher,
Frau'n und Mädchen sanft dahin;
Alle, die ich, seit ich liebe,
Einst voll Zärtlichkeit umwand -
Kommt in meinen Nachen heute,
Setzt euch hübsch an meine Seite,
Laßt uns kosen Hand in Hand.

Und sie kamen alle, alle;
Ei bei Gott, ein stattlich Heer!
Unter ihnen waren manche,
Die ich kaum erkannte mehr.
Und ich liebte sie doch alle
Mit der gleichen Heftigkeit -
Doch umsonst, zu lieben habe
Ich begonnen schon als Knabe
Vor gar langer, langer Zeit.

Und das zeugt für meine Weisheit!
Weise war ich schon als Kind,
Wußte damals schon, wogegen
Andre noch im Alter blind:
Wußte, daß nur eine Sonne
Warm durchglühe die Natur,
Und daß die nicht oben throne,
Sondern tief im Herzen wohne,
Und das ist die Liebe nur..

Glaubt mir, die ihr euch nach Schätzen
Müde rennet: mehr fürwahr,
Als Rubinen und Smaragde,
Gilt ein schönes Augenpaar;
Glaubt mir, die durch Nächtewachen
Ruhm ihr sucht, und durch das Schwert:
Mehr, als alle Lorbeerhaine
Dieser Erde, ist die kleine,
Duft'ge Rosenknospe wert.

Mag der Geizhals die Dukaten
Zählen, die er häufte an:
Andres zähl' ich: all die Küsse,
Die von Frauen ich gewann.
Und mit Blumen möge schmücken
Mir die Mütze das Geschick:
Mag ich nimmer dann erhalten
Neue Lorbeern, - selbst die alten,
Wollt' ihr's, geb' ich gern zurück! (S. 211-212)

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Du bist ja mein, ich bin ja dein …

Du bist ja mein, ich bin ja dein,
Und unser ist die Welt!
Die Sonne schaut ob unsrem Haupt,
Wohin es ihr gefällt;
Allein, so weit ihr Auge reicht:
Sie sieht kein Glück, das unsrem gleicht.

Ein Mädchen klein, ist Julchen mein,
Hat Platz in meinem Schoß;
Ein Mädchen klein, ist Julchen mein,
Jedoch ihr Herz ist groß:
An Größe einem Reiche gleich,
Ja mehr noch: einem Feenreich!

Kommt mir mein Julchen in den Sinn,
Seh' ich im Finstern gar;
Es spendet Licht ihr lichtes Herz,
Ihr strahlend Augenpaar;
Bei dieser Doppelfackel Schein
Blick' ich ins Himmelreich hinein!

Denkst, gute Mutter, du daran,
Wie ich als kleiner Knab',
Im Hofe drauß', vor unsrem Haus,
Im Sand gespielt noch hab'?
Schon da lief's durch den Kopf mir quer:
O, wenn ich nur ein König wär!

Du hast mich damals ausgelacht,
Mich herzlich ausgelacht,
Daß mir so albern blödes Zeug
Im Kopfe sei erwacht;
Gott aber hat erhört mein Flehn:
Er ließ als König mich erstehn.

Seitdem mein Julchen ich besitz',
Sitz' ich auf einem Thron;
Nicht auf dem Haupt, am Herzen trag'
Ich meine goldne Kron':
Dich, Julchen, meiner Seele Seel'
Du meines Herzens Kronjuwel! (S. 220-221)

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Möchte die Quelle sein …

Möchte die Quelle sein,
Dem Gebirg' entspringend,
Meine Flut, rauhen Wegs,
Durch Geklüfte zwingend …
Aber dann nur, wenn mein Lieb
Goldenfischlein wäre,
Plätschern wollt' in meinen Wellen
Munter kreuz und quere.

Möchte das Wäldchen sein,
Einem See zur Seite,
Jedem Sturm stellt' ich mich
Kühn zum Widerstreite …
Aber dann nur, wenn mein Lieb
Wär' die kleine Meise,
Die mir nistend im Geäste,
Sänge ihre Weise.

Möchte sein, hoch am Berg,
Eine Schloßruine,
Sähe da dem Verfall
Zu mit heitrer Miene …
Aber dann nur, wenn mein Lieb
Wär' die Efeuwinde,
Ihre schlanken Arme schlänge
Mir ums Haupt gelinde.

Möchte die Hütte sein,
Tief im Tal gelegen,
Deren Dach, strohgedeckt,
Wund von Schnee und Regen …
Aber dann nur, wenn mein Lieb
An der Feuerstelle
Wär' die Glut, die freundlich glimmend
Wärme gäb' und Helle.

