Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Pol de Mont (1857-1931)

(In der Übersetzung von Otto Hauser und Taco H. de Beer)



Sonett

Gleich Flammen, die der Alabasterschalen
Durchscheinendfeingekörnten Gips durchsprühen,
Sah ich die Rosen deines Busens blühen,
Durch tausend weiße Spitzenmaschen strahlen.

So heiß ersehnt kein Herz in Durstesqualen
Den Quell, so kann sich keine Biene mühen
Um Honig, als da ich in stetem Glühen
Die sammtnen Wangen dir gekost, die schmalen.

Die Nacht sank nieder. Durch die Sonnenblenden
Drang noch ein letzter Strahl, in dem Millionen
Goldsterne, fröhlich wirbelnd, stiegen, sanken.

Nun Stille rings . . . Nur ferne Drosseln senden
Ihr Lied empor und in den Lindenkronen
Flüstert's von Küssen, wie die Zweige schwanken.

übersetzt von Otto Hauser (1876-1944)

Aus: Die niederländische Lyrik von 1875-1900
Eine Studie und Übersetzungen von Otto Hauser
Verlegt bei Baumert & Bonge in Großenhain 1901 (S. 167)

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Meine Liebe trauert

Meine Liebe trauert, der Blume gleich,
Die in gelblichem Wasser
Verwelkt und vergeht, so matt und bleich
Und bald noch blasser.

Sie schwindet dahin, wie ein Kerzenlicht,
Das im Morgengrauen
Noch flackert inmitten von Blumen dicht
Vorm Bild Unsrer Lieben Frauen.

Es blühte und glühte die ganze Nacht
Seine lustige Flamme,
Ein feuriger Kelch in weißer Pracht
Auf schlankem Lilienstamme . . .
Nun geht sie aus mit zitterndem Licht,
Wie ein mattes Aug, das für immer bricht.


übersetzt von Otto Hauser (1876-1944)

Aus: Die niederländische Lyrik von 1875-1900
Eine Studie und Übersetzungen von Otto Hauser
Verlegt bei Baumert & Bonge in Großenhain 1901 (S. 168)

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Meine Liebe ist ein zartes Fürstenkind,
Entkräfteten Geschlechts letzter Sproß,
Ein armer Vogel, der erfriert im Wind,
Zitternd und bleich, allein im weiten Schloß,
In all der Pracht . . . Am Fenster sitzt sie da
Und sieht die Blumen Beet an Beet
Sich öffnen, öffnen, öffnen fern und nah,
Wie Kinderaugen . . . weit, soweit sie späht.

Sie weiß wohl, daß sie keine pflücken darf,
Sie faltet stumm die Hände, weiß nicht, wie
Ihr plötzlich wird . . . Endet ihr Leiden nie?
Der Vögel Stimmen klingen gell und scharf
Ihr hundertfach ins Ohr . . . Wie zuckt ihr Herz!
Still, stille weint sie aus den herben Schmerz . . .

Still weint sie um die Rosen, die nicht blühten,
Ums Vöglein dem das Ei schon ward zum Grab,
Vielleicht um Augen, die in ihre glühten,
Vielleicht um Küsse, die ihr niemand gab . . .

übersetzt von Otto Hauser (1876-1944)

Aus: Die niederländische Lyrik von 1875-1900
Eine Studie und Übersetzungen von Otto Hauser
Verlegt bei Baumert & Bonge in Großenhain 1901 (S. 168-169)

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Das tote Herz

Mein Herz ist tot! - Wer soll es begraben,
In den Sarg es legen? Mein Herz ist tot!
Es durstete, niemand kam es laben,
Es hungerte, niemand brachte ihm Brot . . .

Mein Herz ist tot . . . O, legt es zur Ruhe,
Zur Ruh, in das erste beste Grab,
Den letzten Dienst der Liebe thue
Dem toten, wer je ihm Liebe gab . . .
Mein Herz ist tot . . . O, legt es zur Ruhe,
Zur Ruh in das erste beste Grab!

Mein Herz ist tot . . . Neigt zu ihm euch nieder
Noch einmal, ihr Lieben, die einst es fand,
Mit allen den Namen nennet es wieder,
Mit denen ihr zärtlich es einst genannt . . .
Mein Herz ist tot . . . Neigt zu ihm euch nieder
Noch einmal, ihr Lieben, die einst es fand!

Du Blonde, die es zuerst gefunden,
Der es die reinste Liebe geweiht,
O schließ du sanft ihm die breiten Wunden
Und, that es dir weh, vergieb ihm das Leid,
Du Blonde, die es zuerst gefunden,
Der es die reinste Liebe geweiht!

