Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Albert Verwey (1865-1937)

(In der Übersetzung von Stefan George)



Sonette: Von der Liebe
die Freundschaft heisst


I.
Licht meiner seele! ich sah dich stets von fern
Und wusste dass du endlich kämest· laute
Die ich vorher noch keinem anvertraute
Gehn aus wie bleiche flammen - einen stern

Im blau doch einen hellern lieblichern
Seh ich in locken ruhen dein gesicht.
Geheimnis vielen leids· doch hassens nicht
Träumt dir im blick· ich sah es stets von fern.

Ich will dich sehn mein licht· so sieh du mich:
In einem hauch von glut wodurch jed wort
Flammt von den lippen und zusammengleitet

Mit anderen in lichter einigkeit -
Und jeder träumt in einer glorie fort
Und andre glorie geht uns still vorbei.
(S. 73)
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VII.
Mein gott ist beides: glut und dunkelheit·
Schön anzusehen ein wunder zu verstehen·
Wie ER ist keiner - doch wenn ich dich sehe
Wähn ich dass du ER selbst auf erden seist.

So hab ich meine seele dir geweiht
Auf dass in deinen gluten sie vergehe·
Sich sanft verzehre ohne lautes wehe·
Froh solcher liebe und solcher einigkeit·

Wie wenn zwei flammen spielen in der nacht
Eine die andre suchend bleicher glühe
Und schneller zittre in der anderen glanz·

Bis beide in der luft aufflammend ganz
Vereinigt beben - dann bis in die frühe
Brennt eine grosse flamme in stiller pracht.
(S. 74)
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Nacht in der Alhambra

Der Dichter:
Wo ist das plätschern wo das flimmern
Damit mein strahl die sonne traf?
Zu tiefst und reinst ist dunkles wasser
In seinem unterirdischen schlaf.
Die hohen gäste sind vorüber -
Der schatten legt sich langsam über
Und in dem hohen blanken saal
Ist durch die schlanken marmorgossen
Das lezte wasser weggeflossen
In strömen windungsreich und schmal.
Und - ist es flüstern· ist es weinen?
Sie rauschen· murmeln in den steinen
In worten dünn und ohne wahl.

Doch stumm sind der fontäne löwen
Mit blöden leeren rachen gähnend
Wasserlos -
Und dunkel wird es in dem hofe
Der abendhimmel scheint von oben
Und die gestirne schimmern schon.

Doch durch die tür wo vor dem düster
Bei weiher und bei taxushag
Akazien schaukeln· steigt geflüster
Als trüber gruss als fremde frag . .


Die Stimme der Alhambra:
Ich grüsse dich· fremdling· sind die tage
Verschwunden wo du durch weiten flogst?
Bekamst du schätze auf deine frage?
Fühltest du nicht was du dir entzogst?


Der Dichter:
Horch! durch die nacht ein leises schweben
Von ferne der trübsinnige klang
Der saite wo das zarte beben
Des jungen minners aufwärts drang.


Der Minner:
Neige dich· liebste
Mit mondscheinarmen
Sie mögen mir armem
Tröstend sein!

Zeig vor dem fenster
Dein haupt als Selene -
Wie sie· o mein sehnen·
Nacht tag lässt sein!

Häng aus dem fenster
Die hand als Aurora!
Sie soll· o Lenora·
Mein frührot sein.


Der Dichter:
's ist still! der schall der jungen liebe
Steigt kühn und sinkt verschüchtert hin -
Was je mich grämte im erdgetriebe
War solcher freuden anbeginn:
Die liebe die beginnt mit geben·
Der traum dem andre göttlich sind·
Das herz das arm da steht mit beben
Vorm schönen - eigner schönheit kind.
Begierde· von den dingen sehend
Nur was sie selber nicht berührt -
Freimächtiger der als bettler gehend
Ein trüb und freudlos leben führt.


Der Minner:
Eros· du herrlicher!
Wer· o begehrlicher
Kennt dich wie wir?
Wir sind wir selber nicht·
Alles was uns gebricht
Liebend gleich dir.