Möchte die Wolke sein:
Die zerstückte Fahne,
Aus der Höh' flatternd hin
Über ödem Plane …
Aber dann nur, wenn mein Lieb
Wär' die Abendröte,
Meinem bleichen Angesichte
Ihre Gluten böte. (S. 224-225)

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Kahles Feld ist's, wo dahin ich schreit' …

Kahles Feld ist's, wo dahin ich schreit',
Keine einz'ge Blume weit und breit,
Selbst kein Sträuchlein aus dem Boden dringt,
Kein Gesang der Nachtigall erklingt.
Dunkle Nacht bedeckt die weite Flur,
Und von Sternen nirgends eine Spur …
Und wie kamst du doch mir in den Sinn,
Braunes Mägdlein, Herzenskönigin?
Kamst mir in den Sinn, mein Augenstrahl,
Und es ist mir nun mit einemmal,
Als ob klänge aus der Näh' ein Chor
Nachtigallensanges an mein Ohr,
Als ob hin ich unter Blumen ging,
Und der Himmel voll von Sternen hing! (S. 231)

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Willst folgen mir, Mädchen? …

Zum Sterne geboren,
Am Himmel zu ziehn,
Wirst Mädchen hier unten
Als Lämpchen nur glühn,
Mein Heim nur erhellen,
Bescheiden und klein -
Willst folgen mir, Mädchen?
- "Ich folge, bin dein!"

Und hörst du, was alles
Mir nachspricht die Welt?
Wie Zeter und Mord sie
Wohl über mich gellt?
Ist wahr ihr Gerede,
Wie schlecht muß ich sein! -
Willst folgen mir, Mädchen?
- "Ich folge, bin dein!"

Du bist deines Vaters
Mildstrahlendes Glück,
Und gehst du, bleibt öd' er
Im Dunkel zurück,
Sein Groll und sein Gram wird
Gespenstig uns dräun -
Willst folgen mir, Mädchen?
- "Ich folge, bin dein!" (S. 232)

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Abenddämmerung

Die Sonne sieht wie eine welke Rose,
Ermattet sinkt ihr Haupt herab zur Erde;
Vom Kelch, mit traurig lächelnder Gebärde,
Entfallen ihr die Blätterstrahlen lose.

So still und stumm liegt rings die Welt im Kreise,
Nur ferne tönen Abendglockenklänge,
So fern und schön, als ob's vom Himmel dränge,
Als weht' es her von süßen Träumen leise.

So milde diese Klänge auf mich träufen!
Voll Andacht ich mein Herz in sie versenke …
Der Himmel weiß, woran ich eben denke -
Der Himmel weiß, wo meine Sinne schweifen. (S. 238)

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Am fünften August

Endlich, endlich steckt das Ringlein
Hier an meinem Finger fest!
Ihre Lippe, ihre Lippe
Endlich meine Lippe preßt!

O wie süß, wie süß von ihren
Roten Lippen ist der Kuß!
Wohl des Weltalls ganze Süße
Sich in ihm vereinen muß.

Küß' o küß' mich … Niemand sieht es …
Bis es mir den Odem raubt!
Aber säh' man's auch – Verlobten
Ist ja Küssen schon erlaubt.

Reich' mir Auge, Mund und Wangen,
Reich' mir deine Stirne rein,
Wie das Morgenrot den Himmel
Hüll' ich sie mit Küssen ein.

Schwindel faßt mich … nimm in deine
Weichen Arme mich geschwind!
Ist's vom Kuß, vom Wein? … ich weiß es
Wahrlich selber nicht, mein Kind.

Wein wohl ist es, wie ihn Götter
Tranken auf Olympos Höh',
Mir jedoch, dem Menschen, schwanden
Von dem Trunk die Sinne jäh'.

Wie mein Haupt so schwer vom Rausche …
Aber welch' ein Rausch ist dies!
Unter mir die Erde lallend,
Trägt er mich ins Paradies.

Schon liegt weit das Wanderlager
Unter mir die Wolken all,
Selig schweb' ich zwischen Sternen,
Jeder eine Nachtigall.

Wie sie singen, wie sie klingen,
Niemals hört' ich solche Weis';
Welche Glanzflut! Hunderttausend
Blitze ziehn um mich im Kreis.

Und mein Herze – hei mit diesem
Hab' ich meine rechte Not …
Gib nur acht auf dich, mein Junge,
Freue dich mir nicht zu Tod! (S. 241-242)

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An ein Mädchen

Welche Lust, dich anzuschauen,
Kleiner, blonder Engel,
Heute noch ein Knöspchen an des
Lebens Rosenstengel.
Möcht' auf Mund und Auge sehen
Stets dir ohne Rast:
Auf dem Mund das Herz – die Seele
Du im Auge hast.

Offen liegt vor mir dein Herzchen,
Ohne jede Hülle;
Wie das Vogelnest im Winter
Ist's noch leer und stille.
Wart' nur, warte, kommt der Frühling
Erst an dich heran,
Welch ein lärmend Völkchen füllet
Dir den Busen dann.

Das auch ist des Lebens schönste,
Schönste Zeit von allen,
Wenn zum allerersten Male
Sich des Herzens Hallen
Dicht bevölkern, und mit ihrem
Ganzen großen Staat
Die erhabne, allgewalt'ge
Fürstin: Liebe nah.

