Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

Thomas Carew (1594-1640)


Die Silberquelle

Hast, liebes Mädchen, frisch und jung,
Du jenen Mann geseh'n,
In heissem Durst nach Labetrunk
Zur kühlen Quelle geh'n?
Voll Sehnsucht bog er ihr sein Knie,
Und Göttin, Göttin nannt' er sie.

Und als sie seinen Durst gestillt
Mit ihrem süssen Trank,
Und neubelebt und krafterfüllt
Er ihr zu Füssen sank,
Da schlief er ein und ohne Dank
Trug ihn hinweg ein loser Gang.

O Mädchen, wie die Quelle rein,
Unschuldig, frisch und schön,
Ach, lass es nicht dein Schicksal sein,
Lass nie dir's also gehn,
Dass, wenn du Andere erfreust,
Du selbst dir Thränenquelle seist.
(S. 120)

Übersetzt von Johann Gottfried Herder (1744-1803)

Aus: England und Amerika Fünf Bücher englischer
und amerikanischer Gedichte
von den Anfängen bis auf die Gegenwart
In deutschen Übersetzungen
Chronologisch geordnet mit litterarhistorisch-kritischen
Notizen und einer Einleitung
von Julius Hart
Minden i. W. J. C. C. Brun's Verlag 1885
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Unsterbliche Liebe

Wer aus Wangen, rosig blüh'nd,
Oder sternengleichen Augen,
Aus Korallenlippen, glüh'nd,
Nahrung seiner Gluth will saugen,
Wird die Flamm' erlöschen sehen,
Wie sie mit der Zeit vergehen.

Doch ein sanft und fest Gemüth
Mildes Denken, ruhig Werben,
Herzen, gleich in Lieb' erglüht,
Zünden Feuer, die nie sterben.
Fehlen die, nicht werden taugen
Schöne Wangen, Lippen, Augen.
(S. 120-121)

Übersetzt von Daniel Sanders (1819-1897)

Aus: England und Amerika Fünf Bücher englischer
und amerikanischer Gedichte
von den Anfängen bis auf die Gegenwart
In deutschen Übersetzungen
Chronologisch geordnet mit litterarhistorisch-kritischen
Notizen und einer Einleitung
von Julius Hart
Minden i. W. J. C. C. Brun's Verlag 1885
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Lied

O, frag' nicht, wo, wenn Juni schied,
Die hingestorbne Rose blüht;
Die Hülle, drin die Blume ruht,
Ist deiner Schönheit Morgenglut.

O, frag' nicht, wo der Tag läßt hin
Die goldnen Sonnenstäubchen ziehn;
Der Himmel, rein aus Liebe zu Dir,
Warf Dir ins Haar die goldne Zier.

O, frag' nicht, wo wohl nach dem May
Die Nachtigall verborgen sei;
Sie wintert mit allem Liederschwarm
In Deiner Kehle süß und warm.

O, frag' nicht, wo die Sternlein wall'n,
Die in die Nacht herunterfall'n;
In Deinen Augen sitzen sie,
Sind Sonnen drin voll Harmonie.

O, frag' nicht, ob in Ost, in West,
Der Phönix baut sein würz'ges Nest;
Er fand bei Dir ein Flammengrab,
Das ihm Dein duft'ger Busen gab.
(S. 125-127)

Übersetzt von Otto Ludwig Heubner (1856)

Aus: Englische Dichter Eine Auswahl englischer Dichtungen
mit deutscher Übersetzung
von O. L. H ...r [Otto Ludwig Heubner]
Leipzig Verlag von Georg Wigand 1856

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Das Primelchen

Frage mich, warum ich bracht' dir dar
Diesen Erstling von dem jungen Jahr;
Frage mich, warum ich Dir geschenkt
Dieses Primelchen, mit Thau getränkt;
Will Dir's heimlich sagen, sollst es hören:
Liebeswonnen baden sich in Zähren.

Frage mich, warum dies Blümchen traut
Gelblich, grünlich und so kränklich schaut;
Frage mich, warum der Stiel so schwach
Und so biegsam ist und doch nicht brach;
Kunde geb' ich Dir vom tiefern Sinne:
Also bangt und zagt ein Herz in Minne.
(S. 127)

Übersetzt von Otto Ludwig Heubner (1856)

Aus: Englische Dichter Eine Auswahl englischer Dichtungen
mit deutscher Übersetzung
von O. L. H ...r [Otto Ludwig Heubner]
Leipzig Verlag von Georg Wigand 1856

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