Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


William Cowper (1731-1800)


An Marie

Nun sind es zwanzig Jahre schon,
Seit uns'rem Himmel Wolken droh'n;
O, wäre dies das letzte schon,
Marie!

O Gott, du bist so krank, so schwach,
Ich seh' dich matter jeden Tag;
Mein Härmen war es, das dich brach,
Marie!

Die Nadeln, einst so blank und rein,
Rastlos bewegt, mich zu erfreun,
Sie rosten glanzlos nun im Schrein,
Marie!

O, freudig noch dieselbe Pflicht
Vollzögst du, Lächeln im Gesicht;
Doch trüb ist deiner Augen Licht,
Marie!

Gleichviel! du gingst mir treu zur Hand
Und deiner Fäden magisch Band
Hat mir das Herze fest umspannt,
Marie!

Leis' jetzt und lallend ist dein Wort;
Doch, wie ein rührender Accord,
Entzückt sein Ton mich fort und fort,
Marie!

Deine Silberhaar', einst dunkelbraun,
Ich mag sie gern und lieber schaun,
Als gold'nen Strahl des Morgens, traun,
Marie!

Denn säh' ich weder sie noch dich,
Welch' and're Schau erfreute mich?
Umsonst erhöb' die Sonne sich,
Marie!

Auch deine Hand ist nun erschlafft;
Doch liegend in der meinen Haft,
Zu sanftem Druck noch hat sie Kraft,
Marie!

Zu schwach, einher zu gehn allein,
Wirst du durch's Haus geführt von Zwei'n,
Doch ohne Lieb' kannst du nicht sein,
Marie!

Und lieben trotz des Unglücks Dräun,
Und alt sein, ohne kalt zu sein,
Das ist bei mir noch lieblich sein,
Marie!

Doch, ach, wenn das mich auch erfreut:
Ich weiss, dass meine Traurigkeit
Dein Lächeln oft verkehrt in Leid,
Marie!

Und wenn das Leben mich verletzt:
Mehr noch hinfort, als einst und jetzt,
Dann bricht dein müdes Herz zuletzt,
Marie!


Übersetzt von Ferdinand Freiligrath (1810-1876)

Aus: England und Amerika Fünf Bücher englischer
und amerikanischer Gedichte
von den Anfängen bis auf die Gegenwart
In deutschen Übersetzungen
Chronologisch geordnet mit litterarhistorisch-kritischen
Notizen und einer Einleitung
von Julius Hart
Minden i. W. J. C. C. Brun's Verlag 1885 (S. 188-190)
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