Ihr Gefolg' sind: Freude, Kummer,
Lächeln, Zähren, Zagen,
Hoffnung, Zweifel und – wer wüßte
All' sie herzusagen?
Derart überfüllt von Gästen
Wird das Herze da,
Ach, es fühlt das unglücksel'ge
Sich dem Bersten nah'.

Diese Leutchen poltern, pochen,
Lärmen, schwärmen, nagen,
Tag und Nacht ein ew'ges Hasten,
Tollen, Schmollen, Jagen;
Und bei diesem wüsten Toben,
Welches nimmer ruht,
Ist uns Armen gar so wehe -
Gar so wohl zumut! …

Wie, du lächelst, lose Kleine?
Ei vielleicht gar wäre
Dir bekannt schon, was ich eben
Dir voll Müh' erkläre?
Nein! das kann ich nimmer glauben:
Ein so junges Blut! …
Und wär's doch so, - zieh vor dir ich
Tiefer noch den Hut! (S. 251-252)

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Bitterweh tat mir mein Liebchen …

Bitterweh tat mir mein Liebchen,
Bitterbös ward ich aufs Liebchen,
Kränkte mich und war voll Galle,
Wie ich's pfleg' in solchem Falle.
Dachte, nur die Todesstunde
Bringe Heilung meiner Wunde,
Daß sie dann sich schließen werde,
Wenn sich öffnet mir die Erde.
Und wie lang' ich mich so kränkte?
Bis mein Lieb 'nen Kuß mir schenkte;
Wie sie kam mit ihren Küssen,
Hat mein Kummer weichen müssen.
Ihre Worte – Wunden schlagen,
Ihre Lippen – Balsam tragen,
Ja so sind die Mädchen eben …
Man muß sich darein ergeben! (S. 253)

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Gelte wohl als guter Dichter …

Gelte wohl als guter Dichter,
Und ich glaube selbst daran,
Doch drum stimme du, mein Liebchen,
Meiner Lieder Lob nicht an.

Stets muß ich vor dir erröten,
Lobst du mich mit mildem Sinn,
O, mit dir verglichen, fühl' ich,
Wie ich unbedeutend bin.

Denn der kleinste der Gedanken,
Der das Köpfchen dir durchhellt,
Und das kleinste der Gefühle,
Das da deinen Busen schwellt;

Ein Blick deines Augenpaares,
Der verstohlen zu mir dringt,
Ein Ton deiner Stimme, ob er
Flüchtig nur ans Herz mir klingt;

Ja, von dir ein einzig Lächeln:
Faßt mehr Poesie, mein Lieb,
Als die fünfhundertundfünfzig
Lieder, die bisher ich schrieb. (S. 254)

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Irgendwie

Schwer erwart' ich meine Hochzeit,
Schwer ach ja!
Heute morgen ist sie aber
Sicher da;
Eine Woch' ist keine Welt,
Die wird tagweis schon zerspellt
Irgendwie.

Kam als eines armen Mannes
Sohn zur Welt,
Vater läßt zurück mir weder
Gut noch Geld;
Schlimm! doch Schlimmres kenn' ich noch,
Leben werden wir ja doch
Irgendwie.

Eigensinnig trägt mein Bräutchen
Hoch den Kopf,
Ich nick' auch nicht "ja" zu allem
Wie ein Tropf;
Wie das Blut auch sied' und koch',
Wir vertragen uns ja doch
Irgendwie.

Sie gibt heute nach, und morgen
Wieder ich,
So entgehn wir dem Prozesse
Säuberlich;
Hat der Tag auch Streit gebracht,
Es versöhnt uns schon die Nacht -
Irgendwie. (S. 255-256)

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Wer sah den Riesen je …

Wer sah den Riesen je,
Der mir an Stärke gleich?
Im Schoße halt' ich da
Das ganze Himmelreich!
O neige, neige dich,
Mein süßes Eden du,
Mein wolkenloses Blau,
Mein Sonnenstrahl, mir zu!

Warum, o du mein Gott,
Warum mußt' es so sein,
Daß du erschufst die Brust
Des Menschen gar so klein?
Mein Glück, es hat nicht Raum
In meiner Brust, ich muß
Verschwenden es zum Teil
In einem Tränenguß.

Stets hab' ich's prophezeit:
Ich werde glücklich sein,
Und Kummer kehre nur
Durchreisend bei mir ein.
So kam's auch: längst dahin
Sind Gram und Ungemach -
Geht immer zu! Ich blick'
Mit keinem Aug euch nach.

Geliebte, sieh, die Sonn',
Noch ging sie unter nicht,
In süßen Tönen doch
Die Nachtigall schon spricht.
Doch nein, das ist ja nicht
Der Sang der Nachtigall,
Von deinen Küssen ist's
Der süße Widerhall.