Du feuriges Lieb mit den Flammenküssen,
Du meeresaugige, dunkle Fee,
O Mitleid wirst du doch hegen müssen!
Nimm auf denn mein Herz, wie ein totes Reh,
Du feuriges Lieb mit den Flammenküssen,
Du meeresaugige, dunkle Fee!

Du aber, du Zarte, Rosige, Schlanke,
Du Süßeste, Schönste, die ich geminnt,
Du leg es schlafen . . . O danke dir, danke! -
Du leg es schlafen, wie ein Kind . . .
Du meine Zarte, Rosige, Schlanke,
Du leg es schlafen wie ein Kind!

Du deck es zu mit Cypressenzweigen,
Mit Erde verdeck sein Leid, sein Glück
Und kehr dann heim in erstem Schweigen,
Vergiß es und kehr nie wieder zurück . . .
Ja, deck es zu mit Cypressenzweigen,
Für ewig verdeck sein Leid, sein Glück!


übersetzt von Otto Hauser (1876-1944)

Aus: Die niederländische Lyrik von 1875-1900
Eine Studie und Übersetzungen von Otto Hauser
Verlegt bei Baumert & Bonge in Großenhain 1901 (S. 170-171)

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Morgenhymne

O Maienluft, wie bist du frisch!
Kühlende Winde säuseln . . .
Im Riede seufzt es träumerisch,
Wo sich die Wasser kräuseln . . .
Vögel spreiten die Schwingen zum Flug
Und die Bäume . . . ist es ein Trug?
In Pracht und Schönheit stehn sie da
Mit halb in Dünsten verborgenem Stamme,
Die Bäume schon hell vom werdenden Licht;
Und tiefstes, tiefstes Schweigen
In Laub und Zweigen
Fern und nah,
Wie nun die erste rote Sonnenflamme
Blutfarben durch die Blätter bricht.

Geh leise, Wandrer . . . Schritt vor Schritt . . .
Stör nicht den Gottesfrieden hier . . . zertritt
Kein Blatt, kein Gras der grünen Au,
Bleib stehn . . . blick um dich . . . bete an!
Die Hügel glühn orange und blau,
Altären gleich - der Morgendienst begann . . .
Still! Alles . . . still! - Du Thau, sink nieder
Von Busch und Dorn;
Grüngoldne Gerste, flute hin und wieder;
Steig, Lerche, auf aus einem See von Korn
Und schmettre, frei von Qualen und Beschwerden,
Dein Lied ins Himmelsblau!

Und sieh! die weißen Birken tief im Thau
Hören den Morgen - "werden".


übersetzt von Otto Hauser (1876-1944)

Aus: Die niederländische Lyrik von 1875-1900
Eine Studie und Übersetzungen von Otto Hauser
Verlegt bei Baumert & Bonge in Großenhain 1901 (S. 172-173)

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Lied

Wie ein goldner Traum
Zwischen Busch und Baum
Hängt und glänzt ein letzter Strahl
Noch der Mondespracht,
Die für diese Nacht
Schon sich barg im Meeressaal.

Durch das Aug mir schwebt,
Durch die Seele bebt
So Erinnrung wunderbar.
Die ich liebte, starb,
Lust und Heil verdarb,
Doch dein Bild lebt immerdar,

Noch dem Schmerz so klar, wie der Lieb' es war,
Eine Muse goldhell überm Siegaltar,
Immerdar,
Immerdar
Mir im Herzen, mein Lieb, mir im Herzen!

übersetzt von Otto Hauser (1876-1944)

Aus: Die niederländische Lyrik von 1875-1900
Eine Studie und Übersetzungen von Otto Hauser
Verlegt bei Baumert & Bonge in Großenhain 1901 (S. 176)

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Ophelia

So wie im Mai ein frischer Mittagsregen,
- Indeß von Süden her die Frühlingssonne
Mit siebenfarbigem Glanz die Tropfen labt
Im Niederrauschen, - auf die Fluren regnet
Gleichwie von lauter Licht ein Wasserfall,
Und doch, und doch, o! so wehmütig ist,
So innig traurig wie das Angesicht
Der Jungfrau, die durch ihren Spitzenschleier
Am Hochzeitstag um frühre Liebe weint; -
So schritt die weiße Maid von Helsingör,
Wie eine Tote blaß, verweinter Augen,
Die starr ausblickten in den vagen Raum,
Und dennoch lächelnd und ein Liedchen summend
Durch den Lustgarten bis zum stillen Bach.

