Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik




William Mothewell (1797-1835)



Der Mitternachtwind

Schwermuthsvoll, o, schwermuthsvoll
Der Mitternachtwind stöhnt,
Wie süsse Klageweise wohl
Aus alten Zeiten tönt.
Von jungen Jahren er mit mir spricht,
- Wie der Hoffnung Knosp' fiel ab -
Vom Lachen, d'raus die Thräne bricht,
Von Theuren, die im Grab.

Schwermuthsvoll, o, schwermuthsvoll
Der Mitternachtwind schreit,
Und jeder Ton rührt dumpf und hohl
Auf der Erinn'rung Sait'.
Der vielgeliebten Todten Stimm'
Scheint in dem Tod zu weben,
Und was, eh' einsam Todes Grimm
Mich liess, ich liebt' im Leben.

Schwermuthsvoll, o, schwermuthsvoll
Der Mitternachtwind schwillt;
Als Abschiedslied sein Sang erscholl
Der Hoffnung, ernst und wild,
Von junger Jahre frohem Traum,
Eh' Kummers Mehlthau sank
Auf des Herzens Blüth' - die Thräne kaum
Halt' ich beim Scheideklang.
(S. 244-245)

Übersetzt von Eduard Fiedler (1817-1850)

Aus: England und Amerika Fünf Bücher englischer
und amerikanischer Gedichte
von den Anfängen bis auf die Gegenwart
In deutschen Übersetzungen
Chronologisch geordnet mit litterarhistorisch-kritischen
Notizen und einer Einleitung
von Julius Hart
Minden i. W. J. C. C. Brun's Verlag 1885
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Das Meermädchen

"Die Nacht ist schwarz und der Wind bläst scharf,
Weisser Schaum netzt meine Brau'n,
Und ich fürcht', ich fürchte, lieb Mädchen,
Dass nimmer das Land wir schaun."
Drauf sprach das Meermädchen,
Sie sprach gar froh und frei:
"Nie sagt' ich ja meinem Bräutigam,
Dass zu Land die Hochzeit sei."

"Nie sagt' ich, ein irdischer Priester
Sollt' segnen uns ein zur Eh',
Nie sagt' ich, ein irdisch' Gebäude
Sollt' halten uns beide je."
"Und wo ist der Priester, lieb Mädchen,
Soll Erdenmensch er nicht sein?"
"O, es rauscht der Wind und es brüllt die See
In uns're Hochzeit drein."

"Und wo ist die Wohnung, lieb Mädchen,
Ist sie nicht auf Erden zu sehn?"
"Dort unten," sprach das Meermädchen,
"In den grünen Tiefen der See'n.
Gebaut ist von Schiffskielen sie,
Und von der Ertrunk'nen Gebein,
Die Fische das Wild sind in meinem Park,
Und die Wasserwüste mein Hain.

Meiner Wohnung Dach sind die Wogen blau,
Der Boden der gelbe Sand,
Weisse Blumen in den Gemächern blüh'n,
Die nimmer blüh'n auf dem Land.
Und hast du gesehen, mein Bräutigam lieb,
Ein irdisches Land, das je
Acker auf Acker gab fruchtbaren Lands,
Wie ich sie dir gebe der See?

In einer Stunde der Mond geht auf,
Und hell das Sternlein lacht,
Dann sinken wir sechzig Klafter tief
In der Wasser finstere Nacht."
Wild, wild der arme Bräutigam schrie,
Laut lachte die Braut darein,
Der Mond stieg auf und es sanken die Zwei
In die Silberfluth hinein.
(S. 245-246)

Übersetzt von Eduard Fiedler (1817-1850)

Aus: England und Amerika Fünf Bücher englischer
und amerikanischer Gedichte
von den Anfängen bis auf die Gegenwart
In deutschen Übersetzungen
Chronologisch geordnet mit litterarhistorisch-kritischen
Notizen und einer Einleitung
von Julius Hart
Minden i. W. J. C. C. Brun's Verlag 1885
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Zum letzten Mal

Zerbersten will mein Kopf, Wilhelm,
Mein Herz zu brechen droht,
Mein Fuss trägt kaum mich noch, Wilhelm,
Um dich leid' ich den Tod.
Leg' dein' an meine Wang', Wilhelm,
Auf meine Brust die Hand,
Sag, dass du mein noch denkst, Wilhelm,
Wenn Ruh' im Grab ich fand.