Wie Frühlingsregen mild
Hernieder auf die Au,
So träuft auf Mund und Wang'
Mir deiner Küsse Tau,
Aus jedem Tropfen sprießt
Hervor ein Blütentrieb -
O küssefeuchter Lenz! …
O blumenreiche Lieb! … (S. 257-258)

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Der düstre Herbstwind spricht im Hage leis …

Der düstre Herbstwind spricht im Hage leis,
Man hört ihn kaum, so leise flüstert er;
Was er den Bäumen wohl zu sagen weiß?
Die Häupter schütteln sie gedankenschwer.
Ich lieg' auf meinem Ruhbett ausgestreckt,
Nachmittags ist's – der Abend nicht mehr weit …
An meine Brust gelehnt das Köpfchen, schlummert
Mein Weib so still und süß an meiner Seit'.

Der Busen meiner süßen Schläfrin schwellt,
Der wogende, in meiner Rechten hier,
Die andre Hand, voll innrer Regung, hält
Des Freiheitskampfs Geschichte: mein Brevier!
Ein jedes Wort durchstürmt wie ein Komet
Die Seele mir, - die wird so weit, so weit …
An meine Brust gelehnt das Köpfchen, schlummert
Mein Weib so still und süß an meiner Seit'.

Die Tyrannei, o Volk, lockt bald mit Sold,
Treibt bald mit Geißeln dich zum blut'gen Strauß:
Die Freiheit winkt mit einem Lächeln hold -
Und wer ihr treu, zieht froh zur Walstatt aus
Und nimmt für sie die Wunden und den Tod
Mit Freuden hin, wie Blumen von der Maid …
An meiner Brust gelehnt das Köpfchen, schlummert
Mein Weib so still und süß an meiner Seit'.

Wie manches teure Leben sank dir schon,
O heil'ge Freiheit hin! – Was hat's gefrommt?
Doch frommen wird's: dein ist des Sieges Lohn,
Wenn einst heran der Schlachten letzte kommt.
Und furchtbar übest Rache du sodann,
Für alle, deren Blut nach Rache schreit …
An meine Brust gelehnt das Köpfchen, schlummert
Mein Weib so still und süß an meiner Seit'.

Mein Aug' ein blut'ges Panoram erblickt:
Die Szenen sind's der Zukunft, die mir nahn:
Ich seh' der Freiheit Feindesheer erstickt
In seines eignen Blutes Ozean!
Im Herzen mir ein Donner grollt und rollt,
Die heiße Stirn mir Blitz um Blitz umdräut …
An meine Brust gelehnt das Köpfchen, schlummert
Mein Weib so still und süß an meiner Seit'.  (S. 261-262)

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Ende September

Noch sprießen die duftigen Blumen im Hage,
Noch grünt vor dem Fenster die Espe so schön,
Doch siehst du dort drüben des Winters Gelage?
Verhüllet vom Schnee sind die bergigen Höhn.
Noch fühl' ich Hochsommer im Herzen mir wogen,
Der wonnigste Frühling noch blüht mir darin,
Doch sieh' da mein Haar schon vom Silber durchzogen,
Den Reif schon des Winters mein Haupt überziehn.

Es welket die Blume, entschwindet das Leben,
Komm', komm' meine Gattin mir her in den Arm!
Die jetzt an die Brust mir das Köpfchen gegeben,
Senkst morgen du's nicht auf mein Grab voller Harm?
Wenn vor dir ich sterbe, o sprich', wirst du breiten
Das Leichentuch tränenden Augs auf die Bahr'?
Und könnt' eines anderen Lieb' dich verleiten,
Vom Namen zu lassen, der mein Name war? -

Doch wirfst du von dir der Verwitweten Schleier,
So pflanz' auf mein Grab ihn als Trauerpanier,
Ich steig' dann empor aus dem Grabesgemäuer
Um Mitternacht, - nehme hinab ihn zu mir:
Die Tränen um dich, du Geliebte, zu stillen,
Die leichthin vergessen du hast deinen Mann,
Die Wunden des Herzens damit zu verhüllen,
Das ewig dich liebet, selbst dort noch, selbst dann! (S. 263)

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Die letzten Blumen

Herbstzeit ist es, Herbstzeitmitte,
Von der Stirne der Natur
Raubet sie mit roher Sitte
Fort der Schönheit jede Spur.
Auf dem Feld ist nichts zu sehen,
Selbst im Gartenbeete stehen
Nur noch wen'ge Blumen da.

Mein klein Julchen hat gefunden
Ein'ger Stämmchen letzten Rest,
Und mit lieber Hand gewunden
Sie zu einem Strauße fest.
Recht so Kind, mir machst du Freude,
Und vielleicht gereicht's zu Leide
Auch den Blumen selber nicht.

