Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Christian Winther (1796-1876)

(In der Übersetzung von Katharina Kasch und Edmund Lobedanz)



Sehnsucht

Ich konnte Schlaf nicht finden
Vor Nachtigallensang,
Der aus den dunklen Linden
Durch's Fenster zu mir drang.
Da öffnete ich's leise,
Die Nacht war mild und klar,
Die süße Liebesweise
Ergriff mich wunderbar.

Ein Posthorn in der Ferne
Der Nachtigall Jubellied,
Ein Strahl einsamer Sterne
War, was ich unterschied.
Dein Bildniß aber schwebte
Im Hintergrund der Nacht,
Und meine Brust durchbebte
Der Sehnsucht dunkle Nacht.

Ich sandte dir viel Grüße
Und manchen Liebesblick
Und viele heiße Küsse -
Kein Gruß kam mir zurück.
Und wie ich stand und lauschte
War jeder Klang verhallt,
Und nur der Nachtwind rauschte,
Die Sterne blinkten kalt.

Glaubst du, ich könnte vergessen, -
Ich, der so treu dich liebt?
Du bleibst mir unvergessen,
Bis mich das Grab umgiebt.
Ja trotz der Todesschmerzen
Wird noch beim Wiedersehn
Dein Name meinem Herzen
Tief eingeschrieben stehn.

(Übersetzt von Katharina Kasch 1839-1901)

Aus: Das Buch der Liebe
Eine Blütenlese aus der gesammten Liebeslyrik
aller Zeiten und Völker
In deutschen Uebertragungen
Herausgegeben von Heinrich Hart und Julius Hart
Zweite Auflage Leipzig Verlag von Otto Wigand 1889 (S. 377-378)
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Serenade am Strande

"Nacht, du bist günstig, lasse mich schleichen
Hin zu der Hütte, die dunkel und still,
Wellen, die wallend das Ufer erreichen,
Gebt mir ein Zeichen,
Laßt euch erweichen,
Sagt, ob sie freundlich erhören mich will."

Chor der Wellen:
Leise wir schleichen hinauf nach dem Strand,
Langsam wir schäumende
Bringen das träumende
Herz in ein lieblich verzaubertes Land. -

"Ob sie vom stärkenden Schlafe umwoben,
Ahnet, wie nah der Geliebte ihr wacht?
Träume, o, bringet ihr Segen von oben,
Leid sei zerstoben,
Euch will ich loben,
Wenn ihr den Himmel ihr heute gebracht."

Chor der Wellen:
Wallend und wechselnd ermüden wir nicht,
Stets uns erneuernde,
Herzen erfreuende,
Spiegeln wir wieder das himmlische Licht.

"Brennende Sehnsucht und schmelzende Klagen
Werden in Tönen zum duftigen Kranz,
Weit in der Träume goldglänzendem Wagen
Fort sie dich tragen
Und sie verjagen
Nebel, so decken den himmlischen Glanz."

Chor der Wellen:
Oeffnend die Arme geschmeidig und sacht,
Liebe dir kündende,
Sehnsucht empfindende
Herzen jetzt flüstern dir selig gut' Nacht.

übersetzt von Edmund Lobedanz (1820-1882)

Aus: Orient und Occident Eine Blütenlese aus den vorzüglichsten Gedichten
der Weltlitteratur in deutschen Übersetzungen
Nebst einem biographisch-kritischen Anhang
Herausgegeben von Julius Hart
Minden i. Westf. J. C. C. Brun's Verlag 1885 (S. 366-367)
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Heinrich und Else

"Nein, nein, mein edler Ritter, Ihr zweifelt ohne Grund,
Sie liebt nur ihren Heinrich auf weitem Erdenrund.
Die Else ist so treu mir, als Euch die holde Maid,
Der Euer flammend Herze in Liebe sich geweiht."

""Gemach, mein wackrer Bursche, auch Morgen ist ein Tag,
Dann will ich untersuchen mir ernstlich diese Sach';""
So sprach der Herr gar listig und schaut so frank und frei,
Die andern Ritter schmunzeln geheimnißvoll dabei.

In Wordingburg erklinget der helle Lerchenlaut
Und die Goldgans glänzet, wo klar der Morgen graut,
Der wilde Sommerwind wogt hin durch das Korn,
In dem säuselnden Wald hört man Hunde und Horn.

In Vaters Garten sitzet die kleine Else traut
Mit ihrem schnurrenden Rade, rings stehn in üppigem Kraut
Päonen, Tulipanen und Buxbaum, Krauseminz':
Daß sie die schönste Blume, hier offen ich verkünd's.

Ein dunkelblaues Mieder lag um den schlanken Leib,
Die weißen Aermel reichen zur Hand dem süßen Weib,
Und fleißig, geschäftig ist der allerliebste Fuß,
Ihn sehn das Spinnrad drehen, wie war das ein Genuß.

