Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Samuel Taylor Coleridge (1772-1834)


Liebe

Gedanken, Leidenschaft, Entzücken,
Was immer auch bewegt das Blut,
Sind sämmtlich nur der Liebe Diener
Und nähren ihre heil'ge Gluth.

In meinen wachen Träumen leb' ich
Die sel'ge Stunde oftmals durch,
Wo mitten auf dem Bergespfade
Ich lag bei der bemoosten Burg.

Sich mit des Abends Licht vermischend,
Bestrahlt' uns sanft der Mondenschein;
Und sie war dort, die Heissgeliebte,
Die mir ganz eigen, völlig mein.

Sie lehnte sich, mir gegenüber,
Dort an das alte Ritterbild,
Und horchte dann auf meine Weisen,
Im Abendscheine, still und mild.

Sie hatte wenig eig'ne Sorgen -
Sie, meine Hoffnung, meine Lust,
Liebt' mich am meisten, wenn mein Singen
Mit Trauer füllte ihre Brust.

Ich spielte sanfte Trauerweisen,
Und sang' ein alt' und rührend' Lied,
Das gut zu jenen Trümmern stimmte,
Die Epheu rings und Moos umzieht.

Sie horcht mit wechselndem Erröthen
Und blickt bescheiden vor sich hin,
Sie wusste wohl, ihr in das Antlitz
Dabei zu sehn, trieb mich mein Sinn.

Ich sang ihr dann von jenem Ritter,
Auf dessen Schild ein Feuerbrand;
Und der einst warb zehn lange Jahre
Dort, um die Herrin von dem Land.

Ich sang ihr, wie er litt; - die Töne,
Mit denen ich des Andern Schmerz
Ihr schilderte - so tief, so klagend,
Erklärten ihr mein eig'nes Herz.

Sie horcht' mit fliegendem Erröthen
Und sah bescheiden vor sich hin,
Verzieh mir, dass mich, gar zu zärtlich,
Sie anzuschauen trieb mein Sinn.

Doch als ich sang, wie schwer Verachtung
Den kühnen Ritter fortgebannt,
Wie er die Berge überstiegen,
Bei Tag und Nacht nicht Ruhe fand;

Doch oftmals aus den wilden Schluchten
Im dunkeln Schatten viele Mal,
Und oftmals plötzlich ihm erscheinend
Im grünen und besonnten Thal,

Ihm in das trübe Antlitz schaute
Ein Engel wundervoll und licht;
Und dass er wusst', es sei ein Wesen
Von böser Art, der arme Wicht;

Und dass, nicht wissend, was er thue,
Er mitten unter eine Bande
Sich stürzte, und von Schmach errettet
Die Herrin von dem Lande.

Und wie sie weint und vor ihm kniete,
Wie sie vergebens ihn gepflegt,
Um die Verachtung mild zu sühnen,
Die seinen Wahnsinn aufgeregt.

Wie in der Höhle sie ihn wartet,
Und wie sein Toben sich gelegt,
Als er auf's gelbe Laub des Waldes,
Ein Sterbender, sich hingelegt.

Die letzten Worte - doch erreicht' ich
Das Zarteste im ganzen Sang,
Dann stört das Mitleid ihre Ruhe,
Denn zitternd war mein Ton und bang.

Und was das Herz nur und die Seele
Bewegt, durchschauerte sie auch,
Das Trauerlied, die Saitenklänge,
Des Abends balsamreicher Hauch:

Hoffnung und Furcht, die Hoffnung nähret,
Wie sich das unerkenntlich regt,
Und holde Wünsche, lang bezwungen,
Bezwungen und doch lang gepflegt. -

Sie weint aus Mitleid und Vergnügen,
Erröthete vor Lieb'  und Scham,
Und hauchte leise meinen Namen,
Den wie im Traum mein Ohr vernahm.

Ihr Busen wallt' - sie ging bei Seite,
Indess mein Blick auf ihr verweilt -
Dann ist sie plötzlich, schüchtern weinend,
Und zaghaft zu mir hingeeilt.

Sie schliesst mich halb in ihre Arme,
Umfasst mich, drückt mich an sich dicht,
Und lehnt zurück ihr Haupt, aufblickend,
Und schaut mir in das Angesicht.

Halb war es Furcht, halb war es Liebe
Und halb war es verschämte List,
Damit ich lieber fühl', als sähe,
Wie tief ihr Herz erschüttert ist.

Ich stillt' die Furcht, da ward sie ruhig,
Hat ihre Liebe stolz vertraut. -
Und so gewann ich die erkor'ne,
Die herrliche, die schöne Braut.
(S. 259-261)

Übersetzt von Oskar Ludwig Bernard Wolff (1799-1851)

Aus: England und Amerika Fünf Bücher englischer
und amerikanischer Gedichte
von den Anfängen bis auf die Gegenwart
In deutschen Übersetzungen
Chronologisch geordnet mit litterarhistorisch-kritischen
Notizen und einer Einleitung
von Julius Hart
Minden i. W. J. C. C. Brun's Verlag 1885
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