Müssen, folgend dem Geschicke,
Welkend sie schon jetzt vergehn,
Dann sei's hier, wo unsre Blicke
Teilnahmsvoll sie sterben sehn.
Denn es stirbt sich, glaub ich, schöner,
Weilt auf uns das Auge jener,
Die im Leben uns geliebt. (S. 264)

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Zehn Paar Küsse, Kuß um Kuß …
 

 Zehn Paar Küsse, Kuß um Kuß,
Honigsüß, aus einem Guß!
Draufgab, Kind,
Ehgesponst!
Nicht genug hab'
Ich ansonst.

Bunt will ich die Blume schaun,
Was ein Weib ist, sei mir braun;
Du mein braun's
Eheweib,
's glüh'n dir Auge,
Herz und Leib.

Drück' mich, drück' an dich mich an,
Dir im Arme, ist's mir dann,
Als ob ich,
Leb' ich gleich,
Selig schwebt' ins
Himmelreich.

Löschen wir die Kerze aus,
Sie kommt nicht umsonst ins Haus;
Schweres Geld
Kostet sie,
Wozu brennt sie
Unnütz hie?

Heiratet nur, hei, juchhe!
In der Eh' da gibt's kein Weh',
Allzeit sie
Froh uns macht,
Morgens, mittags
Und bei Nacht … (S. 266-267)

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Ich liebe dich …

Ich liebe dich mit heißem Triebe,
Nur eines ficht mich an:
Daß ich dir, Liebchen, meine Liebe
Durch nichts beweisen kann.

So einfach mir aufs Wort zu glauben -
Wer weiß, ob's dir beliebt,
Doch wie soll ich den Zweifel rauben,
Der dein Vertrauen trübt?

Wär ich ein reicher Mann zur Stunde,
Würf ich für jedes Wort,
Fürs kleinste Wort aus deinem Munde,
Ein Demantsteinchen fort.

Und wenn ich gar als König thronte,
Legt' ich die Krone ab,
Wenn mich ein Kranz von Blumen lohnte,
Die deine Hand mir gab.

Wär ich die Iris: wollt' ich geben
Die Farben dir, mein Weib,
Ein Gürtelband daraus zu weben
Für deinen schlanken Leib.

Ich ließ sogar, wär ich die Sonne,
Den Himmel – Himmel sein,
Und statt aufs Weltall blickt' voll Wonne
Ich dir ins Aug' hinein! (S. 278-279)

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Wie nenn' ich dich?

Wie nenn' ich dich,
Wenn in des Träumens Dämmerdunkel
Den Abendstern in deinem schönen Aug'
Mein Auge voll Bewunderung schaut,
Als sähe jetzt ich ihn zum erstenmal -
Den schimmernden,
Von dem jedweder Strahl
Ein Bach der Liebe ist,
Der sich in meiner Liebe Meer ergießt -
Wie nenn' ich dich?

Wie nenn' ich dich,
Wenn mir entgegen flattert
Dein Blick,
Die sanfte Taube,
Von der jedwede Feder
Ein Ölzweig ist des Friedens,
Von dem berührt, so wohl mir wird!
Weil weicher er als Seide,
Und als ein Wiegenpfühl …
Wie nenn' ich dich?

Wie nenn' ich dich,
Ertönet deiner Stimme Klang,
Der Klang, von dem, wenn ihn vernehmen könnten
Des Winters kahle Bäume,
Sich diese rasch mit grünem Laub bedeckten,
Im Wahn, es sei
Der Frühling schon gekommen,
Ihr längst erwarteter Erlöser,
Weil Nachtigallenschlag ertönt …
Wie nenn' ich dich?

Wie nenn' ich dich,
Berühren meine Lippen
Die flammenden Rubine deines Munds,
Und unsre Seelen in des Kusses Glut verschmelzen,
Wie Nacht mit Tag vom Morgenglühen,
Wenn meinem Blick der Raum entschwindet,
Und die Zeit,
Und all ihre geheimen Seligkeiten,
Auf mich entlädt die Ewigkeit …
Wie nenn' ich dich?

Wie nenn' ich dich,
Du meines Glückes teure Mutter,
Du einer himmelstürmend heißen Phantasie
Holdselig Feenkind,
Du meine kühnsten Hoffnungen beschämende,
Blendende Wirklichkeit?
Du meiner Seele einziger,
Doch eine Welt aufwiegender Demant,
Mein süßes, schönes, junges Weib,
Wie nenn' ich dich? (S. 280-281)

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Mein Weib und mein Schwert

Die Taube auf dem Dach,
Der Stern im Ätherblau,
Und hier in meinem Arm
Ist meine kleine Frau.
Sie schauert wonnevoll;
Von meinem Arm umschmiegt,
Wie Frühlingsmorgentau,
Vom Espenlaub gewiegt.

Halt ich sie schon umarmt,
Was küss' ich sie nicht gleich?
Mit Küssen geiz' ich nicht,
An Küssen bin ich reich;
Wir plaudern auch, - doch stockt
Gar oft der Rede Fluß,
Das Beste schmilzt dahin
In manchem heißen Kuß.

