Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Wassilij Andrejewitsch Shukowski (1783-1852)

(In der Übersetzung von Karl Friedrich von der Borg)



Klara

In Sylversterabends Ruh'
Einst die Mägdlein rathen:
Werfen hinter's Thor den Schuh;
Wühlen Schnee mit Spaten;
Lauschen unter'm Fenster nun;
Streu'n dann auf die Erde
Wohlgezähltes Korn dem Huhn;
Schmelzen Wachs am Heerde;
In die Wasserschale flink
Werfen sie den goldnen Ring
Und die Ohrgehänge;
Decken weißes Leinen drauf,
Und darüber singt der Hauf
Leise Chorgesänge.

Düster blickt das Mondenlicht
Durch die Nebelhülle;
Klara keine Sylbe spricht,
Trauervoll und stille.
"Freundinn, wie so ernst und bang'?
Sprich doch nur ein Tönchen!
Hör' auf unsern Rundgesang!
Nimm den Ring, du Schönchen!
Sing', o singe: schmiede flink,
Goldschmied, einen goldnen Ring,
Goldnen Kranz für Klare!
Mit dem Ring zu schmücken mich,
Mit dem Kranz zu kränzen mich
Vor dem Traualtare!"

- Nimmermehr ich singen mag!
Fern ist ja mein Lieber!
Traurig schleicht mir jeder Tag,
Trüber stets und trüber!
Hin ist's Jahr - und keine Mähr'!
Hat mir nicht geschrieben!
Ach! mir ist das Leben leer
Ohne meinen Lieben!
Oder denkt er nicht an mich?
Ach, wo bist du, Trauter? sprich!
Wo ist deine Hütte?
Sieh, ich fleh' in stillem Schmerz:
Tröst', o Engel, du mein Herz!
Höre meine Bitte! -

Drauf bedeckt mit Leinewand
Ward' ein Tisch im Zimmer;
Auf dem Tisch ein Spiegel stand,
Hell im Kerzenschimmer;
Plätze steh'n für Zwei bereit. -
"Blick' hinein, o blicke!
Sonder Trug, zur Geisterzeit,
Klara, dein Geschicke
Auf des Spiegels Raum erscheint!
An die Thüre wird dein Freund
Klopfen lose, leise;
Sacht entriegelt sich die Thür,
Und er setzt sich hin zu dir,
Daß er mit dir speise!" -

Vor den Spiegel, ganz allein,
Nun sich Klara setzet,
Blickt in's helle Glas hinein,
Innerlich entsetzet.
Dunkel ist des Spiegels Raum,
Todtenstill das Zimmer,
Und es wirft die Kerze kaum
Zitternd bleichen Schimmer.
Und im Busen regt sich Grau'n;
Rückwärts wagt sie nicht zu schau'n,
Schier vor Furcht erblindend;
Und die Kerze knisternd blinkt,
Und die Grille zirpt und singt,
Mitternacht verkündend.

Klara sitzet athemlos,
Auf den Arm gelehnet. -
Horch! und an der Thüre Schloß
Leises Klopfen tönet.
Bang' zum Spiegel schaut sie hin:
Wunder! hinter'm Rücken
Hell und grell zwei Augen glüh'n,
Welche nach ihr blicken.
Schrecken hebt die Brust empor;
Plötzlich drauf vernimmt ihr Ohr
Linde, leise Töne:
"Sieh, der Himmel ist erweicht!
Deine Wünsche sind erreicht:
Ich bin bei dir, Schöne!"

Klara schaut sich um, - ihr Freund
Streckt nach ihr die Arme:
"Ewig sind wir nun vereint,
Liebchen, frei vom Harme!
Auf! der Pfaff', der Diakon
Harren, uns zu krönen;
Kerzenlichter glänzen schon,
Brautgesänge tönen!"
Klara blickt ihn zärtlich an,
Und sie geh'n durch Hofes Plan,
Durch des Thores Flügel.
Sieh! ein Schlitten harrt am Thor;
Rosse stampfen wild davor,
Knirschen in die Zügel.

Flugs hinein! - und vorwärts ging's,
Daß die Rosse schnoben,
Flocken von den Hufen rings
Ueber'n Schlitten stoben.
Alles öd' und unbewohnt,
Was die Blicke schauen!
Nebelkreise um den Mond;
Matt erhellt die Auen.
Ahnungsvoll das Herz ihr schlägt
Furchtbeengt die Jungfrau frägt:
"Wie so still, du Lieber?" -
Jener keine Sylbe spricht,
Schaut empor zum Mondenlicht,
Bleicher stets und trüber.

Ueber Hügel, durch den Schnee
Rasch die Rosse fliegen;
Und sie sieht auf öder Höh'
Eine Kirche liegen.
Stürme öffnen flugs die Thür:
Menschen dicht beisammen!
In dem Weihrauch bleichen schier
Dort der Kerzen Flammen.
Schau, ein schwarzer Sarg darin!
"Sink' in Grabesnacht dahin!"
Singt der Pfaff'; vorüber
Flieh'n die Rosse; höher steigt
Klarens Angst. - Der Traute schweigt
Trüber stets und trüber.

Rings Gestöber sich erhebt;
Flocken fallen brausend;
Oben hoch ein Rabe schwebt,
Schwingt die Flügel sausend:
Trauer prophezeit sein Schrei'n! -
Wild die Rosse stampfen,
Schau'n in's Dunkel starr hinein,
Und die Mähnen dampfen.
Sieh, ein Licht im Felde dort!
Eine Hütt' an ödem Ort
Sieht aus Schnee sie ragen;
Eilender die Rosse flieh'n,
Wühlen Schnee, - zur Hütte hin
Flücht'gen Laufes jagen.

