Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik


 

Steingrimur Thorsteinsson (1831-1913)

(In der Übersetzung von Josef Calasanz Poestion 1853-1922)



Wunsch

Er
O wenn wir Sterne wären, du und ich,
Mit Liebesglanz am schönen, blauen Himmel,
Und du mit mir den Nachtweg durchs Gewimmel
Mit Silberschrittlein gingst - wie wonniglich!


Sie
Ja, selig wär' ich, so zu folgen dir!
Doch ist's genug mir schon, darf ich nur wandern
So treu dir nach, wie ein Stern folgt dem andern,
Den Pfad, der auf zum Himmel führt von hier.


Aus: Isländische Dichter der Neuzeit
in Charakteristiken und übersetzten Proben ihrer Dichtung
Mit einer Übersicht des Geisteslebens
auf Island seit der Reformation
von J. C. Poestion
Leipzig Verlag von Georg Heinrich Meyer 1897 (S. 454)
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Der Name

Du schriebst wohl meinen Namen
In weissen Meeressand;
Doch bald die Wogen kamen -
Und spurlos er verschwand.

Du ritztest auf der Insel
In Schnee und Eis ihn ein;
Da schwand er im Gerinnsel
Beim warmen Sonnenschein.

Und auch in eine Linde
Schnittst du ihn ein im Wald -
Treulosen Sinns; die Rinde
Verwuchs darauf gar bald.

Betrübt und traurig wein' ich;
Du kennst ihn nun nicht mehr;
An zu viel Orten, mein' ich,
Stand wohl geschrieben er.

An jedem bis auf einen:
Nur nicht im Herzen dein!
Ich aber schnitt den deinen
Allein ins Herz mir ein!


Aus: Isländische Dichter der Neuzeit
in Charakteristiken und übersetzten Proben ihrer Dichtung
Mit einer Übersicht des Geisteslebens
auf Island seit der Reformation
von J. C. Poestion
Leipzig Verlag von Georg Heinrich Meyer 1897 (S. 454-455)
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Die Schwäne

Wohin, ihr Schwäne, erhebt ihr
Ins helle Blau euch vom Strand?
Ich seh' es aus allem, ihr suchet
Ein fernes, unsichtbares Land.

"Wir sind deiner Unschuld Schwäne,
Wir bleiben nicht länger bei dir,
Wir ziehen mit klagenden Tönen
Für immer weit fort von hier!"

Und meine Blicke verfolgten
Ins blaue All euch lang';
Fort zogt ihr mit blitzenden Schwingen
Und bald verklang der Gesang . . .

Es klingt mir von eurem Gesange
Seither in die Seele hinein,
Als hört' ich aus himmlischer Ferne:
"Wir denken ja immer noch dein!"

Ihr zoget und kehret nie wieder
Mit dem ersehnten Gesang . . .
O, könnt' ich euch folgen, nachziehend
Dem leise verklingenden Klang!


Aus: Isländische Dichter der Neuzeit
in Charakteristiken und übersetzten Proben ihrer Dichtung
Mit einer Übersicht des Geisteslebens
auf Island seit der Reformation
von J. C. Poestion
Leipzig Verlag von Georg Heinrich Meyer 1897 (S. 455)
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Der Wasserfall und die Halde

Der Wasserfall braust nieder; in Katarakten schäumt
der breite Fluss zur Halde; die lächelt hold verträumt,
geziert mit der Ranunkel gelbgrünem Schmuck und fühlt
sich froh im Schutz des Felsen, den kalt der Fluss umspült.

Die Halde liegt gen Süden an einem stillen Ort;
sie ist geschützt vor Winden und bösen Stürmen dort.
Und Wasserfall und Halde liebäugeln Tag für Tag,
rauh-prächtig er, sie lieblich geschmückt, wie sie's vermag.

Sie passen, traun, zusammen, die beiden, das ist wahr;
der Fall hier und die Halde - just wie ein Ehepaar.
Sie ist ein Alfenmädchen und er ein Wassermann,
wenn auch dein Menschenauge sie nicht erkennen kann.