O Sonn' und Regen beide auf einmal,
O Lust und Leid in einem armen Herzen,
Vernunft und Wahn zugleich . . . O bittre Thränen
Und herbe Blässe, Zeugen eines Schmerzes,
Der selbst sich noch bewußt; doch bittrer Lachen,
Doch herber Liedchensummen, trübe Zeichen
Von Geistesstörung und von Seelenkrankheit . . .
Und immer lachend, immer singend, wie
Ein kleines Kind, das singt, weil ihm ein Liedchen,
So oft gehört und halb behalten, fast
Zufällig wieder durchs Gedächtnis singt,
So unter Buchen hoch, von deren Zweigen
Noch Morgenfrische träufte, schritt sie langsam,
Willenlos fort und fort, und brach und pflückte
Sich wilde Wiesenblumen - wie ein Kind.

Doch wo am Bachesrand das hohe Gras,
Von weißer Schirmchen feinem Schaum geschützt,
Wie kleine Wellen vor dem Westwind wogt,
Da blieb sie stehn und sang nicht weiter hier,
Und warf die Blumen eine nach der andern
Im Spiel hinab, und mit weitblauen Augen
Sah sie wie jeder Fall ins hellre Naß
Kreise erweckte, weit und weiter rieselnd
Bis unters Uferschilf. Doch ihre letzte,
Ein silberherzig Maßlieb ohne Duft,
Hielt sie nachdenklich an ihr Näschen erst,
Nahm dann das grüne Stielchen in den Mund,
Und seufzte tief, und legte an die Schläfen
Die kleinen Hände, summte wiederum
Ein Stückchen aus dem Lied, und dann - die Arme
Ausstreckend über sich so wie ein Kind,
Das mit dem Schlafe kämpft, starrte sie lang
Die Sonne an, die mit wie trübem Glanz
Aufs Wasser niederblickte aus dem Westen . . .
Da flog eine Libelle vor ihr auf,
Goldgrün von Leib, von Flügeln glänzendschwarz
Und lachend griff sie, furchtlos, nach dem Tier.
Dann löste sie ihr langes Goldgelock
Und schauerte . . .
Laut schlug sie auf das Wasser,
Das lang noch rauschte . . . Blasen fliegen auf
Tief aus dem Grund, indeß ein Fischlein, hie
Und da, erschreckt zum nahen Ufer schwamm.

Und still war's, laubstill rings! . . . Der Abend sank
In blauen Träumen; leise Dämmrung machte
Zu Schemen so die Formen aller Dinge,
Daß, fern verschwimmend wie in eines Traums
Halbdunkel, Baum und Berg und Haus und Turm
Bald selbst nur Träume schienen, nichts - nichts mehr!

Und langsam aus der graudurchwolkten Luft
Steckte ein schmaler Mond sein bleich Gesicht
Und weint' in langen blassen Silberstrahlen
Aufs weiße Kind, das, zwischen seinen Lippen
Das Maßlieb noch, dahintrieb auf der Flut,
Indeß die blonde Pracht des Haars ihr Köpfchen
Umwogte - goldner Aureole gleich . . .

übersetzt von Otto Hauser (1876-1944)

Aus: Die niederländische Lyrik von 1875-1900
Eine Studie und Übersetzungen von Otto Hauser
Verlegt bei Baumert & Bonge in Großenhain 1901 (S. 180-182)

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Sklavin der Liebe

"Du bist mein süßer Herr, mein König,
Befiehl und herrsche!" rief sie frei.
"Schau mir ins Aug', sein Schimmer sagt dir,
Daß ich in deinen Diensten sei.

Laß mich dir dienen, dir gehorchen
Mit Leib und Seel', - des Herzens Glut
In dich ergießen! Dich bezaubern
Als Sklavin, die zu Füßen ruht."

Da rasch den holden Leib umschlungen,
Schloß ich in meinen Arm dich fest,
Mein Mund, er hing an deinem Munde, . . .
Und Brust an Brust war'n wir gepreßt.

Und als die Seele schweigend, bebend,
Entkörpert schien vereint mit dir, . . .
Da drang, den engen Busen brechend,
Ein Seufzer aus dem Herzen mir.

"Du süßeste, du holde Wonne,
Mein Reich, mein Adel, Sklavin du!
Dir sprech' ich das Gesetz der Treue,
Als Sklaverei die Lieb' dir zu."

übersetzt von Taco H. de Beer (1838-1923)

Aus: Orient und Occident Eine Blütenlese aus den vorzüglichsten Gedichten
der Weltlitteratur in deutschen Übersetzungen
Nebst einem biographisch-kritischen Anhang
Herausgegeben von Julius Hart
Minden i. Westf. J. C. C. Brun's Verlag 1885 (S. 360)
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