Zu ihren Füßen schmiegt sich der zierlich muntre Hund,
Am Zaune macht das Kätzchen den weichen Rücken rund,
Am Bache "pipt" so kläglich der jungen Entlein Schaar,
Sie gleichen Eierdottern mit Füßlein auf ein Haar.

Die Biene summt in Lüften, die Sonne scheint so warm,
Da hebt sie auf das Köpfchen, hält überm Aug' den Arm.
Ein Häuflein wilder Jäger, im donnernden Trab,
Kommt von dem dunklen Walde im Sturme herab.

Im prächt'gen Staat war jeder, mit dem Schwerte bewehrt,
Der Schönste doch von Allen sitzt auf dem weißen Pferd.
Er glänzte wie die Sonne in dem Häuflein, so hell,
Da hielt er seinen Rappen, sie läßt ihr Rädchen schnell.

""Heil dir, du, unter Rosen ein Röslein selbst, so rein,
Für dich schon fühl' ich lange im Herzen Liebespein!""
Da neigt sich bis zur Erde die züchtige Maid,
Und meinte vor Scham zu sterben und vor Verlegenheit.

""Sag', willst mein Weib du werden? Ich komme um zu frei'n:
Die Herrn sind meine Zeugen, komm, deine Hand, schlag ein!""
Da schüttelt sie das Köpfchen mit den Wangen, so roth,
Und wollt mit ihrem Rocken in's Haus entflieh'n der Noth.

""Ich geb' Bedenkzeit Else, überleg' dir die Sach',
Nichts muß man übereilen, auch Morgen ist ein Tag!""
Dies listig sagend schaute er auf sie, frank und frei,
Die andern Ritter schmunzeln geheimnißvoll dabei.

""Dein Goldhaar will ich schmücken mit Perlen und Rubin,
Dein Sammtkleid soll man füttern mit weißem Hermelin.
Um Hals und Arme häng' ich dir Edelstein' und Gold,
Von Vieren gezogen gar rasch dein Wagen rollt.

Zu Harfen und zu Flöten, bei heller Kerzen Glanz,
In prächt'gen Säulenhallen führ' ich dich auf zum Tanz,
Bei strengem Winterfroste sitzest du warm im Gemach,
Bei Malvasier und Klaret spielen wir unser Schach.""

Da hob sie auf das Köpfchen und strich die Locken zurück,
So schelmisch regt sich die Lippe, gar pfiffig glänzt der Blick,
Wie goldig wallen die Locken rings um der Stirne Bau,
Und dann die Augen - wie lieblich, frisch und blau!

"Bin nur ein Bauernmädchen, Ihr seid ein Ritter schön,
Bald würde Euer Auge mit Kälte auf mich sehn.
Nein, einen Bauer wähl' ich, der Bauer ist mir werth,
Drum müßt zuerst Ihr opfern das prächtge Ritterschwert."

""Wohlan, wenn du es wünschest, häng ich es an die Wand,
Will dann die Sense schleifen und nehm den Pflug zur Hand.""
"Doch auch den Purpurmantel, den duld' ich nimmermehr,
In grobem Kittel fürder müßt Ihr gehen einher!"

""Ja, einen Kittel trag' ich, und das rothe Sammetkleid -
Auf den Altar des Heilands, demüth'gen Sinns, ich breit'!"" -
"Auch nicht auf jenem Schimmel dürft Ihr mehr reiten kühn,
Mein Mann muß Ochsen treiben, so ziemt es sich für ihn."

""Ich jage diesen Schimmel in Waldes Nacht hinein,
Das Roß, das mich getragen, soll keines Andern sein.
Doch selber will ich langsam hinter dem Pfluge gehn,
Wenn ich nur dich, o Else, kann als die meine sehn!""

"Aus Eures Schlosse Keller rollt jedes Faß mit Wein!
Bei Meth und Bier, Herr Ritter, kann man auch fröhlich sein!"
""Ja, gern will ich nur trinken der Heimat Meth und Bier,
Drum schenk' ich meinem Sänger den Wein und folge dir.

Wenn ihm der Hals zu trocken, gelingt das Lied ihm schlecht,
Das hab ich oft gspüret, Wein löst die Zung erst recht.""
Das sagte er so schelmisch und blickt den Sänger an,
Die andern Ritter schmunzeln, wie sie's so oft gethan.

"Auch Euer Wappen, Ritter, mit Bildern mancherlei,
Das setzt Ihr vor die Kniee und brecht's sofort entzwei.
Und stürzen müßt in Trümmer Ihr Euer stolzes Schloß,
Dann zieh den Pflug darüber das starke Bauernroß."

Da strahlte hell sein Antlitz, mit Hoheit, wie ein Leu,
Er hatt' es nun verstanden, sie war dem Liebsten treu.
""Ich seh' es, Jungfer Else, du windest dich heraus,
Das Schild - ich muß es tragen und wohnen in dem Haus.