Und wenn der Sommerhimmel wie heut holdlächelnd blaut,
dann melden Lüfte, Blumen und Wellen leis und laut
von ihm dort in dem Falle, von ihr auf grüner Flur:
"Willkommen hier und bleibe, wenn auch ein Weilchen nur!"

Bescheint den Fall die Sonne mit Siebenfarbenpracht,
dann jubelt er sein altes verliebtes Lied mit Macht;
die Halde aber bietet im Sonnenschein dem Fluss
den blumenreichen Busen mit sanftem Liebesgruss.

Aus: Steingrimur Thorsteinsson
Ein isländischer Dichter und Kulturbringer
Mit sechzig übersetzten Proben seiner Lyrik
und seinem jüngsten Porträt
Eine Freundesgabe zum achtzigsten Geburtstage des Meisters von
J. C. Poestion 1912 München und Leipzig bei Georg Müller (S. 38-40)

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Hochzeitsgesang des Frühlings

Wenn dem Lenzhimmel blau
hold die Erde zur Schau
beut den Busen in frischgrüner Hülle:
strahlt der Morgen in Pracht,
ruht der Abendwind sacht,
birgt der Herzensgrund Freuden in Fülle.

O du selige Zeit,
wo Allmutter sich weiht
süsser Liebe, dass fruchtbar sie werde;
wo zum Hochzeitsgesang
sich vereinigt der Klang
aller Stimmen der Kinder der Erde!

Denn der Lichthimmel neigt
sich zur Holden und steigt
zu ihr nieder mit sehnendem Triebe.
Himmelsschauer durchdringt
Baum und Grashalm, umschlingt
heiss des Bräutigams Arm sie in Liebe.

Meer und Land jauchzt empor;
in gemeinsamem Chor
singt, was atmet und lebt, seine Lieder;
und vom Himmel, dem blau'n,
aus dem Goldgewölk tau'n
Freudenperlen auf's Brautpaar hernieder.

Abend und Morgen erglänzt
sonnenrosenbekränzt;
Ruh' ist lichtfrohen Tagen beschieden;
und dem Nachtigallsang
von dem Knöspchen, das sprang,
lauscht die lenzmilde Nacht dann in Frieden.

Liebe heischt Liebe zum Pfand,
schlingt um die Herzen ein Band,
wenn die Lenzvögel zwitschern und girren;
und im laubdunklen Hain
finden sich Liebende ein
bei des Abendsterns goldigem Flirren.

Lenz, so mild und so lind,
deine Huldspuren sind
Blumenpfade der Liebe - der reinen.
Freudentränen, o schau,
blinken hell wie dein Tau,
wenn zwei Wesen sich liebend vereinen.


Aus: Steingrimur Thorsteinsson
Ein isländischer Dichter und Kulturbringer
Mit sechzig übersetzten Proben seiner Lyrik
und seinem jüngsten Porträt
Eine Freundesgabe zum achtzigsten Geburtstage des Meisters von
J. C. Poestion 1912 München und Leipzig bei Georg Müller (S. 66-68)

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Waldvision

Im Frühling war's; es brach durch's Laub der Bäume,
als ich den Wald durchschritt, der Morgenstrahl;
es floh'n der Vöglein und der Rosen Träume,
der Blumen Sprühtau wob um Berg und Tal.

Es bot durch das Gezweig, das sich nicht regte,
dem Blick das silberblanke Meer sich dar,
wo keins der tausend Wimpel sich bewegte,
weil tief in Schlaf der Wind versunken war.

Der Vöglein Lieder lockten tiefer immer
auf kühlem Pfad mich in den Wald hinein,
bis mich auf engem Steig ein lichter Schimmer
zu einer Lichtung lud voll Sonnenschein.

Dort sollt' ein neues Bild mein Aug' entzücken:
ein runder Teich auf dunklem Waldesgrund;
es spiegelte der Flut krystallner Rücken
der Birken Grün, des Himmels klares Rund.

Und Wunder! Eine Mädchenblüte ruhte
bei einem Baum, die Hände leicht im Schoss,
in Weiss, ein blaues Band am gelben Hute,
in ihrer Unschuld Brust und Nacken bloss.

Vom Laub gedeckt, konnt' ich mein Aug' erquicken
an ihrer Schönheit, hold und wunderreich;
erschien ihr Spiegelbild doch meinen Blicken
der engelreinen Lenzesgöttin gleich.