O groß ist unser Glück,
So strahlend, voll und hehr,
Daß es als Perle glänzt
In unsrem Freudenmeer - -
Doch meinem Schwert behagt
Das nun und nimmermehr:
Es schleudert von der Wand
Uns grimme Blicke her.

Was blickst du, gutes Schwert,
Auf uns voll Zorneswucht?
Plagt dich, du alter Tor,
Wohl gar die Eifersucht?
Ei laß das, Kamerad,
Das steht dir übel an:
Üb' Weiberkünste nicht,
Willst gelten du als Mann.

Auch hast du keinen Grund
Zu Eifersüchtelein:
Viel besser sollte dir
Mein Weib bekannt schon sein,
Ihr himmlisches Gemüt,
Und ihre Seelenkraft,
Desgleichen wen'ge nur
Der liebe Gott erschafft.

Wenn meines Armes einst
Bedarf das Vaterland,
Dann schnallt um meine Hüft'
Sie dich mit eigner Hand …
Mit eigner Hand, und spricht
Zum Scheidegruß dabei:
"Zieht hin mit Gott, und bleibt
Einander immer treu!" (S. 294-295)

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Solch' ein Weib paßt für mich eben …

Solch' ein Weib paßt für mich eben,
Wie mir eines Gott gegeben:
O du kleine, braune Lose
Bist des Weltalls einz'ge Rose.

Ach wie traurig war ich immer!
Was ich war – ich bin es nimmer,
Goldne Sterne mich umschweben,
Und das dank' ich dir, mein Leben.

O das Lächeln deines Blickes,
Ist der Urquell meines Glückes;
Was sind mir des Lenzes Wonnen
Gegen deiner Augen Sonnen?!

Sicher werd' ich's noch erleben,
Daß, wohin du auch wirst schweben,
Unter deinen süßen Füßen
Blumen aus der Erde sprießen.

Wollt' ich preisen dich, ich fände
Schöne Namen ohne Ende;
Doch ich geb' dir nur den einen:
Gottes Meisterwerk! – sonst keinen. (S. 298)

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Einsam meines Wegs ich gehe …

Einsam meines Wegs ich gehe,
Hab' dich, Lieb, nicht in der Nähe,
Doch ich weiß, wohin ich schreite,
Weilst im Geist du mir zur Seite.
Doch als was – das wüßt' ich gerne -
Folgtest du mir in die Ferne?
Als das Lüftchen, das mich duftig kühlt,
Und mit meinem Haare lose spielt?
Als das Abendrot, das holde,
Das die Wolken säumt mit Golde?
Als der Abendstern, der kleine,
Der mich grüßt im Silberscheine?
Als das Vöglein, das im Schatten
Zwitschert jener grünen Matten?
Als das Blümlein, das so minnig
Auf mich blickt, als ob es innig
Sagen wollt': o pflück' mich, liebster Mann,
Nimm, o nimm, drück' an dein Herz mich an! …
Liebchen, tu' mir den Gefallen,
Sprich: was bist du von dem allen? (S. 300)

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Heut' ein Jahr ist's, heut' ein Jahr ist's …

Heut' ein Jahr ist's, heut' ein Jahr ist's,
Daß du wurdest meine Braut!
Heut' ein Jahr ist's, daß dein erster
Kuß am Munde mir getaut.

O wie war so süß berauschend
Dazumal dein Kuß: jedoch -
Wer mag's glauben, wer mag's glauben?
Heut' ist er viel süßer noch.

Wie vom Wind erfaßt, den Falter,
Sehen wir die Zeit entflieh'n,
Sichtbar schwindet hin das Leben,
Sichtbar welket es dahin.

Mag's verblühn in Gottes Namen!
Wahrlich, es betrübt mich kaum;
Nicht verloren geht, was nieder
Fällt von meinem Lebensbaum:

Was da abstirbt mir vom Leben,
Rasch als Liebe aufersteht …
Denn sie wächst im selben Maße,
Als das Leben mir vergeht! (S. 307)

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Des Mannesalters Sommer ist gekommen …

Des Mannesalters Sommer ist gekommen,
Und meiner Jugend heitrer Lenz entschwand,
Mit sich hat er die Blumen all' genommen,
Die schönen Träume, die er einst gesandt;
Mit sich die Lerche, die mit ihrem Sange
Mich oft erweckt beim ersten Morgenschein …
Hätt' ich nicht deine Liebe, holdes Weibchen,
Wie düster würde diese Welt mir sein!

Entschwunden ist des Himmels Rosenschimmer,
Entflohn die Lerche mit dem Morgenlied,
Durchs leere Nest bald Zephirs leis Gewimmer,
Bald das Geheul des grimmen Sturmes zieht;
Nicht flüstern mehr, es rauschen schon die Blätter
Im dürren Walde meiner Träumerein …
Hätt' ich nicht deine Liebe, holdes Weibchen,
Wie düster würde diese Welt mir sein!

