Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Lorenzo Stecchetti (1845-1916)
(Ps. von Olindo Guerrini)

(In der Übersetzung von Paul Heyse)



Es war im Winter, spät, allein wir Zwei
Am Feuer des Kamins, still und verlegen.
Wir sprachen, wie verliebte Schüler pflegen,
Vom Wetter nur und wurden roth dabei.

Sie beugte tief sich auf die Stickerei,
Zur Decke starrt' ich, ohne mich zu regen.
Doch sahn wir unser leisestes Bewegen,
Als ob geheftet Aug' in Auge sei.

Ich dachte: Nur ein Lächeln zu erlangen,
Würd' ich mein junges Herzblatt gern verschwenden
Und meines Geistes schönste Blütentriebe.

Da stand sie plötzlich auf mit bleichen Wangen,
Fuhr in die Locken mir mit beiden Händen
Und hauchte: Weißt du auch, daß ich dich liebe?
(S. 126)
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Nun endlich! Morgen wird sie kommen! Wie
Wird mir der Tag so tödtlich lang erscheinen!
Bei jedem Ton im Hausflur werd' ich meinen,
Nun schon herauf die Stufen husche sie.

Ja, sie wird kommen! Warum bebt mein Knie,
Als ging' ich noch zur Schule mit den Kleinen?
Wenn nur bis morgen Alles bleibt im Reinen,
Die Mutter nur nichts merkt! Sonst kommt sie nie.

Doch ruft mir Etwas zu im Herzensgrunde:
Sie kommt gewiß! - O süßer ist die Feier,
Je länger man geharrt der großen Stunde.

Im ersten Händedruck welch bebend Feuer!
Wie selig von dem süßverworrnen Munde
Die ersten scheuen Küsse unterm Schleier!
(S. 126-127)
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Mittelalter

Die Nacht war still und dunkel,
Im Schloß so Herr wie Diener schlief.
Im Thurm der blonde Page
Er weint' und seufzte tief.

"Ich Ärmster, daß zu hoch ich
Mein Aug' und Herz erhoben hab'!
Ich liebte die Königstochter,
Nun schmacht' ich in diesem Grab.

Ach, gönnte sie Eine Thräne,
Nur Einen Gedanken mir zum Lohn,
Die feuchte Gruft hier tauscht' ich
Mit keinem Königsthron."

Da schwebt herein ein Schatten,
In weißen Schleiern lichtumkränzt.
Erbebend ruft der Knabe:
Wer bist du, arm Gespenst?

"Ich bin nicht todt. Berühre
Mich dreist! Die Wache schläft zur Stund'.
Ich bin die Königstochter -
Komm, küsse mich auf den Mund!"
(S. 128-129)
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Wenn erst der Wald entlaubt wird von den Winden,
Gehst du zum Friedhof, Trauer im Gemüth,
Und wirst mein Grab in einem Winkel finden,
Von vielen dunklen Blumen überblüht.

Die ließ mein Herz erblühn; du sollst sie pflücken,
Dein schönes blondes Haar damit zu schmücken.

Die Lieder sind's, die ich nicht aufgeschrieben,
Die Liebesworte, die verschwiegen blieben.
(S. 129)
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Im weichen, feuchten Hauch des Windes schwammen
Die kräft'gen Düfte frischgepflügter Auen.
Den Hügel dort erstiegen wir zusammen,
Indeß die Grille zirpt' im Abendthauen.

Dein taubensanftes Aug' hattst du erhoben,
Wie im Gebet verstummt, zum Himmel droben.

Und ich, der las in deiner Seele Grunde,
Um dies Verstummen liebt' ich dich zur Stunde.
(S. 131)
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Heut Nacht die Stadt durchwandelnd in Gedanken,
Kehrt' ich zu meines Liebchens Fenster wieder,
Sah droben einen weißen Schatten schwanken
Und heimlich winken auf die Gasse nieder.

Kalt überlief mich's. "Kaum erst küsst' ich dich,
Und o, Geliebte, schon betrügst du mich!

Daß ich so schändlichen Verrath verdiene,
Was that ich dir?" . . . Da war es die Gardiene.
(S. 132)
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O Weißdornblüte, die im Schatten hier,
Du armes Blümchen, mußt verborgen stehen,
Wie meiner Liebe traurig geht es dir,
Wie meine Liebe blühst du ungesehen.
Kein Sonnenlächeln glänzt in dein Revier,
Und zwischen Dornen mußt du früh vergehen,
Wie ohn' ein Hoffnungslächeln welk und trübe
Auch meine Liebe stirbt - die arme Liebe!
(S. 132)
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Sie sprach: Nie bist du lustig, süßer Freund,
Nie kniest du, oder sprichst von heil'gen Sachen.
Sag, warum stets dein Blick so düster scheint,
So höhnisch klingt und schaurig kalt dein Lachen?

Und ich: Der Zweifel, Kind, der böse Feind,
Hat nie dein blondes Haupt erzittern machen.
Ich hab' ironisch lächelnd Viel verneint,
Seit ich zuerst den Zweifel fühlt' erwachen.

Sie sprach: So glaubst du nicht an Jesus Christ,
Und daß dir ein Schutzengel ward gegeben,
Und jede Hoffnung scheuchst du weg mit Spotte?

Und ich: Ich weiß, daß du mein Engel bist,
Mein Glaube, meine Hoffnung, liebstes Leben.
Sprich mir von Liebe, nicht vom lieben Gotte!
(S. 132-133)
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Ich sprach zum Herzen, meinem armen Herzen:
Warum dies bange Leid, dies trostlos trübe? -
Da sprach's: Der Liebe Tod soll ich verschmerzen.

