Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Der Frühling - Wandmalerei aus Stabiae

 


Petronius Arbiter (um 10-66 n. Chr.)

(In der Übersetzung von Wilhelm Heinse)



Welch eine Nacht! ihr Götter und Göttinnen!
Wie Rosen war das Bett! da hiengen wir
Zusammen im Feuer und wollten in Wonne zerrinnen!
Und aus den Lippen flossen dort und hier,
Verirrend sich, unsre Seelen in unsre Seelen! -
Lebt wohl ihr Sorgen! wollt ihr mich noch quälen?
Ich hab' in diesen entzückenden Secunden,
Wie man mit Wonne sterben kann, empfunden!
(S. 9-10)
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Was ich verlange, darf nicht fliegen mir entgegen!
Das ist kein Sieg, wo sich der Feind zu leicht ergiebt!
Die Vögel, die am Phasis Eyer legen,
Und tief in Afrika, ist's was die Zunge liebt.
Die weisse Gans kann nur den Pöbel laben -
Er mag sie mit der Barb' und bunten Ente haben.
Für fein're Gäume wird der Skar
Gefangen an entfernten Küsten!
Und was dem Schiffbruch kaum entronnen war,
Kann edle Zungen nur gelüsten!
Die Rose schämet sich bey'm schönen Cinnamus,
Ein Weib giebt keinen süssen Kuß,
Entzücken fliesst allein von einer Phryne Lippen!
Das was man liebt und sucht steckt hinter spitzen Klippen.
(S. 54-55)
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Voll von Blumen, wie auf Idas Gipfel
Einst die Mutter Erde goß,
Als Frau Juno Zeusen wie Lede genoß,
Und der blühenden Bäume Wipfel
Dämmerung der Lieb' umfloß.
Unter Junons Schoose
Schwollen sanft empor
Hyacinth und Rose
Aus der Erd' hervor,
Veilchen und Cyperon
Wollten sich erheben,
Und auf einem Wölkchen
Schienen sie zu schweben -
Eben so lag ich in Circens Schoose
Seeliger als Jupiter
Auf der Erde weichstem Moose!
Blumen blühten um uns her,
Und in blüthenvollen dunkeln Lauben
Schnäbelten sich Venus Turteltauben.
(S. 196)
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Der edle Ahorn goß hier Sommerschatten nieder,
Und ihr beschornes Haupt hob dort die Ficht' empor,
Und durch Cypressen sah der Lorbeer stolz hervor.
In Wipfeln gaukelten mit kühlendem Gefieder
Der Frühlingslüfte ganzes Chor
Und wehten Balsam in die offnen Glieder.

Und durch Blumen rollen Quellen
Unter ihnen klare Wellen -
Murmeln zornig sich zu Schaum
An den kleinen Kieselsteinen -
Süsser, als in Paphos Haynen
Muß sich schlummern hier ein Traum!

Für verliebte Seelen
Ist der Ort gemacht!
Amors Philomelen
Singen in der Büsche Nacht
Lauter Lieb' aus ihren Kehlen!
Nymphen schleichen, um sie nicht zu stören,
In die kühlen Grotten und hören
Entzückter sie, als die Musik der Sphären.
(S. 209-210)
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Was blickt ihr mich mit runzelvoller Stirne
Catonen an? Warum verdammet ihr
Die Schildrung der Natur? - O Freunde, glaubet mir!
Sie lächeln drüber im Gehirne! -
Gewissenhaft, ohn' alle Heucheley,
Sag' ich, was unterm Volk geschehen sey!
In einer Sprache voller Klarheit
Erzähl' ich lächerliche Wahrheit.
Wer weiß denn nicht, was man im Bett mit Mädchen macht?
Die Götter werden uns deswegen nicht bestrafen,
Daß bey Aspasien bißweilen wir geschlafen!
Für Einen Mann sind sie so reizend nicht gemacht!
Der weise Vater Epikur
Verstand gewiß so gut, als wie ihr die Natur!
Der lehrt uns gründlich, daß für Götter in dem Himmel
Selbst dies das beste sey, wie uns im Weltgetümmel.
(S. 217-218)
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Übersetzt von Wilhelm Heinse (1746-1803)

Aus: Begebenheiten des Enkolp
Aus dem Satyricon des Petron übersetzt
Zweyter Band
Rom 1773



 


 

 


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