Der goldne Morgenstern im ew'gen Blaue,
Der Erde Silbertau, ach, alles schwand,
Es hatte sie die Wirklichkeit, die rauhe,
Vernichtet ja mit gnadenloser Hand.
Die Wolken ziehn, so drückend ist die Schwüle,
Die Sorgen dringen atemraubend ein …
Hätt' ich nicht deine Liebe, holdes Weibchen,
Wie düster würde diese Welt mir sein!

Es sandte einst durch wildromant'sche Klippen
Ein Zauberquell, süßmurmelnd, seine Flut:
Der Ruhmsucht Quell! Ich trank mit durst'gen Lippen,
Und sel'ger Rausch durchglühte mir das Blut.
Er fließt noch heut'! Mich aber dürstet nimmer,
Ich trinke nicht, mag andre er erfreun …
Hätt' ich nicht deine Liebe, holdes Weibchen,
Wie düster würde diese Welt mir sein!

Und laß, von mir gewandt, den Blick ich gleiten
Als Bürgersmann das Vaterland entlang,
Seh' ein entnervt, verderbt Geschlecht ich schreiten,
Ein Volk, geweiht dem finstren Untergang.
Es zuckt die Hand, es pocht das Herz, - Was frommt's?
Ich kann ihm nichts als meine Tränen weihn …
Hätt' ich nicht deine Liebe, holdes Weibchen,
Wie düster würde diese Welt mir sein!

O lieb' mich, lieb', wie ich geliebt dich immer:
So heiß, so flammend und so grenzenlos,
Entsend' auf mich des Lichts, der Wärme Schimmer,
Der dir ins Herz von Gottes Antlitz floß;
Denn dies dein Herz ist ja mein ganzes Leben,
Tags meine Sonn', und nachts mein Sternenschein …
Hätt' ich nicht deine Liebe, holdes Weibchen,
Wie düster würde diese Welt mir sein! (S. 308-309)

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Abschied

Kaum hat's getagt, bricht schon die Nacht herein,
Kaum naht' ich mich, muß ich schon wieder fliehn;
Ich habe dich noch eben kaum begrüßt,
Und muß schon fort, für lange von dir ziehn.
Mein junges schönes Weib, sei Gott mit dir,
Mein Lieb, mein Herz, du meines Lebens Zier!

Das Schwert ergriff ich statt des Lautenspiels,
Ein Dichter war ich, nun bin ich Soldat;

Und statt des goldnen Sternenstrahls erhellt
Des Nordlichts blut'ger Schimmer meinen Pfad.
Mein junges schönes Weib, sei Gott mit dir,
Mein Lieb, mein Herz, du meines Lebens Zier!

Nicht Ruhmbegierde lockt mich von dir weg …
Dem Lorbeer blieb auf meinem Haupt ja mehr
Kein Raum vor all' den Rosen meines Glücks,
Und diese geb' ich nimmer für ihn her.
Mein junges schönes Weib, sei Gott mit dir,
Mein Lieb, mein Herz, du meines Lebens Zier!

Nicht Ruhmbegierde lockt mich von dir weg …
Du weißt es ja: die starb mir längst schon aus:
Dem Vaterland weih' ich mich, muß es sein,
Fürs Vaterland kämpf' ich den blut'gen Strauß.
Mein junges schönes Weib, sei Gott mit dir,
Mein Lieb, mein Herz, du meines Lebens Zier!

Und schützte niemand sonst das Vaterland,
Zög' ich allein zu seinem Schutz das Schwert;
Und nun, da alles, alles zieht zur Schlacht,
Blieb ich allein zurück bei meinem Herd?
Mein junges schönes Weib, sei Gott mit dir,
Mein Lieb, mein Herz, du meines Lebens Zier!

Ich sage nicht: gedenke mein, indes
Fürs Vaterland ich kämpfe und für dich;
Ich kenne dich, ich weiß es, dich erfüllt
Nur ein Gedanke stets, und der bin ich.
Mein junges schönes Weib, sei Gott mit dir,
Mein Lieb, mein Herz, du meines Lebens Zier!

Vielleicht auch kehre ich verstümmelt heim -
Doch ruht auch dann voll Lieb' auf mir dein Blick,
Bei meinem Gott! Ich bring' dir ja mein Herz,
Wie ich es mit mir nehm', so ganz zurück.
Mein junges schönes Weib, sei Gott mit dir,
Mein Lieb, mein Herz, du meines Lebens Zier! (S. 312-313)
___________

 

 

 

Wie sollt' ich froh, wie sollt' ich heiter sein …

Wie sollt' ich froh, wie sollt' ich heiter sein,
Weilst du doch fern, du Vielgeliebte mein!
Nacht ist's, versank die Sonn' mit ihren Prächten.
Doch mich verläßt das Deingedenken nicht,
Das wirft auf mich sein trübes bleiches Licht,
Das ist der Mond in meines Schicksals Nächten.

