Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik


 

Robert Southwell (1561-1595)
englischer Dichter


Das Joch der Minne

In vielen Herzen herrscht die Minne,
Und Niemand kennt sie doch;
Und Niemand glaubt, daß durch die Minne
Er trag' unwürd'ges Joch.

Durch sie erliegt Verstand dem Willen,
Vernunft dem Sinnensturm;
Sie beut Entzücken in der Schale
Und trägt im Kern den Wurm.

Sie hüllt die Schuld ins Kleid der Tugend,
Sie wäscht die Sünde rein;
Sie lädt mit Lust zum Weh, mit Küssen
Lädt sie zum Tod dich ein.

Wie Honig träuft's von ihren Lippen;
Hell strahlt durch's Antlitz hin
Der Schimmer eines reinen Herzens -
Und Nattern hausen drin.

Sie nähret Wunsch und Furcht - zu finden;
Läßt finden ohne Genuß;
Sie grollt so oft, daß selbst ihr Lächeln
Nur mehret den Verdruß.

Mit ihrer Flamme lockend, ziehet
Sie dich herum im Kreis;
Sie läßt dein Herz weitaus erglühen,
Und macht es drin zu Eis.

Sie läßt der Reize Köder spielen,
Fängt Thoren frei und frank;
Für jeden Gaumen, süß und sauer,
Mischt sie den Liebestrank.

Für Sanfte hat sie Sammt; für leichte
Fliegen ein Spinngeweb';
Sie rührt mit herber Flut und tröstet
Alsbald mit süßer Ebb'.

Ihr feuchtes Auge schimmert feurig,
Verschwor'n sind Flamm' und Flut,
Die Thrän' ist's Fünkchen, Schluchzen Zunder,
Und Seufzen facht die Glut.

Der Mai ist nicht der Mond der Minne -
Er ist so blüthenreich;
'S ist der April der wetterwend'sche,
Minn' ist an Schauern reich.

Ob als Tyrann sie graus'ge Wunden,
Als Arzt, dir Balsam bot -
Gleichviel, Balsam und Wunden wirken
Das Nämliche, den Tod.

Ihr Wort umkost die Seele, bis sie
In Knechtschaft untergeht;
Ihr Blick hat eine stumme Sprache,
Die jedes Auge versteht.

Ihr Bischen Süß hat Viel des Sauren,
Kurz Glück, unsterbliche Qual;
Ihr Schmeichelblick ist Todeswaffe,
Ihr Lied verzaubernder Schall.

Unzeitig ist, gleich Winterrosen
Und Sommereis, ihr Genuß;
Erst Hoffnung, Reue dann; erst Schönes,
Dann Häßliches zum Schluß.

Zorn, Launen, Eifersucht und Grillen,
Die bilden ihr Geleit;
Sie führt zur Ruhe sonder Frieden,
Zum Himmel voll Höllenleid.

Ihr Haus ist Trägheit, List die Pforte,
Hoffnung die schwanke Trepp',
Und Ehrendame Freie-Sitte
Trägt jedem Laster die Schlepp'.

Mit Kost, die lieblich ist, so lang du
Dran zehrst, hält sie dich aus;
Dann dringt das Gift zum Herzen, das sich
Verlocken ließ vom Schmauß.

Ihr Schlaf voll Schuld schlägt aus zum Zorne,
Die Reue läutet sie wach;
Der Tod klopft an, die Scham verstört sie,
Verzweiflung schleicht ihr nach.

Sä' nicht in Sand, pflüg' nicht im Meere,
Laß ab von eiteln Mühn!
Die Minn' ist Wahn; laß einer andern
Herrin dein Herz erglühn.
(S. 41-47)

Übersetzt von Otto Ludwig Heubner (1856)

Aus: Englische Dichter Eine Auswahl englischer Dichtungen
mit deutscher Übersetzung
von O. L. H ...r [Otto Ludwig Heubner]
Leipzig Verlag von Georg Wigand 1856

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