Dort ruhend hob sie sanft zum Himmelsraume,
vom Lenz berauscht, das Auge tränenvoll,
indess ihr Frühlingslied vom Liebestraume
im Lebensmai aus tiefster Seele quoll.

Ihr Strahlenblick verriet, dass ihre Seele
sich kühn empor vom Erdenstaube schwang,
damit ihr Traum sich meinem Traum vermähle,
durchglüht von schwesterlichem Sehnsuchtsdrang.

O, könnt' der Teich noch lang am Glück sich weiden,
das aus des Mädchens süssem Anblick quillt!
Ich bat den Wind, er mög zu brechen meiden
den Flutkrystall mit ihrem Spiegelbild.

Und hinter'm Baum blickt' ich hervor mit Zagen;
es schlug mein Herz verliebt voll Sehnsuchtsleid;
ein freundlich Wort wollt' an die Maid ich wagen
und ihre reizende Befangenheit.

Auch meine Seele schwoll im Liebeslenze,
da Blütenflor aus jeder Knospe sprang;
was lebte, glomm in Wonnen ohne Grenze;
von tausend Stimmen scholl der Minne Sang.

O, dürft' zum Laubdach ich die Schritte lenken
und leicht berühren jener Huldin Kleid
und liebestrunken meinen Blick versenken
in's himmelblaue Aug' der süssen Maid!

O, dürft' das blonde Haar ich leise streicheln,
das Lockengold, mit leichtem Finger nur
und mir den Trost von ihren Lippen schmeicheln,
der zu dem Frieden stimmt der Lenznatur.

Wenn Liebe drängte, zögerte das Bangen . . .
Im Nu zerstob erträumtes Glücksgefühl.
Als durch das Waldesdunkel Stimmen drangen,
sprang jäh die Maid empor vom Rasenpfühl.

Im Schreck voll Anmut fand auf flücht'ger Sohle
der Hinde gleich sie Schutz im tiefsten Wald. -
Ich stand allein, verlassen vom Idole,
und fand die Welt, die grosse, leer und kalt.

Welch Leid hat Tränen fast entlockt mir Toren,
der ich mit Müh' nur ihren Lauf gehemmt?
Wie fühlt' Verlust ich, wo ich nichts verloren?
wie Liebe zu dem Wesen, das mir fremd?

So schritt betrübt ich fort im grünen Walde
und prüfte, zu erspähn, die mir entschwand,
jetzt Busch und Baum und Tal und Fels und Halde;
denn ach! mein Herz verzehrte Liebesbrand.

Doch nirgends fand ich sie, wohin der Liebe
so heisses Sehnen immer mich geführt;
auf ödem Steig nicht, nicht im Weltgetriebe,
den Pfeil nur fühlt' ich, der mein Herz gerührt.

Oft sah mich noch der Wald auf seinen Wegen,
oft sass ich lang im Birkensaal beim Teich;
doch trat mir nie die Schöne mehr entgegen;
sie floh für ewig wohl ins Schemenreich! -

Bezaubert Schönheit nur um zu verwunden?
Was soll's, dass sie so tief in's Herz sich gräbt?
Was soll's, dass ihr Geschöpf, das jäh entschwunden,
kaum dass ich's sah, nur im Gedächtniss lebt?

Du Waldteich hast der Reinheit Bild verloren,
das dir die holde Himmelsmaid verlieh;
doch hat es sich mein Herz zum Heim erkoren;
dort haftet 's nun und dort verblasst es nie.


Aus: Steingrimur Thorsteinsson
Ein isländischer Dichter und Kulturbringer
Mit sechzig übersetzten Proben seiner Lyrik
und seinem jüngsten Porträt
Eine Freundesgabe zum achtzigsten Geburtstage des Meisters von
J. C. Poestion 1912 München und Leipzig bei Georg Müller (S. 99-103)

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Der erste Liebestraum

Ein Leben, liebeswarm,
hat wie ein Tag voll Glanz
das Sonnengold im Arm,
im Haar den Sternenkranz -
und in dem jungen Sinn vereint sich Sehnen
und Lebenslust mit Seufzen und mit Tränen.