Manch' Blume hier um mich die Öde scheucht,
Ich blick' sie an, und Wehmut mich beschleicht,
Die Blumen all', sie sind getränkt vom Taue.
Ich blick' sie an, und Wehmut mich beschleicht:
Mir ist's, als ob aus ihnen tränenfeucht
Dein liebes Aug' sehnsüchtig nach mir schaue.

Ich weiß, du weinst mir manche Träne nach …
In Tränen schwimmt dein holdes Antlitz, ach,
Das ich, wie oft! entflammt mit meinem Kusse.
Und Wasser ist dort, wo einst Feuer war!
Also verdrängt der Sterne lichte Schar
Ein dicht Gewölk' mit seinem Regengusse.

O weine nur! Das wunde Herz erfüllt
Ein kleiner Trost, wenn lind die Träne quillt.
O weine nur, daß es dir Trost gewähre.
Ja weine, wein'! O sieh, ich bin ein Mann,
Der Tag der Schlacht, der blut'ge, rückt heran:
Und doch entquillt auch manchmal mir die Zähre.

Warum sollt' ich mich schämen, zu gestehn,
Daß mir ins Aug' sich manchmal schleicht die Trän',
Wenn meine Brust der Trennung Qual durchschauert!
Doch deshalb stell' im Kampf ich meinen Mann!
Der Leu ist auch am fürchterlichsten dann,
Wenn sein verlornes Weibchen er betrauert. (S. 314-315)

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Der Herbst ist da, ist da aufs neu'

Der Herbst ist da, ist da aufs neu';
So schön, wie stets er mir erschien.
Der liebe Himmel weiß, warum
Den Herbst ich lieb' – doch lieb' ich ihn.

Ich setz' mich auf den Hügel hin,
Ich blicke in die weite Welt,
Und hör' dem linden Rauschen zu
Des Laubes, das vom Baume fällt.

Holdlächelnd auf die Erde her
Der Strahl der milden Sonne blinkt,
Der Mutter gleich, die liebereich
Aufs Kind schaut, das in Schlummer sinkt.

Denn wenn es herbstet, schlummert ja
Die Erd' nur ein, doch stirbt sie nicht;
Es schläfert sie, sie ist nicht krank,
Man liest ihr's ab vom Angesicht.

Entkleidet hat sie sich gemach,
Und angelegt ihr schönes Kleid;
Sie legt es wieder an, wenn's tagt -
Ihr Morgen ist die Frühlingszeit.

So schlafe liebliche Natur,
Schlaf fort bis an den Morgen du,
Und alles, was nur lieb dir ist,
Das lächle dir im Traume zu.

Und meine Laute, sie erklingt,
Berührt vom leisen Fingerschlag,
Zum Sang, der, wehmutsvoll und bang,
Ein Schlummerlied dir tönen mag.

Geliebte, du sitz' her zu mir
Und weile lautlos, bis mein Lied
- Wie Windessäuseln übern Teich -
Ersterbend durch die Lüfte zieht.

Wenn du mich küssest, leg' den Mund
Auf meinen Mund ganz sachte nur,
Daß wir nicht scheuchen aus dem Traum
Die süßentschlummerte Natur. (S. 316-317)

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Ich höre wieder Lerchensang

Ich höre wieder Lerchensang,
Der längst schon nicht mein Ohr umfing!
Sing', Frühlingsbote immerzu,
Sing', lieber kleiner Vogel, sing'!

Mein Gott, wie nach dem Schlachtgetös
Mir dieser Sang so wohl doch tut,
Als rieselte ein Bergesquell
Lindkühlend über Wundenglut.

Sing' immer zu, lieb' Vöglein du,
Dein Lied, es bringt mir in den Sinn,
Daß nicht nur Mordwerkzeug: Soldat,
Nein, daß ich auch ein Dichter bin.

Bei deinem Lied die Seele mein
Der Poesie und Liebe denkt,
Der Gunst, die dieses Götterpaar
Geschenkt mir schon und fürder schenkt.

Die Hoffnung und Erinnerung
Zwei Rosenbäume blühn aufs neu'
Von deinem Lied, - und wehen zu
Mir Trunknem ihre Blätterstreu.

Ich träume. Meine Träume sind
So wundersüß, so wunderbar:
Ich träum' von dir, mein treues Lieb,
Der ich so treu mein Herz bewahr;

Die meiner Seele Seligkeit,
Die Gott die meine werden ließ,
Zu zeigen: nicht dort in der Höh' -
Auf Erden ist das Paradies.

Sing' Lerche, sing', es bringt dein Ton
Zur Blüte rings den Blumenflor:
Wie wüste war mein Herz, und schon
Bricht Blum' für Blum' aus ihm hervor. (S. 330-331)

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Aus: Gedichte von Alexander Petöfi
Aus dem Ungarischen von Ladislaus von Neugebauer
Dritte, verbesserte und vermehrte Auflage
Leipzig Max Hesses Verlag 1910


 

 

 


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