Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik


 

Antonio de Trueba (1819-1889)

(In der Übersetzung von Johannes Fastenrath)


Braune Mädchen - blonde Mädchen

I.
Mädchen mit dem Schnee im Antlitz,
Mädchen mit den blonden Flechten,
Blumen sind sie, aber duftlos,
Blumen, aber nicht die ächten.

Ihr des Nordens eis'ge Söhne,
Mögt die Blonden ihr verehren:
Wie der Schnee auf Euren Sierras
Werden sie Euch Lust gewähren!

Aber wir hier in Kastilien
Nur die Braunen Wonne nennen,
Denn wir lieben nur die Seelen,
Die wie unsre Sonne brennen!

Braune Locken hatte Christus,
Braune hatte Magdalene,
Braune Locken schmückten sicher
Einst Kastilien's Jimene,

Einst Zulema von Granada,
Aragonien's Isabelle,
Sie, die in der Lieb' Annalen
Prangen ewig, leuchtendhelle!

Braune Mädchen, lieblichbraune,
Pflegt's in Spanien nur zu geben;
Braun ist sie, die ich anbete:
"Hoch, die Braunen sollen leben!"


II.
Also zu der Braunen Ruhme
Tönen spanische Gesänge,
Rufen an selbst die Geschichte:
Die verleugnet solche Klänge!

So in rabenschwarze Locken
Wandelt um Kastilien's Menge,
O Jesu, o Magdalena,
Eurer Locken Goldgepränge.

Bin denn nicht auch ich geboren
Hier in Spanien's Lustgezelte,
Wo die Liebe ist der Himmel
Und die Hölle ist die Kälte?

Aber nicht sind's braune Wangen,
Die ich von der Lieb' begehre:
Denn von Rosen und von Lilien
Ist die Wang', die ich verehre!

Jungfrau Du mit blauen Augen,
Die ich sah' in Thränen stehen,
Als vergoldete "der Todten
Sonne" vor dem Untergehen

Mit dem matten Strahl die Sierra:
Wohl in wehmutsvollem Sehnen
Weintest Du, und ich, ich liebe
Deine Lieb' und Deine Thränen!

Übersetzt von Johannes Fastenrath (1839-1908)

Aus: Hesperische Blüthen Lieder, Sprüche und Romanzen
von Dr. Johannes Fastenrath
Leipzig 1869 Verlag von Eduard Heinrich Mayer (S. 182-184)
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Der Geliebten Haus


I.
In dem schmucken weißen Häuschen,
Das ein Apfelbaum verbirgt
Und ein schatt'ger Kirschbaum heget,
Drinnen Philomele singt,
Fröhlich, wenn die Sonne aufgeht,
Traurig, wenn die Sonne sinkt;
In dem schmucken weißen Häuschen
Wohnte eines Tags mein Lieb,
Wohnte sie, das süße Mädchen,
Das mein Herz so heiß geliebt!
Aber jetzt wohnt sie im Himmel,
Denn sie war ein Engel licht,
Bei den Engeln sollt' sie weilen,
Bei den reinen: wer war ich!
Doch in diesem Ort zu wandeln
Ist noch Seligkeit für mich:
Denn ich freu' mich noch des Käfigs,
Ob das Vög'lein nicht mehr drin!


II.
Weißes Häuschen, weißes Häuschen,
Wo gewohnt einst hat mein Lieb,
O behüt' Dich Gott im Himmel
Stets vor Stürmen und vor Blitz!
Geb' der Apfelbaum Dir Schatten
Und der Kirschbaum Schutz und Schirm!
Nie vertrocknen mög' die Quelle,
Die im Juli Dich erfrischt!
Mögen Vögelein auf Deinem
Dache stimmen an ihr Lied,
Mögen Blumen Duft Dir spenden
Und der Epheu seine Zier!
Ich werd' kommen, wenn die Sonne
Aufgeht und die Sonne sinkt,
Und mit meinen Thränen werd' ich
Rings bewässern das Gefild,
Starr nach dem Balkone schauend,
Der verlassen jetzt und still;
Doch da sie einst hier verweilte,
Die das Pfand war meiner Lieb',
Ist noch meine Lust der Käfig,
Ob das Vög'lein nicht mehr drin!

