Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Feliks Przysiecki (1883-1935)

(In der Übersetzung von Lorenz Scherlag)



Lied im Dunkel

Noch glänzt der Regen auf den Pflastersteinen,
Am Abendhimmel strahlt der Sterne Meer,
Der Bäume Rauschen tönt heut fast wie Weinen,
Und Fledermäuse schwirren scheu umher.

O, zieh dahin ins dunkle Reich der Bäume,
Laternen, Liebsten und der Sternenzier,
Die auf den Planken spielen bange Träume
Der Menschen, die so stadtverirrt gleich mir.

Vielleicht erlauscht du in der Stimmen Schnauben
Des Tages Inhalt und des Tages Schaum.
Denn trotz der Dämmrung kann ich es nicht glauben,
Daß alles Wahrheit ist, und nicht ein Traum.

Mir gab wohl Gott, in innigem Verstehen,
Mit seiner warmen Hand ein köstlich Gut,
Denn von erhaben leuchtendem Geschehen
Spricht deiner Küsse innig heiße Glut.

Als du in meinem Zimmer, angstbeschworen,
Die fliederweiße Brust verwehrt dem Blick,
Hast heimlich du im Bodenstaub verloren
Der Tränen seltnen Schatz, geweint im Glück.

Mein Herz, die Bäume, alle Sterne klingen,
Der Flieder dort am stillen Gartenplatz,
Die ganze Straße schallt vom großen Singen,
Der glückgeweinten Tränen seltnem Schatz.

übersetzt von Lorenz Scherlag (1881-1941)

Aus: Moderne polnische Lyrik
Eine Anthologie deutscher Übertragungen
Herausgegeben von Lorenz Scherlag
Amalthea Verlag Zürich Leipzig Wien 1923 (S. 152-153)
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