Vor der Thür der Schlitten kam,
Und im Nu - ha sehet!
Rosse, Schlitten, Bräutigam,
Wie vom Sturm verwehet!
In dem Schneegestöber war
Nun in bangem Leide
Klara, ihres Freundes baar,
Auf der öden Haide.
Hinter ihr die Spur gebricht! -
Doch im Stübchen glänzt ein Licht:
Betend klopft die Waise,
Und sich kreuzend, an die Thür;
Horch! sie knarrt, sie wanket schier, -
Oeffnet dann sich leise.

Und mit weißem Lein umhüllt
Steht ein Sarg im Zimmer;
Ihm zu Füßen Christus Bild
Hell in Kerzenschimmer.
Ach! wohin hast dich verirrt?
Ach! zu wessen Hause?
Schrecklich ist der stumme Wirth
Dieser öden Klause!
Klara naht sich furchterfüllt,
Wirft in Staub sich vor dem Bild,
Vor dem Christ sich neigend;
Mit dem Kreuze in der Hand
Unter Heiligbildern stand
Sie im Winkel schweigend.

Alles still! die Stürme ruh'n;
Schwach die Kerze funkelt;
Bleichen Schimmer wirft sie nun,
Dann auf's Neu verdunkelt;
Alles öde, Alles schweigt,
Wie versenkt in Träume! ...
Horch, ein leichtes Rauschen schleicht
Durch die stillen Räume!
Und ein Täubchen silberweiß,
Hellen Auges, lind' und leis
Sich zu Klaren schwinget,
Setzt sich auf das bange Kind,
Und um ihre Finger lind
Seine Flügel schlinget.

Wieder still ward Alles dann ...
Ist es Täuschung, Klare!
Unter'm Tuch der todte Mann
Regt sich auf der Bahre!
Und es reißt die Hülle; ganz
Ist der Leib zu sehen:
Auf der düstern Stirn ein Kranz, -
Starr die Augen stehen.
Aus geschloßnem Mund ein Ach;
Auszustrecken allgemach
Sucht er seine Hände.
Und die Jungfrau - zagt und bebt,
Halbentseelt, - das Täubchen hebt
Sich empor behende.

Und es schwingt sein Flügelpaar, -
Auf die Brust der Leiche
Hüpft es; aller Kräfte baar
Stöhnet tief der bleiche,
Grause Todte; fürchterlich
Knirscht er mit den Zähnen,
Und sein Auge drehet sich
Funkelnd nach der Schönen.
Wieder bleich die Lippe ward;
In den Augen, fest erstarrt,
Tod sich sichtbar machte! -
Klara, Klara! - großer Gott!
Dein Geliebter - starr und todt!
Ach! - und sie erwachte.

Wo? - am Spiegel, ganz allein
Mitten in dem Zimmer;
Durch das Fenster hell herein
Blickt des Tages Schimmer.
Mit den Flügeln schlägt der Hahn,
Grüßt den Tag mit Sange;
Alles hell - im Traumes Wahn
Klara noch so bange!
"Welch ein Traum! wie bang' und schwer!
Böses prophezeiet er,
Bittres Mißgeschicke!
Du, der Zukunft stille Nacht!
Sprich, was ist mir zugedacht,
Elend oder Glücke?" -

Unter's Fenster saß sie hin,
Trauervoll und stille.
Schau! ein breiter Weg erschien
Durch die Nebelhülle;
Schnee erglänzt im Sonnenstrahl,
Lichten Dunst erregend ...
Horch! und eines Glöckleins Schall
Durch die öde Gegend!
Schneestaub steigt vom Wege auf;
Rosse flieh'n im Flügellauf
Dem Gefild' vorüber, -
Näher, - jetzt sind sie am Thor!
Stattlich steigt ein Gast empor, -
Wer? - ihr Treuer, Lieber!

Klara, Klara! sprich, der Traum -
Prophezeit' er Leiden?
Sieh, dein Freund! im fernen Raum
Blieb er treu den Eiden;
Noch sein Auge lieberfüllt,
Noch des Blickes Schöne;
Auf den Lippen, süß und mild,
Noch die holden Töne!
Oeffne dich, o Tempelthor!
Und zum Himmelslicht empor,
Treue Eide, schwebet!
Alt und Jung, herbei und trinkt!
Stoßt die Gläser an und singt:
Lange, lange lebet!

Lächle Du mit heitrem Sinn,
Holde, meinen Tönen!
Wenig Ordnung ist darin,
Viel der Wunderscenen.
Lacht mir Glücklichen dein Aug', -
Fort, ihr Ruhmeslichter!
Ruhm - so lehrt man uns - ist Rausch;
Welt - ein arger Richter!
Höre, was mein Lied gemeint;
Glaube - ist der beste Freund
In dem Lebensnachen!
Unsres Glückes Schöpfer spricht:
Unglück - ist ein Traumgesicht;
Glück - ist das Erwachen!

Meine Klara! fühle nie
Dieser Träume Schauer! ...
Himmelsvater, schirme sie!
Ach! nicht herbe Trauer,
Nicht ein Schatten kurzer Qual
Nahe ihrem Herzen!
Heiter, wie des Tages Strahl,
Ist ihr Sinn! - die Schmerzen
Mögen schnell vorüberflieh'n!
Wie der Bach im Wiesengrün
Glänzt mit mildem Schimmer,
Sey ihr Leben hell und klar!
Freude sey, wie sie es war,
Ihre Freundinn immer!
(S. 295-307)
_____


Übersetzt von Karl Friedrich von der Borg (1794-1848)
Aus: Poetische Erzeugnisse der Russen
Ein Versuch von Friedrich von der Borg
Erster Band
Riga und Dorpat 1823
In der Hartmannschen Buchhandlung


 

 


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