Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Rainis (1865-1929)

(In der Übersetzung vom Dichter)



Zur Nacht

Die Nachtigall singt schönen Sang
zur Nacht.
Das Glück geht seinen Gang
zur Nacht.

Wenn du dich sehnst, geh hin allein
zur Nacht,
dass niemand darum weiss, allein
die Nacht.
(S. 246)
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Dreifach duften alle Blüten

Dreifach duften alle Blüten
vierfach duften nur die gelben:
Duft der Süsse, Duft der Freude,
Duft der jungen Frühlingstage, -
welches ist der vierte Duft?
Duft der ungestandnen Liebe.
(S. 249)
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Liebe ist Duft

Liebe ist Duft,
lange hängt er im Haare -
wohl einen Tag.

Liebe ist Süsse,
lang auf den Lippen liegt sie -
wohl eine Stunde.

Liebe ist Wärme,
lange umfängt sie die Hände -
wohl einen Blick.

Liebe ist Gift,
lange im Herzen es herbergt -
eine Ewigkeit lang.
(S. 251)
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Dem Sonnenkinde

Liebe mich nicht,
meine Freude, mein Kind!
Sonne verbietet's
und Mond und Wind.
Wie Schnee im Frühling
dein Stern zerrinnt -
liebe mich nicht,
meine Freude, mein Kind!
(S. 252)
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Mit Wissen

Ich tue es mit Wissen, -
die rote Rose lass ich stehn,
den Duft nur halt ich im Verwehn,
die Schmerzen von des Dornes Rissen.

Vergeht die Rose in der Hand,
die Dornen stechen unverwandt, -
ich tue es mit Wissen.

Ich küsse dich ein einzigmal,
die lange Süsse würde schal, -
ich tue es mit Wissen.
(S. 253)
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Ich hab einen Blütenschleier

Ich hab einen Blütenschleier,
gestickt mit Sehnsucht und Traum, -
und Du?
Ich hab ein eisern Hemd
mit goldenem Saum.
(S. 254)
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Blüten sind Zeichen der Liebe und Lust

Blüten sind Zeichen der Liebe und Lust,
steckt wer eine Blüte sich an die Brust
und fühlt nicht Liebe und Güte,
der hat, was Liebe versprochen
gebrochen.
(S. 255)
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Dann wenn du lachst

Dann, wenn du lachst, -
dann fliesst der Bach durch grüne Wiesen murmelnd,
im Sonnenlichte Schmetterling flirren,
und süsse Ruhe lockt im Birkenschatten.

Dann, wenn du lachst, -
dann spielen Kinder sommerliche Reigen,
und Mützen fliegen, goldne Zöpfe schwirren,
und plötzlich schreiend flieht die frohe Schar.

Dann, wenn du lachst, -
dann sitzt der Greis im winterwarmen Winkel,
die Hände über Harfensaiten irren,
er hört die Bäche und die Kinder und sieht dich.
(S. 256)
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Sie nahmen mir den Glanz der jungen Tage

Sie nahmen mir den Glanz der jungen Tage, -
durch Dich
wägt späten Abglanz mir des Schicksals Wage.
(S. 257)
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Ich liebe Dich

Ich liebe Dich
wie die Welle den Strand,
wie die Blüte den Duft,
wie die Nacht den Mond,
wie der Herbst die Sonne.

Ich liebe Dich so
wie Worte Dein Ohr,
wie Strahlen Dein Auge
und wie der pulsende Schlag Dein Herz,
ich liebe Dich so.
(S. 258)
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Doch wenn ich stürbe -

Doch wenn ich stürbe -
tief in der Seele würdest du erbeben,
in Stücke rissest du dein eigen Leben,
für mich - du könntest alles, alles geben,
- ja, wenn ich stürbe.

Doch da ich hier bin und zu leben trachte,
nach deinem kleinsten Finger sehnend schmachte,
dass er mir Leben gebe - "Nein, nein, sachte!" -
nur -
wenn ich stürbe.
(S. 260)
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Wo fandest du, Mädchen

Wo fandest du, Mädchen,
das helle Wort:
"Sterne deine Augen,
Sonne du selbst?"

Brachst es als Blüte
in Himmelshöhn,
hobst es als Wasser
aus Seelentiefen?

Von deinem Worte
will ich leben
dies Sonnenalter
für andere Sterne.
(S. 261)
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Das fragende Mädchen

Sag, Freund, mein Freund,
wo nahmst du her so bunte Worte?
"Ich schaute lange ins Gewühl der Menschen."

Wo nahmst du her so glühe Worte?
"Ich schaute lange in der Sonne Gleissen."

Wo nahmst du her so grosse Worte?
"Ich schaute lange in des Meeres Ferne."

Mein Freund,
wo nahmst du her so stille Worte?
"Ich schaute lange in die eigene Seele."

Wo nahmst du her so liebe Worte?
"Ich schaute lang in deine lieben Augen."

Wo nahmst du her so tiefe Worte?
"Ich schaute lange in den Schoss des Todes."

Ach Freund, mein Freund, mein Freund!
(S. 262)
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Das liebe Licht

In Mondesnächten muss ich deiner denken,
wenn Märchen spinnen hinter Bett und Wand,
und Wehmut dunkel die Natur umspannt,
in deren Schmerzen meine sich versenken.

Der Worte schäm ich mich am lauten Tag,
tief berg ich, was du gabst in leisem Schenken:
die Liebe, die Unendliches vermag,

die ungebeten strahlt aus liebem Lichte,
dem Monde Glanz verleiht und dem Gedichte.
(S. 263)
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Deine Augen

Deine Augen sind nur Funken,
angefacht von kaltem Feuer, -
sieh, es spiegeln sich in ihnen
Sonne, Mond und alle Sterne,
Faihilla!

Deine Augen sind nur Tropfen,
hingetropft vom Lebenswasser, -
sieh, es spiegeln sich in ihnen
Morgenthau und Bach und Weltmeer,
Faihilla!

Deine Seele ist nur Atem,
eingehaucht von süsser Liebe,
sieh, und sie umfasst in sich
Sonne, Welten, All und mich,
Faihilla!
(S. 264)
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So viel von Glück ...

So viel von Glück mir ward in meinem Leben,
es kam von Frauen, auch die Schmerzen alle,
die sie mir brachten, haben Glück ergeben.

Einst betten sie zur Ruh mich, wenn ich falle,
wenn meine Glieder Erde werden müssen, -
sie löschen aus die Lichter nach dem Balle.

Die feinen Frauenhände werd ich küssen,
der Haare Duft, der Lippen zart Gebilde,
die Augen segnen mit den letzten Grüssen, -

sie führen einst mich durch die Sterngefilde.
(S. 265)
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Aus: Lettische Lyrik
Eine Anthologie
Übersetzt aus dem Lettischen
von Elfriede Eckardt-Skalberg
A. Gulbis Verlag Riga 1924
(Gedichte von Reinis sind vom Dichter selbst
ins Deutsche übertragen)

 

 


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