Such' nicht zu trösten mich, Wilhelm,
Schwer Leid austoben will:
Nein, lass mich ruh'n an deiner Brust,
Und lass mich weinen still.
Lass sitzen mich auf deinem Knie,
Lass streicheln mich dein Haar,
Lass mich dein Antlitz schaun, Wilhelm,
Ich seh's nie mehr, fürwahr.

Ich sitz' auf deinem Knie, Wilhelm,
Zum allerletzten Mal,
Ein arm verzweifelnd Ding, Wilhelm,
'ne Mutter und kein Gemahl.
Ja, an mein Herz drück' deine Hand,
Und drück' es mehr und mehr,
Sonst bricht es durch das seid'ne Band,
Vezweiflung wühlt gar schwer.

Verwünscht die Stunde sei, Wilhelm,
Wo wir einander sahn,
Die Zeit, da's erste Stelldichein
Wir beide setzten an.
Verwünscht der grüne Feldweg sei,
Wo wir zu gehn gepflegt,
Verwünschet sei mein Missgeschick,
Dass Lieb' ich so gehegt.

O, acht' nicht meines Worts, Wilhelm,
Kein Vorwurf lag darein;
Doch, ach, es lebt sich schwer, Wilhelm,
Soll Schande dein Loos sein.
Die Thräne heiss netzt deine Wang',
Fliesst über die Knie hinab.
Was härmst du um Unwürdigkeit,
Um Sorg' und Sünd' dich ab.

Bin müde nun der Welt, Wilhelm,
Krank macht mich, was ich seh',
Kann leben nicht, wie ich gelebt,
Nicht sein, wie ich war eh'.
Doch drück' nur an dein Herz, Wilhelm,
Dies Herz, noch dir geweiht,
Und küss' meine weisse, weisse Wang', -
War roth vor kurzer Zeit.

Durch's Haupt fährt mir ein Schmerz, Wilhelm,
Durch's Herz ein arges Weh.
O, halte mich, lass küssen mich
Deine Stirn noch, eh' ich geh'.
Noch einen zweiten, dritten Kuss!! -
Wie schnell mein Leben bricht!
Leb' wohl, leb' wohl, mit schwerem Fuss
Betritt den Kirchhof nicht!

Die Lerch', die aus der Luft, Wilhelm,
Ihr Lied uns schickt herab,
Wird singen ihr fröhlich Morgenlied
Auch über der Todten Grab,
Und der grüne Rasen unter uns,
Der vom Thau erglänzt so schön,
Umfängt das Herz, das dich geliebt,
Wie's nie die Welt geseh'n.

Doch ach! gedenke mein, Wilhelm,
Wo immer du magst sein!
Denk' an das treue, treue Herz,
Das dich geliebt allein.
O denk', wie kalter Grabesstaub
Mein gelbes Haar macht fahl,
Wie er mir Wange küsst und Mund,
Die du küsst zum letzten Mal.
(S. 246-248)

Übersetzt von Eduard Fiedler (1817-1850)

Aus: England und Amerika Fünf Bücher englischer
und amerikanischer Gedichte
von den Anfängen bis auf die Gegenwart
In deutschen Übersetzungen
Chronologisch geordnet mit litterarhistorisch-kritischen
Notizen und einer Einleitung
von Julius Hart
Minden i. W. J. C. C. Brun's Verlag 1885
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