Es drängt den Bach im Tal
hinaus zum blauen Meer,
wenn er's vom Felsensaal
auch nie geschaut vorher -
so will jung Blut durch Blumenau'n auch schäumen
zum Liebesmeer und zwischen Hügeln träumen.

Die Brust in ihrer Glut
zerreisst ein jedes Band;
zum Herzen schwillt das Blut
wie Wogenschwall zum Strand;
wenn Mädchenaugen loh'n, das Herz versehren -
wer kann sich solcher Zaubermacht erwehren?

Ein Liebesblick, fürwahr,
hat oft verwundet mehr
als spitzer Pfeil sogar
und scharfgeschliffner Speer;
manch grössrer Held als ich fiel den Geschossen,
und Wunden gabs und Tränen sind geflossen.

Du, der ich Herz und Hand
und Liebe, Atem, Sein,
von Liebesmacht gebannt,
das Höchste schenk', was mein,
o Liebste, komm', wenn du's auch willst und gerne -
schon glänzt der Freya Stern im West dort ferne.

Der Quell nur murmelt sacht
am grünen Hang; es senkt
die sternenreiche Nacht
den milden Blick und lenkt
mit ihres Traumgespinstes goldnen Fädchen
zum Stelldichein den Jüngling und das Mädchen.

Drum komm, o Liebste mein,
wenn Ruh die Welt umfängt,
zum lichten Birkenhain,
wo sich die Schlucht verengt,
und schmieg dich an mein Herz, das dir entgegen
wird pochen stets mit seinen wärmsten Schlägen.

Zwei blauen Wellen gleich,
die je von Ost und West
der Wind im Wellenreich
zusammenströmen lässt -
so fliessen unsre Seele dann zusammen
im Wonnetraum, wenn unsre Küsse flammen.

Und dann: wie inniglich
der Liebe Sprache fliesst,
wenn Seel' zu Seele sich
in Worten erst ergiesst!
Gleich Blumen spriessen rasch ja auch die Worte
der Liebenden an unbelauschtem Orte.

Es ruht dann Hand in Hand
und Herz an Herz geschmiegt,
bis jäh der Sonne Brand
der scheuen Nacht obsiegt.
Gleich Meteoren, kaum erglüht, entschwunden,
sind auch verrauscht die wonnevollen Stunden.

Ein Leben, liebeswarm,
hat wie ein Tag voll Glanz
das Sonnengold im Arm,
im Haar den Sternenkranz.
Solch Glück braucht keinen Traum, der es ergänze;
der Sommervogel singt vom ewigen Lenze.


Aus: Steingrimur Thorsteinsson
Ein isländischer Dichter und Kulturbringer
Mit sechzig übersetzten Proben seiner Lyrik
und seinem jüngsten Porträt
Eine Freundesgabe zum achtzigsten Geburtstage des Meisters von
J. C. Poestion 1912 München und Leipzig bei Georg Müller (S. 103-106)

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Blaue Augen

Von allem Blau die schönste Pracht,
mein Lieb, aus deinen Augen lacht.
So blau ist selbst der Himmel nicht,
so blau ist kein Vergissmeinnicht.

Woher dies Blau, das jeden Mann
bestrickt mit süssen Zaubers Bann?
Von deiner Liebe, heiss und rein,
vom truglos treuen Herzen dein.

Aus: Steingrimur Thorsteinsson
Ein isländischer Dichter und Kulturbringer
Mit sechzig übersetzten Proben seiner Lyrik
und seinem jüngsten Porträt
Eine Freundesgabe zum achtzigsten Geburtstage des Meisters von
J. C. Poestion 1912 München und Leipzig bei Georg Müller (S. 106)

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Schwarze Augen

Wenn dich meine Arme fest umfangen,
schönste Maid, des Südens Töchtern gleich,
und an mir dann deine Augen hangen,
wie die Nacht so schwarz und träumereich,

fesselt meine trunkne Seele immer
ein aus Himmelsglanz und Erdenbrand,
Anmutsschatten, Liebesstern-Geflimmer,
Licht und Dunkelheit gewebtes Band.