Ich sprach zum Herzen: Mußt dich denn ergeben
Ins Hoffnungslose, wenn dir starb die Liebe. -
Da sprach's: Wer nicht mehr hofft, der kann nicht leben.
(S. 133)
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Maudit printemps, reviendras-tu toujours!
Beranger

Fluch dir, o Lenz, und deinem Heuchelglücke!
Im Winter durch die kahlen Linden immer
Sah ich am Fenster sie, allein im Zimmer,
Mit mir liebäugelnd über ihr Gestricke!

Uns mit den Augen küssend, heiße Blicke
Tauschten wir taglang bis zum Abendschimmer,
Unschuldig Spiel! Das Laub verwehrt' es nimmer -
Ach, daß die Zeit so eilt, ist reine Tücke.

Nun kehrt zurück die schadenfrohe Sonne
Und schmilzt den trauten Schnee, und eine süße
Mailuft umspielt das junge Laub voll Wonne.

Ein dichter Blätterschleier senkt sich nieder,
Grausames Astwerk raubt mir ihre Küsse -
Verwünschter Lenz! O, warum kamst du wieder!
(S. 133-134)
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Wir liebten uns, vom Sonnenschein umflossen
Im blauen Junimond, im blonden Feld;
Dort jene Eichen breiteten ihr Zelt,
Holde Bacchantin, über deine Possen.

Ins süßeste und frömmste Wort ergossen
Wir unsre Lieb', und was die prüde Welt
Ängstlich verbirgt, wir haben's unverstellt
Dem Flammenaug' des hellen Tags erschlossen.

Nun ward es Herbst; nun kehren wohl die Raben
In langem Schwarm zurück zu unserm Wald,
Den wir zusammen oft durchwandelt haben.

Ach, im October wieder rauh und kalt
Seh' ich die Blätter von der Eiche schweben:
Dein Lieben hatte nur ein Sommerleben!
(S. 134)
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Wir hatten diese Nacht ein Boot bestiegen
Und fuhren weltvergessen hin im Wind
Auf hoher See, in seligem Genügen
Uns sagend, was die Liebe nur ersinnt.

Von Wollustwonne fühlten wir uns wiegen
In Träume, wie das Herz sie gerne spinnt,
Indeß die Lippen länger nicht verschwiegen
Liebesgeheimnisse, die Sünde sind.

Da, wie vor einem Graungedanken, stocken
Die Worte plötzlich ihr. Das Haupt, das blonde,
Hebt sie von meiner Schulter jäh erschrocken.

Und seltsam fest den Blick hinausgespannt
In nächt'ge Weiten, nicht erhellt vom Monde:
Still! raunt sie; siehst du dort nicht Lissa's Strand?
(S. 134-135)
Rimini, Juli 1869
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Ich werde sterben. Denn schon naht beschwingt
Mein letztes Stündlein, da die Zeit verrann.
Die schwarze Grube, die mein Fleisch verschlingt,
Hat gähnend schon die Kiefern aufgethan.

Wenn Alles dann der Frühling wiederbringt -
Ich kehre nimmer. Mir zu Häupten dann
Aus meinem einst so stolzen Staube dringt
Bescheiden nur ans Licht der Majoran.

Komm, Liebste, dann, dein Treuer lädt dich ein,
Und pflückt auf meinem Hügel stillbewegt
Dein Lieblingskraut, entsprossen meinem Leben.

O gönn ihm einen Kuß, und mein Gebein,
Wie's lebend einst bei deinen Küssen pflegt',
Im Grabe noch wird es vor Liebe beben.
(S. 135)
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Si fractus illabatur orbis,
Impavidum ferient ruinae.
Horaz

Komm, o Nerina! Wiege dich
Auf meinen Knie'n mit Lachen.
Während im heißen Auge dir
Funken der Lust erwachen.

Komm, und den Hals umstricke mir
Fest mit den sanften Armen,
Daß mein Gesicht sich bergen mag
An deiner Brust, der warmen.

Mag aus der Erde Tiefen nun
Grause Vernichtung rauchen,
Himmel zerbersten und wiederum
Welten ins Chaos tauchen:

Sei's drum! Wenn auf die Lippen mir
Unter des Weltsturms Wettern
Süß du pressest den Rosenmund,
Trotz' ich dem Tod und den Göttern.
(S. 136)
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Ihr magern Prüden, die ihr euch entrüstet,
Zeigt seinen Hals ein schönes Kind einmal,
Ingrimm'ge alte Jungfern, schmalgebüstet,
Mit langen Zähnen, Lippen welk und fahl,

Schließt nur das Fenster, daß euch nicht gelüstet,
Im Mai zu schau'n in dieses Jammerthal,
Wo ihr die alte Unzucht sehen müßtet
Der Blumen, Falter, Liebenden zumal.

Schließt nur die Augen! Blumen stecken wieder
Die Mädchen auf den Hut. Zur Wiese kehrt
Das Gotteslamm, daß es sein Lämmlein finde.

Schließt nur dies strengverpönte Buch der Lieder,
Eh es auch euch die holden Reize lehrt
Des Mai's, der Sünderinnen und der Sünde.
(S. 136-137)
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übersetzt von Paul Heyse (1830-1914)

Aus: Paul Heyse Italienische Dichter in Übersetzungen
Lyriker und Volksgesang (darin: Italienisches Liederbuch)
Gesammelte Werke (Gesamtausgabe)
Reihe V Band 4
George Olms Verlag Hildesheim Zürich Neu York 1999
(Nachdruck der Ausgabe Berlin 1889)


 

 


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