Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Christian Rimestad (1878-1943)

(In der Übersetzung von Otto Hauser)



Isabelle
Ein Frauenprofil

I.
Wo bist du nun? Erinnrung an dich saugt mir am Herzen.
Wem gibst du deine Stimme, die schwache, gebrochne, sag an?
Die Stimme mit dem Klang wie von tausend verlöschenden Kerzen,
Deine arme, gebrochne Stimme, die ich nimmer vergessen kann?

Wem gibst du deinen Mund und seinen bittersüßen Wein?
Deine spitze, dunkelrote, unermüdliche Zunge? . . .
Deiner Augen Lohn und Lüge und ihren stillen dunklen Schein?
Dein kleines trauriges Herze? - O ja, mein Herz war dein!

Deine Klage über das Leben blieb ohne Worte.
Du hörtest mich an, da ich von meinem Kummer sprach,
Wie alles so schwer war und meine Sehnsucht niederbrach,
Flüstertest todestraurig und müd nur die wenigen Worte:

"C'est triste . . . tout ça" . . . Du wardst so unnatürlich weiß,
Doch dunkler deine Augen und deine schönen Brauen . . .
Mir war, als konnt' ich in deines Wesens tiefe Leere schauen.
Aber du klagtest nicht . . . du lagst so warm und weiß . . .

Du lagst so warm und weiß . . . Dann aber plötzlich blitzt
Dein Auge auf und du flüsterst mit fast zornrauher Stimme:
"Ça m'embête . . ." und die großen, dichten Brauen ziehen
sich kraus im Grimme.
Diese Dämmerungsstunde sagte mir, wie stumm und tief du littst.

Isabelle! Isabelle! Wo bist du nun? . . . bist du nun?
Wem gibst du deine Stimme, die schwache, gebrochne, sag an?
Wem deinen zarten, schlanken Leib, an seinem zu ruhn?
Wem deinen todestraurigen Blick, den ich nimmer vergessen kann?
(S. 168-169)
_____



II.
Weißt du noch? Jener Nachmittag in den Wäldern von Mendon?
Sicher war's mitten im Mai. Die Schatten wurden so lang.
Weißt du noch? Ein Silbergrün, ein Schimmer von blassem Blau . . .
Und so schwer war dein Schweigen. Mir ward so seltsam bang.

Da über ein zitterndes Blatt glitt vergoldende Sonne hin.
Da kam aus einem geliebten Park eine Blutbuche mir in den Sinn.
Ihre Blätter waren im Herbste so dunkel wie deiner Lippen Blut . . .
Plötzlich kam von den saftvollen Stämmen die rote Glut.

"Kleine Freundin! weißt du, daß deine Lippen ebenso rot?
Rot im Schweigen wie das Blatt? Kleine Freundin, du lachst?
Ja, ich liebe dich, wenn du auch nimmer mich heiter machst.
Etwas tief Gutes ist in deinem Blick, das in meinen überloht."

"Menteu-eu-eu-r!" schriest du, küßtest mich und bissest dich ein dabei.
Dann schminktest du dich mit dem Tropfen, der aus der Lippe quoll,
Und sprangst auf den Rücken mir mit kurzem, ausgelassnem Schrei.
Weißt du den Ritt durch den einsamen Wald noch, atemlos, toll?

Die Sonne sank. Wir sollten heim nach Paris mit dem Boot.
Müde gingen wir beide, stumm, entgegen dem Abendrot.
Da kam aus einem alten Dichter ein Wort mir in den Sinn,
Sehr traurig und sehr wahr . . . Wie im Taumel schritt ich hin . . .

"Die Kurtisane hat keinen Herbst" . . . Arme, kleine Freundin, ja.
Noch einige kurze Jahre und dein Winter, der grimme,
der schwarze, ist da,
Dahin dein schauernder Lenz und eine Erinnerung nur
- In einem Leib, einer Seele - ist seine letzte schwindende Spur.

Im Boote heim nach Paris saß ich mit deiner kleinen Hand in meiner.
"P'tite chère . . ." Nichts andres konnt' ich sagen
und auch du fandst kein Wort.
Wir saßen beide und starrten in den Abend weit, weit fort . . .
O deine Hand! wie ein lebenswarm Vöglein lag sie in meiner.
(S. 170-171)
_____



III.
So kam es also, wie ich es kommen sah:
Jeder Tag macht dich noch mehr weiß.
Stumm und klaglos . . . einsam liegst du da,
Kleine brustkranke Blume - und draußen ist Schnee und Eis.

Könnt' ich doch kommen und streichen über dein Haar!
- In seinem Dunkel wardst du so unendlich weiß -
Du bist nicht mehr, wenn ich komme übers Jahr . . .

Wär' ich nun bei dir, wohl frügest du mich leis:
"O warum bist auch du geworden so weiß?
Verlorst du ein Leben? ist ein Lebenstraum dir entschwunden?"

- - Nimmer heilen wir eines des anderen Wunden,
Einsam beide für immer und immerdar . . .
O sei mein Leben so klaglos und still wie deines war!
(S. 172)
_____


übersetzt von Otto Hauser (1876-1944)

Aus: Die dänische Lyrik von 1872-1902
Eine Studie und Übersetzungen von Otto Hauser
Verlegt bei Baumert & Ronge in Großenhain 1904


 

 


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