Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Viggo Stuckenberg (1863-1905)

(In der Übersetzung von Otto Hauser)



Von der Sonne versengt

Es war eines Abends,
Du kamst so jung und so rein,
Kamst so glücklich daher.
Die Schwalben zwitscherten hoch unterm Himmel,
Doch der sommernde Hain
Stand dunkel und schwer.

Beide meine Hände
Ergriffst du und küßtest mich dann
So zärtlich und lang
Und nahmst um das Haupt mich und sahst in meine Augen,
Sahst so leuchtend mich an
Und bebtest doch wie bang.

Da sanken deine Hände,
Und rot wie das Abendrot glüht,
Erglühte dein Gesicht,
Doch war deine Wange auch heiß, deine Augen
Sahn auf einmal so müd, -
Verloschen all ihr Licht.
Und die kleinen Schwalben,
Wir hörten ihr Zwitschern nicht mehr
Hoch im Abendrot, -
Da warfst du dich weinend über die Hecke,
Als stieße dich wer
In die bitterste Not.

Ich fragte, - vergeblich! -
Fragte und beugte mich sacht
Tief nieder auf dich
Und legte meine Hand auf deine schütternde Schulter
Und frug dich so sacht:
"O, was leidest du, sprich?!"

Da erhobst du das Haupt nur,
Deine Blicke doch taten mir kund:
Dein Glück war verheert,
Von all meinen winterlich welken Gedanken
War die Seele dir wund
Wie von Dolchen versehrt.

Ward in einer Sekunde
So beredt dir mein Aug, daß zu Eis
Dein Herz schon gefror?
Ach, wo war nun dein allesbezwingendes Lachen?
- Du seufzest nur leis,
Eh ich ganz dich verlor.
(S. 75-76)
_____



Es war in den dunklen Tagen . . .

Es war in den dunklen Tagen,
In der sonnenlosen Zeit,
Da ersann mein Sinn ein trauriges Lied,
Zu bannen all sein Leid.

Es war in den dunklen Tagen,
In der sonnenlosen Zeit, -
Nun birgt unter rosiger Narbe sich
Der Tage einsames Leid.

Und nun, - in all den Kräften
Welch Keimen und Drängen beginnt!
Die schönsten Blumen erblühen
Im sanften Sommerwind.

Denn zwei, die einander lieben,
Die können verwunden sich mehr,
Als alle die ärgsten Feinde
Auf der Erde ringsumher.

Und können hinwieder heilen
Jede Wunde, so schwer sie war,
Durch einen Blick in die Augen,
Ein Streicheln über das Haar.
(S. 78)
_____


übersetzt von Otto Hauser (1876-1944)

Aus: Die dänische Lyrik von 1872-1902
Eine Studie und Übersetzungen von Otto Hauser
Verlegt bei Baumert & Ronge in Großenhain 1904


 

 


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