Aus: Steingrimur Thorsteinsson
Ein isländischer Dichter und Kulturbringer
Mit sechzig übersetzten Proben seiner Lyrik
und seinem jüngsten Porträt
Eine Freundesgabe zum achtzigsten Geburtstage des Meisters von
J. C. Poestion 1912 München und Leipzig bei Georg Müller (S. 107)

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Des Mädchens Angesicht

Auf ihren Lippen, ihren Wangen
die wunderschönsten Rosen prangen,
und ihre Augen, blau und klar,
sie sind ein funkelnd Sternenpaar. -
Wie nah' doch ist der Rose Zier
dem Glanz des Sternenhimmels hier!
Es zeigt ihr Angesicht vereint,
was auf der Erde und am Himmel
uns als das Lieblichste erscheint.

Aus: Steingrimur Thorsteinsson
Ein isländischer Dichter und Kulturbringer
Mit sechzig übersetzten Proben seiner Lyrik
und seinem jüngsten Porträt
Eine Freundesgabe zum achtzigsten Geburtstage des Meisters von
J. C. Poestion 1912 München und Leipzig bei Georg Müller (S. 107)

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Liebe in der Ferne

So ferne bist, Liebster, im Lenz du von hier
und dennoch - wer hinderts auch? - bist du bei mir;
ich find' dich, kein Tal kann dich hehlen.
Ich fliege im Geist über Berghöhen fort,
folg leicht wie ein Schatten von Ort dir zu Ort,
wie Hulda* zu dir mich zu stehlen.

Oft find' ich am laubfrischen Bühl dich beim Bach;
du sinnest, die Hand an der Wange, still nach,
von lieblichen Blumen umlächelt.
Du siehst mich dann nicht, aber doch bin es ich,
die über den Herdenritt gleitet und dich
trautflüsternd im Lenzhauch umfächelt.


* Beliebter Name einer Elbin. Die Elben sind nur
ausnahmsweise dem menschlichen Auge sichtbar.

Aus: Steingrimur Thorsteinsson
Ein isländischer Dichter und Kulturbringer
Mit sechzig übersetzten Proben seiner Lyrik
und seinem jüngsten Porträt
Eine Freundesgabe zum achtzigsten Geburtstage des Meisters von
J. C. Poestion 1912 München und Leipzig bei Georg Müller (S. 108)

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Liebe in der Nähe

Was naht mir so lieblich, so traut und so licht,
wie morgens im Lenze die Sonne?
Mein Liebchen, du kommst mit dem lieben Gesicht,
in Anmut erstrahlend und Wonne.

Dein Blick ist der Aether, der Labung mir bringt,
dein Lächeln des Tageslichts Kosen,
dein Reden Gesang, den die Liebe mir singt,
die Küsse sind duftende Rosen.

Dein Nahen haucht Milde des Himmels zu mir,
umwebt mich mit wonnigem Glanze.
Wie flieh'n mir im Traume die Tage bei dir,
die Stunden im wirbelnden Tanze!

Und ist, dich zu schauen, das Glück mir so hold,
dann mein' ich und fühl' ich's tief innen,
dass heitre und gütige Nornen aus Gold
die Fäden des Lebens mir spinnen.

Aus: Steingrimur Thorsteinsson
Ein isländischer Dichter und Kulturbringer
Mit sechzig übersetzten Proben seiner Lyrik
und seinem jüngsten Porträt
Eine Freundesgabe zum achtzigsten Geburtstage des Meisters von
J. C. Poestion 1912 München und Leipzig bei Georg Müller (S. 108-109)

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Mögen die Engel dich schirmen!

Es mögen die Engel dich schirmen, mein Kind,
wenn deine Augen geschlossen sind;
sie mögen umschweben dein Bett ganz sacht
auf weissen Schwingen um Mitternacht.

Nein, nein, darauf ist nimmer zu bau'n;
dich kann man den Engeln nicht anvertrau'n.
Bist selbst ja ein Engel und könntest daher
den Engeln gefallen nur allzusehr.


