Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Carl Parmo Ploug (1813-1894)

(In der Übersetzung von Edmund Lobedanz und Emanuel Bendix)



Willst Du mich lieben?

Willst Du mich lieben, wenn der Tag sich neiget,
Und seine Sonne matt hinunter sinkt?
Und wenn das Licht vor dunklem Schatten weichet,
Die nächt'ge Stunde melancholisch winkt?
Wenn müd' mein Fuß, schlaff sinken meine Hände,
Mein Aug' erlöschend, das sonst feurig loht',
Wenn ich zum Himmel auf die Blicke wende,
Heiß betend um das Ende meiner Noth?

Willst Du mich lieben, wenn, was ich gelobte,
Am Schlusse meines Wirkens unvollbracht?
Wenn thöricht Zorn mir oft im Herzen tobte?
Doch größer war mein Muth, als meine Macht?
Wenn ich verworfen werd' gleich rost'ger Klinge,
Die jetzt zu stumpf und früher doch zu scharf?
Wenn mich der große Haufe schätzt geringe,
Obwohl ich manches Siegs mich rühmen darf?

Willst Du mich lieben, wenn auch diese Lieder,
In deren Wellenschlag mein Herz gepocht
Und die in manchem Herzen tönten wieder,
Ja die auch Dich: zu lieben mich, vermocht, -
Vergessen werden über andern Klängen,
Von jüngeren Geschlechtern kaum gesehn,
Wenn sie verborgen unter Büchermengen,
Bedeckt mit Staub, in dunklem Winkel stehn?

Willst Du mich lieben, wenn ich dann gewonnen
Die Ruhe, die dies Leben mir nicht gab?
Wenn all' mein Streben dann in Nichts zerronnen,
Mein letztes Ziel ein unbekanntes Grab?
Willst Du es mild dann unsern Kindern sagen,
Wie ich so treu war, kämpfte für und für,
Willst Du mich liebend im Gedächtniß tragen,
Bis Du im Grab gebettet neben mir!

übersetzt von Edmund Lobedanz (1820-1882)

Aus: Album Nordgermanischer Dichtung
von Edmund Lobedanz
Erster Band: Album Dänisch-Norwegischer Dichtung
Leipzig 1868 Verlag von Albert Fritsch (S. 214-215)

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Leidenschaft

Sag an, kennst Du das kranke Kind, es will, es weiß nicht was?
Bald brichts in helles Lachen aus, bald ist sein Auge naß,
Es greift nach Allem gierig aus und wirfts dann von sich schnell,
Es drängt sich fort von Arm zu Arm, hat Ruh an keiner Stell'.

Sag an, kennst Du das wilde Thier, es ras't in seinem Bau'r,
Es rennt sich blutig selbst die Stirn an einer harten Mau'r.
Es beißt ins feste Eisen selbst, mit Schaum um seinen Mund,
Doch legt's vor einem Blicke sich, gehorsam wie ein Hund.

Sag, kennst Du den Gedankengang, der erst sich drehet leis'
Um eine Sach', doch lauter dann, in immer kleinerm Kreis',
Er summt wie Mücken um das Licht, das kaum entzündet ward,
Und stürzt zu Boden dann beschämt nach rechter Kinder Art?

Sag an, kennst Du den Herzensschlag, so stürmisch und belebt,
Der jede Schranke stürzen will und selbst das Schwerste hebt?
Der, wie ein wildes Meer, sich bäumt und deckt des Himmels Licht,
Doch glatt ist wie das Eis im Teich, wenn's Aug' im Tode bricht?

Nein, nein, gottlob, gemessen hat noch nicht Dein junges Herz
Die Tiefe, welche Leidenschaft enthält in Lust und Schmerz.
Du träumst, wie Blumenknospen, hold im Morgensonnenschein,
Ich kämpfe, wie ein Schiff im Sturm, voll Qual, voll Angst und Pein!

übersetzt von Edmund Lobedanz (1820-1882)

Aus: Album Nordgermanischer Dichtung
von Edmund Lobedanz
Erster Band: Album Dänisch-Norwegischer Dichtung
Leipzig 1868 Verlag von Albert Fritsch (S. 216)

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Volkslied

Weißt du noch im Herbst, als vom Feld wir gingen zurück,
Sah'st du groß mich an mit fragendem Blick;
Da ward mir plötzlich klar,
Daß blind bisher ich war.
Sag', was du, klein Karen! dir dabei gedacht?

Weißt du noch im Winter, wir saßen am Herd, ich und du,
Ich erzählte Märchen, und du hörtest zu;
Oft blicktest du zu mir empor,
Bis ich den Faden verlor;
Sag', was du, klein Karen! dir dabei gedacht?

Weißt du, als zu Weihnacht bei Geigen und Flötenklang
Lustig auf der Diele ich mit dir mich schwang
Und tief in's Aug' dir sah,
Wie du errötetest da;
Sag', was du, klein Karen! dir dabei gedacht?

Jetzt ist Lenz, es schmückt sich der Wald zum Hochzeitsfest,
Alles sproßt, und die Vögel bauen ihr Nest,
Was sich des Lebens bewußt,
Träumt jetzt von Liebeslust.
Sag' mir, klein Karen! was meinest du jetzt?


übersetzt von Emanuel Bendix (1851-1926)

Aus: Orient und Occident Eine Blütenlese aus den vorzüglichsten Gedichten
der Weltlitteratur in deutschen Übersetzungen
Nebst einem biographisch-kritischen Anhang
Herausgegeben von Julius Hart
Minden i. Westf. J. C. C. Brun's Verlag 1885 (S. 375)

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Du kommst!

Du kommst! Nun wird das Dunkel hell,
Entflohn ist jeder Schmerz,
Zum Prunkschloß wird mein Stübchen schnell,
Aus meiner Brust ein Liederquell
Rauscht klingend himmelwärts.

Du kommst! Nun ist der Himmel klar,
Sind golden Wolk und Luft,
Aufjubelnd singt der Vögel Schaar,
Die Herbstflur, die verödet war,
Durchflutet Blumenduft.

Du kommst! Nun ist das Leben gut,
All seine Mühsal leicht,
Und alles Denken schweigt und ruht,
Gestillt ist des Verlangens Glut
Und jeder Wunsch erreicht.

Du kommst! Nun ist das Leben leicht,
Die Stunden glückgefeit,
Ein Spielen dünkt mich meine Pflicht
Mein Feierabend ein Gedicht
Voll trunkner Seligkeit.

Du kommst in es Geliebten Arm
Und weilst da fort und fort,
Für all der todten Sehnsucht Harm,
Für all die Wonne lebenswarm
Die Lippe kennt kein Wort.

übersetzt von Pauline Schanz (1828-1913)

Aus: Das Buch der Liebe
Eine Blütenlese aus der gesammten Liebeslyrik aller Zeiten und Völker
In deutschen Übertragungen
Herausgegeben von Heinrich Hart und Julius Hart
Zweite Auflage Leipzig Verlag von Otto Wigand 1889 (S. 385-386)
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