Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Wassilij Iwanowitsch Wodowosow (1825-1886)

(In der Übersetzung von Friedrich Fiedler)




Aus der Erinnerung Nebelschleiern
Ersteht vor mir Dein theures Bild:
Du senkst das Haupt, und um die Lippen
Zuckt böses Lächeln hohnerfüllt.

Gleichwie die lichte Fluth vom Froste
Zu Eis gerinnt - so starrt der Strahl
Aus Deinen Augen, doch er kündet
Des Vorwurfs Groll, des Zweifels Qual ...

Wir liebten uns. Die Liebe flammte
Als Blitz in unsres Daseins Nacht ...
Und dennoch: war es echte Liebe,
Stand unser Herz in ihrer Macht? ...

Ach, bald zerrann der Traum des Glückes!
Wir schieden für die Ewigkeit;
Du grüßtest höflich mich beim Abschied,
Ich gab Dir höflich das Geleit ...

Doch waren jung wir einst und lebten
Im Sturmesdrang der Leidenschaft!
Stolz blickten wir aufs Weltgetriebe
Im Vollbewußtsein unsrer Kraft.

Unwürdig eines Menschen schien uns,
Der Menschen Lebenslust- und Weh,
Und wir erschufen uns die Liebe
Nach einem Buch, nach der Idee.

Und flugs erzeugten wir uns künstlich
Aus einem Spinngeweb des Wahns
Ersehntes Leid, erhoffte Wonne
Und Kämpfe grillenhaften Plans.

Und zaubrisch glänzte unser Luftschloß
Im silberlichten Vollmondstrahl;
Es flammte, gleich dem Kirchenlämpchen,
Hell unser reines Ideal.

Und kalt belachten wir im Glanze
Der Menschheit wehe Seelengluth;
Wir schauten wie aus einem Fenster
Auf des bedrängten Lebens Fluth.

Und Rache nahm an uns das Leben!
Der Nebel sank von unserm Blick,
Und, Bettler in der Steppe, schauten
Wir einsam in ein Nichts zurück!

Wo blieb die Welt, die wir erschaffen
Aus unsres Hirnes Wahngebild? ...
In herbem Vorwurf zuckt die Lippe,
Der Blick spricht Hohn, die Thräne quillt ...
(S. 199-201)
_____


Übersetzt von Friedrich Fiedler (1859-1917)
Aus: Der russische Parnaß
Anthologie russischer Lyriker
von Friedrich Fiedler
Zweite unveränderte Auflage
Dresden und Leipzig Verlag von Heinrich Minden [1910]


 

 


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