Übersetzt von Johannes Fastenrath (1839-1908)

Aus: Hesperische Blüthen Lieder, Sprüche und Romanzen
von Dr. Johannes Fastenrath
Leipzig 1869 Verlag von Eduard Heinrich Mayer (S. 177-178)
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Eines Morgens in dem Maien

I.
Eines Morgens in dem Maien,
Eines Morgens in der Frische,
Trat ich ein in diese Thale,
Trat ich ein in die Gefilde,
Und es sangen hell die Vög'lein,
Und es dufteten die Lilien,
Und es waren klar die Quellen,
Und es strahlte blau der Himmel!
Da an einem Bach, der heller
Glänzte denn Venecia's Spiegel,
Eine kleine Hirtin fand ich,
Eine wunderschöne Hirtin.
Azurn waren ihre Augen,
Golden ihrer Locken Schimmer,
Ihre Wangen glichen Rosen,
Perlen ihre Zähne glichen.
Kaum erst zählt' sie fünfzehn Lenze;
Wonne war's sie zu erblicken,
Waschend sich die weißen Hände,
Strählend sich der Locken Ringlein.


II.
Hirtin meiner Augen, rief ich,
Von dem Anblick hingerissen,
Strählst so fein Dir Deine Locken,
Gott bewahre Dich so lieblich!
Schau', für Dich hier hab' ich Blumen,
Hab' gepflückt sie auf der Wiese:
Ohne sie bist schön Du, Mädchen,
Aber schöner noch mit ihnen! -
"Herr, nicht Blumen mag ich haben,
Sprach das Mägdlein, bin zufrieden,
Mit den Blumen, mit den Blüthen,
Die allein mir Gott beschieden." -
Wer denn sagte Dir: Du hättest
Blüthenschmuck und seist so lieblich? -
"Herr, das sagten mir die Hirten
Und die Quellen auf der Wiese."
So halb zürnend und halb lächelnd
Sprach zu mir die kleine Hirtin,
Waschend sich die weißen Hände,
Strählend sich der Locken Ringeln.


III.
Willst Du nicht die Blumen haben,
Kleine Hirtin, so komm mit mir
Dorthin, wo die Eichen stehen,
In dem Grünen laß uns sitzen:
Vieles will ich Dir erzählen,
Lauter liebliche Geschichten. -
"Das, Herr, thät' ich noch viel wen'ger,
Denn im Dorf der Pfarrer liebt es
Nicht, wenn mit den jungen Männern
Gehen Mägdlein in's Gefilde." -
Also sprach zu mir die Hirtin,
Aber mir wollt's nicht gelingen,
Sie mit Gründen zu bereden,
Mit Versprechen zu gewinnen.
Ohne Trost bin ich gegangen,
Ohne Trost von ihr geschieden,
Und ich weinte um das Mägdlein,
Das bei dem Bescheid verblieben
Und dem Rand des Baches nachging
Halb erzürnt und halb zufrieden,
Waschend sich die weißen Hände,
Strählend sich der Locken Ringeln.


IV.
Und ich ging durch jene Thale,
Und durch jene Fluren ging ich.
Ach, ich war so sterbenstraurig,
Und das Herz wollt' mir zerspringen,
Und ich haßte selbst die Blumen
Und die Quellen auf der Wiese!
Wieder kehrt' ich zu dem Bache,
Daß ich dort die Maid erblicke.
Hab' den Bach sogleich gefunden,
Doch die Jungfrau sah ich nimmer.
Wohl ist Tag auf Tag verflossen,
Woch' auf Woche ist verstrichen,
Doch kein Tag verging, nicht einer,
Da ich nicht zum Bach geschritten.
Aber nimmer, nimmer schaut' ich
Dort die kleine Hirtin wieder,
Waschend sich die weißen Hände,
Strählend sich der Locken Ringeln.

Übersetzt von Johannes Fastenrath (1839-1908)

Aus: Hesperische Blüthen Lieder, Sprüche und Romanzen
von Dr. Johannes Fastenrath
Leipzig 1869 Verlag von Eduard Heinrich Mayer (S. 178-182)
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Mein geliebtes braunes Mädchen

Mein geliebtes braunes Mädchen,
O wie wonnig ist's, im Dunkeln
Ruhn an Deiner holden Seite,
Ruhn an Deinem weißen Busen!
Wie wär's herrlich erst am Pole,
Leben dort mit einer schmucken
Maid, wo's nicht allein am Abend,
Wo's ein halbes Jahr lang dunkelt!
Auf zum Pol, mein braunes Mädchen! -
Nein, was sag' ich? Gut ist unser
Spanien: dort sind Eis die Mädchen,
Aber hier, hier sind sie Gluthen,
Heiße Kohlen hier und Flammen,
Hier, hier sind die Mädchen Pulver,
Hier genügt schon zu entzünden
Ihrer Augen nur ein Funken!