Aus: Steingrimur Thorsteinsson
Ein isländischer Dichter und Kulturbringer
Mit sechzig übersetzten Proben seiner Lyrik
und seinem jüngsten Porträt
Eine Freundesgabe zum achtzigsten Geburtstage des Meisters von
J. C. Poestion 1912 München und Leipzig bei Georg Müller (S. 110)

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Abschied

Je duftiger die Rose, je schärfer sie auch sticht;
es fehlt im Schönheits-Eden die böse Natter nicht;
die goldigste der Wolken wird schauerschwer und grau;
der Wonnetraum, erwacht man, zerrinnt in Tränentau.

Das wusst' ich längst, nun fühl' ich's zu meinem eignen Leid:
betört hat mich dein Lächeln, du schöne, falsche Maid!
Ich geh' von dir und scheide mit tiefbetrübtem Sinn,
durch Schaden klug, doch zahl' ich zu teuer den Gewinn.

Nicht baut geborstner Himmel so schnell sich wieder auf;
wir beide lassen fürder dem Willen freien Lauf.
Dein Weg führt dich zu Menge, der meine ist für mich;
wir treffen uns nie wieder; die Pfade trennten sich.

Nicht schadenfroh, nein, traurig, seh' ich, was dir bestimmt,
welch' End' dein eitles Treiben im Weltentaumel nimmt.
Dein Gold wird Asche werden, dein Glück zu Staub verwehn,
dein Leichtsinn weinen, Unheil ein jeder Eidbruch sä'n.

Ich kann dich zwar nicht hassen, die ich geliebt so heiss;
doch wünscht' ich oft, wir hätten uns nie gesehen, Gott weiss!
Ich kann dich nimmer lieben, zu treulos war dein Tun;
doch immer wird dein Schatten auf meiner Seele ruhn.


Aus: Steingrimur Thorsteinsson
Ein isländischer Dichter und Kulturbringer
Mit sechzig übersetzten Proben seiner Lyrik
und seinem jüngsten Porträt
Eine Freundesgabe zum achtzigsten Geburtstage des Meisters von
J. C. Poestion 1912 München und Leipzig bei Georg Müller (S. 112-113)

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Eros mit der Wage

Ich hatte neulich, halberwacht,
ein seltsam Traumgesicht.
Gott Eros war's, der mir erschien,
umstrahlt von Glanz und Licht.

Gleichweit vom Erdenstaub entfernt
als wie dem Himmel nah',
stand jugendschön die Huldgestalt
auf goldner Wolke da.

Ich fand sie übermenschlich gross
und konnt' bald nicht genug
darüber wundern mich, dass sie
nicht Pfeil und Bogen trug.

Denn eine goldne Wage hielt
des Gottes rechte Hand;
der Glanz von ihm und ihr umfloss
den Himmel und das Land.

Die Linke barg zwei Bälle leicht;
es war - ich nahm's in Acht -
licht wie der Tag der eine, schwarz
der andre wie die Nacht.

Was sollten sie bedeuten wohl?
Ich wusste bald Bescheid:
der eine war der Liebe Glück,
der andre Liebesleid.

Da hob der Gott die Wage hoch
und gab im Sonnenlicht
in jede Schale einen Ball,
zu prüfen ihr Gewicht.

Es zeigte sich, dass jeder Ball
genau dasselbe wog,
da keiner mehr des Züngleins Schlag
auf seine Seite zog.

Da schwang als Falter, wunderbar
in Farben schillernd, sacht
herbei sich Psyche, Eros' Braut,
auf Flügeln bunter Pracht.

Und fröhlich sie den lichten Ball
zur Landung sich erkor.
Welch Wunder! - dieser sank sogleich,
der andere stieg empor.

Da lächelte der Gott vergnügt.
Doch sieh! sein Bild verschwand;
denn vor des Traumes Schauplatz schob
sich eine Wolkenwand.

Braut Eros', die du ihn beseelst,
kämpft Leid und Glück, so flieg'
zum lichten Balle und verhilf
der Seligkeit zum Sieg!


Aus: Steingrimur Thorsteinsson
Ein isländischer Dichter und Kulturbringer
Mit sechzig übersetzten Proben seiner Lyrik
und seinem jüngsten Porträt
Eine Freundesgabe zum achtzigsten Geburtstage des Meisters von
J. C. Poestion 1912 München und Leipzig bei Georg Müller (S. 113-115)

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