Im Schilde springen Löwen und Herzen stehn in Brand,
Wie könnte ich wohl brechen den theuren Schildesrand,
Bin Waldemar, der König, mein Haus ganz Dänemark,
Wie könnt ich wohl zertrümmern dies Haus, so sehr und stark?

Nicht will ich dich versuchen noch mehr, nein, bleib in Ruh!
Christ walt', daß jede Jungfrau im Land so treu, wie du!
Doch dich belohnen will ich, du sprachst, wie ich es mag,
Behüt' dich Gott, du Liebe, auch Morgen ist ein Tag!""

Er reißt den feur'gen Schimmel herum: "Leb wohl, mein Kind!"
Und saust mit seinen Rittern fort wie ein Wirbelwind.
Es raschelten die Blätter unter stampfendem Huf,
Im verwunderten Walde tönte der Jäger Ruf.

Doch über blüh'nde Hecke schwang der Freund sich voll Hast,
Mit lautem Jubel hat er sie inniglich umfaßt.
Hat sie mit süßer Freude dann nach der Stadt geführt,
Wo hoch der goldne Ganter die Thurmesspitze ziert.

Für alle wackern Mädchen, im ganzen Dänenland,
Ist dies Gedicht geschrieben, wenn treu ihr Herz erkannt.
Bis man im Grab mich bettet, sing ich zu ihrer Ehr',
Gottlob, ich darf es sagen, so giebt's noch viele mehr.


übersetzt von Edmund Lobedanz (1820-1882)

Aus: Album Nordgermanischer Dichtung
von Edmund Lobedanz
Erster Band: Album Dänisch-Norwegischer Dichtung
Leipzig 1868 Verlag von Albert Fritsch (S. 126-129)

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Winterbesuch

Es glänzte kein Stern ihm,
Eh' er nahte zu ihrer Schwell',
Doch als sie ihm öffnet die Thüre,
Da schimmerten zwei ihm so hell.

Des Winters grausiges Tosen
Entblättert so Baum als Gebüsch,
Doch Lilien blühten und Rosen
Auf ihren Wangen so frisch.

Er sah keine Trauben glänzen
Und nackt war die Mauer von Stein,
Doch feurige Lippen kredenzen
Ihm süßen berauschenden Wein!

Es tobt, daß Gott sich erbarme!
So gräßlich des Winterssturms Wuth,
Doch wärmt ihn in ihrem Arme,
Der süßesten Liebe Glut.

übersetzt von Edmund Lobedanz (1820-1882)

Aus: Album Nordgermanischer Dichtung
von Edmund Lobedanz
Erster Band: Album Dänisch-Norwegischer Dichtung
Leipzig 1868 Verlag von Albert Fritsch (S. 130)

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Vöglein, flieg!

Vöglein, flieg über des Föhrensees* Welle,
Düster die Nacht erscheint dort!
Hinter den Wald sank die Sonne, die helle,
Leise der Tag nun schleicht fort.
Eil' in dein Nest zu gelbschnäblichen Kleinen,
Hin zu dem Weibchen, so traut,
Wirst du dann wieder am Morgen erscheinen,
Sag' mir, was All' du geschaut.

Vöglein flieg' über des Föhrensees Wogen,
Streck deine Fittige frei!
Folge dem Brautpaar, das dort kommt gezogen,
Schau, ob ihr Herze auch treu.
Bin ich ein Sänger, so muß ich ja kennen
Liebe, so süß und so hold,
Was nur an Wonne im Herzen mag brennen,
Sing' ich zur Harfe von Gold!

Vöglein, flieg' über des Föhrensees Kräuseln,
Lieb' tönt dir lockend in's Ohr,
Setze dich unter des Laubgewind's Säuseln,
Sing dann das Liebchen hervor.
Könnt' ich so fliegen nach himmlischen Räumen,
Zög' mich von dannen mein Herz.
Ich kann im Haine nur seufzen und träumen
Früchte der Liebe voll Schmerz!

Vöglein, flieg' über des Föhrensees Tosen,
Weit, weit fort in die Höh'n,
Einsam, ach fern, unter duftenden Rosen
Siehst meine Huldin du gehn!
Gelbbraune Locken die Winde umfächeln,
Schlank und an Reiz ist sie reich,
Schwarz ist das Aug, auf den Lippen ein Lächeln,
Ach, du erkennst sie sogleich.

Vöglein, flieg' über des Föhrensees Brausen,
Tief hör' ich seufzen die Nacht,
Bäume rings flüstern mit ängstlichem Sausen,
Wipfel sich neigen so sacht.
Hörtest du oft nicht vielfältige Schmerzen,
Selbst bei befiederter Brut?
Sag ein: Schlaf wohl! meinem bebenden Herzen,
Sag mir's, du kannst's ja so gut.

übersetzt von Edmund Lobedanz (1820-1882)

Aus: Album Nordgermanischer Dichtung
von Edmund Lobedanz
Erster Band: Album Dänisch-Norwegischer Dichtung
Leipzig 1868 Verlag von Albert Fritsch (S. 130-131)

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