Übersetzt von Johannes Fastenrath (1839-1908)

Aus: Hesperische Blüthen Lieder, Sprüche und Romanzen
von Dr. Johannes Fastenrath
Leipzig 1869 Verlag von Eduard Heinrich Mayer (S. 184-185)
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Das Lied von der Liebe

I.
O Du schönes, schönes Mädchen,
Wenn Du Deine Schläfe neigst
Auf das weiße Kissen, was mag
Dann Dir träumen, Mägdelein?
Träumet Dir denn nicht: Du streifest
Wohl durch einen Blüthenhain,
Ein unendlich Schmachten hülle
Deine schöne Stirne ein,
Wärst voll Unruh um ein Sehnen,
Das Du selbst noch nicht begreifst?
Träumet Dir dann nicht: zu Füßen
Stürze plötzlich Dir, o Maid,
Demuthsvoll ein Jüngling, und er
Spricht: bei seinem Worte gleich
Röthen sich die bleichen Wangen,
Schwelgt Dein Herz in Seligkeit?
Träumt Dir nicht: wenn dann des Tages
Licht erloschen, gingt Ihr Zwei
Durch den Rosenhain und tauschtet
Schwüre aus beim Sternenschein?
Siehst Du nicht: im Tanze plötzlich
Stehen still der Mädchen Reih'n,
Voller Neid und voll Begierde,
Zeugen Eures Glücks zu sein?
Doch träumst Du von allem diesem
Nichts, gar Nichts, dann Mägdelein
Hast Du keines Weibes Seele
Und ein Herz nicht wie ein Weib!


II.
O Du schönes, schönes Mädchen,
Weißt Du nicht, o Mägdelein,
Daß die Einheit zweier Seelen
Schließet alle Güter ein?
Denn wenn eine tiefe Liebe
Ein Herz mit dem andern eint,
Dann wird jeder Dorn zur Blume,
Und das Auge, das da weint,
Weint vor Freude nur: die Erde
Wird zu Edens Seligkeit!
Sehnst Du Dich nicht auch nach einer
Seele, drin Du allezeit
Kannst die Deine jauchzend schauen,
In dem Spiegel treu und rein?
Sehnst Du Dich nach keiner Seele,
Die für Flittergoldesschein
Achtet Gold und Pracht und Ehre,
Freiheit selbst und Lorbeerreis,
Mädchen, gegen Deine Treue,
Gegen Deiner Liebe Preis?
Doch ersehnst Du Nichts von diesem,
Dann bei meinem Spruch ich bleib':
Du hast keines Weibes Seele,
Hast ein Herz nicht wie ein Weib!


III.
O Du schönes, schönes Mädchen:
Bricht das Alter einst herein,
Das von Deinem Antlitz stehlen
Wird den schönen Rosenschein,
Dann, dann kommen wohl die Tage
Voller Schmerzen, voller Pein.
Denkst Du nicht: in jenen trüben
Stunden müsse süß es sein,
Schaust Du auf dem Krankenlager
Kinder Dir sich liebend weihn?
Denkst Du nicht: wenn Du die Erde
Läßt, es müsse lieblich sein,
Einen hier zurückzulassen,
Der noch liebend denket Dein,
Die Cypresse netzt mit Thränen,
Die beschattet Dein Gebein?
Denkst Du nicht: Gott müss' ein gnädig
Ohr der Kinder Bitte leihn?
Denn die heiligste der Bitten,
Ein Gebet gebenedeit
Ist die Bitte, die ein Kind der
Seele seiner Mutter weiht!
Aber denkst Du Nichts von diesem,
Dann bei meinem Spruch ich bleib':
Du hast keines Weibes Seele,
Hast ein Herz nicht wie ein Weib!

Übersetzt von Johannes Fastenrath (1839-1908)

Aus: Hesperische Blüthen Lieder, Sprüche und Romanzen
von Dr. Johannes Fastenrath
Leipzig 1869 Verlag von Eduard Heinrich Mayer (S. 185-188)
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