Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Hajo Albertus Spandaw (1777-1855)

(In der Übersetzung von Luise von Ploennies)



Der seligste Augenblick des Lebens

Tiefempfindender Mann und Vater
Im Besitz von Weib und Kind,
Dem durch jede Lebensader
Hochgefühl von Wonne rinnt,
Der, was Seel' und Sinn entzündet,
Alles was uns hier beglücket
Dankt der Liebe und Natur,
Sage mir, was dir im Leben
Reinste Seligkeit gegeben,
Zeig' mir jener Stunde Spur.

War's als dir im jungen Herzen
Glühte unbekannte Glut,
Als dir wallten sel'ge Schmerzen
Durch das jugendliche Blut?
Als du zogst um Wald und Auen
Lieb und Leiden zu vertrauen,
Und das Echo aufzusuchen?
Als des theuren Namens Klang
Bach und Wasserfall durchdrang,
Du ihn schnittest in die Buchen?

War es, als dir freundlich tagte
Süßer Hoffnung Morgenschein,
Als ein Blick der Jungfrau sagte:
Daß ihr Herz in Liebe dein;
Als du neben ihr gegangen
Sahst erglühen ihre Wangen,
Als sie floh, gesenkt das Haupt;
Du sie fandst im Schattengrunde,
Und von ihrem lieben Munde,
Halb geschenkten Kuß geraubt?

War's, als von der Lippe Beben
Ihr das süße Wörtchen floß,
Das der Wünsche höchstes Streben
In dem sel'gen Klang verschloß?
War's, als Hymen euch verbunden,
Als dein Arm beglückt umwunden
Deine Gattin sanft und hold?
Oder, als mit Herzensschlagen
Sie dir stammelnd kam zu sagen,
Daß sie Mutter werden soll'?

Ja, ich rufe mir im Herzen
Jugendliebe warm zurück,
Doch die Stunde höchster Schmerzen
Barg zugleich mein höchstes Glück.
Als sie rang mit Schmerz und Beben,
Vaterwonne mir zu geben,
Gottes herrlichstes Geschenk;
Dieser schönsten aller Stunden
Die mir Qual und Glück verbunden,
Bin ich ewig eingedenk.

Mann und Vater, dich verstehen
Kann ich, denn dies angstvoll Glück,
Diese Hoffnung, Furcht und Wehen
Ruf' auch ich mir jetzt zurück.
O, wer kann die Qualen nennen,
Die im Männerbusen brennen,
Wer die schmerzenvolle Lust,
Die zerrinnt in Glutakkorde,
Weil die Sprache keine Worte
Für das heil'ge Glück der Brust.

Bald will Hoffnung dich begrüßen,
Dein Gebet stieg himmelan,
Doch das kurze Glück zu büßen,
Faßt dich jetzt Verzweiflung an.
Horch! ein Ton dringt dir zu Ohren,
Gott! dort wird ein Mensch geboren.
Mann! dein Kind den Ton erhebt;
Jauchze! Klag' ist Lebenszeichen,
Angst und Bangen mußten weichen,
Jauchze! Kind und Mutter lebt!

Mann, dein Kind wird dir gegeben,
Fühle jetzt dich selber nur,
O, sein trüber Gruß an's Leben
Ist der Hymnus der Natur.
Ob die Tön' in's Herz dir sanken?
Ob du kannst der Gottheit danken,
Ob dein Wort den Schöpfer preist?
Nein, zu stark was dich durchwühlet,
Heil'ge Vaterwonne fühlet
Stumm nur dein entzückter Geist.

Dichter, die Ihr Ideale
Schildert in dem schönsten Licht,
Glühend vom Begeist'rungsstrahle
Diese Stunde malt Ihr nicht.
Jüngst ein Abgrund noch der Leiden,
Nun ein Himmel sel'ger Freuden.
Jüngst ein Weib in Weh' und Schmerz
Schon dem Tode preisgegeben,
Nun das schönste Bild im Leben
Schließt das Kind sie an ihr Herz.

O das Weinen von dem Kinde,
O des Auges Freudenstrahl!
Letzte Thräne fließt gelinde,
Denn es trinkt zum erstenmal.
O du hochbeglückter Vater,
Himmelsruh' in Seel' und Ader,
O du Wunder der Natur!
In der Seele Hochentzückung
Nach der tiefsten Qual Entrückung,
Zeigt euch diese Stunde nur.

Übersetzt von Luise von Ploennies (1803-1872)

Aus: Reise-Erinnerungen aus Belgien
Von Luise von Ploennies
Berlin Verlag von Dunker und Humblot 1845 (S. 131-135)

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