Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Zacharias Topelius (1818-1898)

(In der Übersetzung von Hermann Paul)



Die Wonne

Stürme heulen. Weisse gewaltige Wogen
Schwellen hoch und glitzern im Sonnenstrahle.
O wie herrlich
Brausen deine Wellen, o Jugendlust!

Wonne! Trugbild! lange sucht' ich dich fruchtlos:
Bald in Frühlingswolken winkte dein Flügel,
Bald im Meere
Sah ich deinen flatternden Mantel fliehn.

Mit des Herzens ewiger Sehnsucht sucht' ich,
Doch dein Flügel verschwand im Winternebel.
Formlos, spurlos
Sankst du in die schäumende weisse Fluth.

Da kam ich mit alterndem Herzen wieder;
Dunkler Wolken Schatten drückte die Seele,
Sieh, da standst du
Neben mir. Dein Athem hauchte mich an.

Lächelnd wie der Frühling nach langem Winter
Wolltest du mich ewig am Herzen halten,
Hiessest bittend
Mich die Stirn zu neigen an deine Brust.

Wahrheit, Form und Namen gewann dein Wesen;
Kein blutloser Schatten lag mir im Arme;
Es zerflossen
Die Gebilde vor deiner Augen Glanz.

Jugend athmete ich an deinem Herzen;
Leben trank die Seele aus deinen Augen,
Als, o Wonne!
Du zum Weib geworden im Arm mir lagst.

Leise kräuselt der Wind des Sees Spiegel;
Auf die Blumen tropft der thauige Regen;
Licht und Duft und
Frische über des Lebens Qualm bringst du!
(S. 77-78)
_____



Mit zwanzig Jahren

Hoch braust die See, und die weissen Wogen
Durchziehn wie Schwäne die Meeresfläche;
Am Felsen wartet auf uns der Nachen,
Komm, Aramintha, wir lösen ihn!
Komm in den Arm, du mein herzig, braunes,
Dämonisch zauberhaft, schönes Mädchen,
Komm an mein Herz auf die Ruderbank,
Wir treiben kühn in die wilden Fluthen!

Du zitterst, schwankende Rosenknospe!
Entsetzen leuchtet dein dunkles Auge; -
Glaub' mir, ich lese durch das Entsetzen
Der Liebe brennende Heimlichkeit!
Wie Wölfe heult durch die Nacht der Sturmwind!
Er heult nach Raub, - er ruft nicht vergebens;

Wir wollen glühend, von Liebe trunken,
Im höchsten Wonnerausch untergehn.
Du süsse Wange, wie Schnee so duftig,
Umhaucht vom purpurnen Glanz der Sonne,
Du sollst nicht langsam vergehend welken
Vor matten Küssen im Myrthenhaine!
Du dunkles Auge, du Sternennacht,
Im lichten Nordschein der Liebe flammend,
Du sollst nicht leise erbleichend schwinden
In siechen Alters erloschner Gluth!
Lass Knaben seufzen, lass schwache Mädchen
Durch lange Jahre von Liebe lispeln,
Wir flammen auf, nur ein einzig Mal,
Verbrennen herrlich im Arm des Todes!

Jetzt, - Sahst den Schimmer du in der Wolke?
Das ist kein Sonnenstrahl, braunes Mädchen,
Das ist ein Blitz, der die Wolke küssend
Jäh niederfährt in des Meeres Schwall;
Die Woge bäumt sich zum Thurm gen Himmel; -
Streck' aus die Hand, wenn der Nachen aufsteigt,
Entreiss' dem Donn'rer den Blitz, und spielend
Zerschmettre ein liebesbeglücktes Paar!
Wir sind so stolz wie die Römergötter,
Dem Tode trotzen wir, dem Verderben;
Und majestätisch ein Meer in Aufruhr
Umgiebt als Rahmen den Glanz der Liebe.

Komm, Aramintha, du bebend Herze,
Du Rosenwange, jetzt schlug die Woge
Zum höchsten Herde des Blitzes auf;
Und Meer und Himmel vergehn in Eins.
Gewaltig, feierlich rollt der Donner,
Die alte Erde zerreisst in Stücke,
Die Tiefe lodert,
Die Höhe berstet,
Das Weltall stürzt sich in Trümmern nieder
Auf unsrer Liebe
Vermess'nen Jubel
Im Tode . . .
(S. 85-87)
_____



Der Kahn im See

Die hohen Wogen wandern
Im tiefen See;
Der weisse Schaum fliegt blitzend
Hoch in die Höh'.

Die kühlen Fluthen schaukeln
Den kleinen Kahn;
Bald fährt er in die Tiefe,
Bald himmelan.

Bald über lichte Wolken
Die Bahn er misst,
Wo klarer Sternenschimmer
Die Welle küsst,

Bald in die dunkle Tiefe
Reisst ihn der Strom,
Wo ihn Korallenriffe
Ringsum bedrohn.

So irrt er viele Jahre
Und mühet sich; -
Der See, er ist das Leben,
Der Kahn bin ich.

Die Woge ist die Liebe,
Die ewig ist;
Der Stern dein Auge, Liebchen,
Das sie noch küsst.
(S. 88-89)
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übersetzt von Hermann Paul (1846-1921)

Aus: Finnische Dichtungen
In's Deutsche übertragen von Hermann Paul
Helsingfors Theodor Sederholms Buchdruckerei 1866

(Anmerkung des Übersetzers: die vorliegenden Gedichte sind
aus dem Schwedischen übertragen)

 

 


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