Schönheit die unser nicht·
Liebe die abhold spricht
Huldigen wir.
Schönheit füll uns!
Liebe hüll uns!
Nackt und ledig stehn wir hier.

Sein ist verändern:
Mach uns zu andern
Dass so wir seien!
Uns ist das werben süss·
Uns auch das sterben süss·
Wär je das darben süss
An liebe und pein.


Der Dichter:
Sein sang klingt kühn· In meinen erdentagen
Sang ich ihn auch - nichts konnte mir behagen
Als was mich lockte mit langwierigen plagen
Und was mir schmeichelte mit kurzem glücke.
Wo ist das eine das allzeit entzücke?
Das mehr nicht als die erdendinge meinend
Von aussen ihnen gleich an werte scheinend
Doch innen irdisches mit ewigem einend -
Ein SCHOEN das unvergänglich ist . .
Sprich· stimme die du hier verborgen bist!


Die Stimme:
Such nicht· sterbling· in gedanken
Kalt und abgestreift
Was im leben euch wird tagen
Wenn ihr klüger seid und reift!
Warte nur zu diesem morgen!
Doch nicht fruchtlos sollst du sorgen.
Dir nun geb ich dies symbol:
Sieh aus steinen
Sich vereinen
Dieses fürsten-kapitol:
Auf den schroffen
Stehn und trotzen
Türme mehr als felsenfest·
Irdische heere
Zückten speere
Nie auf stilleres räubernest.
Mag ein schloss im erdentreiben
Stehn das mehr der erde war:
Keins trägt so vermooste zinnen·
Reisig über todsgefahr.
Mit den bäumen den gewässern
Die da brausen die da plätschern
Talwärts hin und auf den höhn·
Durch ihr dämmern ihre schwüle
Wehet kühle
Wie kein erdengarten schön . .
Doch tritt jezt in die frohen säle
Die mit feineren farben malen
Als das licht den edelstein!
Sieh das spitzenwerk der bögen·
Sieh das webwerk an den rahmen
Wie um frauenglieder fein!
Sind es fische oder vögel?
Eckenbilder oder kegel -
Was soll diese zeichnung sein?
Tier und wasser erde luft·
Flut von wasser licht und duft·
Was die schlanken linien schwellt·
Formen kommen und verschwinden -
Irdisches dem Ewigen gesellt·
Siehe Jusuf weiser kunst voll·
Freund des Allah· grosser gunst voll
Dessen lob der stein anstimmt -
Liess das vielgestaltige dauern
In dem linienspiel der mauern:
EINS das nie ein ende nimmt . .


Der Dichter:
Die stimme sprachs. Kein zeichen bildet klarer
Als dieser bau was geht was ewig webt.
Der meister ist sein eigner offenbarer
Und auch zugleich von allem was da lebt.
Der künstler tut die tat die das Viel-Eine
Durchdringe und zu einem sein vereine
Das irdisch und doch unvergänglich scheine.


Der Minner:
Leb wohl! der morgen macht den himmel gelb -
Leb wohl mein lieb· die nachtigall
Hört auf - das feld wird fahl.
Die nacht hat ganz ihr teil.
Leb wohl! die sonne
Scheint von der Alhambra krone.
Die leiter am balkone
Erwartet schon den fuss.
Der garten duftet warm betaut.

Leb wohl! der himmel blaut!
Leb wohl! nochmals ein kuss!
Ich fühl um mich die arme dein.
So bleib ich diesen langen tag allein -
Dann komm ich wieder· süsse lust!
Wenn abend duftig graut.
(S. 81-88)
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übersetzt von Stefan George (1868-1933)

Aus: Zeitgenoessische Dichter
Übertragen von Stefan George
Erster Band: Rossetti / Swinburne  / Dowson / Jacobsen /
Kloos / Verwey / Verhaern
Georg Bondi Berlin 1905


 

 


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